Was ein „leeres“ Museum doch alles erzählen kann (in Minden, Deutschland)

Pim der Pelikan ist im Moment ein bisschen einsam. Das MiMu – das Mindener Museum – ist fast drei Jahre lang aufwändig saniert worden. Die Wiedereröffnung ist mittlerweile zwar schon etwas her, und es hat auch schon wieder einige erfolgreiche Sonderausstellungen gegeben. Bis eine völlig neu konzeptionierte Dauerausstellung einzieht, sind viele Räume der Häuserzeile in der Ritterstraße aber immer noch – leer.

Und hier kommt Pim der Pelikan ins Spiel. Der ist nämlich nie weg gewesen, weil er in der Fassade der frühneuzeitlichen Häuserzeile mit den hübschen Weserrenaissance-Merkmalen verbaut ist. Hermann Huddaeus, Pastor und Lehrer in Minden, erwählte sich im 16. Jahrhundert dieses ungewöhnliche Wappentier, mit dem er aufopfernde Brutpflege verband. Heute begleitet der inzwischen Pim getaufte Vogel Familien auf ihrem eigenständigen Rundgang durchs Haus. „Spurensuche“ heißt das Programm, zu dem ein Arbeitsheft und ein Koffer voller Dinge gehören. Denn auch ein „leeres“ Museum ist voll von Geschichte, jedenfalls wenn es wie das MiMu selbst schon 100 Jahre alt ist und sich in derart altem Gebälk befindet. Und wenn man bereit ist, genau hinzusehen.

Ich muss zugeben, in diesem Zusammenhang bin ich alles andere als neutral. Das MiMu ist „mein“ Museum, hier arbeite ich als Museumspädagogin auf Honorarbasis. Nichtsdestotrotz probieren Silas und ich an einem freien Nachmittag das neue Angebot mit der größtmöglichen Unvoreingenommenheit aus, die wir aufbringen können.

Silas klemmt sich den Koffer unter den Arm, geht durch die Tür in den ersten Ausstellungsraum und setzt sich auf den Boden. Zuallererst muss er in diese Kiste gucken, das ist klar. Allerlei Utensilien warten darin auf ihren Einsatz: Stifte, Maßband, ein kleines Vorhängeschloss. Besonders lange rätselt er, wozu wohl diese „Metallrolle mit einem Faden“ gut sein könnte. Nun, wir werden es herausfinden, denn im dazugehörigen Heft sagt uns Pim genau, was wir wo zu tun haben.

Families can use a box full of adventurous things to explore the museum of Minden.
Families can use a box full of adventurous things to explore the museum of Minden.

Wir folgen seinen Anweisungen, entdecken majestätische Drachen, grimmige Wächter und begegnen Adam und Eva im Paradies. Wir lunsen in den zugigen Keller, und die im Koffer verpackten Duftfläschchen geben uns einen Tipp, was wohl früher darin gelagert worden sein könnte. Wir suchen Wappen in den Wandfriesen, und Silas bringt die Buntstifte zum Einsatz, indem er uns im Arbeitsheft ein eigenes Familienwappen entwirft.

„Habt Ihr schon die kleinen Blätter entdeckt?“ lese ich Pims Frage an die Kinder vor, als wir einen weiteren Raum betreten. Silas richtet seinen Blick nach oben und bemerkt fachmännisch: „Ah ja, das ist was Besonderes, das sieht man gleich.“ Ich schmunzele über seinen Experten-Duktus – von wem er das nur hat? – aber Recht hat er. Die im Zuge der Renovierungsarbeiten freigelegte Stuckdecke aus dem 16. Jahrhundert ist in der Tat ein spezielles Glanzstück. Wir holen die Knete aus dem Koffer und versuchen, mit ihr etwas Ähnliches zu schaffen. Gar nicht so leicht.

Bis unters Dach erkunden wir die Gebäude, sehen uns die beiden Sonderausstellungen zum Thema Fernseher und Mode an und nehmen das Hebewerk aus dem 16. Jahrhundert in Augenschein. Hier wird auch das Rätsel um die „Metallrolle mit Faden“ gelöst.

Um nicht allzu parteiisch über „mein“ Museum zu urteilen, überlasse ich das Fazit diesmal Silas: „Wir sind einmal ganz durchgegangen und haben jeden einzelnen Raum im Museum gesehen. Das war toll. Die untere Etage hat mir am besten gefallen, die mit den Schlössern. Da konnte man mit dem Koffer so Rätsel lösen. Die Seilbahn [der Flaschenzug] war cool. Damit konnte man so ein Ziehwerk bauen. Im Museum ist ja auch ein Ziehwerk im Original. Dann wusste man, wie das funktioniert und konnte es auch ausprobieren. Ganz zum Schluss haben wir noch Murmeln gespielt. Die waren auch im Koffer, und dann durfte man mitten im Museum Murmeln spielen. Wir haben Zielrollen gespielt. Da war so eine Klappe mit einem Loch, wo man reingreifen konnte, damit die Klappe aufgeht [eine verdeckte Steckdosenleiste im Boden mit Mulde im Deckel], und da haben wir Zielwerfen gespielt. Hat Spaß gemacht!“

Ich frage meinen Sechsjährigen möglichst un-suggestiv, wie er es denn fand, dass das Museum noch so leer ist. „Toll!“ sagt er ohne mit der Wimper zu zucken. „Weil man da nicht warten musste, bis man an einer Vitrine endlich gucken kann. Und man musste keine Angst haben, dass man anderen Leuten im Weg ist.“ Ob er im Museum trotzdem was gelernt hat? „Ich habe herausgefunden, dass es viele verschiedene Arten von Schlössern gibt. Und ich weiß jetzt, wie man Murmeln spielt. Und dass sogar ein Pelikan ein Wappentier sein kann.“ Na dann. Da kann ich also ruhigen Gewissens sagen: Es lohnt sich! :)

Das Mindener Museum befindet sich in der Ritterstraße (hinter der Martini-Kirche) und ist täglich (außer montags) von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen 4 Euro, Kinder bis zwölf Jahre haben kostenlosen Eintritt. Beim Familienrundgang „Spurensuche“ ist ein Euro für das dazugehörige Arbeitsheft fällig.
Zu sehen sind aktuell die beiden Kabinettausstellungen „Schnürburst und Vatermode – Mindener Mode zur Kaiserzeit“ (bis 9. Februar 2014) und „Hör zu und sieh fern – historische Abspielgeräte, Radios und Fernseher“ (bis 9. März 2014), sowie die Präsentation mehrerer Künstler zum Thema „Leere“ (bis 10. November 2013).
Außerdem weiß ich aus sicherer Quelle, dass es auch ganz hervorragende Angebote für Schüler- und Kindergartengruppen sowie für Kindergeburtstage gibt! ;)

Freitags zeige ich euch spannende Ausflugsziele aus Schaumburg und der näheren (und weiteren) Umgebung. Es gibt so viel zu erkunden in aller Welt, aber auch bei uns zu Hause warten genügend kleine, große und völlig unterschätzte Sensationen darauf, entdeckt zu werden. Und vielleicht ist ja genau die richtige Idee für eure Wochenend-Planung dabei?

2 Gedanken zu „Was ein „leeres“ Museum doch alles erzählen kann (in Minden, Deutschland)“

  1. Silas‘ Zitate sind koestlich :-) So ein Museumskoffer ist eine tolle Idee, Kinder zu involvieren. Sie lernen halt noch viel aktiver als wir. Ein kleines Schildchen an einer Vitrine ist viel zu oede. Lieben Gruss und ein schoenes Wochenende wuenscht Dir Peggy

    1. Die Koffer hatten wir auch schon bei der letzten Sonderausstellung, die sind vielseitig verwendbar und wirklich toll.
      Und Silas‘ Zitate sind tatsächlich alle genau so gefallen. Nur ein bisschen nachbohren musste ich gelegentlich, wenn er mal nicht ganz so in Interview-Stimmung ist. ;)

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