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Langzeitreise: USA-Visum für Anfänger

Wer länger als drei Monate in den USA bleiben will, benötigt ein Visum. Menschen mit unlauteren Absichten bekommen keins, klar. Doch auch wenn das eigene Gewissen rein, die Finanzen geordnet und alle Spielregeln eingehalten sind, heißt das zu Zeiten der NSA-Affäre offenbar noch lange nicht, dass man sein Visum bekommt.

 

Zehn Monate wollten wir durch die USA reisen. Das haben wir uns gut überlegt. Es war schwierig, die Kinder aus der Schule zu bekommen. Es war schwierig, die beruflichen Parameter zu regeln. Aber letztlich haben wir das alles geschafft. Das Visum zu beantragen, ist dann nur noch reine Formalität – dachten wir.

Erst online nackig machen, dann persönlich antanzen

Zunächst füllen wir online die Anträge aus. Das ist eine abendfüllende Beschäftigung. Die amerikanischen Behörden sind sehr neugierig. In welchen Ländern wir schon waren und ob wir jemals mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind, sind da noch die harmlosen Fragen. Die meisten können wir ruhigen Gewissens mit nein beantworten, da wir unseren Aufenthalt in den Vereinigten Staaten mit keinen kriminellen Machenschaften verbinden wollen. Am Ende des Tages werden 120 Euro an Gebühren fällig – pro Kopf, und Kinder erhalten keine Ermäßigung, selbst wenn alle gesammelt erscheinen. Dazu kommen die Kosten für einen Berlin-Tripp, denn die persönliche Vorstellung in der amerikanischen Botschaft ist unerlässlich. „Visuminterview“ nennen die Amerikaner diese Angelegenheit, was ein bisschen an der Realität vorbei geht. Aber von vorne.

Der Termin für das Interview ist schnell ausgemacht. Wer zeitlich flexibel ist, braucht nur ein paar Tage zu warten. Wir möchten gern an einem Freitag antreten, um die Reise mit etwas Sightseeing zu verbinden, und nehmen deshalb eine Wartezeit von knapp drei Wochen in Kauf.

Ohne Handgepäck in das sicherste Gebäude Berlins

Morgens um acht finden wir uns vor dem Zaun der amerikanischen Botschaft in Berlin-Wannsee ein. Die lange Liste mit Warnungen und Hinweisen haben wir ernst genommen, und das ist auch nötig, wie sich zeigt. Wir sind eine halbe Stunde vor Terminbeginn erschienen, und die brauchen wir auch, um die Sicherheitskontrollen zu passieren. Da immer nur fünf Leute zur Durchleuchtung in das Häuschen der Beamten zugelassen werden, bewegt sich die Schlange vor dem Eingang nur schleppend vorwärts. Der Mann, der zu den flughafenähnlichen Kontrollen einlädt, erfüllt alle gängigen Klischees: glatzköpfig, Schrankstatur, und eine durchdringende Stimme, mit der er den Wartenden immer wieder zu verstehen gibt, dass bei den auf dem Schild vermerkten Sicherheitsbestimmungen null Ausnahmen gemacht werden. Taschen dürfen nicht mit ins Botschaftsgebäude. Auch keine Handys oder irgendwelche anderen elektronischen Gegenstände. Wer technische Spielereien am Autoschlüssel baumeln hat, zieht sich den Zorn der Security zu und muss ihn draußen lassen. Auch Getränke stehen auf der Liste der verbotenen Gegenstände. Mit nichts in den Händen als unseren Papieren – und je einem Comic für die Jungs – unterziehen wir uns dem Sicherheitscheck. Der läuft genau wie am Flughafen. Wir zeigen unsere Pässe vor, legen all unsere Habe auf das Röntgenband und laufen durch den Metalldetektor. Der schlägt bei mir prompt an. Oh nein, ich habe nicht nachgedacht und ein T-Shirt mit Nietenbesatz angezogen! Auf das Piepen hin drehe ich mich um, zeige auf die schuldigen Metallteile und hebe herausfordernd eine Augenbraue. Ausziehen? Nein, da ist die Prüderie der Amis dann doch größer als das Sicherheitsbedürfnis. Nicht einmal einer Leibesvisitation muss ich mich unterziehen.

Schikane? So nennt man das hier nicht.

Der Sicherheitsmann erklärt uns die nächsten Schritte genau: Zusammenbleiben, hier lang, da lang, klingeln, zum Empfang gehen. Dort zeigen wir erneut unsere Unterlagen vor und dürfen uns dann in die nächste Schlange einreihen. Die führt einmal rund um einen Wartebereich mit Stühlen und geht vergleichsweise zügig voran. Eine freundliche junge Mitarbeiterin hinter einer Glasscheibe nimmt uns unsere Pässe ab und bittet uns zu warten, bis wir namentlich aufgerufen werden. Wir nehmen Platz, die Jungs lesen Comics, wir schauen uns in der Wartehalle um. Sie ist mehr als das, realisieren wir. Auch die „Interviews“ finden hier statt, direkt an einem der Schalter in diesem Raum mit schätzungsweise 40, 50 Menschen darin.

Nachdem wir etwa eine halbe Stunde gewartet haben (an die Einhaltung von Terminen glauben wir schon lange nicht mehr), werde ich an eine der Glasscheiben gerufen. Mein eingereichtes Passfoto und das von einem Kind entsprächen nicht den Normen, werde ich informiert. Fotos mit Brille seien zwar erlaubt, aber nur, wenn absolut nichts spiegele, und das sei bei unseren nicht der Fall. Dass die Bilder im Online-Prüfungsverfahren auf der Homepage der Botschaft als okay eingestuft wurden, hat keine Bedeutung. Wir könnten aber vor Ort neue machen, im ersten Stock sei ein Automat, der aber nur sechs Euro passend nehme. Großartig. Wir haben kein Geld dabei, wir sollten doch nichts mitbringen außer den erforderlichen Papieren. Die Mitarbeiterin stellt mir einen gelben Zettel aus, der mich ermächtigt, das Geld zu holen und mich ohne Wartezeit wieder am Security-Check anzustellen. Ich eile zum Auto – die Parkplatzsituation ist zum Glück so gut, dass wir ganz in der Nähe stehen – kratze zwölf Euro passend zusammen und statte dem Sicherheitsmann einen erneuten Besuch ab. Die Schlange hat sich inzwischen so weit verlängert, dass sie fast bis zur Straßenecke reicht. Der Ton des Personals ist schärfer geworden. „Wir sind schon über der Zeit, weil die Leute alle nicht lesen können oder wollen!“ herrscht der Mann die Wartenden an.

Als alter Hase führe ich meine Reisegruppe ins Innere des Hauses, gebe Martin den Autoschlüssel und nehme Janis mit nach oben zum Fotografieren. Der Automat funktioniert wahrscheinlich genau wie alle anderen Fotoautomaten, regt mich aber auf in seiner Langsamkeit. Damit mein Gesicht genau in den biometrischen Rahmen passt, muss ich mich unwürdig verrenken. Bei meinem 10-Jährigen ist es noch schlimmer. Und das sollen bessere Fotos sein als die, die wir abgegeben haben? Egal, wieder zurück zu Schalter 4. Dort eröffnet mir die Dame, dass sie inzwischen auch bemerkt habe, dass Martins Bild inakzeptabel sei. Er sieht zwar noch genauso aus, aber dass dasselbe Foto im Pass steckt, beweist, dass es ein klein bisschen älter als sechs Monate ist – unzulässig. Also noch einmal ein gelber Schein, bitte, noch einmal zum Auto laufen, noch einmal Security-Check und noch einmal Fotoautomat. Und dann noch einmal eine Stunde warten. Inzwischen reichen die Stühle nicht mehr. Wir haben bei der Reise nach Jerusalem verloren und stehen. Die Luft ist stickig und verbraucht. Es gibt einen Wasserspender, und wir ergattern den vorletzten Becher. Zum Glück werden die Jungs erst jetzt quengelig. Als ein junger Mann aufsteht und zum Schalter geht – und kurz darauf wie so viele mit hängendem Kopf das Gebäude verlässt – schlage ich zu, ziehe mir Silas auf den Schoß und erzähle ihm eine Geschichte von einem Hund, der nach Amerika reist und einen kleinen Jungen namens Silas trifft. Wir freuen uns so auf die Canyons und die Mammutbäume… Endlich, zweieinhalb Stunden nach unserer Ankunft und zwei Stunden nach unserem vereinbarten Termin, werden wir an einen der beiden entscheidenden Schalter gerufen.

2 Minuten Audienz beim Visums-Gott

Die Erwachsenen müssen an einem elektronischen Gerät ihre Fingerabdrücke abgeben. Innerhalb von zwei Minuten dürfen wir dann genau drei Fragen beantworten. Die erste betrifft unsere konkreten Reisepläne. Wir beantragen erstmal sechs Monate Aufenthalt, sagen wir, wahrscheinlich wollen wir das auf zehn Monate verlängern (so ist das Usus, haben wir im Internet gelesen, denn wer gleich zehn Monate verlangt, bekommt sie nicht, und wer beim Verlängern vorher nicht angegeben hat, dass er verlängern will, hat auch ein Problem). Wir möchten so viel wie möglich sehen, erstmal den Norden, dann Florida und den Süden, möglichst auch noch die Westküste. „Und die Kinder und die Schule?“ fragt der Beamte mit hochgezogenen Augenbrauen. Ich berichte, dass es schwer war, die Schulbefreiung durchzubekommen, dass wir das aber endlich geschafft haben. Martin hat die Unterlagen in der Hand, darunter auch Briefe der Klassenlehrer, die offenlegen, wie die Jungs nach ihrer Abwesenheit wieder in ihre Klassen integriert werden sollen. Aber der Beamte winkt ab. Er will lieber unsere Finanzen sehen. Martin reicht ihm Auszüge unseres Tagesgeldkontos mit einer höheren fünfstelligen Summe darauf. Nach einem kurzen Blick auf das Papier setzt er einen Stempel auf ein Formular und verkündet, ohne uns anzusehen: „Wir können Ihren Visumsantrag nicht genehmigen.“ – „Was!?!“ frage ich entgeistert. „Warum denn das nicht?“ Er schiebt einen Zettel durch die Durchreiche, behauptet, die Gründe stünden dort, und entzieht sich weiteren Nachfragen, indem er seinen Platz hinter der Glasscheibe verlässt. Wir haben noch den Eigentumsnachweis unseres Hauses in der Hand, hätten noch mehr Sicherheiten zu bieten, die wir gar nicht vorzeigen durften. Wie vom Donner gerührt stehen wir da. Wir müssen Platz machen für die Nächsten. Eine einmal getroffene Entscheidung ist zu akzeptieren und kann unter keinen Umständen am selben Tag angefochten werden. Das sind die Spielregeln, die wir unterschrieben haben. Wie so viele vor uns verlassen wir den Raum mit den vielen Menschen mit hängenden Schultern.

Begründung? Überbewertet.

In der Lobby bleiben wir stehen und sehen auf den Ausdruck, den wir ausgehändigt bekommen haben. Das kann doch nur ein Irrtum sein. Der Zettel speist uns mit dem Hinweis auf einen Paragrafen ab. Ich will das jetzt aber genauer wissen, beschließe ich. Das war doch eine Farce, die können uns doch nicht einfach so wieder auf die Straße setzen! Das kann doch nicht alles sein, was wir für 480 Euro Bearbeitungsgebühr bekommen! Ich will noch einmal zum Empfangstresen und zusätzliche Informationen verlangen. Aber die schwere Glastür ist zu, von dieser Seite kommt man nur rein, wenn ein neuer Schwarm Visumsbewerber die Klingel betätigt. Der Sicherheitsmann auf der anderen Seite hat ein Einsehen und zieht die Tür auf. Es ist derselbe, der uns drei Mal durch die Sicherheitskontrolle begleitet hat (offenbar ist dieser Job so nervenraubend, dass das Personal rotiert). „Haben Sie etwas vergessen?“ fragt er ausdruckslos. „Ich würde gerne noch einmal nachfragen“, erkläre ich. „Unser Visumsantrag wurde abgelehnt, und wir können uns so gar nicht erklären, warum. Er hatte zwar gesagt, das würde hier drinstehen, aber daraus werden wir auch nicht schlau.“ Der Mann schüttelt den Kopf, hebt abwehrend die Hände, sagt dann aber: „Das kann tausend Gründe haben.“ Auf keinen Fall dürften wir zurück, schärft er uns ein, das macht alles nur schlimmer. Wir wollen ja gar nicht diskutieren und in Frage stellen, wir wollen es nur verstehen, insistieren wir. Tatsächlich wird der Mann freundlicher. Das müsse gar nicht an uns liegen, erklärt er uns. Es reiche, wenn ein Verwandter – Neffe, Onkel, was auch immer – straffällig oder im extremen Spektrum politisch aktiv geworden sei. „Die durchleuchten hier alles“, erklärt er uns. „Bei den Mitarbeitern ist das genauso. So nackig, wie ich mich für die machen musste, war ich noch nie.“ Nun, wir haben durchaus Menschen in der Familie, für deren politische Gesinnung und Vorstrafenregister wir unsere Hand nicht ins Feuer legen würden, weil wir wenig bis gar nichts über sie wissen… „Versuchen Sie es einfach noch mal“, rät uns der Mann. Ja, klar. Ich hätte gerne noch mal die Demütigung für 480 Euro, bitte. Wenn wir hartnäckig genug sind, füllen wir so vielleicht das Haushaltsloch der Vereinigten Staaten.

Die Umkehr der Unschuldsvermutung

Zu Hause schlagen wir den Paragrafen nach und stellen fest, dass wir tatsächlich wegen nicht erkennbarem Rückkehrwillen abgelehnt wurden. Boah, sind wir sauer! Die USA sind so ziemlich das vorvorletzte Land, in das ich auswandern würde. Ich mag mein Heimatland, vielen Dank. Und selbst wenn, dann sollten sich die Amerikaner freuen, eine junge, hoch qualifizierte Familie zu gewinnen. Der Witz an der Sache: Es wäre kein Problem gewesen, über Martins Arbeitgeber eine Versetzung in die Staaten zu erreichen und hochoffiziell auszuwandern. Aber das interessiert den Beamten natürlich nicht. Ebenso wenig wie all die Nachweise in unserer Hand, die uns an Deutschland binden. Ob irgendein Cousin sich eine Glatze scheren lässt, das finden sie heraus, aber der Ämtermarathon, den wir auf uns genommen haben, um eine offizielle, befristete Beurlaubung von der Schulpflicht zu erreichen, damit wir die Kinder problemlos im deutschen Schulsystem behalten können, der bleibt ihnen verborgen. Hätten sie mir antiamerikanische Tendenzen vorgeworfen, das hätte ich besser verstanden.

Pah, sollen die doch mit ihren Canyons und Mammutbäumen selig werden. Ohne uns.

 

Tipps fürs Visumsinterview

(das würden wir beim nächsten Mal anders machen, wenn wir noch irgendein Interesse an diesem Räuberstaat hätten)

  • vor dem Termin gründlich satt essen und viel trinken – es könnte länger dauern
  • alle Habseligkeiten im Auto lassen, bis auf die Papiere und das Geld
  • entgegen der Anweisungen nicht auf die Fragen des Beamten warten, sondern alle relevanten Unterlagen ungefragt sofort aufdrängen und sagen: „Wir haben Ihnen zahlreiche Nachweise mitgebracht, um unsere gesicherten Finanzen und unseren Rückkehrwillen zu bescheinigen. Bitte sehen Sie sich die an!“
  • oder besser ganz darauf verzichten, ein so himmelschreiend willkürliches Verfahren zu unterstützen und das Ersparte lieber in Länder tragen, die das mehr zu schätzen wissen.