Auf dem Weg in die Sommerferien in der bayerischen Rhön haben wir an einem Ort Station gemacht, den ich schon lange einmal sehen wollte. Der Bergpark im Kasseler Ortsteil Bad Wilhelmshöhe ist ein verkehrsgünstig gelegenes Ausflugsziel, dessen Anblick die vielen Treppenstufen lohnt – auch ohne die berühmten Wasserspiele. Ein Erfahrungsbericht über unseren Kurzbesuch bei Herkules.

Begegnung mit Herkules

Herkules ist gewissermaßen der aktuell angesagte Superstar, als sein Bildnis 1717 auf den Sockel ganz oben auf dem „Riesenschloss“ gehievt wird. Heute wäre es vielleicht irgendein Marvel-Superheld. Im 18. Jahrhundert verehrt man die antike Sagengestalt. Der tatkräftige Göttersohn, der sein Schicksal selbst in die Hand nimmt und sich mächtige Gegner souverän unterwirft, passte gut in die Denkweise des Barock.

Als wir vom (kostenlosen) Parkplatz Richtung Herkules marschieren, wissen wir noch gar nicht so recht, was uns erwartet. Das Besucherzentrum, das uns wahrscheinlich aufklären könnte über die geschichtlichen Zusammenhänge, hat zwar geöffnet, doch coronabedingt trauen wir uns nicht recht hinein. Also laufen wir einfach weiter und schauen mal, was passiert.

kassel wilhelmshoehe herkules karte

Große Übersichtskarten vorm Besucherzentrum und an vielen Stellen im Park (wie hier) ermöglichen auch so eine gute Orientierung.

So ganz unbedarft bin ich dann aber auch wieder nicht. Ich habe schon öfter glanzvolle Fotos der Kaskade im Internet gesehen. „Schicker Park am Berg und irgendwas mit Wasser“ ist mein aktueller Wissensstand.

Stattdessen kommt zunächst das Oktogon in Sicht. Das achteckige Gebäude, auch „Riesenschloss“ genannt, ist das Zentralgestirn im oberen Bergpark Wilhelmshöhe. Ganz oben, in 26 Metern Höhe, lehnt sich ein lässiger Herkules gegen etwas, das nach eingehender Recherche wohl das Fell des Nemeischen Löwens sein soll (und sich damit eigentlich nicht zum Gegenlehnen eignet). Aber wer achtet schon auf solche Kleinigkeiten, wenn eine über acht Meter große Bronzestatue ihre Besucher mit nackigem Hintern begrüßt?

kassel wilhelmshoehe herkules von hinten

Das erste, was wir vom Herkules sehen, ist sein bombastischer Sockel – und sein nackiger Po.

Das „Riesenschloss“

Wir laufen um das Oktogon herum. Normalerweise kann man es – eintrittspflichtig – besteigen und die Aussicht von ganz oben genießen. Bei unserem Besuch im Juli ist es entweder coronabedingt oder der Bauarbeiten wegen geschlossen.

„Ich kenne den Herkules eigentlich nur mit Baugerüsten“, hören wir im Vorbeigehen jemanden erzählen, der offensichtlich einen Gast herumführt. „Immer nur zur Dokumenta wird alles abgebaut, damit die Touristen Fotos machen können.“

Auf unsere Fotos kommt folglich Baugerüst mit drauf. Macht nichts. 2021 sollen die Bauarbeiten am Oktogon einem Schild zufolge abgeschlossen sein.

kassel wilhelmshoehe herkules mit kindern

Bloggernachwuchs unter Herkules an Baugerüst.

Das „Riesenschloss“ feiert in seiner dreistöckigen Bauweise die Entwicklung vom Natürlichen zur künstlichen Architektur, lernen wir (indem wir bei Wikipedia nachlesen). Das aus Tuffstein erwachsende Schloss soll die Quelle symbolisieren, die bei den historischen Wasserspielen hier künstlich entspringt.

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Ohne Wasserspiele tröpfelt hier überall nur ganz wenig Wasser.

Sobald wir das Oktogon umrunden, kommt endlich auch die volle Pracht des Bergparks in Sicht. Wir befinden uns hier am höchsten Punkt der Anlage. In der Zeit von 1701 bis 1717 entstanden erst das „Riesenschloss“ und dann der Herkules als Krönung. Der Berg, auf dem das Bauwerk steht, ist der Karlsberg, 526 Meter hoch. Benannt ist der Hügel im Nachhinein nach Landgraf Karl von Hessen-Kassel, dem Bauherrn der gesamten Anlage. Über die gerade Sichtachse blicken wir direkt auf das Schloss Wilhelmshöhe und weiter über die ganze Stadt Kassel.

kassel wilhelmshoehe herkules von oben

Was für eine Aussicht!

Herkules mit Baby – Was mich echt geärgert hat

Über viele Treppenstufen geht es von hier aus den Berghang hinunter. An mehreren größeren Absätzen gibt es einzelne Wasserbecken und Grotten, in denen Figuren der griechisch-römischen Mythologie zu finden sind.

Wir haben die Wahl, direkt die Treppen hinunter zu laufen, oder den Serpentinenweg außenrum zu nehmen, der auch für den Kinderwagen geeignet ist. Da unser Baby heute in der Trage sitzt, sind wir flexibel.

Zuerst schlagen wir den schattigeren Weg ohne Stufen ein. Leider aber riecht es dort auf den ersten Metern zwischen den Bäumen widerlich stark nach Urin. Dass das keine Einbildung ist, belegen zahlreiche hinterlassene Taschentücher – und ein männlicher Spaziergänger, der wenige Meter hinter uns am Wegrand stehen bleibt und seelenruhig in die Landschaft pinkelt. Keine 400 Meter vom Besucherzentrum mit seinen öffentlichen Toiletten entfernt. Ich bin echt sauer und ärgere mich im Nachhinein, dass ich ihn nicht angezählt habe.

Das Baby stille ich also im Stehen. Hinsezten mag ich mich hier im Schatten nämlich nirgendwo, und die Treppenstufen sind alle in der knallenden Mittagssonne. Meine Stimmung ist kurzzeitig im Eimer.

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Das hier ist schon ein paar Meter tiefer im Wald, aber es zeigt die Problematik auf Höhe der Kaskade: Wer hier muss, muss wegen der Steigung nah am Weg bleiben. Da viele meinen, so dringend zu müssen, dass sie es nicht zurück zum nahen Besucherzentrum schaffen, riecht man das sehr.

Die Kaskade

Aber weiter im Text in Sachen Sehenswürdigkeit (wobei auch die Pipi-Problematik etwas ist, das reisende Familien bestimmt gern vorher wissen möchten).

Wir schlendern nun die sonnigen Stufen Absatz für Absatz hinunter. Ab und zu „tanken wir Schatten“ zwischen den großen Steinen und in den kleinen Grotten. Da wir uns gleichzeitig von den anderen Besuchern fernhalten wollen, gleicht das heute einem Tanz auf Abstand (bei dem ich häufig das Fotografieren vergesse).

kassel wilhelmshoehe herkules apollon

Apollon ist einer von mehreren Bewohnern des Kaskadenbauwerks.

Als erstes kommt die Vexierwassergrotte. Den merkwürdigen Namen schlage ich extra nach, denn Vexiere kenne ich bisher nur als Geduldspiele, bei denen es verschlungene Knoten und feste Bestandteile zu entwirren gilt. Mit dem Vexierwasser am Herkules ist es im weitesten Sinne ebenso. Es spritzt kreuz und quer unverhofft aus dem Boden. Wer nicht aufpasst, wird nass – an diesem Tag nicht unwillkommen.

kassel wilhelmshoehe herkules artischockenbecken

In der Grotte habe ich leider keine Fotos gemacht. Das hier ist das Artisckenbecken.

Eigentlich wäre auch Pans Flöte hier zu hören. Die Wasserorgel wird jedoch derzeit renoviert und soll 2021 wieder in Dienst genommen werden.

Als nächstes kommt das Artischockenbassin, dann das Riesenkopfplateau. Überall lassen sich kleine Entdeckungen machen. Im untersten Becken, dem Neptunbassin, schwimmen sogar Goldfische in der sommerlich-grünen Brühe.

kassel wilhelmshoehe herkules goldfische

Reinfallen möchte man hier lieber nicht.

Insgesamt überwindet die Kaskade knapp über hundert Höhenmeter. Wer die Stufen ins eins wieder hochtrappst, kommt gut ins Schwitzen.

kassel wilhelmshoehe herkules von unten

Die Treppen sind lang, aber durchaus machbar.

Die Wasserspiele

All die architektonische Pracht ist trocken freilich nur halb so viel wert wie nass. Erbaut ist das alles als Kulisse der extravagantesten Wasserspiele des 18. Jahrhunderts. Nicht nur Besucher sollen über die vielen Treppenstufen nach unten steigen, vor allem auch beeindruckende Wassermassen. Über die geschwungenen Wege legen diese mehr als 400 Meter zurück, bevor sie schließlich bei den Goldfischen landen (und anschließend wieder in ihre unterirdischen Speicher gepumpt werden, nehme ich an – wobei, da muss ein Denkfehler drin sein, wegen der Fische, aber die technische Seite der barocken Ingenieurskunst recherchiere ich jetzt nicht auch noch, da verweise ich einfach nur auf den Wikipedia-Artikel .

kassel wilhelmshoehe herkules nach unten

Das muss schon schick aussehen, wenn es hier überall rauscht und plätschert!

Normalerweise gibt es das große Schauspiel der Wasserkünste von Anfang Mai bis Anfang Oktober täglich um 14.30 Uhr zu sehen. Im Sommer gibt es manchmal auch Abendvorstellungen, bunt illuminiert. Der Eintritt ist frei. Da das Spektakel regelmäßig mehrere tausend (!) Besucher anlockt, ist es im Jahr 2020 coronabedingt leider komplett ausgesetzt.

kassel wilhelmshoehe herkules mit teich

In der untersten Grotte verschwindet Neptun dann hinter einem Wasservorhang.

Einen umfassenden Erfahrungsbericht – inklusive Beweisfotos, wie voll es bei der Gelegenheit wird – hat Crisha in ihrem Reiseblog das-Crisha. Noch eindrucksvoller beschreiben es Monika und Petar von TravelWorldOnline (sodass ich meinen ursprünglichen Wunsch, auf jeden Fall das nächste Mal in Kassel einen Besuch zur Wasserspielzeit einzuplanen, gleich wieder streiche).

Der Bergpark

Als Landgraf Karl von Hessen-Kassel Ende des 17. Jahrhunderts auf die Idee kam, den Berghang vor seinem Schloss in einen prestigeträchtigen Landschaftspark zu verwandeln, schwebte ihm ein noch großartigerer Komplex vor. Bis hinunter zum Schloss Wilhelmshöhe sollte die Kaskade reichen.

kassel wilhelmshoehe herkules landschaftspark

Von unten aus gesehen endet die barocke Kaskade vielleicht doch ein bisschen abrupt im romantischen Landschaftsgarten.

Da seine Visionen größer waren als sein Budget, ist es bei etwa einem Viertel der Strecke geblieben. Den unteren Teil des Bergparks füllten seine Nachfolger dann mit einem englischen Landschaftspark. Das passt zwar eigentlich überhaupt nicht zum barocken Grundgedanken weiter oben, ermöglicht aber manchen netten Spaziergang.

Wir laufen an diesem Tag nur von der Kaskadenwirtschaft direkt am Neptunbassin bis zum Felseneck. Das ist ein kleiner, steinerner Pavillon, der wohl einst als nobler Picknickplatz gedient hat. Auch wir picknicken hier (wenig nobel), ärgern uns währenddessen aber wieder über Pipi-Taschentücher in Sichtweite.

kassel wilhelmshoehe herkules pavillon

Der Pavillon lädt zu einer Pause ein (und leider offenbar auch zum Dahinterpinkeln).

Wesentlich mehr Zeit genommen für den Park an sich hat sich meine Blogger-Kollegin Steffi von Travel Moments. Witzig: Sie war an ganz anderen Ecken unterwegs, in ihrem Bericht erkenne ich kein einziges Foto wieder!

Wandern rund um den Herkules

Uns reicht es an diesem Punkt mit Park und Leuten (und deren Hinterlassenschaften). Ein bisschen Zeit haben wir aber noch für unsere Pause im Grünen. So entscheiden wir uns für eine kleine Runde raus aus dem Zentrum der Landschaftsarchitektur, rein in den Wald.

kassel wilhelmshoehe herkules einkehren

Eine Viertelstunde warten wir vorher noch in der Schlange vor der Kaskadenwirtschaft, wo aus dem Fenster heraus in unglaublich langsamem Tempo Eis am Stiel verkauft wird. Auch der Biergarten hat hier wieder geöffnet, aber Tische sind rar.

Wir laufen zum Asch, einem kleinen See. Der liegt ein ganzes Stück abseits des Trubels. Das heißt allerdings noch lange nicht, dass es hier völlig natürlich zugeht. Alle Wasserläufe hier am Karlsberg sind der Wasserkunst unterworfen. Der Asch war ursprünglich ein viel kleinerer Waldsee, der als Reservoir für einen – nie verwirklichten – Wasserfall dienen sollte. Dazu wurde ihm ein kanalartiger Zulauf gebaut, über den ihm das eisenhaltige Grubenwasser einer nahegelegenen (längst stillgelegten) Zeche zugeführt wird.

kassel wilhelmshoehe wasserkunst asch

Kleine wie große Kinder animieren die künstlichen Wasserläufe zum Spielen. Die ganze Anlage erinnert mich ein bisschen an eine Murmelbahn.

Uns gefällt es hier trotzdem sehr. Über einen steilen und nun wirklich natürlich wirkenden Wanderweg laufen wir schließlich zum Parkplatz zurück. Dabei kommen wir auch noch am „kleinen Herkules“ vorbei. Der war gewissermaßen ein Probebau auf dem Gipfel des Karlsbergs, bevor man sich doch für die Achse zum heutigen Oktogon entschied. Am „kleinen Herkules“ gibt es heute nur noch ein paar Felsblöcke zu sehen, die der Wald schon fast vollständig wieder reintegriert hat.

kassel wilhelmshoehe waldsee asch

Am Ufer des Aschsees. (Vom kleinen Herkules habe ich kein Foto, da sich dort mehrere Leute drängten und ich für ein Foto von ein paar überwucherten Felsblöcken nicht anstehen wollte. Am See waren wir hingegen ganz alleine.)

Wer mehr Zeit hat, kann von hier aus freilich richtig schöne Wanderungen unternehmen, stelle ich mir vor.

kassel wilhelmshoehe wandern mit kindern

Der Wanderweg zurück zum Parkplatz und vorbei am „kleinen Herkules“ ist echt schön (aber nicht kinderwagentauglich).

Mehr über Kassel mit Kindern

Wir selbst haben in der Gegend leider noch nicht viel erkundet. Aber die Kollegen von Travelisto sind rund um Kassel häufiger unterwegs. Andi und Jenny haben Ideen für Kassel mit Kindern im Sommer und außerdem einen „Testbericht“ über Grimms Märchenwelt im Blog.

Grüne Pause in Autobahnnähe

Dieser Beitrag ist Teil meiner Reihe „Grüne Pausen“. Dabei sammele ich Orte, die nicht weit von der nächsten Autobahnauffahrt liegen und sich auf dem Weg in den Urlaub prima für eine Unterbrechung langer Autofahrten mit Kindern (oder auch ohne) eignen. „Hauptwerk“ der Aktion ist der Roundup-Blogpost „Grüne Pausen an der Autobahn – 8 Reiseblogger verraten ihre Tipps“. Wink mit dem Zaunpfahl an alle Reiseblogger und auch ganz normalen Leser: Ich nehme sehr gerne weitere Tipps entgegen!

gruene pausen family4travel roundup beitragsbild roundup

 

Alle bisher eingereichten sowie meine selbst recherchierten grünen Pausenorte deutschlandweit sind auf dieser GoogleMaps-Karte zu finden: klick.

Der Bergpark am Herkules in Kassel-Wilhelmshöhe befindet sich acht Kilometer von der Autobahnauffahrt Kassel-Wilhelmshöhe an der A44 entfernt. Bei normaler Verkehrslage braucht man von der Abfahrt bis zum Parkplatz gut zehn Minuten.

Mehr Ausflugsziele in Deutschland

Über 140 Reise- und Ausflugsziele in Deutschland gibt es hier im Blog. Nach Bundesländern geordnet findet ihr sie in diesem Beitrag: Familienurlaub in Deutschland – unsere geballten Tipps. Anschaulich auf der Deutschlandkarte verlinkt sind sie hier bei GoogleMaps (klick).

Familienurlaub in Deutschland

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