Bildungslücke Fußballstadion und wie wir sie schlossen (in Rostock, Deutschland)

Eigentlich wollten wir ja ins Theater, aber die Familienvorstellung ist ausverkauft. „Hansa spielt“, sagt Opa. „Ist doch so ähnlich wie Theater.“ Martin und ich sehen uns an. Keiner von uns hat auch nur die leiseste Ahnung von Fußball. Wir waren noch nie im Stadion. Zeit, diese Bildungslücke zu schließen, oder?

„Ich will nicht zum Fußball!“ kräht Silas. Seit unserer etwas zu hautnahen Begegnung mit Fans im Regionalexpress von Bremen nach Hause ist er nicht gut auf den Lieblingssport der Deutschen zu sprechen. „Aber ich will!“ beschließt Janis, der gerne Neues ausprobiert und mit Opa sowieso überall hingehen würde. Also schicken wir den Kleinen mit Oma in den Zoo und reihen uns zu viert in die Schlange vorm Ticketschalter ein. Hansa Rostock spielt gegen den Halleschen FC, dritte Bundesliga.

Es gibt vier Fenster, und nicht durch jedes wird jede Art von Ticket verkauft. Zum Glück haben wir Opa dabei, der sich auskennt. Er empfiehlt uns ein Familienticket, für das bis zu zwei Erwachsene billiger reinkommen, die Kinder gratis, und im extra ausgewiesenen Familienblock ist keine Randale zu erwarten. Nur Opa muss dann woanders sitzen, was doof ist, denn wir können Janis ganz bestimmt keine Fragen zum Spiel beantworten. Doch wir haben Glück. Zahlreiche spontane Schwarzmarkthändler gehen die Warteschlangen ab und versuchen, ihre überschüssigen Tickets zu versetzen. Eine Dame hat vier Sitzplätze nebeneinander in der besten Kategorie im Angebot. „Aber wir wollen nicht viel zahlen“, sagt Opa. „Die drei hier kommen als Familie für 38 Euro rein, und ich hab einen Behindertenausweis, für mich kostet’s nur siebzehn.“ Man einigt sich, ein Fünfziger wechselt den Besitzer, und ein paar Minuten später sitzen wir auf der West-Tribüne an der Mittellinie. Direkt hinter uns beginnt der VIP-Bereich. Besser hätten wir es nicht treffen können.

Die Wahl des Sitzplatzes im Stadion ist eine Wissenschaft für sich, erklärt uns Opa. In der Südkurve sitzen die Fans, da möchte man nicht unbedarft landen. Schon jetzt tobt da der Bär. Die gegnerische Fangemeinde ist sowieso extra abgeschirmt. Ein breiter Korridor freier Plätze trennt die beiden Lager, und im Luftraum darüber sichert ein engmaschiges Netz die Grenze. Auf der Tribüne gegenüber steht die Sonne. Darauf haben wir überhaupt nicht geachtet, aber wir sind froh, nicht ins helle Licht blinzeln zu müssen.

Auf dem Platz findet eine Art Vorprogramm statt. Die Ü40-Herren nehmen Blumensträuße entgegen, weil sie schon wieder Deutscher Meister geworden sind. Janis und ich gehen noch mal raus, um uns hinter den Rängen umzusehen. Von den Verkaufsständen wabert dichter Friteusennebel herüber und hüllt uns ein. Erstaunlich viele Kinder springen zwischen all den Fußballbegeisterten herum. Ein Hansa-Schal gehört für alle Beteiligten zur Grundausstattung. So ganz ohne jedes Fan-Utensil fallen wir auf. Etwas abseits sehen wir die „Kinder-Malstraße“, wo für die Kurzen einiges Programm geboten wird. Vor uns verlässt ein kleiner Junge mit FC Hansa-Logo auf der Wange das abgetrennte Areal. „Möchtest du auch zum Kinderschminken?“ frage ich meinen Neunjährigen. Der winkt ab. „Ich bin kein Fußball-Fan, Mama, und ich will mich auch nicht als einer verkleiden.“ Okay, klingt fair.

Janis in the football stadion with Grandpa - in a moment when he didn't stick his fingers into his ears.
Janis in the football stadion with Grandpa – in a moment when he didn’t stick his fingers into his ears.

Kurz vor Anpfiff machen wir es uns wieder auf unseren Plätzen bequem. Vor uns ist alles leer. 11.000 Leute sind im Stadion, erzählt ein Mann über Lautsprecher, und Jubel ertönt. Mindestens doppelt so viele gehen rein, sagt Opa. Die Spieler beider Mannschaften werden vorgestellt. Der Stadionsprecher nennt ihre Vornamen, den Rest erledigen die Fans. Eine Hymne ertönt, alle stehen auf und schwenken ihre Fanschals. Ich bin ähnlich verunsichert wie damals bei meinem ersten Besuch eines katholischen Gottesdienstes: Muss ich diese gymnastischen Übungen mitmachen, auch wenn ich kein Gläubiger bin? Dann beginnt in der Südkurve die Show. Mit farbigem Papier in rot, weiß und blau zaubern die Fans die Buchstaben FCH auf die Tribüne. Dann fliegen die Schnipsel aufs Spielfeld und die Gesänge beginnen, erstaunlich koordiniert. Ich bin so beeindruckt von der Vorstellung, dass ich erst drei Minuten später mitkriege, dass das Spiel bereits begonnen hat.

Neben mir hat Janis sich inzwischen so weit akklimatisiert, dass er probehalber die Finger aus den Ohren nimmt.

„Und?“ frage ich.

„Gar nicht so schlimm“, sagt er.

Strange rituals for outsiders like us.
Strange rituals for outsiders like us.

Die Fans in der Südkurve trommeln. Sie brüllen: „Hansa!“, und von den Stehplätzen auf der gegenüberliegenden Seite tönt ein „Rostock!“ zurück. Hier auf der Westtribüne ist es relativ still und gesittet – bis die Weißblauen wenige Minuten später ein Tor schießen. Alle um uns herum springen von den Plätzen und jubeln. Ein Wasserfall aus Cola ergießt sich in Janis’ Nacken. „Sorry“, sagt die Frau in den Vierzigern, die hinter uns sitzt, und strahlt uns an. Wenn Hansa ein Tor schießt, kann niemand so eine Kleinigkeit übel nehmen, sagt ihr Gesichtsausdruck. Zum Glück trägt Janis eine wasserdichte Jacke – auch das ist Zufall, würde ich im Nachhinein aber allen ähnlich unbedarften Fußballzuschauern empfehlen.

Rostock schießt noch ein Tor, der stürmische Jubel wiederholt sich. Die Fans in der Südkurve sind ganz aus dem Häuschen. Sie führen eine Art simple Choreographie auf, indem sie in den Reihen immer gegenläufig in eine Richtung hüpfen. Ein wogendes Meer von Menschen, das auch noch laut singt. Ich erwische mich dabei, dass mein Blick viel häufiger auf die Südkurve als auf den Rasen gerichtet ist. Erst als sie anfangen, „Sieg -!“ zu brüllen, mit erhobener Hand und einer Pause, die genau verdeutlicht, dass da eigentlich noch ein Wörtchen fehlt, haben sie sämtliche Sympathien bei mir verspielt. Jetzt fallen mir auch die vielen fehlenden Frisuren in der Menge auf, und die Transparente in altdeutscher Frakturschrift. Nein danke, da möchte ich wirklich nicht dazugehören.

Ich versuche, mich auf das Spiel zu konzentrieren und merke, dass ich wirklich keine Ahnung habe, was die Männer auf dem Rasen da tun. „Warum hat der Schiri jetzt gepfiffen?“ fragt Janis. „Frag Opa!“ rate ich ihm. „Ich bin wahrscheinlich die falscheste Ansprechpartnerin dafür im ganzen Stadion.“

In Minute 37 gebe ich es auf, das Spielgeschehen verstehen zu wollen. Stattdessen lasse ich meinen Blick über die Zuschauer schweifen. Auch hier auf der Westtribüne sitzen eine Menge Kinder. Der vielleicht zehnjährige Junge ein paar Plätze neben uns leiert gerade seinem fahnengeschmückten Vater das Smartphone aus der Tasche und beginnt zu daddeln. Einige Reihen vor uns schiebt sich eine Frau mit vier Mädchen im Gefolge Richtung Ausgang. Ein anderer Vater kehrt mit seinem Nachwuchs grade zurück, alle tragen dicke Hotdogs vor sich her. Ich bin etwas erleichtert, dass wenigstens einige Kinder ähnlich unbegeistert sind wie ich. Janis verfolgt das Geschehen noch eine Weile milde interessiert, dann packt er seine Brotdose mit Äpfeln aus.

In der Halbzeitpause holen wir uns ein pappiges Fischbrötchen und verpassen so das Feuerwerk, mit dem die Halle-Fans ihre Ränge komplett einräuchern. Als sich die Luft wieder halbwegs klärt, sehe ich, dass sie ein Transparent mit der Aufschrift „Gewalttäter Sport“ entrollt haben. Die durchschnittliche Haarlänge kann ich aus der Entfernung nicht ausmachen, aber sympathisch werden die mir so auch nicht.

In der zweiten Halbzeit erwacht Janis’ Interesse für die Finessen des Spiels. „Wieso kriegen jetzt die anderen den Ball?“ fragt er Opa, und so lerne auch ich ein paar Regeln. „Wieso darf der jetzt von da vorne schießen?“ Und schon ist ein neuer Fußball-Experte geboren: „Die Roten spielen ja auch ganz schön gut. Das war ja sehr schlau, was er da gemacht hat.“ Und, als Halle dann doch noch ein Tor schießt: „Hab ich’s nicht gesagt?“ Zum Glück ist der Tumult um uns herum so laut, dass die Hansa-Fans ihn nicht hören.

Ich frage Janis, wie ihm der Ausflug gefällt. „Es ist mal ganz spannend, das zu sehen, aber eigentlich ist es ziemlich langweilig“, sagt mein Sohn aufschlussreich.

Äh, wie meinen?

„Es ist schon interessant zu erfahren, wie so ein Fußballspiel abläuft, wie es anfängt und aufhört und wo es hinter den Tribünen hingeht, was man im Fernsehen ja nicht sieht. Aber das Dasitzen und Zugucken ist langweilig, und zu laut. Da würde ich lieber selber mitspielen. Aber ich glaube nicht, dass ich Fußballer werden will.“

Ich frage ihn, ob er es unterm Strich gut oder schlecht findet, dass wir hier sind. „Gut. Aber noch mal brauche ich hier nicht hin.“

Schön, dass wir uns einig sind.

Fazit:

Bildungslücke geschlossen. Nächstes Mal besorgen wir uns die Theaterkarten rechtzeitig.

Bei den Spielen von Hansa Rostock haben Kinder bis zwölf Jahre in Begleitung eines Erwachsenen freien Eintritt. Im Familienblock zahlen Familien je nach Konstellation zwischen 20 und 44 Euro. Wie das in anderen Stadien und bei anderen Vereinen ist? Ich habe KEINE Ahnung… 

3 Gedanken zu „Bildungslücke Fußballstadion und wie wir sie schlossen (in Rostock, Deutschland)“

  1. Und mir will man immer einreden, dass ich unbedingt mal ins Stadion gehen muesste, weil es soviel besser sei, als das Spiel im Fernsehen. Da wird auch der unbegeistertste Fussbalgucker (zu denen ich mich zaehle) mitgerissen. Gut zu wissen, dass es ich mir nicht alles einreden lassen muss. :-) Lieben Gruss, Peggy

  2. Hmm, wir sind auch keine großen Fußballfans (vor allem ich nicht), aber so ein Länderspiel gucken wir uns dann doch mal ganz gerne zum Zeitvertreib im Fernsehen an. Und bei der letzen Männer-WM sind wir dann spontan (ja, wirklich) mit unserem Sohn nach Südafrika geflogen. Er war mit im Stadion (da war er gerade zwei Jahre alt) und hatte einen Ohrschützer auf. Das war auch notwendig, denn damals waren ja gerade die Vuvuzelas in. Aber Krawall gab es zum Glück nicht. Wir saßen mit unseren deutschen Trikots mitten im spanischen Block (wir haben uns das disaströse Spiel Deutschland-Spanien live angeschaut), aber auch das war völlig ok. Und andere Babys und Kleinkinder waren auch da. Das war irgendwie witzig. Aber ja, unser Sohn hatte auch mehr Spaß daran, mit den anderen Zuschauern zu schäkern und durch die Gänge zu flitzen als auf seinem Sitzplatz zu sitzen und zuzuschauen. Und ein teurer Spaß war es auch – sogar Babys brauchen wohl im Stadion ein eigenes Ticket, auch wenn sie auf dem Schoß sitzen. Zumindest war das in Südafrika so.

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