Kaum sitzen wir nach unserem Spukschloss-Abenteuer – völlig durchnässt – im Auto, beweist das britische Wetter uns wieder einmal, dass auf Klischees kein Verlass ist: Der Regen hört auf. Wir fahren Richtung Highlands, und je spektakulärer die Landschaft wird, desto gnädiger zeigt sich auch das Wetter. Für unseren Kurzbesuch im „echten“ Schottland haben wir uns Glen Coe ausgesucht.

Das Material aus der tourist information legt uns dieses Tal als „das vielleicht schönste Fleckchen der schottischen Highlands“ ans Herz, und außerdem ist es von Inveraray aus gesehen auch so ziemlich das nächstgelegene Fleckchen der schottischen Highlands. Ein ordentlicher Ritt ist es dennoch: Rund 200 Kilometer mehr werden wir heute Abend auf der Uhr haben, und das für einen Tagesausflug.

Von Fotobucht zu Fotobucht

Aber es lohnt sich! Links und rechts der Straße befinden sich immer wieder Haltebuchten für Touristen, die nicht mehr an sich halten können und die grandiose Gegend fotografieren müssen.

Auch wir nutzen mehrere dieser Einrichtungen (und landen unversehens im Fotoshooting einer – laut Autokennzeichen (!) – griechischen Truppe, die einen Herrn mit Tigermaske vor schottischer Kulisse ablichten).

"That's where we want to go", said Janis and pointed at the waterfall.

“Da wollen wir hin!”

Wanderung zum Wasserfall

An einem dieser Parkplätze führt ein Wanderweg in das Tal hinab und auf der anderen Seite einem kleinen Wasserfall entgegen.

„Da wollen wir hin!“ beschließt Janis. Und warum nicht? Es spricht nichts dagegen. Unser Ziel lautet heute ohnehin „da, wo es schön ist“. Und das haben wir gefunden. Wir packen unser Picknick ein und machen uns auf.

Unten in der Senke fließt ein Bächlein direkt über den Weg. Ein großer Schritt über die Rinne, und wir sind drüber weg.

„Was passiert, wenn die Rinne mal überläuft?“ will Silas wissen.

„Wir könnten hier einen Damm bauen, dann erfahren wir’s“, lautet Janis’ Vorschlag.

Sofort machen sich die drei Männer an die Arbeit.

Some practical physics on the way...

Ein kleines Praktikum in Physik und Geologie auf dem Weg.

Das Rinnsal ist winzig und der Pegel steigt nur langsam. Also marschieren wir vorerst weiter, schließlich lockt das Rauschen des Wasserfalls.

Eine Brücke führt über einen ernster zu nehmenden Bach. Hu, ganz schön tief, aber schon schick, das muss ich zugeben.

Der Aufstieg in Richtung Wasserfall ist nicht ganz ohne. Wir klettern über größere Felsbrocken und rutschen über die glitschige Steinoberfläche. Dann haben wir ihn erreicht.

Aber die Jungs wollen weiter hoch, dorthin, wo es richtig rauscht. Martin kraxelt mit ihnen über das lose Geröll. Ich kann gar nicht hingucken.

Kriebelmücken!

Aber eine Viertelstunde später stehen alle wieder wohlbehalten auf dem Wanderweg. Ich habe inzwischen Gesellschaft bekommen, und zwar von der unangenehmen Art: Ein Schwarm von Kriebelmücken umschwirrt mich. Die fiesen Biester beißen. Wir kennen sie schon aus Irland: Das volle Ausmaß erreicht der Ärger erst ein, zwei Tage später, wenn die Bisse zu höllisch juckenden Pickelchen anschwellen.

Wir versuchen den winzigen weißen Insekten zu entkommen, um uns in Ruhe unserem Picknick zu widmen.

Keine Chance. Schließlich essen wir im Gehen.

Destination reached.

Wanderglück: Die Jungs sind genau da angekommen, wo sie hin wollten.

Erkenntnisse inklusive

Auf dem Rückweg inspizieren wir noch unseren Stausee. Ergebnis: Die Rinne ist nicht übergelaufen, dafür hat sich flussaufwärts auf der Wiese ein kleiner See gebildet.

„Ahaaa… Weil die Wiese niedriger liegt als der Rand der Rinne“, analysiert Janis. „Aber irgendwann läuft das Hochwasser über, und der Weg wird überflutet.“

Um das zu verhindern, betreiben wir eifrig Renaturierung und verlassen das Rinnsal so, wie wir es vorgefunden haben.

Glencoe Visitor Centre

Nur ein paar Kilometer weiter halten wir am Glencoe Visitor Centre. Hier ist die touristische Infrastruktur wieder allumfassend.

Das Parken kostet zwei Pfund. Dafür gibt es saubere Toiletten, einen tea room mit kostenlosem WLan (und leider sehr nüchterner Atmosphäre), gift shop und Kunstgalerie.

Hauptattraktion ist die Ausstellung des National Trust, die uns Geschichte und Natur des Tals näher bringen will. Ersteres wäre durchaus interessant, denn allgegenwärtig sind in der ganzen Gegend Hinweise auf das Massaker am McDonald-Clan.

Die traurige Geschichte von Glen Coe

1692 ermordeten britische Soldaten hier auf Befehl mitten in der Nacht 38 Männer, Frauen und Kinder in ihren Betten, um ein Strafexempel zu statuieren.

Der englische König hatte allen Clans, die ihm die Treue schworen, eine Begnadigung für frühere Untaten gegen Nachbarn und Krone versprochen (Stichwort Robert the Bruce). Wer nicht schwor, dem wurde Schlimmes in Aussicht gestellt.

Der Herr aus Glen Coe, der die Formalität für die McDonalds erledigen sollte, irrte sich aber an der Adresse und fand sich in Inverlochy ein, obwohl die Prozedur in Inveraray über die Bühne ging. Tragischer Fall von dumm gelaufen.

Die traurige Begebenheit scheint ein ernstes Trauma der Schotten zu begründen – und befeuert das Marketing des dramatisch schönen „Tals des Todes“.

Der Eintritt in die Ausstellung kostet 16,50 Pfund (ca. 20 Euro) für eine Familie. Die sparen wir uns und sehen uns die „atemberaubende Natur“ lieber live vor der Haustür an. (Die blutrünstige Massaker-Geschichte erfahre ich auch auf einer Infotafel am Straßenrand, im Hostel-Info-Ordner und später im Internet in zahlreichen Ausführungen.)

Mini-Wanderung am Visitor Centre

Nach einem kleinen Spaziergang auf einem sehr familienfreundlichen und auch für Kleinkinder geeigneten Pfad rund um das Besucherzentrum sitzen wir jetzt auf einer Bank an einem winzigen Teich und sehen Libellen beim Hochzeitsflug zu. Die Jungs knabbern ihre Äpfel. Und hier es gibt keine Kriebelmücken – yay!

Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 20. August 2013 verfasst.