Tallinn mit Kindern: gute und weniger gute Museen

Stadtbummel durch Tallinn mit Kindern. Mit Museen.

Gestern hatte Martin immer noch Kopfschmerzen, und so einigten wir uns darauf, dass er sich im Hotel auskuriert und ich mich mit den Jungs alleine durch den Regen ins Museum durchschlage. Ein bisschen kannte ich mich ja schon aus im Altstadt-Gewühl. Unglaublich viele Touristen dort, mehr noch als in Riga (zumindest kam es mir so vor). Sehr viele Reisegruppen, die den Schildern der Kreuzfahrt-Reedereien hinterherliefen.

Ich hatte mich so auf Tallinn gefreut, aber es ist mir doch entschieden zu wuselig, zu teuer, zu touristisch. So ein bisschen wie Rotenburg ob der Tauber. Ernsthaft schön, aber hoffnungslos überfüllt.

Markt in Tallinn - und Touristen sind überall.
Markt in Tallinn – und Touristen sind überall.

Die Jungs klebten vor jedem Schaufenster mit Bernstein-Kitsch, von denen es hier Unmengen gibt. Janis rechnete, ob er es mit seinem Taschengeld auf eine dieser Bernstein-Collagen bringen könnte (zum Glück konnte er nicht).

Aus Bernstein gibt's hier ALLES - und meine Jungs sind begeistert.
Aus Bernstein gibt’s hier ALLES – und meine Jungs sind begeistert.

Unser wirkliches Ziel verloren wir aber nicht aus den Augen. Schließlich hatten die Jungs moniert: „Wir wollen endlich mal wieder was Interessantes machen, was auch Kindern Spaß macht! Wir wollen ins Museum!“

Das erste Museum, das Janis fand, war gar nicht das, das wir suchten. Es war eine kleine, kostenlose Ausstellung, die die Geschichte des örtlichen Gymnasiums schilderte. Auf diese Weise erfuhr ich, dass Alfred Rosenberg, einer der Nazi-Chefideologen, dort als Lehrer wirkte und fließend Estnisch sprach. Die Jungs waren entzückt, eine alte Schulkarte mit früheren polnischen Königen zu finden, von denen wir einige in Poznan in der Gruft eingesargt besichtigt haben.

Das NUKU Puppen-Museum in Tallinn. Viel Technik, viel bunt.
Das NUKU Puppen-Museum in Tallinn. Viel Technik, viel bunt. Viel Eintritt.

NUKU Puppen-Museum Tallinn: geht so

Als wir wieder auf die Straße traten, rief uns Lautsprechermusik zu einem Schaufenster, wo eine Show mit mechanischen Apparaturen begann, mit Flugmobilen im Steampunk-Stil. Die Installation gehörte zu einem Museum, und da die Apparaturen einen ziemlich coolen Eindruck machten, ließ ich mich nicht lange bitten. Es war ein Marionettenmuseum, oder besser gesagt, eins für Puppentheater, für das Tallinn offenbar bekannt ist. Ich musste arg schlucken, als die Lady am Tresen mir 18 Euro abknöpfen wollte und fragte nach, ob ich mich verhört hätte. Nein, sagte die Dame konsterniert, das sei schließlich das modernste Museum Estlands. Okay, dann wollten wir uns das halt auch mal ansehen…

Für die beträchtliche Summe gab es in der Tat einiges zu sehen: eine große Anzahl Touchscreens und eine große Anzahl Marionetten. Lauter Stars des estnischen Kinderfernsehens, die uns so überhaupt nichts sagten. An den Vitrinen lasen Kameras die Tickets aus, um die Texte automatisch in der richtigen Sprache und im altersgerechten Schwierigkeitsgrad anzuzeigen. Hm.

Die Jungs fanden den Raum toll, wo man die Marionetten hinter Glas mithilfe des Touchscreens selbst bewegen konnte.

Ich stellte interessiert fest, dass die ersten Puppenspieler schon kurz nach der Besiedlung Tallinns im 16. Jahrhundert dort auftraten.

Richtig cool war dann eine Gruselgruft, in der sich fernsehtaugliche Puppen zu Licht- und Soundeffekten einer Geisterbahn bewegten. Hätte es noch drei, vier mehr von solchen Räumen gegeben, hätten wir noch mal drüber reden können, ob der Preis angemessen war.

Grusel-gruft-Puppenmuseum-Tallinn-Estland
Gruselstimmung in der Gruft: Filmreife Puppen in Aktion. Dieser kleine Raum war tatsächlich ganz cool.

Stadtmuseum Tallinn: toll für Kinder

Eine knappe Stunde später kämpften wir uns durch die Touristenmassen auf dem Marktplatz, bewunderten einzelne Häuser auf dem Weg und erreichten schließlich das Stadtmuseum. Dort kostete das Familienticket 6,20 Euro und brachte uns allen wesentlich bessere Unterhaltung.

Für die Kinder gab es Mitmach-Stationen zur Geschichte des Hafens, zu Burgberg und Stadt, über Gilden und Kaufleute, vom Mittelalter bis in die Neuzeit. In einem im Stil der 60er Jahre eingerichteten Wohnzimmer parkten sich die Jungs vor einen Fernseher und sahen estnischsprachige Sowjet-Propaganda, was mir sehr zupass kam, da ich mich so ausführlich der Besatzungsgeschichte widmen konnte. Offenbar spielte Estland durchaus eine Sonderrolle in der Sowjetunion, vor allem durch die insgesamt eher unüblich hohe wirtschaftliche Produktivität. Da qualitative Arbeit keineswegs belohnt wurde, resignierten die Esten in späteren Jahrzehnten wohl und kultivierten ihren typischen rabenschwarzen Sarkasmus, der mir in der Tat schon am lebenden Objekt immer wieder aufgefallen ist.

Geschichte zum Anfassen, Stadtmuseum Tallinn.
Estnische Geschichte zum Anfassen.

Dann rief Martin an, und wir verabredeten uns zum Mittagessen. Wieder unternahmen wir den Versuch, ein halbwegs bezahlbares Restaurant zu finden. Von der Idee eines ausführlichen Essens verabschiedeten wir uns schnell und nahmen schließlich etwas abseits in einem schönen Innenhof auf den Plätzen eines Cafés Platz. Dann eben nur ein Stück Kuchen. Als die Karte kam, stellte sich jedoch heraus, dass der Kuchen-Kostenpunkt auch bei fünf Euro lag – pro Stück. Und am Nebentisch sahen wir, dass die nicht eben groß bemessen waren. Ein kleiner Cappuccino sollte 3 Euro kosten. Also klappten wir die Karte zu, nickten freundlich zur Kellnerin rüber und machten uns vom Acker. Was zum Mitnehmen gab es auch nicht wirklich, und Bäckereien sind in ganz Estland praktisch unbekannt (Brot kauft man im Supermarkt, wo sonst?). Wir verließen den Altstadtbezirk (und damit den vorzeigbaren Teil Tallinns), und außerhalb der Stadtmauern gerieten wir schließlich in ein Lokal, wo wir uns Vorspeisen für sechs bis sieben Euro gönnten und davon halbwegs satt wurden.

We loved the architectoral mix of Tallin's buildings.
Stilmix auf dem Burgberg von Tallinn.

Den Rest des Nachmittags schlenderten wir durch die Stadt. Wir sahen uns den Burgberg an, auf dem das estnische Parlament steht. Mit der lange ersehnten Eigenständigkeit des kleinen Landes war es ja in der Geschichte nie so ganz weit her.

Als die russischen Zaren hier herrschten, zimmerten sie dem Symbol des nationalen Stolzes (der alten Burg eben) um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erstmal eine orthodoxe Kirche direkt vor die Nase (die Mehrheit der Esten ist „wie alle Skandinavier“ Lutheraner). Wir besichtigten die Aleksander-Nevskij-Kathedrale und staunten über den verschwenderischen Umgang mit Blattgold (welches man partout nicht fotografieren sollte). Eigentlich als Mittelpunkt gedacht war die Domkirche mit Wurzeln im 13. Jahrhundert und damit für estnische Verhältnisse verdammt alt. Der schmucklose Bau fiel aber, ehrlich gesagt, zwischen orthodoxem Prunk und touristischem Kitsch nicht weiter auf. Abends packten wir ein Picknick aus unseren Vorräten zusammen und aßen in der Abendsonne im Park.

Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 8. August 2012 verfasst.

Mehr Tallinn bei family4travel

Tallinn: Mein erster Eindruck (mit Hotel-Tipp)

Freilichtmuseum Tallinn: Ofen ohne Schornstein, aber kein Essen ohne Fleisch

 

Ein Gedanke zu „Tallinn mit Kindern: gute und weniger gute Museen“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.