Tangermünde: Von dicken Backsteinmauern und einem traurigen Frauen-Schicksal

Wir sind mal wieder auf der Durchreise, und mal wieder stolpern wir bei dieser Gelegenheit über eine absolut sehenswerte deutsche Kleinstadt. Mir scheint, wir sammeln die wie Murmeln. Und Tangermünde mit seiner Backsteinpracht und der herzzerreißenden Geschichte um die vermeintliche Brandstifterin Grete Minde ist wahrlich ein Glanzstück in dieser Sammlung.

Das Elbtor ist von der Wasserseite aus der einzige Einlass durch die truzigen Stadtmauern. (The Elbe gate is the only entrance to the old town of Tangermünde from the riverside.)
Das Elbtor ist von der Wasserseite aus der einzige Einlass durch die truzigen Stadtmauern.

Altstadt-Spaziergang in Tangermünde

Wir parken am Hafen direkt am Tanger, der hier – wer hätte das gedacht – in die Elbe mündet. Rot und äußerst massiv ragen die Mauern vor uns auf. Sie dienen heute vor allem dem Flutschutz.

Seit ihrer Errichtung im 15. Jahrhundert haben sie das getan, allerdings baute man damals auch noch auf die abschreckende Wirkung. Wir passieren das Elbtor und folgen dem stark ansteigenden Weg der Rossfurth hinauf. Es hat durchaus etwas von einem Spießrutenlauf zwischen den bedrückenden Mauern. Wir sind froh, nicht in vergangenen Jahrhunderten als ungebetene Gäste hier angekommen zu sein.

Dann aber haben wir die Altstadt erreicht, und dort fühlen wir uns alles andere als ungebeten. Cafés und Kneipen haben aufgrund des herrlichen Wetters schon Tische und Stühle vor die Tür geräumt. Zahlreiche Boutiquen und alternative kleine Lädchen locken mit bunten Schaufenstern in die Fachwerkhäuser.

So uneinladend Tangermünde von außen wirkt, so weitläufig und gemütlich sieht es in der Altstadt aus. (As forbidding as the town looks from outside, as welcoming and lofty it is on the inside of the impressive town walls.)
So uneinladend Tangermünde von außen wirkt, so weitläufig und gemütlich sieht es in der Altstadt aus.

Wir schlendern durch die heimeligen Gassen, begutachten das Hünerdorfer Tor, das heute eher ein Turm mitten in der Stadt – und mitten auf der Straße – ist.

Das Schloss, das die dicken Stadtmauern ebenfalls mit einschließen, ist heute ein schickes Hotel mit frei zugänglichem Park. Im Mittelalter residierte hier Kaiser Karl IV., der Tangermünde zu seiner Reichshauptstadt machen wollte. Er kam nicht weit damit, und seine Nachfolger hatten schon wieder andere Pläne. 1640 fiel die ursprüngliche Burg schwedischen Besatzern zum Opfer. Der preußische König Friedrich I. sorgte rund 60 Jahre später für den Wiederaufbau.

Tangermünde hat richtig viele wundervolle Backsteinbauten - hier noch mal das Neustädter Tor. (There are so many lovely brick buildings in and around the town.)
Tangermünde hat richtig viele wundervolle Backsteinbauten – hier noch mal das Neustädter Tor.

Das Burg-Museum an der Schlossfreiheit macht leider erst im Mai wieder auf, aber dafür gibt es anständige öffentliche Toiletten im Hof, kostenlos – immerhin.

Cafés in Tangermünde

Unsere Wahl für ein Eiscafé, die wir kurz darauf treffen, ist jedenfalls die falsche. Selten habe ich auf so schlechtes Eis, das so schlecht zusammengestellt war (Zitrone im Schokoladen-Becher, also bitte), so lange gewartet.

Wir ärgern uns ein bisschen, dass wir uns nicht ein anderes der vielen einladenden Cafés gesetzt haben. Aber nicht lange. Immerhin können wir von hier aus die prächtige Fassade des Alten Rathauses sehen. Sie stammt aus dem Jahr 1430 und hat damit als eins der wenigen Gebäude der Stadt den verheerenden Brand von 1617 überstanden.

Die Schmuckfassade des Alten Rathauses ist zu Recht der Stolz der Stadtbewohner. (The richly ornamented front of the Old Townhall, in which the museum tells the story of Grete Minde.)
Die Schmuckfassade des Alten Rathauses ist zu Recht der Stolz der Stadtbewohner.

Grete Minde in Tangermünde

Die Frau, die für diesen verantwortlich gemacht wurde, sehen wir vor der Gerichtslaube des Rathauses in Handeisen und Fußfesseln. Grete Minde ist ihr Name, und aus ihren bronzenen Augen blickt sie uns flehentlich entgegen.

Ihrer dramatischen Geschichte kommen wir im stadtgeschichtlichen Museum auf die Spur, das im Erdgeschoss des alten Rathauses untergebracht ist. Demnach entstammte Grete einer angesehenen Patrizierfamilie. Ihr Vater jedoch verübte einen Mord und musste Tangermünde verlassen. Er starb in der Fremde, und Frau und Tochter waren auf den guten Willen der Verwandten angewiesen.

Mit dem war es bedauerlicherweise nicht weit her. Der Erbteil, den ihr Onkel ihr zubilligte, reichte Grete hinten und vorne nicht. Jahrelang stritt sie für mehr, ohne jeden Erfolg.

Auch bei den Männern hatte die arme Grete anscheinend kein glückliches Händchen. Sie heiratete einen Landsknecht ohne Anstellung. Der brachte das wenige Geld, das ihr die Familie gelassen hatte, in kürzester Zeit durch und erwarb sich dann als Wegelagerer und Marodeur einen rabenschwarzen Ruf.

Als er 1618 gefasst wurde, hatte er nichts Besseres zu tun, als – unter Folter, meinetwegen – den Großbrand vom vergangenen Jahr seiner Frau in die Schuhe zu schieben. Die hätte, so sagte er, die Stadt angezündet, aus Rache wegen des verlorenen Erbprozesses (die Sache war zwischenzeitlich bis vor den Rat getragen worden).

Überglücklich, endlich einen Schuldigen gefunden zu haben, nahmen die Behörden diese Neuigkeit auf. Sie verurteilten die arme Frau im Schnellverfahren und beförderten sie auf bestialische Art und Weise in den Tod (Details sind den Akten im Museum zu entnehmen).

Während in Theodor Fontanes gleichnamiger Novelle Grete Minde tatsächlich die Täterin ist, gilt die historische Persönlichkeit inzwischen als rehabilitiert. Heute wird sie als tragische Heldin der Stadt gefeiert.

Grete Minde - die Frau, die auf brutale Weise sterben musste, weil sie - angeblich - die Stadt in Schutt und Asche legte. (She was - wrongfully - convicted of having started the huge fire that destroyed most of the town in 1617.)
Grete Minde – die Frau, die auf brutale Weise sterben musste, weil sie – angeblich – die Stadt in Schutt und Asche legte.

Praktische Hinweise über Tangermünde

Tangermünde liegt in Sachsen-Anhalt bei Stendal an der Elbe und hat gut 10.000 Einwohner. Parkplätze gibt es reichlich; der am Hafen ist kostenlos. Nette kleine Spielplätze haben wir zwischen Hafen und Stadtmauer (mit Café) und am Klosterberg (Stendaler Straße) gefunden.

Das Stadtgeschichtliche Museum befindet sich im Alten Rathaus (Lange Straße). Es ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Erwachsene zahlen 2 Euro Eintritt, Kinder einen.

Mehr sehenswerte deutsche Kleinstädte

sind unserer Meinung nach zum Beispiel

Wer unsere komplette Sammlung sehen will, findet sie hier auf der Deutschlandkarte markiert und mit den entsprechenden Blogposts verlinkt.

2 Gedanken zu „Tangermünde: Von dicken Backsteinmauern und einem traurigen Frauen-Schicksal“

  1. Wie hab ich mich gefreut einen Bericht über meine geliebte Heimatstadt Tangermünde bei euch zu entdecken – dabei folge ich Eurem Block schon eine ganze Weile… und als ich gerade euren Bericht über Weißenfels las dachte ich noch „Tangermünde, das wäre auch etwas für Euch“…
    Schade nur dass Ihr einigeSchätzchen noch nicht entdeckt habt – besonders das Pech beim Eis essen ist schade, wo es so viele nicht nur nette sondern wirklich spezielle Lokalitäten gibt. Ich mag besonders das Exempel (Alte Schulhaus) direkt bei der schönen Stephanskirche mit ihrer herrlichen Orgel (über deren Hof manchmal die Störche spazieren), es ist quasi ein kleines Museum mit Schulzimmer und Wohnräumen aus alter Zeit in denen man sich niederlassen und genüsslich die sehr informative und lustig gestaltete Speisekarte studieren kann – am besten trinkt man dazu schon mal ein Kuhscheanzbier:-) (und lässt sich anschließend bei einer tollen Stadtführung erklären, was es mit dem Namen auf sich hat. Bei einer Burgführung könnte man auch suf den alten Gefängnisturm steigen und den herrlichen Ausblick über die weiten Elbwiesen genießen- hier an der Elbe entlang führt übrigens der berühmte Elbe-Radweg bspw. bis nach Dresden und seit einigen Jahren hat auch der jährliche Elbdeichmarathon sehr viel Zulauf.
    Im Museum der Alten Brauerei finden sich vielerlei Sonderlichkeiten zu bestaunen – es ist mehr ein Sammelsorium eben dieser denn ein Museum, aber für Kinder fast eine Art „Schatzsuche“ nach dem Motto wer entdeckt die nächste Finte. Die monatlichen Jam Sessions in der Brauerei bzw im Sommer in deren Elbgarten sind nicht zu verachten.
    Gedpeist haben muss man meines Erachtens unbedingt in der Zecherei, das alte Klostergebäude ist herrlich urig eingerichtet und spätestens die Speisekarte stimmt einen ins Mittelalterliche – dem kann man vermutlich nur noch mit einem Bad / Esden im Zuber die Krone aufsetzen:-)

    Ach ja und da wir selbst eine überzeugte Wohnmobil-Reise-Familie sind: hier noch der letzte Tipp: der Wohnmobilhafen ist extrem preiswert – hat zwar nicht Zeltplatzausstatzung – aber die Kids können am Tanger spielen und direkt über die Elbwiesen toben – Störche, Rehe und Biber beobachten – und man ist tatsächlich in 5 Minuten zu Fuß mitten in der Altstadt!
    Naja, dass ich meiner Heimatstadt nach über 20 Jahren die ich zwischenzeitlich im Süden unserer Republik wohne immer noch sehr verbunden bin, brauche ich wohl nicht weiter zu erwähnen… ich würde mich freuen davon zu lesen, dass ihr auf der Durchreise nochmal wieder Halt gemacht habt im guten alten Tangermünde…
    Viele liebe Grüße und weiterhin schöne Reisen
    Jessica

    1. Oha, da hat das System ja eine wahre Antiquität von Blogpost ausgegraben. :) Den müsste ich mal überarbeiten – aber vielleicht wirklich erst nach einem Wiederbesuch, denn vor allem deine Café-Tipps machen mir da echt Lust drauf! ;) Vielen Dank für die Ergänzungen!

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