Neues von der Weißen Stadt am Meer (in Heiligendamm, Deutschland)

Wir haben die nähere Gegend mit dem Fahrrad erkundet. Hinter der Jemnitz-Schleuse, kurz vor Heiligendamm, beginnt der Sandstrand. Ein kurzes Stück gibt es, das sowohl sandig als auch „ohne Eintritt“ ist (denn die Kurkarte wird schon regelmäßig kontrolliert). Die Schnäppchenjagd erfordert eine kurze Kletterpartie über das Packwerk. Die Jungs planschten zwischen den Buhnen in der Ostsee, und Anna und ich hielten unsere käseweißen Beine in die Sonne.

The atmosphere of Heiligendamm delivers a peculiar mixture of history, beach fun, exclusiveness and decay.
The atmosphere of Heiligendamm delivers a peculiar mixture of history, beach fun, exclusiveness and decay.

Als wir damit fertig waren, schoben wir die Räder die Strandpromenade von Heiligendamm entlang. Die Mischung aus mondäner Klasse und pittoreskem Verfall ist immer wieder faszinierend. Der Versuch, das älteste deutsche Seebad wieder zu einem Urlaubsort der oberen Zehntausend zu machen, muss inzwischen als eher gründlich gescheitert gelten. Stattdessen tummeln sich einheimische Badegäste und Otto-Normaltouristen gleichermaßen auf der Promenade. Der Strand ist toll! Für Familien, die es länger als ein, zwei Stündchen am Wasser aushalten und nichts dagegen haben, wenn sie nur eine Armeslänge vom Liegehandtuch des Nachbarn trennt, ist Heiligendamm absolut empfehlenswert. Die Kurtaxe, die man an einer Art Parkscheinautomat entrichten muss, beträgt aktuell zwei Euro pro Person, Kinder unter sieben sind frei.

Die Eisdiele an der Promenade zog uns wider besseres Wissens magisch an. Die Terrasse liegt rund ums Jahr im Schatten, was im Frühling und Herbst ungünstig, im Sommer an Tagen wie diesem aber ideal ist. Auch das Eis schmeckt ganz gut. Aber der Service ist schlichtweg haarsträubend. Bis sich eine Bedienung zu uns bequemte und uns unsere durchaus genießbaren Eisbecher brachte, vergingen 40 Minuten. Was denen für ein Geschäft entgeht! Das Preisniveau liegt übrigens bei 90 Cent pro Kugel.

The historical spa house with the colonades today is part of the grand-hotel and houses an excellent restaurant. I keep waiting for someone rich to treat me to a dinner there... ;)
The historical spa house with the colonades today is part of the grand-hotel and houses an excellent restaurant. I keep waiting for someone rich to treat me to a dinner there… ;)

Am Nebentisch motzten Berliner lautstark über die Warterei uns ließen sich von ihren eher süddeutsch klingenden Tischnachbarn über die neuesten Entwicklungen des Ortes aufklären. Wie ich schon aus der Zeitung wusste, sucht die Stadt Bad Doberan derzeit händeringend nach einem neuen Investor für das Gebäudeensemble, nachdem der vorige recht gründlich versagt hat. Die 16 Logierhäuser aus dem 19. Jahrhundert, die sich wie Perlen an einer Kette am Strand entlang aufreihen, gelten als Gesamtprojekt und waren niemals einzeln erhältlich. Nach der Wende kaufte ein Investor das Immobilienpaket, sanierte das Grand-Hotel mit dem Kurhaus und noch ein paar Häuser, aber nicht viele. Das Geschäft mit den Reichen lief schwer an und brach dann fast ganz ab. Die blieben lieber auf Sylt, wo ihnen die Insellage mehr Exklusivität im Wortsinn bietet. In Heiligendamm standen nämlich zu viele promigierige Paparazzi-Touristen bereit, und weder Golfplatz noch Reitstall waren fertig. Inzwischen hat die Edel-Hotelkette Kempinski das Grand-Hotel abgestoßen, das nun unter eigener Regie um zahlungskräftige Urlauber ringt. Die restlichen Häuser verfallen weiter. Auf dem Balkon von „Haus Seestern“ wächst schon ein halber Wald. Dabei ist der geschichtsträchtige Ort viel zu schön, um durch schlechtes Entwicklungsmanagement völlig dahinzuscheiden. Ich bin jedenfalls gespannt, wie die Geschichte weitergeht.

There are 16 villas and guest houses dating from the 19th century which were meant to be renovated 20 years ago to start a new era of glamorous seaside lodging - but somehow it never worked out.
There are 16 villas and guest houses dating from the 19th century which were meant to be renovated 20 years ago to start a new era of glamorous seaside lodging – but somehow it never worked out.

 

Wir vier fuhren über Bad Doberan wieder zurück. Die Supermärkte dort haben auch am Sonntag bis 18 Uhr geöffnet, was wir ausnutzten. Im handtuchgroßen Garten meiner Eltern bauten die Jungs die Wasserbahn auf, und Anna und ich genossen das herrliche Sommerwetter auf der Terrasse.

Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 21. Juli 2013 verfasst.

Fragen? Anregungen? Kritik? Selber vor Ort was ganz anderes erlebt? Hinterlasst mir gern einen Kommentar – ich antworte euch, sobald ich kann.

Touristenglück (in Rethwisch-Börgerende, Deutschland)

Gestern Abend haben Anna und ich noch lange mit einem Glas Wein auf der Terrasse gesessen und die laue Sommernacht genossen, und in der Folge war es spät, als wir uns endlich um das Frühstück zu kümmern begannen. Silas und ich schnappten uns die Fahrräder, um Brötchen zu holen. Gleich um die Ecke an der Rethwischer Kreuzung ist der Netto-Supermarkt, dessen Bäcker auch sonntags offen hat – bis zehn. Wir waren fünf Minuten zu spät. Auch beim Brötchen-Kiosk an der Grundschule hatten wir kein Glück. Also fuhren wir die ganze Strecke nach Börgerende bis fast zum Strand, wo glücklicherweise der „Tante Emma“-Mini-Markt auch feiertags durchgängig bis 20 Uhr geöffnet hat. Große Auswahl gab es auch dort nicht mehr; immerhin war es mittlerweile fast elf, und es ist Saison. Die Verkäuferin erzählte, dass sie gestern allein 1400 Brötchen verkauft habe.

Börgerende-Rethwisch, though situated very close to Heiligendamm and Warnemünde, is everything but a famous seaside resort.
Börgerende-Rethwisch, though situated very close to Heiligendamm and Warnemünde, is everything but a famous seaside resort.

Eigentlich ist Börgerende kein echter Touristenort, sondern eine dieser Ortschaften, die sich eher zufällig an der Straße zum Meer hin angesammelt haben. Es gibt keine echte Dorfmitte, die touristische Infrastruktur (Cafés, Restaurants, Tinnef-Lädchen, Minigolf,…) sprießt erst seit ein paar Jahren zaghaft hervor. Selbst der Strand ist kurtaxenfrei, aber dafür auch steinig. Bislang war der Ort vor allem für seinen Campingplatz bekannt, dessen Bewohner wohl hauptsächlich unter sich bleiben.

Jetzt in der Saison ist trotzdem alles voll. Anna, die Fehmarn und die Nordseeküste aus den Urlauben ihrer Kindheit kennt, findet, es fühle sich an, als seien alle woandershin in die Ferien gefahren. Ich, die ich den Ort vor allem in der Vor-, Nach- und Nicht-Saison kenne, finde es unangenehm überfüllt.

Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 21. Juli 2013 verfasst.

Fragen? Anregungen? Kritik? Selber vor Ort was ganz anderes erlebt? Hinterlasst mir gern einen Kommentar – ich antworte euch, sobald ich kann.

Aus der Hitze in den Sonnenschein (in Cesis, Lettland)

Impressive ruines in Cesis, Latvia. They are surrounded by a beautiful park.
Impressive ruines in Cesis, Latvia. They are surrounded by a beautiful park.

Sonntag, 29. Juli 2012
Jetzt sind wir in der kleinen lettischen Stadt Cesis, mitten im Nationalpark. Es ist unglaublich heiß. 32 Grad zeigte das Thermometer an, als wir aus unserem Auto mit der kaputten Klimaanlage stiegen. Ich bin sehr dankbar, dass Martin nach nur drei Kilometern die Vergeblichkeit seines Vorhabens eingesehen hat, mit einer groben Übersichtskarte aus der Tourist Information Wandern zu gehen. Stattdessen picknicken wir jetzt im Schlosspark. Leider haben wir keine Zeit, uns in den Gewölben der Ruine etwas abzukühlen. Der Weg über die Grenze bis nach Tartu ist noch weit…

fenster
Some houses are freshly renovated, some houses look run-down, but almost all of them are pretty, and many are decorated with flowers.

 

Vom Alles-Markt und Trunkenbolden mit Umweltbewusstsein (in Riga und Jurmala, Lettland)

Fortsetzung von Samstag, 28. Juli 2012.
Heute Morgen ging die Familie dann gleich wieder auf Achse. Edwards’ Hobby sind Über-Land-Rallyes mit dem Auto, und schon beim ersten E-Mail-Wechsel hatte er angekündigt, dass an diesem Tag eines der Saison-Highlights anstehe. So hatten wir vormittags das Haus ganz für uns. Wir schliefen bis halb neun, machten geruhsam Frühstück, und bis wir loskamen, war es halb zwölf. Das tut uns aber durchaus gut, zwischendurch auch mal eine ruhige Kugel zu schieben, selbst wenn wir dadurch ein paar Sehenswürdigkeiten weniger auf den Reiseführer-Listen abhaken können.

Dann sind wir noch mal nach Riga reingefahren, um uns den Zentralmarkt anzuschauen (diesmal mit dem Auto). Der war auch wirklich sehenswert. Es handelt sich um alte Zeppelinhallen, verbunden durch provisorische, aus Spanplatten gefertigte Gänge. Innen reihen sich Marktstände und Kühltheken aneinander, thematisch geordnet nach Fisch, Fleisch, Gemüse, Backwaren, Haushaltsgeräten, Kleidung, Gewürzen, Süßigkeiten – und sogar eine ganze Hallenecke für Honigprodukte gab es.

Errected for building zeppelins, the halls now host Riga's Central Market. You can buy ANYTHING in there.
Errected for building zeppelins, the halls now host Riga’s Central Market. You can buy ANYTHING in there.

Witzigerweise waren manche Hallenteile abgetrennt und als Supermärkte hergerichtet: ganz normale Läden der gängigen Ketten, obwohl es doch (fast) das ganze Sortiment auch draußen an den Ständen gab. Vor den Hallen breitete sich der Markt weiter aus, da gab es Obst und Socken, von denen ich mir ein Paar grüne wollene Kniestrümpfe in landestypischem Strickmuster kaufte – bei 30 Grad. Abseits der Halle machten wir es uns dann sehr unromantisch auf dem Bordstein bequem und aßen unsere leckeren Hefeteilchen mit Kartoffelbreifüllung. Und auch dort: kein bisschen Müll. Zwar torkelten da etliche Alkoholiker umher, doch selbst die nahmen ihre leeren Wodkaflaschen alle wieder mit. Irre.

Bei den Markthallen und dem Hauptbahnhof beginnt das russische Viertel. Schon in weit vorsozialistischen Zeiten haben sich die ziemlich ungeliebten Nachbarn aus dem Osten hier angesiedelt. Die Unterschiede in Mentalität und Wohlstand sind gut sichtbar: Hier ist keine Spur von Jugendstil, stattdessen reihen sich abgewrackte Holzkaschemmen aneinander, die aber durchaus einen eigenen morbiden Charme besitzen. Ende der 80er Jahre waren nur noch 64 Prozent der Menschen in Lettland Letten. In Riga haben immer noch mehr als 30 Prozent der Einwohner die russische Staatsbürgerschaft.

The Russian quarters of Riga - no Art Nouveau to be found there...
The Russian quarters of Riga – no Art Nouveau to be found there…

Jetzt spielen die Jungs am Strand. Wir sind in Jurmala, dem Badeort Lettlands. Es sind mehr als 30 Grad und der fast weiße, wunderbar feine Sand ist so heiß, dass man barfuß kaum darauf laufen mag. Das Wasser dürfte Badewannentemperatur haben, denn es geht sehr flach rein und zieht sich über mehrere Sandbänke. Die Jungs haben die Ansage gekriegt, nicht weiter als bis zu Silas’ Bauchnabel reinzugehen, und das lässt ihnen im Wortsinn mehr als genug Spielraum.

Jurmala, Latvias most popular beach.
Jurmala, Latvias most popular beach.

Auch hier ist alles geleckt sauber. Nicht mal Zigarettenkippen findet man.
Und ebenfalls wie in Litauen gilt auch hier: Es gibt kaum Übergewichtige. Leider gilt das nur für die Frauen. Martin hat viel zu gucken, ich überhaupt nichts. Bis jetzt hab ich noch keinen einzigen Mann gesehen, der einen zweiten Blick gelohnt hätte. Als ich heute Mittag dachte, endlich einen entdeckt zu haben, drehte sich seine Frau um und sagte zum gemeinsamen Kind: „So, Oskar, und jetzt fahren wir zum Strand“ – auf Deutsch…

 

Fragen? Anregungen? Kritik? Selber vor Ort was ganz anderes erlebt? Hinterlasst mir gern einen Kommentar – ich antworte euch, sobald ich kann.

Wenn die rote Sonne im Meer versinkt – und der Martin immer noch bis zu den Knien rausguckt (in Riga, Lettland)

Samstag, 28. Juli 2012.
Das Preisniveau im Supermarkt entspricht ziemlich genau dem deutschen. Das Angebot auch. Witzig ist, dass man sich überall in den Supermärkten Süßwaren lose abfüllen kann. Das war auch in Litauen schon so. Was mich nervt ist, dass man als Deutscher so gar nichts versteht. Die wenigsten Produkte haben eine Zutatenliste auf Englisch oder einer anderen Sprache, in der man auch nur einzelne Wörter ableiten könnte. Trotzdem haben wir es geschafft, die Zutaten für unsere Käsespätzle zu besorgen. Es dauerte, bis wir uns in Edwards Küche zurechtgefunden hatten. Die durchschnittliche Ausstattung einer deutschen Küche darf man außerhalb unserer Staatsgrenze wirklich nirgendwo erwarten. Und so war es wieder recht spät, bis wir mit dem Abendessen fertig waren.

Nach dem Obstsalat schlug Edwards einen Abendspaziergang ans Meer vor. Wir fuhren in seinem Landrover, um alle fünf in ein Auto zu passen. Dass wir dazu unsere Kindersitze einbauten, ging allein auf unsere Initiative zurück und erntete leicht irritiertes Kopfschütteln von unserem Host – auch in dieser Beziehung sind wir sehr deutsch.

The beach of Riga, where the locals go - feel like you can walk a mile before the water reaches your bellybutton.
The beach of Riga, where the locals go – feel like you can walk a mile before the water reaches your bellybutton.

Nach fünf Minuten Fahrtzeit waren wir am Strand, der mich bezüglich Infrastruktur und seines Aussehens an Sylt erinnerte. Die Sonne ging gerade in den kitschigsten Farben unter. Martin hatte seine Badehose mit. Die Jungs hatten behauptet, sie würden keineswegs ins Wasser wollen. Nach zwei Minuten planschten sie in Unterhose in der Ostsee. Selbst ich war ob des klaren Wassers und der angenehmen Temperatur sehr angetan und wäre reingegangen, wenn ich Badesachen mitgehabt hätte.

Um elf waren wir wieder im Haus, und jetzt waren auch Edwards Frau Sanita und die drei Kinder zurück. Wir brachten unsere Jungs ins Bett, und da wir nichts anderes von unseren Hosts signalisiert bekamen, ließen wir den beiden dann freie Bahn für ihr privates Wiedersehen und gingen selbst auch früh schlafen.

 

Fragen? Anregungen? Kritik? Selber vor Ort was ganz anderes erlebt? Hinterlasst mir gern einen Kommentar – ich antworte euch, sobald ich kann.

Das Reiseblog für abenteuerlustige Familien.