Das selbstgebastelte Abschiedsgeschenk unserer Freunde macht offenbar eine Model-Karriere...

11 Monate durch Europa

Einfach mal den Alltag hinter sich lassen, gemeinsam in Abenteuer eintauchen, über den Tellerrand schauen, die Fremde erobern und sie in etwas Bekanntes verwandeln. Europa begreifen, diesen vergleichsweise kleinen, aber kulturell so vielfältigen Kontinent, in dem wir leben. Und währenddessen die intensive Familienzeit genießen, unsere Kinder und uns selbst wieder richtig kennenzulernen, gemeinsam lernen und erleben und dabei Erinnerungen schaffen, die uns den Rest unseres Lebens begleiten. Das ist unsere Motivation, als im September 2014 das heimatliche Ortsschild im Rückspiegel immer kleiner wird. Insgesamt elf Monate lang waren wir unterwegs, eine vierköpfige Familie mit zwei Jungs im Grundschulalter. Klingt verrückt? Geht doch gar nicht? Doch, doch, geht prima.

Unsere Reiseroute durch Europa

Die Karte wird nicht angezeigt? Wahrscheinlich ein iProblem. Versuch es mal von einem Nicht-Apple-Gerät aus.

Die Vorbereitung zur Auszeit mit Familie

Natürlich haben wir nicht von heute auf morgen entschieden, unsere Jobs zu kündigen, die deutschen Behörden in Sachen Schulpflicht herauszufordern und unsere gesammelten Ersparnisse über den Kontinent zu verteilen. Am Anfang ist es bloß ein leises Bedauern, über das wir sprechen, nachdem wir dank Couchsurfing Familien aus anderen Ländern kennengelernt haben, die ungeheuer horizonterweiternde Langzeitreisen mit ihren Kindern unternehmen. „Wie cool, wenn wir das auch könnten“, sagen Martin und ich zueinander. „Aber in Deutschland geht so was ja nicht, wegen der Schulpflicht, und überhaupt…“ Dann lesen wir das Buch „Weltreise mit Kindern“*, in dem Alexander und Susanne Saade von ihrer Auszeit mit zwei Grundschülern erzählen. Und wir lernen andere deutsche Familien kennen, die länger mit ihren Kindern reisten (die Clavins zum Beispiel, und die Segel-Familie Müller/Wnuk, die sogar zwei Bücher über ihr Familienleben auf See* geschrieben hat). Immer klarer wird uns: Wenn man wirklich will, dann geht das. Dann ist lange reisen mit schulpflichtigen Kindern möglich, auch wenn man besagte Kinder leichtsinnigerweise in Deutschland zur Schule angemeldet hat. Und so arbeiten wir daran, insgesamt etwa zwei Jahre lang, um dieses Abenteuer auch in unserem Fall möglich zu machen.

Ich habe hier im Blog zwei Artikel über die Planungsphase unserer Langzeitreise geschrieben: „Startschuss: family4travel geht auf Langzeitreise“ und „Sabbatical mit Familie: ein kurzer Baustellen-Wegweiser“. Warum wir letztlich – glücklicherweise – durch Europa und nicht durch die USA gereist sind, lässt sich hier nachlesen: „Langzeitreise: USA-Visum für Anfänger“. Wer sich speziell für die Schulpflicht-Problematik und die praktische Umsetzung des „Homeschooling“ auf Reisen interessiert, dem sei mein Bericht „Travel Schooling: Schule auf der Langzeitreise“ empfohlen.

Auf geht's! Family4travel an Tag 1 der Reise.

Auf geht’s! Wir fahren vom Hof und kommen so schnell nicht wieder.

Familienleben on the road

Und dann geht es los! Das Auto ist voll bepackt, und wir fahren nach Süden. Eine Woche verbringen wir am Urlaubsort meiner Kindheit im Salzkammergut. Wir wandern, bestimmen Pflanzen, erkunden Städte und Museen. Zwischendurch setzen wir uns im Frühstücksraum unserer Pension an die Schulhefte. Silas lernt Schreiben. Janis steigt endlich hinter die schriftliche Subtraktion. Ganz langsam gewöhnen wir uns an den Familienalltag weit weg von zu Hause.

Immer weiter geht es in den kommenden Monaten. Im Zickzack reisen wir auf den Balkan: Slowenien, Kroatien, Ungarn, Rumänien, Serbien, Bosnien-Herzigowina, Montenegro, Kosovo, Mazedonien. Wir mieten Ferienwohnungen und private Unterkünfte, bequem über das Internet (z.B. AirBnB)*. Wenn wir Glück haben, finden wir über das Gastfreundschaftsportal Couchsurfing Menschen, die uns zu sich nach Hause einladen. Dann lernen wir so viel mehr über unsere Reiseländer und wie das normale Leben anderswo funktioniert. Im Schnitt bleiben wir vier Tage an einem Ort, nirgendwo länger als eine Woche, bevor wir wieder alles zusammenpacken und ins Auto puzzeln. Jedes Teil hat seinen festen Platz, Martin ist schnell Meister in dieser Art von 3D-Tetris.

„Ist das nicht viel zu anstrengend?“ werden wir immer wieder gefragt. Nein, geht eigentlich. Wir machen das ja nur über einen überschaubaren Zeitraum, ein knappes Jahr lang mit kollektivem Bildungshunger, nicht als alternatives Lebensmodell für Aussteiger mit open end. „Könnt ihr die ganzen neuen Eindrücke überhaupt noch aufnehmen?“ ist auch so eine Dauerbrenner-Frage. Im Vorfeld war ich selbst besorgt. Aber wir führen Tagebuch und protokollieren unsere Erfahrungen, sprechen jeden Abend mit den Kindern über das Erlebte. Selbst die Jungs wissen heute noch ganz genau, was wo passiert ist, und wie es dazu kam.

In der Rubrik „Nomadenleben“ habe ich regelmäßig über verschiedene Aspekte des Familienlebens auf der Reise berichtet und auch die Jungs immer mal wieder zu ihren Ansichten befragt.

Länder kennenlernen – und Leute

Wir besichtigen unzählige Städte, Museen, antike Ruinen. In Zagreb kaufen wir neue Wanderschuhe. Bevor Silas aus seinen rausgewachsen ist, hat er ein Loch in die Sohle gelaufen. Wir sind viel unterwegs.

Die Wanderwege, die Stefanie Holtkamp ausgesucht hat, sind mitunter herrlich abenteuerlich (Korsika-Tour Nr. 39).

Ob im Großstadt-Dschungel oder draußen in der Natur (hier auf Korsika) – etwa 5 km Auslauf brauchen die Jungs pro Tag, um ausgeglichen zu sein.

Am schönsten ist es immer, wenn wir den Menschen ganz nahe kommen. Wir schließen viele Bekanntschaften – „unzählige“, möchte ich sagen, aber das wäre sachlich falsch, denn wir können uns an jeden einzelnen Namen erinnern (zumindest Silas, der das beste Gedächtnis von uns allen hat, aber auch wir anderen haben niemanden vergessen). Zu unseren Reisebekanntschaften zählen ehemalige Kriegsflüchtlinge wie Teo in Mostar, Desillusionierte wie Ana in Skopje, aber auch Menschen, die vor Heimatliebe sprühen wie Amaltea in Dubrovnik und Menschen mit Visionen wie Dejan und Daily im Kosovo, die ein marodes Land weiter aufbauen wollen. Weihnachten sind wir in Bulgarien und erfahren die unglaubliche Gastfreundschaft einer englischen Familie, die hier ihren Auswanderer-Traum lebt. Europa ist anders im Südosten, häufig dreckig und nicht selten hässlich, aber spannend und überaus sehenswert, und wie in jeder anderen Region auch, lebt es durch die Menschen, die hier wohnen.

Die erste Hälfte unserer Reise habe ich ausführlich zusammengefasst unter dem Titel „Halbzeit Teil 1: Rückblick auf 5,5 Monate Reise-Sabbatical mit Familie“.

Nilgün bringt mir bei, wie man Zigarren-Börek richtig wickelt.

In der Türkei bringt Nilgün mir bei, wie man Zigarren-Börek richtig wickelt.

Bis an die Grenzen – des Kontinents und unsere eigenen

Wir überqueren den Bosporus, betreten nominell den asiatischen Kontinent, obwohl die westliche Türkei uns weniger fremd vorkommt als der häufig rückwärtsgewandte, manchmal feindselige Teil Ex-Jugoslawiens mit den kyrillischen Buchstaben. Zur Abwechslung machen wir einmal richtig Urlaub mit Oma und Opa. Dann sind wir schon wieder auf Achse. Nicht weit entfernt von den Minaretten der Moscheen, die schon seit Bosnien südwärts ein normaler Anblick für uns geworden sind, erkunden wir die griechischen Ruinen, Hinterlassenschaften der Erfinder der Demokratie. Einen Monat später besuchen wir auch das Land ihrer Nachfahren, versuchen die Eurokrise dort zu verstehen, wo sie herkommt. Auch hier wird unser weiter Weg mit so vielen spannenden Begegnungen belohnt.

Kind im Kolosseum - wie empfehlenswert das wirklich ist, erzähle ich - hoffentlich - irgendwann demnächst, sobald ich die Zeit dazu finde...

Antike Ruinen begleiten uns überall in Südeuropa.

Von Albanien aus – ein weiteres Highlight für unsere ungebrochene Reise-Neugier – überqueren wir das Mittelmeer und landen in Italien. Mit diesem Land tun wir uns etwas schwer, denn obwohl wir zwischen Stiefelabsatz, Ätnagipfel und der Ewigen Stadt reizvolle Landschaften und kulturelle Schwergewichte erkunden, leiden wir unter schlechtem Wetter, gesundheitlichen Blessuren und dem (einzigen!) Einbruch in unser Auto. Sardinien entschädigt uns mit Traumstränden, an denen es endlich Frühling wird. Korsika ist fantastisch, aber gleichzeitig die teuerste Region, die wir besuchen (zumindest südlich des Polarkreises).

Beruflicher Wiedereinstieg nach der Auszeit? Kein Problem!

Inzwischen wirft das Leben nach der Reise seine Schatten voraus. Auf Sizilien hat Martin eine Benachrichtigung bekommen: Eine Personalagentur möchte ihm gerne einen bestimmten Job vermitteln. Stichwort Fachkräftemangel in Deutschland – ein kaum gepflegtes Profil im gängigen Job-Portal reicht aus, um interessante Angebote frei Haus geliefert zu kriegen (zumindest wenn zufällig dipl. ing. auf der Visitenkarte steht). Die Stelle kommt durchaus in Frage, und so sitzt der Herr am Küchentisch und feilt an seinem Lebenslauf, während ich die Jungs schweißgebadet durch den Stadtverkehr von Palermo kutschiere. Mit der Fähre geht es wenig später nach Barcelona, und dort müssen wir Shoppen gehen: Martin braucht einen Anzug, denn von Madrid aus fliegt er kurz zum Vorstellungsgespräch nach Deutschland.

Den Rest der iberischen Halbinsel erkunden wir mit dem beruhigenden Gefühl, dass es auch finanziell nach unserer Rückkehr weitergehen wird. Noch einmal gehen wir in die Vollen, genießen Geschichte und Architektur in Andalusien, vergnügen uns in der Frühsommerhitze in Hotelpools, erkunden portugiesische Bergdörfer, die denen in Bulgarien in Sachen Ursprünglichkeit in nichts nachstehen. Und wir treffen auch hier liebe Menschen, die ein paar Tage lang ihr Leben mit uns teilen und die wir vielfach wieder unversehens ins Herz schließen.

Und auch die Jungs haben immer noch Spaß daran, Neues zu erkunden (hier auf dem Weg zu einem unserer Lieblingsstrände an der Algarve, Portugal).

Und auch die Jungs haben immer noch Spaß daran, Neues zu erkunden (hier Silas auf dem Weg zu einem unserer Lieblingsstrände an der Algarve, Portugal).

Der Abschied vom Abschied

Zumindest uns Großen fällt es schwer, den Heimweg anzutreten, das Auto nun konstant nach Norden zu lenken. Die Jungs freuen sich schon seit Rumänien auf zu Hause (lassen sich aber immer wieder gerne auch für die kommenden Reiseetappen begeistern). Nach ein paar letzten tollen Erfahrungen in Frankreich lässt es sich nicht mehr vermeiden: Wir überqueren die deutsche Grenze. Die erste Nacht verbringen wir bei alten Freunden in Trier. Dann sind wir wieder zu Hause und werden mit großem Hallo von Oma, Opa, Uroma und Tante Gesa empfangen.

Wiedersehensfreude.

Wiedersehensfreude.

Es folgt ein kurzer Heimaturlaub, in dem wir uns vorsichtig wieder an das Leben in Deutschland herantasten. Endlich wieder „richtiges“ Brot, und trotz aller Liebe für unsere Expeditionen nehme ich ein merkwürdiges Gefühl der dankbaren Zugehörigkeit in mir wahr.

Zum Abschluss bis fast zum Nordpol

Die letzte Etappe unserer Europareise legen wir mit dem Boot zurück. Das hat bestimmte Gründe und stellt sich als tatsächlich krönender Abschluss heraus. Unsere Nordland-Kreuzfahrt führt uns von Kiel über die Orkney-Inseln nach Island, wo uns bei unseren Landgängen erfreulicherweise genug Zeit bleibt, das Leben in der nördlichen Peripherie Europas wenigstens ansatzweise mit dem im Osten, Süden und Westen zu vergleichen. Auch wenn Couchsurfing bei dieser Reiseform nicht infrage kommt, treffen wir Einheimische, denn wir verabreden uns mit Hildigunnur, meiner Brieffreundin aus Jugendzeiten, und ihrer Familie. Es geht noch weiter in die Arktis, bis zum nördlichsten Außenposten europäischer Zivilisation: Spitzbergen! Nach Donaudelta und Bosporus im Osten, Sizilien und Gibraltar im Süden, dem Portugiesischen Westkap (und der irischen Halbinsel Beara 2011), haben wir Europa tatsächlich in all seinen Ausdehnungen gründlich bereist. Das Nordkap und den Norden Norwegens klappern wir noch auf dem Rückweg ab, bevor wir nach elf Monaten Reisen wieder nach Hause fahren müssen.

Wer Luft zum Atmen braucht, geht einfach an Deck. Auf der Nordland-Fahrt ist da immer Platz genug (hier bei der Ausfahrt aus Tromsö).

In den hohen Norden fahren wir mit dem Boot (hier die Hafenausfahrt aus Tromsö).

Und danach?

Hier pendelt sich nun langsam der Alltag wieder ein. Die Jungs gehen zur Schule (nicht eben begeistert, aber froh, ihre Freunde wieder zu sehen). Martin arbeitet sich in seine neue Aufgabe ein. Ich habe hundert Ideen für neue Projekte und auch genügend Pläne für family4travel. Wir alle sind um so viele Erfahrungen reicher. „Und, hat sich der Aufwand gelohnt?“ fragen die Leute. Darauf gibt es nur eine Antwort: Ja! „Würdest du die Reise noch mal machen?“ Jederzeit! Es war einfach großartig!

Diesen Text erhebe ich nachträglich zum Beitrag für die Blogparade auf familyescapes zum Thema „Meine beeindruckendste Reiseerfahrung“. Wer ebenfalls mitmachen möchte, kann das noch bis zum 1. November 2015 tun, Infos über den obigen Link.

9 Gedanken zu „11 Monate durch Europa“

  1. Hallo Lena,

    In deinen Texten schwingt viel Wehmut mit, als wenn du noch in der Aufarbeitungsphase bist. Sehr treffend empfinde ich deine Bezeichnung der dankbaren Zugehörigkeit. Du schreibst gut, der Stil gefällt mir, auch wenn es aktuell ein wenig schwermütig klingt.

    Gruß

    Christine

    1. Schwermütig? Na ja, es ist schon doof, dass es jetzt vorbei ist mit dem Reisen. 🙂 Den Text habe ich geschrieben, als wir noch keinen Monat wieder zu Hause waren. Manche Fotos habe ich immer noch nicht gesichtet (kein Wunder, die Zahl ist fünfstellig). Klar bin ich noch in der Aufarbeitungsphase.

Kommentar verfassen

Abenteuer Familien-Reisen