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Authentisch Reisen: Ein Muss?

Authentische Reiseziele – das ist so ein Modewort. Alle wollen authentisch reisen, das wahre Spanien, England, Rumänien, was auch immer sehen. Das heißt, alle natürlich nicht. Nur die, die es richtig machen. Die sich abheben können von denen, die es sich leicht machen und einfach nur in irgendeiner für sie geschaffenen Retorte aus Hotel und Strand und Pool relaxen. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen, der schnöde Tourist vom edlen Reisenden. Die alte Leier.

Ulrike ist Asien-Expertin und berichtet in ihrem Bambooblog hauptsächlich über China. Ihrer Erfahrung nach wird bei Fernreisen besonders laut und besonders penetrant nach Authentizität gerufen. Der Tourist – nein, der Reisende natürlich – muss seine Nase in das entlegenste Dorf stecken und die ärmsten Bauern mit seiner persönlichen Anwesenheit beglücken. Wer seinen Trip auf die boomenden Metropolen beschränkt, der ist nicht in China gewesen, lautet Ulrike zufolge oft der Vorwurf von „Chinareisenden“ an „Chinatouristen“. Für meine Blogger-Kollegin ist diese Konkurrenz um das authentischste Reiseerlebnis ein Aufregerthema, und sie hat deshalb zu einer Blogparade zum Thema Authentizität aufgerufen, die noch bis zum 15. Juni läuft.

Authentisch Reisen in Europa

Wir beschränken uns auf Europa, und da ist der Ruf nach der Authentizität nicht so laut. Nach Meinung vieler Reisender ist Europa ja eh maximal ein Ziel für Anfänger. Wer ernsthaftes Backpackig betreibt, den zieht es nach Übersee – dahin, wo es wirklich spannend ist, wo die echten Abenteuer locken. Mir ist das ganz recht, denn dann sind die „authentischen Orte“ unseres Kontinents nicht so überlaufen, wenn wir kommen.

Aber was zum Teufel ist denn das, ein authentischer Ort? Was macht einen Ort im Urlaub authentisch?

In der Wortbedeutung geht es um die Frage der Originalität und der Glaubwürdigkeit. Ich persönlich benutze das Wort selten. Es ist mir nicht besonders wichtig.

Vielerorts stammt das Wasser noch aus dem hauseigenen Brunnen.
Voll authentisch: Hausbrunnen und Stacheldraht in Transsilvanien, Rumänien.

Wenn wir reisen, interessiert mich buchstäblich alles an unseren Zielen. Egal, wo wir sind, ich gehe mit offenen Augen umher und schaue mir möglichst unvoreingenommen an, wie das Leben hier funktioniert. Das gilt für den Bauernmarkt in einem winzigen Dorf in Montenegro genauso wie für den Trubel am Strand von Marbella. Beides ist auf ganz eigene Weise authentisch, wenn man das Wort denn unbedingt bemühen möchte. Finde ich.

An touristische Bedürfnisse in Sachen Kitsch ist jedenfalls ausreichend gedacht.
Hat auch was: Authentisches Erlebnis des Massentourismus in den Straßen von Lagos, Algarve, Portugal.

Wo liegt z.B. das authentische Spanien?

Der Massentourismus an der Südküste Spaniens gehört genauso zu diesem Land dazu wie die trostlose Tristesse in den strukturschwachen Regionen im Norden, wie die endlosen Weiten der Hochebene von Kastilien-La Mancha, wie die maurischen Paläste in Sevilla und Granada.

Ist Barcelona weniger authentisches Spanien? – Jetzt mal abgesehen davon, dass das zu Zeiten des katalanischen Separatismus eine brenzlige politische Frage ist. Ich meine, nur, weil die Stadt voller Touristen aus aller Herren Länder ist, ist sie deshalb weniger „echt“? Ich bin ja nicht gezwungen, mich in einer Stadt wie Barcelona in den tatsächlich allgegenwärtigen Starbucks-Läden und Fastfood-Ketten zu versorgen. Spätestens in den äußeren Vierteln findet man Cafés, die kein internationales grünes Emblem ziert, und beobachtet Szenen aus dem ganz normalen Leben der Menschen, die hier zu Hause sind.

In den engen Gassen des Barri Gotic ist es dunkler und kühler als in den breiten Ramblas.
Ist mir jedenfalls authentisch genug: Eine schmale Seitengasse in der Altstadt von Barcelona.

„Muss“ man authentisch reisen?

Während unserer 11-monatigen Europareise waren wir ja fast überall. Wir haben die großen Sehenswürdigkeiten in den Städten besichtigt, aber wir hatten auch die Zeit, uns die Seitenstraßen abseits der Touristenströme anzusehen. Natürlich ist Zeit ein magischer Faktor bei der Erkundung dessen, was ein Land wirklich ausmacht. Um beim Beispiel Spanien zu bleiben, da hatten wir insgesamt fast vier Wochen. Da bekommt man beinahe zwangsläufig einen intensiven Eindruck (jedenfalls, wenn man sich nicht auf eine Region oder abgeschottete Hotelanlagen beschränkt).

Und ganz ehrlich, ich verstehe jeden, der aus seinem stressigen Alltagsleben einfach mal raus will und sich im Urlaub auf eine Liege am Pool hauen will, während die Kinder in der Kinderdisco abrocken. Also, sagen wir, ich kann es nachvollziehen. Und ich bin nicht böse, denn wie gesagt: Alle die da sind (oder im authentischen China), die stehen mir nicht unter den Füßen rum.

In Italien 2008 genossen wir einigen Luxus in unserer Toskana-Ferienwohnung... (In Tuscany we enjoyed a nice apartment including a pool...)
Und es ist ja auch nicht so, als hätten wir noch nie Urlaub am Pool gemacht (wenn das einzige Foto, das ich auf Anhieb dazu finde, auch schon ein bisschen älter ist).

Nach unserer Rückkehr aus der Reiseauszeit merke ich an mir selber, wie dankbar ich bin, wenn ich es auf einem kleinen Wochenendtrip auch mal ruhig angehen kann, ohne mit vollem Einsatz nach dem kulturellen Tiefgang zu schürfen.

Und wenn wir in den Schulferien nur zwei Wochen Zeit haben, um ein ganzes Land zu erkunden, dann muss ich auch nicht ganze Nachmittage auf einem Dorfplatz sitzen und das Leben der Menschen beobachten. Dann will ich auch lieber die herausragenden Bauwerke sehen und die Zeit als Fahrzeit zu den Orten mit den außergewöhnlichen Naturphänomenen nutzen. Und dafür, mich mit unseren Couchsurfing-Gastgebern zu unterhalten. Couchsurfing ist natürlich Authentizität pur, denn näher ans echte Leben kommt man kaum. Das geht auch prima in zwei Wochen Herbstferien.

Anna from Korea couchsurfed with us together with her family - and she prepared a delicious Korean stew for us.
Das gilt auch fürs passive Couchsurfen: Authentisches Korea-Erlebnis durch den Besuch von Anna, die in meiner Küche Kimchi zubereitet.

Unterm Strich ist die Suche oder das Verlangen nach Authentizität wahrscheinlich Typsache. Wer’s braucht, der holt es sich. Und das geht meiner Meinung nach ganz einfach und ohne, dass man unbedingt ins abgelegenste Bergdorf fahren muss. Das Authentische ist überall (außer vielleicht in den Hotelanlagen, den Fastfood-Ketten und den H&M-Läden dieser Welt – wobei die schon wieder authentisches 21. Jahrhundert verkörpern, aber das ist die nächste Grundsatzdiskussion, die ich an dieser Stelle nicht noch vom Zaun brechen möchte).

Jedenfalls, wer sich das Echte, das Originale und Glaubwürdige ansehen möchte, der findet das ohne Probleme. Wer der Authentizität krampfhaft wie einem Phantom hinterherjagt und darauf pocht, dass dies die einzig wahre Art des Reisens sei, der hat die Sache mit der Horizonterweiterung vielleicht noch nicht ganz verstanden.

10 Gedanken zu „Authentisch Reisen: Ein Muss?“

  1. Wow – klasse geschrieben! Da stimme ich voll zu. Und man stelle sich mal vor, jeder würde nur noch ganz „authentisch“ reisen – dann ist der Tourismus wirklich überall. Das kann keiner wollen, oder? Wir machen alles, vom campen im Zelt über Ferienwohnung bis zur 5-Sterne-Anlage und fühlen uns sehr, sehr wohl damit. Die Mischung macht’s. Und wir als Familie müssen authentisch sein und uns nicht verbiegen, bloß weil ein Trend das so sagt. Ihr macht das schon genau richtig so!!

    1. Danke schön! Und ja, da hast du völlig recht. Es gibt ja diesen Ausspruch, ich weiß gar nicht, von wem: „Der Tourist zerstört, indem er es findet, was er sucht.“ Oder so. Ich glaube, das habe ich auch bei Ulrike im Bambooblog mal gelesen.

  2. Super, liebe Lena! Ich kann Dir völlig zustimmen und finde vor allem den Gedanken wichtig, dass auch die Hotelburg etwas Authentisches ist, wenn auch nicht im folkloristischen, so doch im weiter gefasst kulturellen Sinne: authentische Ferienkultur. Danke, dass Du mich auf Ulrikes Blogparade zu dem Thema aufmerksam gemacht hast – ich werde sie weiter verfolgen und mich, wer weiß, vielleicht noch zum Verfassen eines eigenen Beitrags berufen fühlen.
    Eine schöne Woche,
    Maria

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