Archiv der Kategorie: Lettland

family4travel in Lettland

Lettland ist – genau wie Litauen – bisher etwas kurz gekommen in Sachen Reisezeit. Und in Sachen Qualität der Berichte – reden wir da lieber nicht drüber. Als grobe Einschätzung einer Reise nach Riga mit Familie leisten die Texte vielleicht doch noch dem Einen oder Anderen ganz gute Dienste. Was wir von dem kleinen baltischen Ländchen während unseres Sommerurlaubs im Jahr 2012 gesehen haben, habe ich in folgenden Berichten meines altmodischen Reisetagebuchs festgehalten…

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Aus der Hitze in den Sonnenschein (in Cesis, Lettland)

Impressive ruines in Cesis, Latvia. They are surrounded by a beautiful park.
Impressive ruines in Cesis, Latvia. They are surrounded by a beautiful park.

Sonntag, 29. Juli 2012
Jetzt sind wir in der kleinen lettischen Stadt Cesis, mitten im Nationalpark. Es ist unglaublich heiß. 32 Grad zeigte das Thermometer an, als wir aus unserem Auto mit der kaputten Klimaanlage stiegen. Ich bin sehr dankbar, dass Martin nach nur drei Kilometern die Vergeblichkeit seines Vorhabens eingesehen hat, mit einer groben Übersichtskarte aus der Tourist Information Wandern zu gehen. Stattdessen picknicken wir jetzt im Schlosspark. Leider haben wir keine Zeit, uns in den Gewölben der Ruine etwas abzukühlen. Der Weg über die Grenze bis nach Tartu ist noch weit…

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Some houses are freshly renovated, some houses look run-down, but almost all of them are pretty, and many are decorated with flowers.

 

Vom Alles-Markt und Trunkenbolden mit Umweltbewusstsein (in Riga und Jurmala, Lettland)

Fortsetzung von Samstag, 28. Juli 2012.
Heute Morgen ging die Familie dann gleich wieder auf Achse. Edwards’ Hobby sind Über-Land-Rallyes mit dem Auto, und schon beim ersten E-Mail-Wechsel hatte er angekündigt, dass an diesem Tag eines der Saison-Highlights anstehe. So hatten wir vormittags das Haus ganz für uns. Wir schliefen bis halb neun, machten geruhsam Frühstück, und bis wir loskamen, war es halb zwölf. Das tut uns aber durchaus gut, zwischendurch auch mal eine ruhige Kugel zu schieben, selbst wenn wir dadurch ein paar Sehenswürdigkeiten weniger auf den Reiseführer-Listen abhaken können.

Dann sind wir noch mal nach Riga reingefahren, um uns den Zentralmarkt anzuschauen (diesmal mit dem Auto). Der war auch wirklich sehenswert. Es handelt sich um alte Zeppelinhallen, verbunden durch provisorische, aus Spanplatten gefertigte Gänge. Innen reihen sich Marktstände und Kühltheken aneinander, thematisch geordnet nach Fisch, Fleisch, Gemüse, Backwaren, Haushaltsgeräten, Kleidung, Gewürzen, Süßigkeiten – und sogar eine ganze Hallenecke für Honigprodukte gab es.

Errected for building zeppelins, the halls now host Riga's Central Market. You can buy ANYTHING in there.
Errected for building zeppelins, the halls now host Riga’s Central Market. You can buy ANYTHING in there.

Witzigerweise waren manche Hallenteile abgetrennt und als Supermärkte hergerichtet: ganz normale Läden der gängigen Ketten, obwohl es doch (fast) das ganze Sortiment auch draußen an den Ständen gab. Vor den Hallen breitete sich der Markt weiter aus, da gab es Obst und Socken, von denen ich mir ein Paar grüne wollene Kniestrümpfe in landestypischem Strickmuster kaufte – bei 30 Grad. Abseits der Halle machten wir es uns dann sehr unromantisch auf dem Bordstein bequem und aßen unsere leckeren Hefeteilchen mit Kartoffelbreifüllung. Und auch dort: kein bisschen Müll. Zwar torkelten da etliche Alkoholiker umher, doch selbst die nahmen ihre leeren Wodkaflaschen alle wieder mit. Irre.

Bei den Markthallen und dem Hauptbahnhof beginnt das russische Viertel. Schon in weit vorsozialistischen Zeiten haben sich die ziemlich ungeliebten Nachbarn aus dem Osten hier angesiedelt. Die Unterschiede in Mentalität und Wohlstand sind gut sichtbar: Hier ist keine Spur von Jugendstil, stattdessen reihen sich abgewrackte Holzkaschemmen aneinander, die aber durchaus einen eigenen morbiden Charme besitzen. Ende der 80er Jahre waren nur noch 64 Prozent der Menschen in Lettland Letten. In Riga haben immer noch mehr als 30 Prozent der Einwohner die russische Staatsbürgerschaft.

The Russian quarters of Riga - no Art Nouveau to be found there...
The Russian quarters of Riga – no Art Nouveau to be found there…

Jetzt spielen die Jungs am Strand. Wir sind in Jurmala, dem Badeort Lettlands. Es sind mehr als 30 Grad und der fast weiße, wunderbar feine Sand ist so heiß, dass man barfuß kaum darauf laufen mag. Das Wasser dürfte Badewannentemperatur haben, denn es geht sehr flach rein und zieht sich über mehrere Sandbänke. Die Jungs haben die Ansage gekriegt, nicht weiter als bis zu Silas’ Bauchnabel reinzugehen, und das lässt ihnen im Wortsinn mehr als genug Spielraum.

Jurmala, Latvias most popular beach.
Jurmala, Latvias most popular beach.

Auch hier ist alles geleckt sauber. Nicht mal Zigarettenkippen findet man.
Und ebenfalls wie in Litauen gilt auch hier: Es gibt kaum Übergewichtige. Leider gilt das nur für die Frauen. Martin hat viel zu gucken, ich überhaupt nichts. Bis jetzt hab ich noch keinen einzigen Mann gesehen, der einen zweiten Blick gelohnt hätte. Als ich heute Mittag dachte, endlich einen entdeckt zu haben, drehte sich seine Frau um und sagte zum gemeinsamen Kind: „So, Oskar, und jetzt fahren wir zum Strand“ – auf Deutsch…

 

Fragen? Anregungen? Kritik? Selber vor Ort was ganz anderes erlebt? Hinterlasst mir gern einen Kommentar – ich antworte euch, sobald ich kann.

Wenn die rote Sonne im Meer versinkt – und der Martin immer noch bis zu den Knien rausguckt (in Riga, Lettland)

Samstag, 28. Juli 2012.
Das Preisniveau im Supermarkt entspricht ziemlich genau dem deutschen. Das Angebot auch. Witzig ist, dass man sich überall in den Supermärkten Süßwaren lose abfüllen kann. Das war auch in Litauen schon so. Was mich nervt ist, dass man als Deutscher so gar nichts versteht. Die wenigsten Produkte haben eine Zutatenliste auf Englisch oder einer anderen Sprache, in der man auch nur einzelne Wörter ableiten könnte. Trotzdem haben wir es geschafft, die Zutaten für unsere Käsespätzle zu besorgen. Es dauerte, bis wir uns in Edwards Küche zurechtgefunden hatten. Die durchschnittliche Ausstattung einer deutschen Küche darf man außerhalb unserer Staatsgrenze wirklich nirgendwo erwarten. Und so war es wieder recht spät, bis wir mit dem Abendessen fertig waren.

Nach dem Obstsalat schlug Edwards einen Abendspaziergang ans Meer vor. Wir fuhren in seinem Landrover, um alle fünf in ein Auto zu passen. Dass wir dazu unsere Kindersitze einbauten, ging allein auf unsere Initiative zurück und erntete leicht irritiertes Kopfschütteln von unserem Host – auch in dieser Beziehung sind wir sehr deutsch.

The beach of Riga, where the locals go - feel like you can walk a mile before the water reaches your bellybutton.
The beach of Riga, where the locals go – feel like you can walk a mile before the water reaches your bellybutton.

Nach fünf Minuten Fahrtzeit waren wir am Strand, der mich bezüglich Infrastruktur und seines Aussehens an Sylt erinnerte. Die Sonne ging gerade in den kitschigsten Farben unter. Martin hatte seine Badehose mit. Die Jungs hatten behauptet, sie würden keineswegs ins Wasser wollen. Nach zwei Minuten planschten sie in Unterhose in der Ostsee. Selbst ich war ob des klaren Wassers und der angenehmen Temperatur sehr angetan und wäre reingegangen, wenn ich Badesachen mitgehabt hätte.

Um elf waren wir wieder im Haus, und jetzt waren auch Edwards Frau Sanita und die drei Kinder zurück. Wir brachten unsere Jungs ins Bett, und da wir nichts anderes von unseren Hosts signalisiert bekamen, ließen wir den beiden dann freie Bahn für ihr privates Wiedersehen und gingen selbst auch früh schlafen.

 

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Sauber: Die Welthauptstadt des Jugendstils (in Riga, Lettland)

Fortsetzung von Freitag, 27. Juli 2012

Der Weg nach Riga verlief, abgesehen von vielen Baustellen, ereignislos. Wir fuhren quer durch Rigas Zentrum und erhaschten einen ersten Blick auf die viel gerühmte Jugendstil-Pracht. Werner (unser Navi) lotste uns in die nördliche Peripherie der Hauptstadt, wo Plattenbauten dominieren. Wir wussten nicht viel über unser nächstes Couchsurfing-Quartier und freundeten uns mit dem Gedanken an, in einem der sanierungsbedürftigen Hochhäuser zu übernachten.

Schließlich standen wir aber doch vor einem übermannshohen Zaun, der ein hübsches altes Einfamilienhaus umgab. Ich klingelte und ließ meine Füße von einem freundlich winselnden Schäferhund beschnüffeln, der seine Nase unter dem automatischen Tor hindurch schob. Ansonsten tat sich nichts, und da wir eine halbe Stunde vor der per E-Mail verabredeten Zeit angekommen waren, stiegen wir kurzerhand wieder ins Auto und suchten nach einem Picknickplatz.
Am Fluss fanden wir ein schönes Eckchen, wo wir unsere Kühltruhe auspackten und im Abendlicht im Stehen die herzhaften Leckereien aus der Bäckerei verputzten.

Wieder zurück am Couchsurferhaus klingelten wir erneut, diesmal mit mehr Erfolg. Eduards, selbst grad von der Arbeit zurückgekommen, öffnete uns sein kleines Stückchen Idylle zwischen den Plattenbauten. Das schmucke Holzhaus, seit über hundert Jahren im Familienbesitz, bot genügend Platz für seine fünfköpfige Familie, eine Wohnung für seine Mutter im Erdgeschoss und ein geräumiges Gästezimmer für uns. Eduards ist Großhändler für Fenster, Türen und solche Sachen und ständig geschäftlich unterwegs. Jetzt aber war er zu Hause und seine Frau und die drei Kinder bei den Großeltern auf dem Land.

What a contrast - the beautiful house of our couchsurfing hosts was surrounded by ugly precast concrete high-rise buildings.
What a contrast – the beautiful house of our couchsurfing hosts was surrounded by ugly precast concrete high-rise buildings.

Unsere Jungs waren zufrieden, das Spielzeug der kleinen Emilija ausprobieren zu dürfen (ihre großen Brüder Elans und Edgars hatten ihr Lego während ihrer Abwesenheit lieber vor den unbekannten Couchsurfer-Kindern in Sicherheit gebracht). Wir Erwachsenen saßen noch bis spät abends bei Tee und Bier zusammen in der Küche und erörterten die großen Probleme der Weltpolitik – äußerst interessant mit jemandem, der einen so völlig anderen Blickwinkel hat.

Heute haben wir uns dann Riga angesehen. Da Edwards uns vor dem Park-Chaos gewarnt und uns bewachte Parkplätze empfohlen hatte, die teurer waren als das Busticket dorthin, entschieden wir uns für den öffentlichen Nahverkehr. Schon auf dem Weg durch die breiten Boulevards sahen wir aus dem Busfenster die bezaubernden Fassaden der Jugendstil-Metropole.

Riga, the world's capital of Art Nouveau.
Riga, the world’s capital of Art Nouveau.

Unser Reiseführer wollte uns zu einem Spaziergang in die imposanteren Viertel etwas außerhalb bewegen, doch so weit kamen wir gar nicht. Selbst in der unmittelbaren Innenstadt lohnte sich an beinahe jedem Haus ein ausführlicher Blick nach oben.

And almost every single house is worth a closer look at all the details.
And almost every single house is worth a closer look at all the details.

So viele verspielte Details, so viele Schnörkel, Ranken und Fabelwesen! Fast alle Gebäude waren umsichtig saniert und in einem guten Zustand. Auch hier wirkte alles sehr mitteleuropäisch, abgesehen von der extremen Sauberkeit. Eduards erzählte uns später, dass die Letten den von der Regierung geschürten Ehrgeiz haben, als sauberstes Land Europas zu gelten. Zweimal jährlich geben Unternehmen ihren Arbeitnehmern einen Vormittag frei, damit diese sich am landesweiten Müllsammeltag beteiligen können. Ich frage mich allerdings, was sie da finden wollen, denn es liegt ja nichts rum!

Wir schlenderten durch einen hübschen Park, vorbei am baltischen Äquivalent der Freiheitsstatue. Milda, so der Name der Dame, wurde 1935 errichtet und überstand die komplette Besatzungszeit unbeschadet. Erst dachte ich, die drei goldenen Sterne in ihren Händen symbolisierten die drei baltischen Staaten. Inzwischen habe ich nachgelesen, dass sie sich lediglich auf die drei lettischen Provinzen bezieht. Von der baltischen Einheit, die wir Westeuropäer immer für so selbstverständlich halten, ist hier überhaupt nichts zu spüren. Im Gegenteil – in Litauen lästerte Giedre über die hochnäsigen Esten, die trotz ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit sämtliche Medienaufmerksamkeit als Reiseziel für sich beanspruchten, und Edwards ließ durchklingen, dass die Schwesternstaaten ohne wirkliche Großstadt wohl kaum in derselben Liga spielten wie Lettland und seine Hauptstadt.

Milda, Latvias version of Miss Liberty.
Milda, Latvias version of Miss Liberty.

Im Zentrum schauten wir uns die ganzen Sehenswürdigkeiten von außen an: die Gildehäuser, den Pulverturm, das Schwarzhäupterhaus. Die Jungs zeigten sich entzückt über das „Katzenhaus“, das ein reicher lettischer Kaufmann mit zwei beleidigten Katzen verziert hatte. Diese zeigten der Fassade des opulent geschmückten Sitzes der Großen Gilde ihr Hinterteil, da jene dem Einheimischen die Aufnahme in die ausschließlich deutsche Gesellschaft verwehrt hatte. Überhaupt ist der deutsche Einfluss der Hansestadt an jeder Ecke spürbar. Das Kapital kam hier früher immer aus dem Reich, man blieb weitgehend unter sich, und die einheimische Bevölkerung konnte sehen, wo sie blieb. Erstaunlich, dass wir Deutschen trotzdem immer noch in so hohem Ansehen stehen. Die Letten wissen aus bitterer Erfahrung: Schlimmer geht’s immer. Selbst Russen sind heute als Touristen aber wieder willkommen. Oft mit einem Zähneknirschen allerdings.

The House with the Cats - there are two of them, and they used to show their behind to the German Guild House because being a Latvian, the owner was not allowed in there
The House with the Cats – there are two of them, and they used to show their behind to the German Guild House because being a Latvian, the owner was not allowed in there

Mangelnde Geschäftstüchtigkeit kann man den Letten jedenfalls nicht vorwerfen. Die Stadt platzt aus allen Nähten mit Touristen. An jeder Ecke werden Souvenirs der üblichen Qualitätsstufen angeboten, und auch das Preisniveau kann mit jeder deutschen Großstadt mithalten. Da wir keinen Bäcker fanden, setzten wir uns in der Mittagszeit schließlich doch in ein Café. Wir waren extra schon in die Seitenstraßen ausgewichen und gönnten uns lediglich eine Suppe bzw. eine als Nachtisch klassifizierte regionaltypische Kaltschale. Trotzdem sind wir mehr als 40 Euro losgeworden. Ein fieser Kontrast zu Polen und Litauen.

Sehr gut gefallen hat uns das Stadtmuseum. Ohne den Reiseführer hätten wir es gar nicht gefunden. Es ist im dritten Stock des Regierungsgebäudes untergebracht, nur ein winziges lettisches Schild weist darauf hin, und man muss den Mut aufbringen, die Tür neben dem Wache stehenden Ehrengardisten zu öffnen. Dann geht es ein nicht weiter repräsentatives Treppenhaus hinauf, vorbei an der Tür der Präsidentenkanzlei. Hat man das Museum erreicht, kann man sich in der soliden, konservativen Ausstellung über Rigas Anfänge in der Steinzeit bis zu zeitgeschichtlichen Entwicklungen informieren. Die Jungs waren ganz in ihrem Element, interessierten sich brennend dafür, wie die Löcher in die prähistorischen Steinäxte gefeilt wurden, was es mit den mittelalterlichen Heiligenfiguren auf sich hatte und wie die Münzprägung funktionierte. Wir alle setzten uns intensiv mit der Erlangung der Souveränität auseinander, die in einer Sonderausstellung im Turm thematisiert wurde. Auch ich hab viel Neues gelernt, zum Beispiel war mir nicht bewusst gewesen, dass Napoleons Armeen durch Riga marschierten und eine westfälische Brigade die Stadt eroberte.

Jetzt toben die Jungs gerade auf einem Spielplatz. Gnädig lassen sie einen kleinen Jungen mitspielen, dessen sichtbar russische Mutter von den anderen Spielplatzmüttern offenbar geschnitten wird.