Kranke Kinder auf Reisen: In Schweden in die Notaufnahme

Kranke Kinder auf Reisen sind immer eine blöde Angelegenheit. Wir können ein Lied davon singen, denn wir haben schon so manches durch: Grippaler Infekt mit 40 Grad Fieber in einem Haus mitten im Wald und weit ab vom Schuss im ländlichen Estland, Windpocken auf der Fähr-Überfahrt von Frankreich nach Irland und eine tüchtige Lebensmittelvergiftung, die uns die Zeit im herrlichen Dubrovnik bösartig verkürzt. Aber wenn es so übel kommt, dass man mit Kindern im Ausland ins Krankenhaus muss, ist das noch einmal eine ganz andere Hausnummer. In Schweden passierte uns genau das. 

Aus meinem Reisetagebuch

Ich gebe hier eins zu eins den Eintrag aus meinem analogen Reisetagebuch zum besten, das ich auf unserer Skandinavienreise im Jahr 2009 geführt habe. Wir waren auf der Rückreise aus Norwegen und verbrachten insgesamt noch vier Nächte in Schweden. Zwei davon waren wir als Couchsurfer bei einer Familie in Borås untergekommen. Dort verbrachten wir einen wunderbaren Tag im Wald, pflückten Blaubeeren, sammelten Pilze und grillten Würstchen über einem Lagerfeuer. Janis war gerade fünf geworden, Silas noch keine drei. 

Schweden ist toll! Den Vormittag vorm großen Zittern verbrachten wir im Wald.
Schweden ist toll! Den Vormittag vorm großen Zittern verbrachten wir im Wald.

Sonntag, 13. September 2009

Die Sonne schien herrlich, und so verbrachten wir den Nachmittag hauptsächlich auf der Terrasse, während die Kinder spielten. Ich half Emma, die Pilze zum Trocknen vorzubereiten.

Dann war es Zeit, mit dem Kochen anzufangen. Ein drittes Mal in diesem Urlaub gab es Käsespätzle. Silas hing mir arg am Rockzipfel, und Janis stolperte voll Karacho gegen die Ecke einer Wand. Er traf genau auf eine Ader an der Stirn, und binnen einer Minute schwoll die Beule auf die Größe einer Mandel an. Natürlich gab es viel Geschrei.

Am Ende gelangen die Spätzle aber trotzdem gut.

Montag, 14. September 2009

Gestern legten wir noch einen Abendspaziergang ein. Meine Jungs durften sich die Fahrräder der Nachbarskinder ausleihen. Silas hatte Stützräder, Janis natürlich nicht, und außerdem war sein Leihrad ein bisschen zu groß für ihn. Er hat erst vor kurzem Radfahren gelernt und seitdem kaum Übung gehabt. Die ersten paar Meter (ungefähr die ersten tausend) fiel er ständig vom Rad und stieß sich seine Beule erneut (natürlich umfasste die Lehgabe auch einen Helm, der aber bei jeder Erschütterung gegen sein Horn drückte). Absteigen und Schieben wollte er aber auch nicht.

Janis auf dem Fahrrad, irgendwann zwischen Sturz 3 und 14, nehme ich an.
Janis auf dem Fahrrad, irgendwann zwischen Sturz 3 und 14, nehme ich an.

Und so fuhr und fiel er seinen Weg durch Wohn- und Naherholungsgebiet bis zu einem hübschen See. Silas strampelte derweil glücklich auf seinen Stützrädern vor sich hin. Allerdings überstiegen sowohl Bremsen als auch Lenken seine Kenntnisse, und so landete er schließlich vor einer Betonmauer am Ende einer Schräge. Ein Schild verhinderte seinen Sturz über selbige die Böschung hinab. Was für ein Glück, dass auch er einen Helm trug!

Am See aßen wir die Muffins, die Emma aus den gepflückten Blaubeeren gebacken hat. Als die Kinder immer übermütiger über den schmalen Steg balancierten, machten wir uns auf den Heimweg.

Janis‘ Fahrkünste verbesserten sich stetig. Am Ende drehte er stolz eine Ehrenrunde.

Wieder zurück war es Zeit fürs Bett. Janis jammerte, dass sein Kopf wehtue. Dank Arnika-Kügelchen war die Schwellung erkennbar zurückgegangen, aber durch den Helm war sie deutlich gerötet. Er legte sich freiwillig ins Bett und verkündete kurz darauf, dass ihm schlecht sei. Dann reichte seine Energie doch wieder, um sich mit seinem Bruder zu kloppen, und ich hielt sein Gehabe für Janis-typische Schauspielkunst. Bis er sich dann doch übergab. Den Sturz in der Küche und all die Stürze auf dem Rad hatte er für seine Verhältnisse relativ gut weggesteckt, und auch jetzt war er sehr artig und aufmerksam, forderte rechtzeitig eine Schüssel und half mir, sie im Bad auszuleeren und auszuwaschen. Er verhielt sich ganz normal, sagte, er habe ein wenig Kopfweh, aber es gehe ihm schon besser.

Mutterinstinkt und die Angst, nichts falsch zu machen

Ich war unsicher, was zu tun sei. Eigentlich sagte mir mein Instinkt, dass einfach alles ein bisschen viel war und Janis einfach nur Ruhe brauche.

Emma schlug vor, zur Vorsicht doch einmal im Krankenhaus anzurufen. Die meinten allerdings, wir sollten sofort kommen. Wenn mehrere Stunden zwischen Sturz und Erbrechen liegen, deute das unter Umständen auf erhöhten Druck im Schädel hin, Hirnblutungen also.

Nun doch ziemlich beunruhigt, packten wir das Nötigste in eine Tasche. Silas war am Boden zerstört, dass er nicht mit durfte. „Aber ich hab mir doch auch den Kopf gestoßen!“ beteuerte er immer wieder und zog sich die Gummistiefel an. Erst die Aussicht auf zwei Folgen „Shaun das Schaf“ am Laptop konnte ihn mit der Welt versöhnen.

Notaufnahme in Schweden

Emma fuhr Janis, mich und das kleine Plastikschüsselchen zur Notaufnahme. Wir mussten eine Nummer ziehen und warteten eine ganze Weile. Janis füllte währenddessen noch einmal sehr zivil und ohne Gejammer besagte Schüssel. Es folgten die Formalitäten, Blutdruckmessen und Pupillenreflexkontrolle, dann eine lange Wartezeit.

Kranke Kinder auf Reisen: Wer genau hinguckt, erkennt die Beule. Das war allerdings schon am nächsten Tag. Im Krankenhaus habe ich keine Fotos gemacht.
Kranke Kinder auf Reisen: Wer genau hinguckt, erkennt die Beule. Das war allerdings schon am nächsten Tag.

Janis sollte nicht einschlafen, und es kostete uns eine Menge Überzeugungskraft, ihn wach zu halten. Wir hatten ein Bilderbuch mitgenommen, und ich stellte ihm eine Menge Fragen zu den Bildern. Aber es war inzwischen nach zehn, er war den ganzen Tag auf den Beinen gewesen, und die Augen fielen ihm zu.

Schließlich bekamen wir die Erlaubnis, ihn schlafen zu lassen, wenn wir ihn nur alle 30 Minuten aufweckten und seine Ansprechbarkeit überprüften.

Zwei Mal wurden wir in ein anderes Zimmer verlegt, weil immer mehr Patienten Isolationsräume benötigten (dieselben, die vorher im Wartebereich fleißig ihre Schweinegrippeviren in die Gegend gehustet hatten).

Gegen elf kam endlich eine Ärztin. Sie unterhielt sich mit Emma, die den Hergang schilderte, und untersuchte Janis noch einmal gründlich. Es war alles andere als einfach, den Kerl so weit zu wecken, dass er seine Zurechnungsfähigkeit unter Beweis stellen konnte, aber es reichte der Ärztin, um uns nach Hause zu schicken. Wir bekamen die Auflage, ihn alle zwei Stunden zu wecken. Solange er dann seinen Namen sagen könne, sei alles okay. Wenn nicht, sollten wir schleunigst wiederkommen.

Die Nacht war entsprechend unruhig, und statt seines Namens bekam ich, wenn überhaupt, nur ein grummeliges „Schlafen!“ zu hören. Aber die Erleichterung war natürlich trotzdem sehr groß.

Als wär nichts gewesen: am nächsten Morgen beim Frühstück. Im Hintergrund ist die böse Ecke zu sehen.
Als wär nichts gewesen: am nächsten Morgen beim Frühstück. Im Hintergrund ist die böse Ecke zu sehen.

Kranke Kinder auf Reisen: Ende gut, alles gut

Heute geht es ihm auch schon wieder bestens. Dass er dasselbe hat wie Madita bei Astrid Lindgren, macht ihn mächtig stolz. Zumal er nicht im Bett liegen muss wie sie. Seine Gehirnerschütterung ist wohl eine sehr leichte. Erst die kleinen Stürze mit dem Rad haben sozusagen das Fass zum Überlaufen gebracht. War ja auch eine blöde Idee, nach so einem Vorfall auch noch Fahrrad zu fahren. Aber es ging ihm ja gut.

Na ja, zum Glück war es nichts Schlimmes. Sehen wir es also als zusätzliche Urlaubserfahrung, auch mal ein schwedisches Krankenhaus von innen gesehen zu haben.

Was für ein Glück, dass mit unserem Janis wieder alles in Ordnung ist! :)
Was für ein Glück, dass mit unserem Janis wieder alles in Ordnung ist! :) (Am nächsten Tag auf der Fähre nach Hause.)

Blogparade „Krank auf Reisen“

„Krank auf Reisen“ lautet das Thema der Blogparade auf workntravel.info.

Mit Blogparaden ist das ja immer so eine Sache. Diese „Aufsatzsammlungen“ können total spannend sein, wenn eine bunt gemischte Auswahl von Bloggern sich individuell mit einem bestimmten Thema beschäftigt. In diesem Fall bestehen Leserschaft und Zielgruppe der „gastgebenden“ Bloggerin aus sehr jungen Leuten, die längere Zeit im Ausland unterwegs sind und dort auch arbeiten. Familie hat da bestimmt noch keiner, insofern „bringt“ meine Teilnahme keinem von uns beiden viel. Aber Jo hat mich auf die Idee gebracht, und deshalb reihe ich mich ordnungsgemäß bei den Mitwirkenden ein.

Übrigens: Angela von UnterwegsMitKind hat kürzlich auch was zum Thema kranke Kinder auf Reisen geschrieben: Wenn das Kind auf Kreuzfahrt krank wird.

4 Gedanken zu „Kranke Kinder auf Reisen: In Schweden in die Notaufnahme“

  1. Oh je….
    Meine Tochter fiel auf Mallorca von der Schaukel. Schnell war klar, daß sie mehr als nur eine Prellung hatte und mein Vater schickte uns, nachdem er die Karte studiert hatte, in die Policlinica nahe Palma. Dort war eine deutsche Krankenschwester, die uns nicht von der Seite wich! Beim Röntgen, beim Arzt, im Gipsraum. Überall war sie dabei und übersetzte! Da dieser Unfall unser erster war, waren wir natürlich sehr aufgeregt und dankbar für die wunderbare Betreuung.

    In Schweden waren wir aber auch schon mal im Krankenhaus, damals mit meinem Bruder, der sich fies mit seinem Taschenmesser in die Hand geschnitten hatte…das war aber vor ca. 30 Jahren!

    Viele Grüße,
    Martina

    1. Das ist wirklich Gold wert, wenn man eine Übersetzungshilfe an der Seite hat! In Skandinavien würde es bestimmt auch mit Englisch funktionieren (Emma und ich haben uns ja auch auf Englisch verständigt), aber gerade in den klassischen Ländern wie Spanien ist es ja nicht selbstverständlich, dass Leute Englisch sprechen, nicht einmal Ärzte. Vielleicht ist es auf Mallorca noch ein bisschen was anderes. Aber die deutsche Krankenschwester war auf jeden Fall ein Segen, das glaube ich.

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