Stanford: Picknick in einem verschwundenen Dorf

Auf dem Weg nach Norden sind wir von der Autobahn abgefahren, um irgendwo in der Natur zu picknicken. Die Raststätten in Großbritannien sind nämlich nicht so grandios. Aber ohnehin mögen wir es grün und nehmen uns gern die Zeit für eine ordentliche Pause. Immerhin kriegen wir so auch ein Fleckchen England zu sehen, an dem wir sonst ohne mit der Wimper zu zucken vorbeigefahren wären.

Heute ist das ein Ort namens Stanford – den es schon seit rund 500 Jahren nicht mehr gibt. Na ja, es gibt ein gleichnamiges Dörfchen, Standord-on-Avon, das wir auf der Suche nach einem netten Picknickplatz auch durchquert haben. Und es gibt ein Herrenhaus, Standford Hall. Aber als wir hinter dem Ortsausgang links ranfahren, entdecken wir noch ein drittes Stanford, ganz aus Versehen. Hinter dem Gatter einer etwas unebenen Schafweide steht eine Info-Tafel. Diese berichtet, was es mit den Unebenheiten auf sich hat: Sie sind die einzigen Spuren eines mittelalterlichen Dorfs.

There are hardly any sign left of the former village of Stanford.
A bit of a ditch, a few irregularities – that’s all that’s  left of the former village of Stanford.

Wie überall in Europa kam es auch in Großbritannien vor, dass eine Siedlung aufgegeben werden musste. Zu viele Missernten, zu viele Tote. Ab dem Jahr 1347 grassierte in England wellenweise immer wieder die Pest. Es ist schwer, gesicherte Aussagen darüber zu treffen, aber verschiedene Quellen gehen davon aus, dass fast ein Drittel der Briten damals von dieser fiesen Infektionskrankheit dahingerafft wurde. Für die derart dezimierte Bevölkerung wurde es schwierig, all die Felder zu bewirtschaften. Manche Landesherren warben verbotenerweise in den Dörfern ihrer Nachbarn um frisches Humankapital, um die Reihen wieder aufzufüllen. So kam es, dass zahlreiche Dörfer zu Wüstungen wurden.

Die Infotafel lädt zum Erkunden des alten Dorfgebiets ein, und so klettern wir über den Zauntritt. Die Schafe nehmen vor uns Reißaus, sehr zum Bedauern der Jungs. Wir suchen uns eine relativ köttelfreie Stelle und genießen unser Picknick da, wo vor ein paar Jahrhunderten noch Häuser standen. Ein bisschen gruselig ist der Gedanke schon. Aber wenn man mal darüber nachdenkt, ist es an vielen anderen Orten auch nicht groß anders. In Städten sind die Grundstücke oft schon seit Jahrhunderten bebaut. Da sind im Laufe der Zeit auch viele Menschen gestorben, und es haben sich Tragödien abgespielt. Es war nur nie so endgültig, weil immer wieder neue Menschen nachgerückt sind. Dass hier nur Schafe übrig blieben, ist irgendwie schon bedrückend. Während Janis über die Erdwälle springt, um vielleicht doch noch ein Streichelschaf zu erwischen (hat er nicht), denken wir Großen über das Leben und die Vergänglichkeit nach.

Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 14. August 2013 verfasst. Mehr England-Reiseberichte aus jenem Familienurlaub inklusive Karte gibt es in unserem England-Inhaltsverzeichnis. Chronologisch weiter geht es hier:

„Ich glaube, hier ist das Paradies!“ (bei Matlock, England)

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