Audienz beim Kaiser: Deutsche Geschichte mit Aussicht (in Porta Westfalica, Deutschland)

Aus unserem Wohnzimmerfenster haben wir eine sagenhafte Aussicht. Wir wohnen sozusagen am Hang des letzten Hügels vor der Nordsee. Vor uns erstreckt sich die norddeutsche Tiefebene. Die Aussicht ist das Beste am ganzen Haus. An klaren Tagen können wir „bis zum Kaiser“ gucken.

Still looking victorious even when history proved him wrong: Kaiser Wilhelm I.
Still looking victorious even when history proved him wrong: Kaiser Wilhelm I.

Der Kaiser thront nämlich über der Porta Westfalica, am Durchbruch der Weser durchs Wiehengebirge. Seit 1896 blickt Wilhelm I., gut zu sehen auch im Vorbeifahren auf der A2, in Richtung Schaumburg und Weserbergland. Und da er noch ein paar Meter höher residiert als wir, ist seine Aussicht sogar noch besser.

An einem ganz normalen Dienstagnachmittag statten wir dem Kaiser eine Audienz ab. So lange haben wir uns jetzt gegenseitig aus der Ferne betrachtet, da muss ich ihm so langsam doch auch mal meine Kinder vorstellen. Das letzte Mal war ich beim ersten Besuch der Schwiegereltern dort, als wir alle Trümpfe der Gegend aus dem Ärmel schüttelten und den hochadeligen Nachbarn vorführten. Das ist bestimmt zwölf Jahre her. Eher 13. Und irgendwann war ich mal mit Oma und Opa dort. Aber das war buchstäblich im vergangenen Jahrtausend.

Entsprechend erstaunt bin ich, in was für einen großen Parkplatz die kurvenreiche Straße mündet, die sich von Porta-Barkhausen aus den Berg hinauf windet. Das hatte ich gar nicht so in Erinnerung. An einem Dienstagnachmittag mitten im November stehen freilich nur wenige Autos hier – aber immer noch eine gute Handvoll mehr als ich erwartet hätte. Die Gaststätte „Zum Denkmal“ ist seit Jahren verwaist und strahlt eine morbide Schönheit verfallender Bürgerlichkeit aus. Auch der barackenartige Kiosk, an dem sich mein Damals-noch-nicht-Schwiegervater kaiserliche Ziernägel für seinen Wanderstock kaufte, ist heute verrammelt. Aber es gibt ein öffentliches Klo, und das ist tatsächlich geöffnet. Ein großes Banner in den Bäumen verkündet, dass von Mai bis Oktober an jedem ersten Samstag des Monates um 15 Uhr eine öffentliche Führung vom Parkplatz aus startet. Wäre auch mal eine Idee.

The way up to the Kaiser is easy and free and no challenge at all for most people under 80.
The way up to the Kaiser is easy and free and no challenge at all for most people under 80.

Fürs erste aber erkunden wir National- und Heimatgeschichte auf eigene Faust. „Warum steht der Kaiser da eigentlich?“ fragt Janis. „Wer hat den da hingebaut?“ Ich hole Luft in der festen Überzeugung, die Frage im Vorbeigehen beantworten zu können. Dann merke ich: Ich weiß das gar nicht so genau. Ich erinnere mich, wie ich meinem Opa als kleines Kind dieselbe Frage stellte. Statt mir eine Antwort zu geben, fing er damals an zu singen: „Wir wollen unsren alten Kaiser Wilhelm wieder haben!“ Das war nicht ganz ernst gemeint – glaube ich, denn die Hand ins Feuer legen würde ich für die politischen Überzeugungen meines mittlerweile verstorbenen Großvaters nicht. Wir Schaumburger haben da einen starken Hang zu konservativen Sichtweisen.

Inzwischen haben wir den kurzen Aufstieg bis zum Denkmal geschafft. Der Weg ist breit und asphaltiert, rentnergerecht und kinderwagentauglich. Es dauert keine fünf Minuten, bis wir dem Monarchen ins Auge blicken können. Gewaltige sieben Meter groß ist er, und durch den 88 Meter hohen Baldachin über ihm wirkt er noch gewaltiger. In väterlicher Geste hält er die Rechte segnend über seine Untertanen.

Wir folgen seinem Blick und genießen die Aussicht. Die ist freilich die wahre Attraktion, denn ein schnöder alter Kaiser lockt heute wenige Leute hinterm Ofen hervor. Ein Novemberbachmittag ist dafür natürlich nur bedingt geeignet, aber der Herbst gibt sich immerhin Mühe. Wenn schon nicht unser Wohnzimmerfenster, so erkennen wir doch zumindest die markanten Schornsteine der heimatlichen Glasfabrik mühelos. Unter uns fließt träge der Fluss dahin. „Wo die Weser einen Booo-hogen macht“, klingt mir ein anderes Lied mit der Stimme meines Opas im Kopf.

The view must be fantastic on a clearer day.
The view must be fantastic on a clearer day.

Die Jungs steigen die Treppen hinauf und hinunter, entdecken geheime Türen hoch oben im Deckengewölbe („Wie kommt man da hin? Kann ich da hoch?“ Zum Glück nicht.) und fachsimpeln über die Gesteinsschichtung, die an den Felsen hinter dem Denkmal deutlich zu Tage tritt. Ich stürze mich währenddessen auf die gut ausgearbeiteten geschichtlichen Ausführungen, die in Form von Informationstafeln am Fuß des Denkmals aufgestellt sind. Gerade in der Geschichte des ausgehenden deutschen Kaiserreichs halte ich mich eigentlich für hinlänglich bewandert, aber tatsächlich erfahre ich noch etliche neue Details im Hinblick auf lokale Potentaten-Verehrungsformen. Ich pfeife die Jungs ran für eine spontane Geschichtslektion. Sie hören sich meine Ausführungen über die Herausbildung einer deutschen Nationalität geduldig an, erinnern sich sogar daran, dass „Herr Bismarck“ bei einem ähnlichen Monolog meinerseits schon mal vorgekommen ist. „Also hat der zweite Kaiser das Denkmal für seinen Papa gebaut, bevor den Deutschen aufgefallen ist, dass sie keine Kaiser mehr haben wollen, aber da stand das Denkmal ja nun schon mal da?“ wagt Janis eine Zusammenfassung. Na ja, so ähnlich. Das Denkmal entstand in der Regierungszeit Wilhelms II., Enkel des ersten Wilhelms, der streng genommen der dritte deutsche Kaiser war: Friedrich III. verstarb noch im Jahr seines Regierungsantritts, was 1888 zum berühmten „Dreikaiserjahr“ machte.

Wilhelm I. was nothing next to a "man of the common people", and he's not gotten any nearer to them today.
Wilhelm I. was nothing next to a „man of the common people“, and he’s not gotten any nearer to them today.

Sehr amüsant finden die Jungs den griffigen und vom Mann auf dem Podest auch vehement umgesetzten Spruch: „Gegen Demokraten helfen nur Soldaten“ (den ich von meinem Opa zum Glück nie gehört habe). „Dann war der ja gegen sein eigenes Volk“, schlussfolgert Silas. „Zumindest gegen mich wäre er dann.“ Ich schmunzele. „Bist du auch ein Demokrat, ja?“ „Natürlich!“ antwortet Silas im Brustton der Überzeugung indigniert. „Weißt du denn, was Demokratie ist?“ erkundige ich mich vorsichtig. „Klar“, kommt die Antwort. „Dass im Volk alle der Chef sind und mitregieren dürfen!“ Ach so. Dann wundert es mich nicht, dass Silas überzeugter Demokrat ist. Wenn es um Chefs geht, fühlt er sich grundsätzlich angesprochen. Janis setzt noch einen drauf: „Also ich wär’ lieber Kaiser.“

Eine Audienz beim Kaiser-Wilhelm-Denkmal inklusive Weser-Weitblick ist rund um die Uhr möglich und völlig kostenlos (zumindest außerhalb der Saison; ich weiß nicht, ob im Sommer vielleicht ein Parkwächter auftaucht). Von Porta Westfalica / Barkhausen aus ist die Sehenswürdigkeit ausgeschildert. 

Freitags zeige ich euch spannende Ausflugsziele aus Schaumburg und der näheren (und weiteren) Umgebung. Es gibt so viel zu erkunden in aller Welt, aber auch bei uns zu Hause warten genügend kleine, große und völlig unterschätzte Sensationen darauf, entdeckt zu werden. Und vielleicht ist ja genau die richtige Idee für eure Wochenend-Planung dabei?

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