Schönes, Schreckliches und Schokolade (in Kaunas, Litauen)

Freitag, 27. Juli 2012
Gestern haben wir uns noch ausführlich Kaunas angesehen, Litauens zweitgrößte Stadt und das Wirtschaftszentrum des Landes. Das Sowjet-Erbe ist an vielen Stellen noch deutlich sichtbar.

Some buildings of Kaunas can't deny their Soviet heritage.
Some buildings of Kaunas still look like Soviet times aren’t over yet – even if this one was built a few years before socialism came to Lithuania, as the comment below points out.

Trotzdem brechen auch dort an jeder Ecke hochmoderne Glasfassaden aus dem Betongrau hervor, es gibt Designerläden und Schuhgeschäfte mit deutscher Markenware zu deutschen Preisen. Wir haben auch mehrere Bioläden gesehen, was ich für den Inbegriff von Zukunftsbewusstsein und Luxusbereitschaft halte.

Die Altstadt ist hübsch, aber nicht weiter spektakulär. An der neuen Einkaufsstraße säumen kleine und größere Läden eine Allee aus Lindenbäumen. Sie stammt aus Sowjetzeiten und sieht auch so aus. Beim Bäcker haben wir einiges gekauft, was uns exotisch vorkam.

So many fine things at the bakery - especially the spongy, chocolate-coated mushrooms seemed typical and very good!
So many fine things at the bakery – especially the spongy, chocolate-coated mushrooms seemed typical and very good!

Vorher haben wir die spärlichen Ruinen einer Burg in Augenschein genommen und die St.-Georgs-Kirche besichtigt, die unter den Russen als Lagerraum herhalten musste und erst vor einigen Jahren wieder vom Zisterzienser-Orden übernommen werden konnte. Selbst Martin als überzeugter Atheist war betroffen, wie hier mit Kulturgütern und Handwerkskunst umgegangen worden ist.

Zu Mittag aßen wir in einem kleinen Lokal namens Conrad’s Pub mit Terrasse auf einem nicht weiter erwähnenswerten Innenhof – aber das Essen war sehr gut.

Den Nachtisch nahmen wir in der Chocolaterie, die sich als äußerst schmuckes Café mit Kinderspielecke entpuppte. Wir wählten vier winzige Tortenstücke für umgerechnet je zwei Euro und bekamen umwerfend leckere Exklusivitäten, deren Genuss uns in extatische Höhen versetzte und die uns bis zum Abend pappsatt machten.

Was mir aufgefallen ist hier in Litauen, sind die äußerst schlanken Frauen. Selbst junge Mütter tragen keinen Bauchspeck vor sich her, und auch bei älteren Frauen sieht man nichts über schätzungsweise Kleidergröße 48. Bei den Ausnahmen habe ich mir die Mühe gemacht, genau hinzuhören, und fast immer ist es mir gelungen, sie russisch sprechen zu hören (denn wie in allen baltischen Staaten lebt immer noch eine recht große russische Minderheit im Land).

There is just one tower and some ruins left of the old fortress, but it still makes do for a nice walk.
There is just one tower and some ruins left of the old fortress, but it still makes do for a nice walk.

Und sauber war es! Ich glaube, ich habe noch nie so eine aufgeräumte Großstadt gesehen. Kein Müll in den Ecken, keine Hundehaufen, nicht einmal Zigarettenkippen. Ich sah einen Jugendlichen, dessen Bonbonpapier am Mülleimer vorbeiflatterte. Er ging zurück, hob es auf und sorgte dafür, dass es ordnungsgemäß an seinem Bestimmungsort landete.

Fragen? Anregungen? Kritik? Selber vor Ort was ganz anderes erlebt? Hinterlasst mir gern einen Kommentar – ich antworte euch, sobald ich kann.

Familienleben auf Litauisch (in Kaunas, Litauen)

Donnerstag, 26. Juli
Gestern Nachmittag also haben wir Käsespätzle gekocht und überraschend dankbare Abnehmer gefunden. Rytis, der im Nachwuchskader der litauischen Fußball-Nationalmannschaft spielt, hat sich drei Mal nachgenommen, und ich war nur froh, dass ich vorsichtshalber die Menge für acht Erwachsene gekocht hatte.

Anschließend sind Martin und Linas zu einer Autowerkstatt gefahren, um die Klimaanlage reparieren zu lassen – leider erfolglos. Die Kinder spielten währenddessen im Garten. Giedre und ich saßen dabei und tranken Tee, dessen Zutaten Giedre selbst im Wald gesammelt hatte. Sie erzählte mir von den Problemen, mit denen sich ihre gehobene Mittelschicht-Familie so herumschlagen muss. Im Moment arbeitet sie nicht – sie ist gelernte Buchhändlerin. Aber die staatlichen Schulen sind schlecht, sagt sie, haben immer noch viel zu viel Drill-Charakter, und so schicken sie ihre Kinder auf die Waldorfschule nach Kaunas. Das kostet viel Geld, und wenn Migle im nächsten Jahr auch noch zur Schule kommt, reicht Linas’ Gehalt nicht mehr aus, obwohl er als Software-Entwickler recht gut verdient.
Leider habe ich nicht herausbekommen, womit Giedre eigentlich ihre Zeit verbringt. Eine Vorzeige-Hausfrau ist sie jedenfalls nicht, ihre Küche ist ernsthaftes Kochen definitiv nicht gewohnt. Es gab kaum genügend Utensilien, um die Käsespätzle zuzubereiten, wir mussten recht erfinderisch sein. Vielleicht fabriziert sie irgendeine brotlose Kunst, so wie ich…

Abends, als es dunkel und die Mücken aufdringlicher wurden, zündeten wir ein kleines Lagerfeuer an, in dem die Litauer fröhlich alles verbrannten, was rund um Haus und Garten so an Müll angefallen war. Zum Entzücken unserer Kinder wurden sie auch ermutigt, die Cellophanpapierchen ihrer mittelmäßig leckeren Süßigkeiten ins Feuer zu schmeißen, wo sie dann unter ihren begeisterten Blicken zusammenhutzelten.

On one hand: very modern supermarkets and ugly precast concrete buildings...
On one hand: very modern supermarkets and ugly precast concrete buildings…

Sehr interessant war unser morgendlicher Ausflug in den Supermarkt. Das Gebäude war absolut modern, die Auswahl europäisch, die Kundentoilette tiptop. Aber sobald man dann ein bisschen ins Ländliche fährt, begegnet man einem sehr altmodischen Land. Zwei Kilometer von der Autobahn entfernt sehen die Häuser denen aus dem Museumsdorf verdächtig ähnlich.

... on the other hand: handsomely shabby cottages decorated with flowers that look like they escaped the open air museum.
… on the other hand: handsomely shabby cottages decorated with flowers that look like they escaped the open air museum.

 

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Zeitreise in die Noch-nicht-ganz-Vergangenheit (in Kaunas, Litauen)

Mittags
Wir sitzen im Gasthof des litauischen Freilichtmuseums und warten auf unser Mittagessen. Die Zahlen auf der Speisekarte lassen gehobenes deutsches Niveau befürchten: 17,90 steht da hinter meinem Schweinebraten mit Preiselbeersoße. Es sind aber Litas, die man durch 3,5 teilen muss, um Euro-Preise zu bekommen. Mein Gericht, das zu den teuersten auf der Karte zählt, kostet damit etwa fünf Euro. Hier macht Essengehen richtig Spaß!

The national open air museum is a great place - and surprisingly un-touristy.
The national open air museum is a great place – and surprisingly un-touristy.

Litauen ist absolut nicht auf Touristen eingestellt. Hier im Nationalmuseum gibt es wenigstens eine Zusammenfassung der langen Texttafeln auf Englisch. Auf dem Parkplatz haben wir ein Wolfsburger Kennzeichen gesehen, dazu mehrere Esten, ein paar Letten. Sonst keine Ausländer.

Das Museum ist wunderschön gelegen in einem großen Waldstück. Obwohl doch eigentlich Hauptsaison sein müsste, macht alles den Eindruck, als liefe die kleine Handvoll Besucher eher zufällig hier rum. Die Häuser sind fast alle aus Holz, auch die Kirche, die sie grad neu nach altem Vorbild errichtet haben.

Colourful houses were and still can be found in the towns.
Colourful houses were and still can be found in the towns.

Den Jungs hat der Bäcker am besten gefallen, wo wir bunt verziertes Gebäck erstanden haben.

Dass das Leben hier immer sehr einfach war, zeigen beispielsweise die „Spitzengardinen“ aus Papier, die die meisten Fenster schmücken.

Fake lace drapes made from paper - Lithuania has always been poor, but never on the expense of elegancy.
Fake lace drapes made from paper – Lithuania has always been poor, but never on the expense of elegancy.

Dabei gibt es durchaus auch echte Spitze zu sehen: an der Bettwäsche, die – viel cleverer als in Deutschland – seitlich angebracht ist und so morgendliche Blümchenmuster im Gesicht verhindert haben dürfte.

Die Kinder erkunden die Häuser mit großem Eifer. Sie freuen sich aber auch über den Mini-Spielplatz, der sich neben fast jedem Gebäude befindet: eine ganz einfache Balken-Wippe, manchmal noch eine Schaukel. Und einfach viel Platz zum Toben.

 

 

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Horizonterweiterung (in Kaunas, Litauen)

Mittwoch, 25. Juli 2012
Wir couchsurfen bei Giedre und Linas und ihren Kindern Rytis, Laimas und Migle. Sie wohnen in einer Ferienhaussiedlung, die unser Navi nicht kennt und die wir eher durch Zufall gefunden haben, als wir in Ermangelung von Alternativen über diesen ungeteerten Waldweg gefahren sind. Das Haus hat ein sehr witziges Layout. Es gibt ein offenes Wohnkochschlafzimmer. Das Elternbett unten haben wir bekommen. Ein Kind schläft in der Besucherritze, das andere auf dem Sofa. Das klappt gut.

The lovely house of our couchsurfers near Kaunas, Lithuania.
The lovely house of our couchsurfers near Kaunas, Lithuania.

Wir kamen gestern erst spät an, die Familie hatte schon gegessen. Es gab eine traditionelle Rote-Beete-Suppe, die sehr gut schmeckte, obwohl ich Rote Beete sonst nicht mag. Den Kindern schmeckte sie allerdings nicht, womit sie auch nicht hinterm Berg hielten, so dass ein kurzer Auffrischungskurs in Sachen allgemeiner Höflichkeit fällig wurde. Der trug heute Morgen dann auch gleich Früchte, als es ihnen gelang, die uns als Porige verkaufte Buchweizengrütze mit einem freundlichen „no, thank you“ abzulehnen. Ich war sehr stolz auf sie, denn das Zeug war schon eine ziemliche Heruasforderung: mit Wasser angerührt, ungezuckert und gesalzen. Heute Abend werden wir uns mit Käsespätzlen revanchieren.

Die litauische Sprache ist so völlig anders als alles, was ich kenne. Polnisch kann ich auch nicht, aber da hat man ja wenigstens einzelne Wörter schon mal gehört. Litauisch hat einfach überhaupt nichts Bekanntes, nicht mal Lehnwörter habe ich gehört. Giedre sagt, Litauisch und Lettisch seien die ältesten Sprachen Europas und mit dem Sanskrit verwandt. Sie hat mir auch erklärt, was ihre Vornamen bedeuten – es sind ganz normale Worte aus der Alltagssprache. Linas bedeutet Flachs (dessen Verarbeitung hier eine große Tradition hat), Giedre so viel wie „strahlender Morgen“. Bei den Kindern bin ich mir nicht mehr ganz sicher. Ich meine, Rytis heißt „Mitternacht“, weil er um die Uhrzeit geboren ist, Laimas „Herbst“ und Migle „Wolke“ oder so.

Janis playing on the "road" of the settlement down the drive of our hosts.
Janis playing on the „road“ of the settlement down the drive of our hosts.

 

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Es klappert der Storch am laufenden Meter (in Litauen)

Später
Die Schnellstraße vor uns ist gut ausgebaut. Aber was man von hier aus sieht, ist doch sehr urtümlich. Gerade sind wir an einem Pferdefuhrwerk vorbei gefahren, das von der Feldarbeit heimkehrt. Dort drüben wird eine Kuh auf der Weide mit der Hand gemolken. Vor einem kleinen Gehöft sind zwei Ziegen auf der Wiese angepflockt. Und dann gibt es natürlich, wie schon in Masuren: Störche, Störche, Störche.

Storks. Many of them. In Masuria as well as in Lithuania (and later in Estonia).
Storks. Many of them. In Masuria as well as in Lithuania (and later in Estonia).

 

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Die unverlassene Ruinenstadt im Wald (in Ostpreußen, Polen)

Dienstag, 14. Juli 2012
Gestern Abend haben wir noch mal leckeren Fisch im Hotel gegessen, dann E-Mails gecheckt und den Wikipedia-Artikel über die Wolfsschanze gelesen, während die Kinder auf dem Trampolin sprangen und mit den Katzenkindern spielten.

Heute Morgen haben wir es langsam angehen lassen. Gegen elf sind wir abgefahren.

Going to Hitler's old headquarters I felt a bit queasy, but as a historian it was absolutely interesting.
Doing a touristy trip to Hitler’s old headquarters I felt a bit queasy, but as a historian it was absolutely interesting.

Etwas mulmig war mir schon bezüglich unseres Trips zum Führerhauptquartier. Die Schilder, die dorthin wiesen, sahen arg nationalromantisch aus, und ich machte mir Sorgen, in eine Art Nazi-Ferienparadies zu geraten. Es waren dann aber doch deutlich weniger Springerstiefel unterwegs als weißköpfige Pauschalreisegruppen und polnische Schülertrupps.

The place was full of visitors, especially old people from Germany and young students from Poland.
The place was full of visitors, especially old people from Germany and young students from Poland.

Der Ort selbst war sehr beeindruckend. Wir sahen Betonmauern, die bis zu acht Metern dick waren. Die Trümmer der Bunker liegen in pittoresker Weise verstreut und sind mit Moos und Bäumen bewachsen.

Betreten sollte man keines der zerstörten Gebäude, überall wurde vor Lebensgefahr gewarnt. Anfangs nahmen wir das noch ernst, aber dann folgten wir doch den ausgetretenen Pfaden der anderen Touristen und wandelten fröhlich durch die Anlagen.

The walls of the bunkers were up to 8 metres deep, and blasting them hasn't been all too successful.
The walls of the bunkers were up to 8 metres deep, and blasting them hasn’t been all too successful.

Fröhlich ist dabei natürlich das falsche Wort. Die Konfrontation mit der Geschichte des Dritten Reichs macht mich immer ziemlich fertig. Hier am Ort des missglückten Attentats des Oberst von Stauffenberg zu stehen, durch die Ruine der Baracke zu laufen und sich bewusst zu machen, wie viele Leben gerettet worden wären, wenn Hitler und seine komplette Führungsriege an jenem Tag im Jahr 1944 tatsächlich gestorben wären –

The memorial of the attempted assassination of Hitler by Stauffenberg.
The memorial of the attempted assassination of Hitler by Stauffenberg.

Ich habe versucht, den Kindern die geschichtliche Tragweite des Ortes zu vermitteln, und sie stellten auch viele kluge Fragen. Hauptsächlich sahen sie die Ruinen natürlich trotzdem als Abenteuerspielplatz.

Abenteuerlich war auch die Fauna: Abertausende Mücken haben uns trotz des teuren Mückensprays bei lebendigem Leibe aufgefressen.

Als wir über die unbefestigte Straße weiter Richtung Litauen hoppelten, fiel die Klimaanlage aus. Nun, ich schätze, es gibt Schlimmeres, auch wenn die Temperatur mittlerweile auf 27,5 Grad geklettert ist, und das um sieben Uhr abends.

Jetzt überqueren wir gerade die Grenze zu Litauen. Wir müssen die Uhr eine Stunde vor stellen. In der Gegenrichtung sehen wir viel Polizei, mehrere Laster werden kontrolliert. Ansonsten wirkt der Ort ähnlich unspektakulär wie jede andere EU-Binnengrenze, die ich gesehen habe.

PS: Es ist Zufall, dass dieser Bericht genau heute dran ist, aber tatsächlich ist heute der 69. Jahrestag des missglückten Attentats vom 20. Juli 1944.

Glitzerwasser (in Masuren, Polen)

Nachmittags
Wir rudern auf dem Dadaj-See. Das Wetter ist herrlich! Die Temperatur liegt so vielleicht bei 23 Grad und es herrscht strahlender Sonnenschein. An einer Art Campingplatz haben wir ein kleines grünblaues Ruderboot gemietet.

Beautiful Masuria. We took a rowboat to explore one of the many lakes.
Beautiful Masuria. We took a rowboat to explore one of the many lakes.

Die Ufer des Sees sind entweder unzugänglich bewachsen oder mit Ferienhäuschen gepflastert. Auf einem Spaziergang heute Mittag haben wir vergeblich versucht, einen Picknickplatz zu finden. Letztlich haben wir uns auf der Sitzgruppe eines gerade nicht bewohnten Bungalowkomplexes auf einer kleinen Insel niedergelassen und ohne allzu schlechtes Gewissen mit Blick auf eine hübsche Bucht voller Segelboote unsere Brote verspeist.

Das Reiseblog für abenteuerlustige Familien.