Archiv der Kategorie: Passiv-Reisen

Miniaturwunderland Hamburg: Wo sich Eisenbahnen, Feen und Aliens treffen und wir an einem Tag um die Welt gereist sind

Dienstag in Deutschland* – Von Hamburg nach Amerika sind es nur wenige Schritte. Die Alpen lassen sich bequem über ein paar Treppenstufen besteigen. Und von dort aus ist es ein Katzensprung bis in den hohen Norden Skandinaviens. Wenn die Welt auf den Modellbau-Maßstab H0 schrumpft, lässt sich der Round-the-World-Trip an einem Vormittag erledigen. Wir haben uns etwas mehr Zeit genommen für das Miniaturwunderland in Hamburgs Speicherstadt – und trotzdem garantiert nicht alles gesehen. Ein ausführlicher Erfahrungsbericht von einem Familienausflug ins MiWuLa.  

Es brennt! Wie gut, dass die Feuerwehr in Knuffingen von der schnellen Truppe ist. (A house is on fire - but "Knuffingen"'s fire brigade is quick to fight it.)
Es brennt! Wie gut, dass die Feuerwehr in Knuffingen von der schnellen Truppe ist. (A house is on fire – but „Knuffingen“’s fire brigade is quick to fight it.)

Früh auf der Matte stehen, möglichst nicht am Wochenende – das war der eindringliche Tipp, den wir immer wieder gehört haben. Seit das MiWuLa Zeitfenster-Tickets eingeführt hat, ist das Gedränge zwar nicht mehr so übel, wie es vor Jahren wohl gewesen sein muss. Trotzdem eignet sich ein schulfreier Freitagmorgen perfekt für eine Passiv-Weltreise en miniature. Im Internet haben wir das allererste Zeitfenster gebucht: gleich morgens um halb zehn. Pünktlich um sieben verlassen wir das Haus und brausen auf der Autobahn gen Norden – bis uns eine Vollsperrung böse ausbremst. Nach kurzer Zeit ist klar: Bis spätestens halb elf schaffen wir das nicht. Jeweils eine Stunde lang gewährt das Ticket-System Einlass, danach verfällt die Karte. Sie kann im Vorfeld übers Internet beliebig oft umgebucht werden, aber hier im Nirgendwo mag mein Handy nicht online gehen. Zum Glück steht eine Telefonnummer auf dem Ticket. Ein sehr freundlicher junger Mann beruhigt mich: Wir dürfen kommen, wann immer wir es schaffen. Er schreibt sich unseren Namen auf, und sie Sache ist geritzt.

Als wir es endlich in die Speicherstadt geschafft haben, läuft alles wie am Schnürchen. Wir bekommen einen Parkplatz direkt vor der Haustür (1 Euro pro Stunde). Das Gebäude mit dem MiWuLa-Schild am Eingang wirkt nicht sehr einladend, und einen Augenblick fragen wir uns, ob wir hier wirklich richtig sind. Dann aber findet Janis die Pfeile, wir steigen ein paar Treppen hinauf, durchqueren einen Flur und haben es schließlich in den Eingangsbereich der weltweit größten Modellbahnanlage geschafft. Obwohl der Vormittag mittlerweile fortgeschrittenen ist, ist die Schlange kurz. Wie versprochen haben wir keine Probleme am Einlass. Wir packen Jacken und Rucksack in ein Schließfach, eisen die Jungs von taktisch klug platzierten Shop-Angeboten los und betreten ein Wunderland, das seinen Namen verdient.

Die Spotlights deutscher Geschichte sorgen mit ihrer detailgenauen Darstellung für Gänsehaut. (The showcases of German history are so historially correct that it hurts - in all the right ways.)
Die Spotlights deutscher Geschichte sorgen mit ihrer detailgenauen Darstellung für Gänsehaut. (The showcases of German history are so historially correct that it hurts – in all the right ways.)

Die ersten Vitrinen, die uns magisch anziehen, sind die, die sich nachher als „Peanuts“ herausstellen – allerdings nur für die, die Superlative am Materialverbrauch messen. Auf je einem Quadratmeter erleben wir hier deutsche Geschichte von der Steinzeit bis in die Gegenwart. „Da sind Jäger und Sammler!“ ruft Janis entzückt. Nur einen Schritt weiter hat sich das Nomadenlager bereits zu einer Siedlung aus Holzhütten weiterentwickelt. „Ah, guck, jetzt haben sie einen Hafen gebaut!“ entdeckt Silas sofort. Den dazugehörigen Überblick über die jeweiligen Epochen deutscher Kulturgeschichte gibt es über Kopfhörer, verständlich erzählt und immer in Bezug auf das, was zu sehen ist. Alleine in diesem Teil der Ausstellung könnten wir den ganzen Tag verbringen. Durch das Mittelalter und die Renaissance arbeiten wir uns in die Neuzeit vor. Kirche, Burg und Stadtmauer entstehen und verändern sich im Laufe der Zeit. Wir entdecken Martin Luther, der seine Thesen an die Kirchentür nagelt und damit ein Zeitalter der Religionskriege erweckt. Auf der Burg lösen Musketiere die Ritter ab und weichen Burschenschaften, dann der Hitlerjugend, einem Lazarett im zweiten Weltkrieg und schließlich Touristen. Fabriken entstehen und verändern sich, und auch vorm Rathaus herrscht immer ein reger Wandel. „Sah das wirklich sooo schlimm aus, hinterher?“ fragt Janis betroffen, als wir an die Nachkriegs-Vitrine herantreten und all die zerbombten Häuser betrachten. Auch hier überwältigt uns die Liebe zum Detail, die bis hin zu den Vermisstengesuchen an den Hauswänden reicht. Ich bin so bewegt, dass ich die Tränen zurückblinzeln muss. Es sind nur kleine Plastikfiguren, aber sie verkörpern den Lauf der Geschichte perfekt. Einen besonderen Reiz machen für uns die Dioramen der geteilten Stadt aus. Denn dass Papa „mitten in Deutschland“ in einem anderen Land aufgewachsen ist, das es heute nicht mehr gibt, stellt für die Jungs immer noch ein Mysterium dar. Als wir die Wiedervereinigung durchlebt haben und endlich in der gegenwärtigen Moderne angekommen sind, hat sich das Eintrittsgeld für uns gefühlt bereits voll rentiert.

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„Was machen wir jetzt?“ fragt Silas und will schon den Weg zum Ausgang einschlagen. „Jetzt gucken wir uns das richtige Miniaturwunderland an“, sagt Martin, und beide Jungs bekommen große Augen. Dass das bisherige Erlebnis nur der Vorgeschmack war, begreifen sie erst, als wir schließlich vor den wahrhaft riesigen Modellbauanlagen stehen. Inzwischen ist es voll geworden, und wir beschließen, mit dem Rundgang ganz hinten in Skandinavien zu beginnen. Es ist schwer, dort anzukommen, ohne sich von den Wundern auf dem Weg dorthin ablenken zu lassen. Aber der Plan geht auf, hier haben wir freie Sicht auf Lapplands Eisenerzmiene in Kiruna, ein schwedisches Winterwunderland und Pippi Langstrumpf vor der Villa Kunterbunt. „Ah, da sind ja auch die Züge!“ fällt unserem kleinen Eisenbahn-Freak auf, der sie bisher nicht mal vermisst hat. Und wirklich, hier ist alles in Bewegung. Die kleinen Züge wuseln über die Platte, die fast den gesamten Speicherboden einnimmt. Auch kleine Autos fahren scheinbar völlig selbstständig, und ein paar Meter weiter tuckert die AIDA majestätisch durch den Oslo-Fjord.

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Nun gibt es für die Jungs kein Halten mehr. Aufgeregt stürzen sie von Geländer zu Geländer, setzen auf Knopfdruck die Schiffschleuse, den tanzenden Troll und das Bergwerk in Bewegung. „Mama, boah, guck mal hier! Hast du die Feen gesehen? Und guck mal, Mama, guck mal, was passiert, wenn ich hier drücke! Und Mama, guck mal hier!“ Ihre Stimmen überschlagen sich vor Begeisterung. Sie sind klein genug, um auch die vielen Überraschungs-Ansichten „unter Tage“ zu entdecken – Atlantis beispielsweise, das offenbar nicht weit von der Öresund-Brücke entfernt versunken ist. Auch die überirdischen Dinge haben sie aber gut im Blick, denn extra für die Kleinen gibt es überall Trittbänke.

Wie das Miniaturwnderland Kindern im Grundschulalter gefällt? Genau so! (Wondering how children like the Miniature Wonderland in Hamburg? This is how!)
Wie das Miniaturwnderland Kindern im Grundschulalter gefällt? Genau so! (Wondering how children like the Miniature Wonderland in Hamburg? This is how!)

„Da waren wir schon, Mama! Mama! Da waren wir schon, da kann ich mich noch dran erinnern! Genau da hab ich gesessen und hab mir das Bild von dem Boot angeguckt!“ Janis hat die Darstellung der bronzezeitlichen Felsritzungen von Tanum entdeckt. Als wir dort waren, haben wir zwar weder eine Fee noch ein Einhorn gesehen – aber es ist unverkennbar derselbe Ort.

Ach guck, da waren wir schon! Die Felsritzungen von Tanum in Schweden. (A pleace we recognized from the real visit: the carvings of Tanum, Sweden.)
Ach guck, da waren wir schon! Die Felsritzungen von Tanum in Schweden. (A pleace we recognized from the real visit: the carvings of Tanum, Sweden.)

Knurrende Mägen machen uns darauf aufmerksam, dass die Mittagszeit schon fast vorbei ist. Das Bistro überrascht uns mit einem breit gefächerten Angebot, das über Pommes und Chicken Nuggets weit hinausgeht. Für schmale 6 Euro bekomme ich ein Kartoffelgratin mit knackigem Gemüse, von dem ich gut satt werde. Die Jungs sind mit ihren Nudeln mit Tomatensoße ebenfalls vollauf zufrieden. Das Essen „im Zug“ ist für sie ein besonderes Erlebnis.

Selbst die Mittagspause im (guten!) Bistro ist ein Erlebnis für sich. (Even the lunch break in the train look-alike restarant is an experience of its own.)
Selbst die Mittagspause im (guten!) Bistro ist ein Erlebnis für sich. (Even the lunch break in the train look-alike restarant is an experience of its own.)

Und immer wieder fällt mir auf: Das Personal ist so freundlich! Service wird im ganzen MiWuLa groß geschrieben. Es gibt abschließbare Akku-Ladestationen, und wenn die Speicherkarte voll ist, gibt es am Info-Desk Ersatz.

Weiter geht die Entdeckertour, und was wir an den insgesamt acht großen Anlagen alles zu sehen kriegen, spottet jeder Beschreibung. Mit Knuffingen fing alles an, im Jahr 2000. In der Fantasie-Stadt tobt – wie überall – das pralle Leben. Feuerwehren rasen zum Einsatzort: Ein Wohnhaus steht in Flammen! Im Biergarten prostet man sich währenddessen unbeeindruckt zu. Am Knuffingen Airport erheben sich Flieger (gestützt von Metallstangen) in die Lüfte und verschwinden mit lautem „Motorengeknatter“ hinter einem „Wolken“vorhang. Janis fasziniert das Geschehen so sehr, dass er eine geschlagene Stunde vor der Start- und Landebahn campiert, und er lacht sich kringelig, als plötzlich eine Riesenhummel in Landeanflug geht. Die Alpen sind mehrgeschossig, und auch hier gibt es wahnsinnig viel zu entdecken. Da tuckert der Glacier-Express, dort fährt die Seilbahn, hier grasen Kühe auf der Alm – und eine von ihnen ist lila. Unter eine Prozession von Nonnen haben sich Pinguine gemischt. Und als ich in eine unscheinbare kleine Höhle linse, leuchtet mir ein Drachenauge entgegen.

Selbst in miniature sind die Schweizer Alpen riesig! (Even the miniature Swiss alps are huge!)
Selbst in miniature sind die Schweizer Alpen riesig! (Even the miniature Swiss alps are huge!)

In Mitteldeutschland kugeln sich die Jungs über das Mini-Kind, das aus dem Häuschen mit dem Herzchen an der Tür tritt und versehentlich eine Rolle Klopapier hinter sich herzieht. Dem Mini-Papa sieht man an, dass ihm die Sache unheimlich peinlich ist. Die größte Dichte der skurrilen Geschichten bieten die Bürofenster der Elbphilharmonie, die auf dem Hamburg-Panel schon fix und fertig aufgebaut ist: Ganz oben vergnügt sich der Geschäftsführer mit der Personalchefin (so interpretiere ich das mal, um nicht das leidige Sekretärinnen-Klischee bedienen zu müssen), nebenan feiern zweifelhaft kostümierte Gestalten eine Fetisch-Party (praktischerweise so weit oben, dass uns ein „Was machen die da?“ von der Fußbank-Fraktion erspart bleibt). Ein Angestellter lebt einen Anfall von Zerstörungswut an seinem Rechner aus, eine Dame hat eine wilde Auseinandersetzung mit dem Kaffeeautomaten. „Warum sitzt der denn da mit dem nackigen Hintern auf dem Kopierer?“ kräht Silas plötzlich. Oh, so ganz ohne Erklärungen kommt man dann doch nicht aus.

Nightlife.
Nightlife.

Alle 15 Minuten setzt die Dämmerung ein, und das Wunderland verwandelt sich in ein Lichtermeer – ein besonders beeindruckendes Schauspiel in Las Vegas. Hier kleben die Jungs vor der Szene mit der Schießerei – bis sie die Aliens von Area 51 entdecken. So geht es weiter, von einer Sensation zur nächsten, und immer wieder stolpern wir über überraschende Aussichten, die uns zum Lachen bringen. Als Janis kurz vor Toresschluss ziemlich erledigt in einen der Zugsitze sinkt, verkündet er gähnend: „Das war schon ein ziemlich cooles Weihnachtsgeschenk, Mama. Ich glaub, das wünsche ich mir nächstes Jahr wieder.“

Das Miniaturwunderland liegt am Kehrwieder 2 in Hamburg. Die Öffnungszeiten variieren täglich und dann auch noch nach Jahreszeit, und da sich ohnehin die Buchung der Zeitfenstertickets empfiehlt, sollte man das ganze hier erledigen. Familientickets gibt es nicht; Erwachsene zahlen 12, Kinder unter 16 zahlen 6 Euro. Wer kleiner als einen Meter misst und seine Eltern dabei hat, braucht nichts bezahlen. Wichtig: Für Babys Tragetuch mitnehmen – Kinderwagen sind immer im Weg! 44 Parkplätze sind direkt vor der Tür für einen Euro pro Stunde zu haben; wer keinen mehr abkriegt, muss in eins der nahe gelegenen Parkhäuser ausweichen.

PS: Was wir in Hamburg sonst so getrieben haben, hat Silas hier in eigenen Worten erzählt.

PPS: Noch mehr Erfahrungsberichte von Familien im MiWuLa gefällig? Reisebloggerin Mrs.Berry war vor einiger Zeit ebenfalls mit ihrer Tochter dort unterwegs und hat hier darüber berichtet.

Passiv-Reise nach Warschau, Polen

Drei Tage lang haben wir Marcin mit seinen Kindern Kasia (9) und Wojtek (4) bei uns zu Gast gehabt. Die polnischen Sommerferien sind lang – acht Wochen – und da Marcin und seine Frau Ania beide arbeiten, nehmen sie ihren Urlaub abwechselnd. Die Kinder freuen sich, dass sie nach zwei Wochen polnische Ostseeküste mit Mama jetzt auch noch zwei Wochen Couchsurfing-Abenteuer in Deutschland und den Niederlanden mit Papa erleben.

Für unsere Jungs kündigt sich der Besuch auf die übliche, unwillkommene Weise an: Sie müssen ihre Zimmer aufräumen. Das von Janis muss besonders picobello aussehen, denn hier werden zumeist die Couchsurfer einquartiert. Janis weicht solange in die ausziehbare Betthälfte von Silas aus. „Besonders picobello“ erweist sich mal wieder als synonym mit „Mach bloß keine Schranktüren auf, sonst fällt dir alles entgegen!“. Aber für mehr bleibt so kurz vor unserer eigenen Abfahrt in den Urlaub keine Zeit. Und sowieso, sollten die Gäste tatsächlich auf die Idee mit dem Schränkeöffnen kommen, wird ihre Neugier eben prompt bestraft.

Marcin und seine Kinder haben an diesem Tag den ganzen weiten Weg von Warschau nach Schaumburg zurückgelegt und sich zwischendurch noch die Wolfsburger Autostadt angesehen. Kein Wunder, dass die beiden Kurzen fix und alle sind. Nachdem Kasia und Wojtek friedlich in Janis’ Bett schlummern, haben wir und Marcin aber genügend Zeit für das erste von vielen interessanten Gesprächen.

Polnischer Besuch punktet freilich weniger auf der Exotik-Skala. Und so stellt sich schnell heraus, dass Marcin und wir ganz ähnliche Auffassungen vom Leben haben und uns dieselben Sorgen umtreiben. Marcin schimpft auf das polnische Schulsystem, das nur auf individuelle Leistung zielt und keinen Raum für die Entwicklung von Teamgeist und die eigene Persönlichkeit lässt. Wir lachen, obwohl das Thema eigentlich traurig ist, weil genau diese Zustände in Deutschland uns dazu bewogen haben, unsere Kinder auf die Waldorfschule zu schicken.

Als ich am nächsten Morgen die Treppe heruntergetorkelt komme und mir den Schlaf aus den Augen wische, sitzt Wojtek schon mit Janis und Silas zwischen sämtlichen Playmobil-Rittern auf dem Fußboden. Silas erklärt ihm gerade, wie man die Kanone abschießt. Irgendwann zwischen sechs und halb sieben müssen die beiden Freundschaft geschlossen haben.

The dinosaur tracks of Obernkirchen are special enough to show to every couchsurfer.
The dinosaur tracks of Obernkirchen are special enough to show to every couchsurfer.

Nach dem Frühstück sehen wir uns gemeinsam die Dinosaurierspuren auf dem Bückeberg an. Nicht, dass Schaumburg so wenig zu bieten hätte, dass wir immer dasselbe vorzeigen müssen, aber Dinos ziehen bei kleinen Jungs natürlich immens. Damit auch Kasia auf ihre Kosten kommt, sehen wir uns im Anschluss das Bückeburger Schloss an – wahrhaft ein Ort für jede Prinzessin. Wir schlendern durch den Schlosspark und versacken im Park-Café. Während Marcin und ich übers Reisen philosophieren, toben sich die Kinder gleich nebenan auf dem kleinen Spielplatz aus.

The Castle of Bückeburg is a beautiful place.
The Castle of Bückeburg is a beautiful place.

„Spätestens nach einer Weile, wenn man schon ein bisschen in Europa herumgekommen ist, kommt es doch auf die Sehenswürdigkeiten gar nicht mehr an“, sagt Marcin und spricht mir damit aus der Seele. „Noch eine Burg ist nur noch eine Burg. Aber die Menschen, die man beim Couchsurfing trifft, die sind jedes Mal wieder ganz anders und immer interessant.“ Das Bückeburger Schloss sei hübsch, bescheinigt er, und so viele verschiedene urzeitliche Fußspuren auf einem Haufen habe er in der Tat noch nie gesehen. „Aber viel mehr interessiert mich, ehrlich gesagt, eure Küche.“

The footprint of a triceratops. Not as interesting as our kitchen, says Marcin.
The footprint of a triceratops. Not as interesting as our kitchen, says Marcin.

Hier bereitet Marcin am Abend der guten alten Couchsurfing-Tradition entsprechend ein Abendessen für uns zu. Er ist nicht so der Koch und nimmt die Hilfe seines Tablets sowie die von Uncle Ben in Anspruch, aber was nachher auf dem Tisch steht, schmeckt uns durchaus gut. Die Technik, die er auf dem Weg dorthin nutzen muss, fasziniert ihn. Er bewundert die Weitsicht, die Spülmaschine erhöht einzubauen, zeigt sich beeindruckt von der Dunstabzugshaube und bestaunt das Wunder des Induktionsherds. Dass Deutsche so viel Geld für ihre Küche ausgeben und im Gegenzug lieber auf einen Flachbildfernseher verzichten (oder in unserem Fall sogar auf einen Fernseher generell), kann er nicht verstehen. Dabei finden wir sein Haus in der Warschauer Vorstadt ebenso sehenswert, als er uns am Computer Bilder davon zeigt. Irgendwann, beschließen wir, müssen wir unbedingt zum Gegenbesuch vorbeikommen.

 

Diesen Eintrag meines Reise-Tagebuchs habe ich am 8. August 2013 verfasst.

Passiv-Reisen nach Korea

Reisen hat nicht immer unbedingt damit zu tun, möglichst viel Strecke zwischen sich und seinen Wohnort zu bringen. Gerade beim Couchsurfen ist Hosten – also anderen Menschen gratis eine Übernachtungsmöglichkeit zu bieten – immer ein bisschen so, als werde einem der Urlaub nach Hause gebracht. Passiv-Reisen. Man entdeckt die Welt, ohne sich vom Fleck zu bewegen.

Kürzlich haben wir auf diese Weise exotische Gefilde entdeckt: Unsere Gäste kamen aus Südkorea.

Da bei Europäern offenbar keinerlei Hoffnung besteht, sich koreanische Namen zu merken oder sie auch nur annähernd korrekt auszusprechen, hatte sich die Familie westliche Vornamen zugelegt. Vater Ivan arbeitet für ein paar Jahre in Weißrussland, seine Frau Anna, Tochter Soyoon und den kleinen Andruscha hat er natürlich mitgenommen. Von dort versuchen sie so viel Europa zu erkunden wie möglich, und so ging es diesen Sommer nach Berlin und Paris – mit Zwischenstopp in Schaumburg.

Anna from Korea couchsurfed with us together with her family - and she prepared a delicious Korean stew for us.
Anna from Korea couchsurfed with us together with her family – and she prepared a delicious Korean stew for us.

Die meisten Couchsurfer nehmen die Sache mit dem Kulturaustausch ernst und geben sich Mühe, ihren Gastgebern ein Stückchen Lebensart aus ihrem Heimatland mitzubringen. Nachdem Anna und ihre Familie sich in einem der Kinderzimmer häuslich eingerichtet hatten, begleitete ich sie als erstes in den Supermarkt. Sie kaufte Zwiebeln, Knoblauch, Weißkohl, Karotten, Kartoffeln, Zucchini, Äpfel, Champions, Paprika, Hähnchen und Reis. Und es macht immer wieder Spaß, einen ganz normalen deutschen Supermarkt durch die Augen eines ausländischen Touristen zu sehen. Warum muss man das Gemüse in diese Plastiktüten packen, und wieso dürfen sich Zucchini und Paprika die Tüte nicht teilen? Warum gibt es in Deutschland –zig Sorten Reis, obwohl er in unseren traditionellen Gerichten kaum vorkommt und selbst die koreanischen Viel-Reis-Esser mit zwei, drei Sorten auskommen?

The family even brought their own rice cooker, a very foreighn sight for us.
The family even brought their own rice cooker, a very foreighn sight for us. Janis was fascinated.

Zu Hause war die Freude groß, als Anna ihren original Hightech-Reiskocher inklusive koreanischer Schriftzeichen auspackte, der sich farblich auch noch wunderbar harmonisch in unsere Küche einfügte. Außerdem kamen aus ihren Taschen Sojasoße, Sesamöl und eine typische Gewürzmischung zum Vorschein. Gemeinsam schnippelten wir das Gemüse (in Dreiecke, wenn immer möglich), während wir uns über Staatenteilung im Allgemeinen und in unseren Ländern im Besonderen unterhielten, über Bildungspolitik, Entwicklungshilfe und das Verhältnis zu unseren Schwiegermüttern. Unsere Kinder spielten derweil im Garten und brauchten wie gewöhnlich kaum auf ihre rudimentären Englischkenntnisse zurückgreifen, um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.

Silas and Andrewsha didn't need a common language to play.
Silas and Andrewsha didn’t need a common language to play.

Am Ende ergaben alle Zutaten zusammen ein köstliches Gericht. Da Anna daran dachte, eine zweite Pfanne ohne scharfe Gewürze zuzubereiten, waren auch unsere Jungs von dem Ergebnis durchaus angetan (na ja, abgesehen von dem Fauxpas, als Janis laut „Bäh!“ rief und sich schüttelte, als er auf einen Pilz biss – aber nachdem er die Champions aussortiert hatte, verlangte er gleich Nachschlag).

Korean ingredients in my kitchen - what a sight! :)
Korean ingredients in my kitchen – what a sight! :)

Zum Frühstück gab es dann typisch deutsche Brötchen und typisch deutsches Mett, welches Anna immerhin probierte (aber mal ehrlich – rohes Fleisch zu essen, IST durchaus leicht barbarisch, oder?). Und zum Abschied bekamen wir einen Handspiegel mit Perlmutbesatz in einem traditionellen koreanischen Beutelchen mit traditionellen Knoten-Ornamenten und einen Bambusfächer.

(Vorher war natürlich noch Sightseeing bei den Obernkirchener Dino-Spuren angesagt, aber davon schwärme ich demnächst in einem anderen Beitrag…)