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Heimreise spezial: Ausflug ins „Vaterland“ (in Einbeck, Deutschland)

Normalerweise gibt es an dieser Stelle freitags Ausflugstipps für Schaumburg und Umgebung. Dass ich unseren Ausflug ins südniedersächsische Einbeck in die Kategorie „Heimreise“ einsortiere, hat aber gute Gründe: Nicht die Sehenswürdigkeiten der hübschen Fachwerkstadt standen für uns im Fokus, sondern die Reise in Opas Vergangenheit. Einen Tag lang hat mein Papa mir und den Jungs gezeigt, wo er herkommt. Spannend, und durchaus zum Nachmachen geeignet!

Alles begann damit, dass Janis einen Aufsatz über Kühe schreiben sollte. Er schrieb, dass sie Milch geben, dass sie Gras fressen, und dass sie meistens schwarz-weiß-gefleckt sind. Damit war die Seite aber noch nicht voll. „Was könnte ich denn noch schreiben?“ fragte er mich. „Hm“, sagte ich. „Schreib doch einfach… wie sich eine Kuh anfühlt. Die Zunge zum Beispiel, wie fühlt sich denn eine Kuhzunge an?“ Janis blickte mir entgeistert entgegen. „Woher soll ich denn das wissen?“ fragte er perplex. Da wurde mir klar, wie anders die Kindheit meiner Jungs in diesem Punkt doch verläuft. Als meine Oma noch lebte, fuhren wir oft in das kleine Dorf in ihrer Heimat, wo sie auf dem Bauernhof wohnte, den der jüngere Bruder meines Vaters übernommen hatte. Ich weiß, mit welchem Druck ein Kälbchen sich am Finger festsaugt, wenn man nicht aufpasst, und wie flaumig weich die Federn kleiner Gänse sind. Ich kenne das Gefühl, mit dem gedroschenes Korn durch die Finger rinnt, das Kratzen eines frisch gemähten Stoppelfelds an den Knöcheln, den Geruch von Silage und Heu und das unbeschreibliche Vergnügen, hinterm Kornboden eine Strohburg zu bauen. Meinen Jungs ist das alles fremd. Meine Oma starb ein Jahr bevor Janis geboren wurde, und seit ihrer Beerdigung ergab sich nie wieder ein Grund für einen Besuch auf dem Hof.

Ich erzähle das meinem Vater. „Fahren wir doch einfach mal hin“, sagt er. „Ist doch überhaupt kein Problem.“ Und so legen wir bei der nächsten Gelegenheit einen „Opa-Tag“ ein. Eineinhalb Stunden dauert die Fahrt. Endlich mal wieder Zeit für ausgiebige Gespräche. Wir wohnen im selben Haus, aber im Alltag bleibt für so was doch zu wenig Zeit. Opa erzählt von früher. Die Jungs auf den Rücksitzen sperren die Ohren auf. Auch ich staune. Ich dachte, ich wüsste über den Werdegang meines Vaters gut Bescheid. Aber als er mir die Geschichte am Stück erzählt, erfahre ich doch viel Neues.

Viele der Häuser sind hübsch restauriert. (Many of the old houses are nicely restored.)
Viele der Häuser sind hübsch restauriert. (Many of the old houses are nicely restored.)

In Einbeck parken wir in einer Seitenstraße und machen uns auf den Weg zum Mittagessen bei Opas Lieblings-Griechen. „Hier stand früher noch die Neustädter Kirche“, berichtet er und deutet auf ein Gelände, auf dem heute ein Gebäude mit 60er-Jahre-Charme prangt. Der Sakralbau wurde 1963 wegen Baufälligkeit abgerissen. Gleich nebenan befand sich die Bushaltestelle, an der die Dorfkinder ausstiegen, wenn sie das Gymnasium besuchten. „Und da hinten hinter einer Mauer lag immer unser Strick zum Bannen bereit“, erzählt Opa und bezieht sich damit auf die Tradition der Wegelagerei bei frisch getrauten Brautpaaren. Hielten Kinder diese mit einem über die Straße gezogenen Strick auf, kauften sich Braut und Bräutigam mit Süßigkeiten oder ein paar Münzen frei. Praktisch, wenn man da quasi direkt an der Quelle sitzt.

Opa zeigt uns Einbeck - hier das Alte Rathaus am Marktplatz. (Grandpa shows us his home-town: the old town-hall of Einbeck.)
Opa zeigt uns Einbeck – hier das Alte Rathaus am Marktplatz. (Grandpa shows us his home-town: the old town-hall of Einbeck.)

Nach dem Essen schlendern wir über den Marktplatz. Ich erinnere mich dunkel an Weihnachtsmärkte und einen Ausflug in den Spielwarenladen mit meiner Oma. Das Alte Rathaus mit den lustigen Türmen habe ich dagegen offenbar nie wahrgenommen. Die Jungs toben um den Brunnen herum. Opa zeigt uns das Haus, in dem er Ende der 60er Jahre gelernt hat. „Und hier habe ich immer mein Moped geparkt“, sagt er und deutet in den Schatten der Marktkirche. „Du hattest ein Moped?“ staunt Janis, und die Achtung vor seinem Großvater wächst spontan beachtlich. Guck an. Wusste ich auch noch nicht.

Ein klein bisschen krumm... aber sehr charmant: die Häuser in der Tiedexer Straße, einem der größten geschlossenen Fachwerk-Staßenzüge in Deutschland. (Slightly askew but charmingly so: the half-timbered houses of Tiedexer Straße in Einbeck all date back to the 16th century.)
Ein klein bisschen krumm… aber sehr charmant: die Häuser in der Tiedexer Straße, einem der größten geschlossenen Fachwerk-Staßenzüge in Deutschland. (Slightly askew but charmingly so: the half-timbered houses of Tiedexer Straße in Einbeck all date back to the 16th century.)

Wir spazieren die Tiedexer Straße entlang, die geschlossen mit Fachwerkhäusern aus dem 16. Jahrhundert bebaut ist. Die Häuser, die ein Braurecht besaßen, erkennt man an einem großen Torbogen, durch den die Braupfanne rein und raus getragen werden konnte, erklärt uns Opa. „Das sind ja fast alle! So viel Bier!“ Die Kinder sind beeindruckt. Natürlich hat Opa auch so manchen Schwank aus seiner Jugend auf Lager, in der die Einbecker Brauerei und ihre Produkte eine tragende Rolle spielen, aber die erzählt er heute zum Glück nicht.

So fühlt sich also eine Kuhzunge an. (So this is how the tongue of a cow feels.)
So fühlt sich also eine Kuhzunge an. (So this is how the tongue of a cow feels.)

Die Stadt zwischen Göttingen, Hildesheim und Harz ist geschichtlich immer das Zentrum der umliegenden Dörfer gewesen. Viele sind heute als Ortsteile eingemeindet, obwohl sie nach wie vor optisch als eigenständige Ansammlungen von Bauernhöfen und Siedlungshäusern daherkommen, ganz klar landwirtschaftlich geprägt. Einen dieser Höfe steuern wir an: das Haus, in dem Opa aufgewachsen ist. Vieles sieht noch genauso aus wie früher. Die Jungs machen begeistert die Bekanntschaft der Kälbchen und kugeln sich über die Strohballen (die heute groß und rund sind und sich gar nicht mehr recht zum Bau von Strohburgen eignen). Sie dürfen den Kühen etwas Schrot geben. Als sie merken, wie charakteristisch rau ihre Zungen sind, zucken sie aber doch zurück und beschränken sich darauf, die Zwischenmahlzeit in der Futterrinne zu servieren. Sie lernen den Unterschied zwischen Maishäcksel und Rübenschnitzel, begutachten die Euter der leistungsstärksten Milchkühe, und als es ans Melken geht, haben sie hundert Fragen zur Technik der Anlage. „Das ist sooo cool“, ruft Silas mir im Vorbeilaufen zu, bevor er mit meinem Cousin zum Schroten auf den Kornboden klettert.

Wenn frisch gemahlenes Sojaschrot durch die Finger rinnt, ist das ein ganz eigentümliches Gefühl, das jedes Bauernhofkind kennt. (Janis tests how soy soy groats feel.)
Wenn frisch gemahlenes Sojaschrot durch die Finger rinnt, ist das ein ganz eigentümliches Gefühl, das jedes Bauernhofkind kennt. (Janis tests how soy soy groats feel.)

Nachdem Füttern und Melken erledigt sind, machen wir uns auf den Heimweg. „Das war wirklich ein toller Ausflug“, urteilt Janis, und alle stimmen ihm zu. Den Kindern waren die Tiere und der ganze Ablauf auf dem Bauernhof unbestreitbarer Höhepunkt. Mich faszinierte der Trip als Reise in die Kindheit – und vor allem als Reise in die Vergangenheit meines Vaters. Es ist toll und so aufschlussreich, sozusagen direkt am Objekt die gelebte Geschichte eines Menschen zu erkunden, den man eigentlich gut zu kennen glaubt. Ich bin froh, diese Gelegenheit ergriffen zu haben, solange mein Papa noch gut genug zu Fuß ist, um uns alles selbst zu zeigen.