Krungl: Heimkehr in Österreichs Postkartenidylle

Eine Woche Österreich vergeht wie im Flug. Der Grund: Irgendwie bin ich hier zu Hause.  Eine Reise in meine Kindheit und zurück.

Der Grimming war Klein-Lenas allererstes Wander-Revier.
Der Grimming war Klein-Lenas allererstes Wander-Revier.
Wie früher: Die Pfade rings um Krungl wecken Erinnerungen.
Und heute: Die Pfade rings um Krungl wecken Erinnerungen.

Es ist ein bisschen wie Nachhausekommen. Ziemlich genau 20 Jahre bin ich nicht hier gewesen. Als wir in die einzige Straße des winzigen Dorfes im Salzkammergut einbiegen, ziehen die Holzhäuser mit den geraniengeschmückten Balkonen noch wie ein weißes Blatt an mir vorbei. Dann aber erkenne ich den Kanzler, der früher noch ein einfacher Dorfgasthof war und sich zwischenzeitlich zum „Wander- und Landhotel“ gemausert hat. Und ich weiß: Jetzt ist es nicht mehr weit bis zum Haus der Familie Lindner. Wir fahren direkt auf den mächtigen Grimming zu, der in der Abendsonne leuchtet. Und dann sehe ich die Pension, in der ich bestimmt sechs, sieben Jahre in Folge mit meinen Eltern und meiner kleinen Schwester Urlaub gemacht habe.

Typisch Österreich: Holzbalkone mit Blütenpracht in Krungl.
Typisch Österreich: Holzbalkone mit Blütenpracht in Krungl.

Kindheitserinnerungen – jetzt bin ich die Große

Das Tor erschien mir als Kind riesig, genau wie der Hügel gegenüber, auf dem die Kühe weiden. Alles scheint geschrumpft zu sein, weil ich gewachsen bin. Die Hausherrin öffnet uns, und noch während ihrer herzlichen Begrüßung schiebt sich das Raum-Zeit-Paradoxon mit einem Ruck zurecht und die Gegenwart fügt sich nahtlos an die so ferne Vergangenheit an. Die beiden Wirtsleute sind natürlich älter geworden, aber sie sind noch genau dieselben. Aufgeregt tauschen wir Ausrufe des Erkennens aus, und dann geht die Reise in die Kindheit erst so richtig los: Hier, unter derselben Bank, hat unser Hund Willi immer die Schuhe bewacht. Dort ist der Frühstücksraum, und an der Wand hängen noch dieselben Lampen, an denen ich damals so ausdauernd Licht-an-Licht-aus gespielt und mir damit Ärger eingehandelt habe. Josefa Lindner führt uns die Treppe hinauf, vorbei an dem Zimmer, dessen Schwelle schon fast über der obersten Treppenstufe schwebt; hier hat Oma geschlafen, als sie das eine Mal mit uns zusammen in den Urlaub gefahren ist. Wir bekommen das Zimmer gegenüber: Das, das für mich immer das Schlafzimmer meiner Eltern war. Ich öffne die Balkontür und sehe auf dem Klappstuhl vor meinem inneren Auge meine Mutter in der Sonne sitzen, die Füße von sich gestreckt, vollkommen entspannt. Mit einem merkwürdigen Gefühl nehme ich ihren Platz ein. Es ist einer dieser Momente, in denen ich mit einer Mischung als Stolz, Erleichterung und Wehmut begreife, dass ich tatsächlich erwachsen geworden bin.

Mit jeder Kuh auf du und du... Es sind sicher nicht mehr dieselben, die ich als Kind gestreichelt habe, aber der Anblick der Weißbraunen gehört zur Kindheitsidylle definitiv dazu.
Mit jeder Kuh auf du und du… Es sind sicher nicht mehr dieselben, die ich als Kind gestreichelt habe, aber der Anblick der Weißbraunen gehört zur Kindheitsidylle definitiv dazu.

Urlaub mit Familienanschluss – und Schnaps

Hausherr Hubert Lindner scheint sich über diesen Fakt zu freuen. Zwar sehe ich an seinem Lächeln, dass er in mir immer noch das kleine Mädchen von damals sieht, aber als ich hinuntergehe, um mich nach dem WLan-Passwort zu erkundigen, lautet seine erste Frage: „Moagst an Stamperl?“ Den Schnaps brennt er selbst, und zwar exzellente Ware. Während die Jungs oben ihr eigenes Schlafzimmer in Besitz nehmen und ihren Vater zu einer Runde Wizard überreden, hocke ich schon fröhlich auf der Eckbank in der Küche und spreche den Genüssen zu, die bei meinem letzten Besuch noch meinen Eltern vorbehalten waren. „Do hat dei Vater immer g’sessn“, sagt Hubert und deutet auf den Platz ganz an Rand. „Den musst’ jetzt würdig vertret’n.“ Dann kommt auch noch Daniela vorbei, die Tochter des Hauses, mit der ich früher durch den Garten getobt bin und mit der ich Barbie-Kleider ausgetauscht habe. Für Martin und die Jungs ist Krungl einfach nur ein idyllischer Urlaubsort mit besonders netten Vermietern. Für mich ist es eine Mischung aus Zeitreise und Familienheimkunft.

Ich mit meiner Mama und unserem Hund Wili vorm Grimming, irgendwann in den 80ern.
Ich mit meiner Mama und unserem Hund Wili vorm Grimming, irgendwann in den 80ern.
Selbstportrait einer Heimkommenden.
Selbstportrait einer Heimkommenden.

Und drum herum Idylle

Auch in der Umgebung entdecke ich in den kommenden Tagen überall An- und Ausblicke, an die ich mich erinnere. Vor allem der Grimming, der majestätisch über dem Postkarten-Panorama thront, weckt auch die Ehrfurcht meiner Kinder. Der Gedanke, dass Opa in jungen Jahren die schroffen Felsen mal bestiegen hat, nötigt ihnen Respekt ab. Freiwillig erklären sie sich einverstanden, selbst lieber auf den Kulmberg zu klettern. Der ist eher ein Hügel, aber wir geraten trotzdem ins Schwitzen. Oben sitzen wir auf einer Bank unter einem Apfelbaum und haben einen herrlichen Ausblick. Wir treffen die Kühe, die ohne Umwege für die Milch auf unserem Frühstückstisch sorgen. Und als wir auf dem Rückweg beim Kanzler einkehren und uns ein schokoladiges Stück Rehrücken-Kuchen genehmigen, werde ich tatsächlich von der Chefin erkannt! „Ich soll noch schön grüßen, von meinem Vater“, setze ich an. Sie sieht mich an, sagt: „Ja, natürlich!“, lacht und nennt seinen Namen. Oh, es ist herrlich, so ganz unverhofft nach Hause zu kommen!

Gipfelblick für Anfänger: Auf der Kuppe des Kulmbergs gibt's immerhin frische Äpfel zum Weitblick gratis dazu.
Gipfelblick für Anfänger: Auf der Kuppe des Kulmbergs gibt’s immerhin frische Äpfel zum Weitblick gratis dazu.

Krungl ist ein Ortsteil von Bad Mitterndorf im Salzkammergut. Familie Lindner vermietet fünf Zimmer und eine Ferienwohnung in Tauplitz. Aktuelle Preise auf Anfrage.

Postkarten-Idylle mit Berg-Panorama. Aber: Der Grimming macht seinem Namen alle Ehre.
Postkarten-Idylle mit Berg-Panorama. Aber: Der Grimming macht seinem Namen alle Ehre.

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5 Gedanken zu „Krungl: Heimkehr in Österreichs Postkartenidylle“

  1. Wie schön ist es, solche Kindheitsorte wieder zu besuchen. Ich freu mcih für dich mit.
    Mir geht es immer so im Schwarzwald, auf dem Alisehof, auf dem ich schon in Windeln herumgelaufen bin. ;-)

    Herzlich, Katja

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