Sheffield: Wenn man Fremde besucht und zu Hause landet

Couchsurfing at its best. Bei Kate und Chris gehören wir sofort zur Familie und genießen eine wunderschöne Zeit zusammen.

Couchsurfing at its best with Kate and Chris and their children near Sheffield.
Couchsurfing at its best with Kate and Chris and their children near Sheffield.

Pünktlich wie die Maurer erreichen wir Schlag sechs Uhr die Adresse unserer Couchsurfing-Gastgeber in einem Vorort von Sheffield. Irgendwo auf der rechten Seite muss es sein, hat Kate in ihrer E-Mail geschrieben. Am Straßenrand bewegt sich eine Frau im Dauerlauf. Als sie unser Kennzeichen erblickt, winkt sie uns hektisch zu. „Ich bin Kate“, ruft sie, als Martin das Fenster runterlässt. „Willkommen! Ich musste nur erst den Schlüssel von einer Bekannten besorgen, wir haben uns nämlich ausgeschlossen.“ Inzwischen hat ein Dreiergespann kleiner Jungs zu ihr aufgeschlossen. Die Familie war den ganzen Nachmittag unterwegs und hat erst bei der ohnehin verspäteten Rückkehr gemerkt, dass sie den Schlüssel vergessen hat.

Kate dreht den Ersatzschlüssel im Schloss und führt uns ins Haus. „Oje“, sagt sie und fährt sich durchs lange Haar. „Eigentlich wollte ich schon das Essen auf dem Herd haben, wenn ihr kommt.“ Macht nichts, versichern wir. Wir haben keine Eile. Die Jungs schließen schon mal Bekanntschaft mit David (8), James (6) und Peter (4) und erkunden das Spielzimmer. Inzwischen fängt es an zu regnen. „Oh nein, die Wäsche“, seufzt unsere Gastgeberin. „Sag mir, was ich machen soll!“ sage ich zu ihr. „Ich helfe gern, überhaupt kein Problem.“ Und so kommt es, dass ich fünf Minuten nach unserer Ankunft bei bis dato fremden Menschen im Garten stehe und Unterwäsche von der Leine nehme.

Fremd erscheint mir die Familie allerdings keinen Augenblick lang. Wie immer, wenn Couchsurfing gut funktioniert, fühlt es sich so an, als wären wir bei alten Freunden zu Besuch. Kate kocht Reis und wärmt die Riesenportion Hühnchen-Curry auf, mit der sich die pakistanische Nachbarin für die Urlaubsvertretung im Garten bedankt hat. Dabei erzählt sie, wie das Leben hier läuft. Sie unterrichtet die Kinder zu Hause, was in Großbritannien nicht unüblich ist. Plakate und Bilder an den Wänden jedes Zimmers zeugen davon. Im Spielzimmer vermittelt ein langer Zeitstrahl die Entwicklung der englischen Kulturgeschichte. Die Wachstuchdecke auf dem Esstisch ziert der Aufdruck einer Weltkarte. Wir schlafen in der „Bibliothek“, die man in Deutschland wohl als Arbeitszimmer titulieren würde. Die eine Wand, die nicht von umfangreichen Bücherregalen vereinnahmt ist, nimmt eine detailliert gemalte Darstellung der Evolutionstheorie ein.

We were occupying the library.
We were occupying the library.

Sogar auf dem Klo verdeutlicht ein Poster die technische Entwicklung vom Rechenschieber bis zum Computer. Das ganze Haus atmet Bildung. Großen Wert legt Kate auch auf die künstlerische und musische Ausbildung ihrer Kinder. Für den Musikunterricht kommt die Homeschooling-Gemeinde aus der ganzen Stadt vorbei, damit Kate ihnen die Grundlagen der Blockflöte beibringt. Eine andere Mutter lädt dafür zum Arbeiten mit Ölfarben, eine weitere bietet physikalische Experimente an und erklärt sie den Schülern anschließend kindgerecht. Ich bin begeistert. Selten habe ich so gebildete, weltoffene, tolle Kinder gesehen wie David, James und Peter.

Plenty of interesting things to find in a house of home-education.
Plenty of interesting things to find in a house of home-education.

Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 14. August 2013 verfasst. Mehr England-Reiseberichte aus jenem Familienurlaub inklusive Karte gibt es in unserem England-Inhaltsverzeichnis. Chronologisch geht es hier weiter:

Abenteuer-Spaziergang samt Drachenzähmung (im Peak District, England)

2 Gedanken zu „Sheffield: Wenn man Fremde besucht und zu Hause landet“

  1. Wow – was für eine tolle Erfahrung! Besser kann man Land und Leute nicht kennenlernen. Wir haben uns bisher noch nicht ans Couchsurfing herangetraut – vielleicht sollten wir es doch mal probieren…

    1. Es ist bestimmt nicht für jeden das Richtige, aber für uns ist es tatsächlich die einzig wahre Art zu reisen. ;) Eben weil man seine Reiseziele dadurch „von innen“ kennenlernt, nicht nur spektakuläre Landschaften und Sehenswürdigkeiten. Oft wundert man sich ja auch über Begebenheiten oder Gepflogenheiten, und in solchen Fällen ist es Gold wert, Couchsurfer zu haben, die man einfach mal danach fragen kann – und plötzlich macht alles so viel mehr Sinn. Und halt die Begegnungen an sich sind großartig. Couchsurfer sind halt eine „bestimmte Sorte Mäuse“, fast immer richtig interessante Menschen (wenn dadurch natürlich auch in den wenigsten Fällen repräsentativ für ihre Gegend).

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