Unsere Reisen als Kind: Meine Schwester Gesa und ich

Das letzte Puzzelteil meiner reisebezogenen Familiengeschichte im Rahmen unserer Blogparade „Meine Reisen als Kind“ liefert heute meine Schwester Gesa. Sie ist drei Jahre jünger als ich und hat als Kind natürlich genau dieselben Reisen mitgemacht wie ich. Trotzdem war es unheimlich spannend, sich mit ihr darüber auszutauschen, zumal wir uns auch in Sachen Reisen so unterschiedlich entwickelt haben.

Meine Schwester Gesa steht mir so nahe, wie es wohl überhaupt nur unter Schwestern möglich ist. Früher wussten wir, was die andere denkt, bevor sie den Mund aufmachte. Oft genügte ein Blick, und wir brachen beide in Gelächter aus, weil die Pointe der Anekdote, die wir erzählen wollten, schon längst so angekommen war.

Dadurch, dass wir in den vergangenen 15 Jahren sehr unterschiedliche Lebenswege gegangen sind – dass Gesa erst in Bielefeld und dann in Dresden ein cooles, alternatives und ziemlich unabhängiges Leben führte, während ich in unserem Heimatort blieb und mich meinen Kindern widmete – dadurch hat sich unser Band schon ein bisschen gelockert.

Trotzdem war es nicht so ganz einfach, mit ihr ein Interview über unsere gemeinsamen Reisen als Kinder zu führen – weil eben doch wieder ein Wort, eine Geste genügte, damit sich vor den Augen der anderen die entsprechende Szene aus unserer gemeinsamen Erinnerung abspielte, und wir uns immer wieder auf das Zuwerfen einzelner Stichworte beschränkten.

Aus dem Wust der Notizen, der sich nach diesem äußerst erheiternden halben Stündchen auf meinem Laptop befand, habe ich ein strukturiertes Gespräch gefaket, dessen Inhalt den Tatsachen entspricht und leidlich gut zu verfolgen ist. Glaubt mir, wärt ihr dabei gewesen, hättet ihr gar nichts verstanden. 🙂

Gesa und ich 2011. Ein aktuelleres Foto von uns beiden habe ich auf die Schnelle nicht gefunden.
Gesa und ich 2011. Ein aktuelleres Foto von uns beiden habe ich auf die Schnelle nicht gefunden.

Du und ich und der Bulli

Liebe Gesa, wenn du so zurückdenkst an unsere Urlaube früher, was fällt dir dann ein?

Frei assoziiert sind da eine Menge dänischer Ferienhäuser, viel Strand, und immer der Bulli. Der Bulli ist eigentlich so das, was alles zusammen hält. Hab ich letztes erst dran gedacht, als wir das alte Ding bei unserem Umzug von Dresden zurück nach Schaumburg vollgepackt haben. Dieses Geräusch, mit dem die Schiebetür zufällt…

Ja, das ist Kindheitserinnerung pur. So verheißungsvoll. Weißt du noch, wie wir uns immer um den mittleren Sitz gestritten haben?

Ja! Da gibt es auch noch ein Foto von, glaube ich.

Unser Bulli hat einiges mitgemacht. Aus irgendeinem Grund war der Mittelsitz am beliebtesten...
Unser Bulli hat einiges mitgemacht. Aus irgendeinem Grund war der Mittelsitz am beliebtesten…

Der gute alte Bulli hat uns ganz schön weit herumgebracht.

In meiner Erinnerung waren wir irgendwie immer nur in Dänemark.

Waren wir ja auch oft. Manchmal zwei Mal in einem Jahr, im Frühjahr und im Herbst. Im Sommer allerdings nie, soweit ich mich erinnern kann. Da waren Papa die Ferienhausmieten zu hoch, und er meinte, dafür fährt er lieber zwei Mal außerhalb der Hauptsaison. Aber wir waren auch anderswo unterwegs.

In der Türkei sind wir natürlich auch noch gewesen.

Das eine Mal ohne den Bulli… Da waren wir ja schon etwas älter. Ich bin auf der Reise 16 geworden.

Oh ja… Das war schon was.

Im Altmühltal waren wir auch mal und sind gepaddelt.

Das war außergewöhnlich: Paddeln auf der Altmühl in Bayern, Papa, Gesa und ich.
Das war außergewöhnlich: Paddeln auf der Altmühl in Bayern, Papa, Gesa und ich.

Ja, stimmt. Da war Kleiner Pelz mit, mein riesengroßer Teddy.

Ich erinnere mich. Und einen Städtetrip nach Hamburg haben wir gemacht.

Ja, da waren auch Oma und Opa dabei. Wir waren im „Planten & Blomen“, diesem wunderschönen Park, und auf einem Schiff, glaube ich. Und es war heiß. In Berlin waren wir auch, mindesten ein Mal. Wobei mir die Städtetrips schon als Kind nicht so gefallen haben. Das war so anstrengend.

Ich fand es eigentlich ganz cool. Mal im Hotel, das war ja was ganz Besonderes für uns.

Also, ich weiß, dass wir auch noch mal in Holland waren, im Center Parc.

Ja! Center Parc war schon cool damals, oder?

Absolut! Die Wildwasserbahn!

Überhaupt das Schwimmbad da.

Und der bissige Schwan!

Ja, der!

Und vor allem war toll, dass wir da als Kinder auch viel Freiraum hatten. Ich weiß noch, wie wir da alleine mit dem Fahrrad rumgedüst sind.

Wir waren generell viel auf eigene Faust unterwegs, auch in den dänischen Ferienhausgebieten –

Was total gut war für uns!

Ja, dafür bin ich auch echt dankbar. In meinen ersten Assoziationen sind es tatsächlich vor allem die seligen halben Stunden, die wir alleine im Ferienhaus bleiben durften, während Mama und Papa einen Spaziergang zu zweit gemacht haben oder Einkaufen gefahren sind.

Ja! Wie wir dann Lego gespielt haben, was in der anderen Umgebung viel mehr Spaß gemacht hat. Oder als wir die ganze Wohnzimmereinrichtung auf den Kopf gestellt haben, um uns eine Butze daraus zu bauen, und Mama hat einen Dahlschlag gekriegt, als sie zurückkam.

Ja! Das weiß ich auch noch.

Erinnerungskultur

Wie siehst du deine Erinnerungen, die du an unsere Urlaube hast? Also, was genau kommt da hoch?

Unterschiedlich. Ganz oft sind es konkrete Bilder von bestimmten Situationen. Auch Gerüche oft. Geräusche manchmal auch, wie die besagte Bullitür.

Und was für Situationen sind das? Nenn mal ein paar!

Die Katzen in den Museumsdöfern. Die Glasbläsereien, wo wir dann diese kleinen Figuren für unsere Setzkästen kaufen durften. Spaziergänge am Strand. Muscheln sammeln. Auf dem Bunker stehen, während unter unseren Füßen die Wellen brechen. Leuchtturm besteigen. Und in Museen waren wir viel. In den Städten haben wir die ganzen Sehenswürdigkeiten schon auch abgeklappert. Rundkirchen. Friedhöfe angucken, das war ja ein ganz normales Urlaubsevent für uns, das mache ich auch heute noch gern.

Ich auch. Allein schon, die Namen zu lesen und auszurechnen, wie alt die Menschen geworden sind. Ist das nicht normal?

Nein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Leute in ihrem Urlaub keine Friedhöfe besichtigen.

Ich glaube, das war auf Römö. Mama und Papa haben ihren Strandspaziergang alleine gemacht, Gesa und ich sind hier geblieben und haben den Bach umgeleitet. War cool!
Ich glaube, das war auf Römö. Mama und Papa haben ihren Strandspaziergang alleine gemacht, Gesa und ich sind hier geblieben und haben den Bach umgeleitet. War cool!

Reisefreuden, Reisefaulheit

Und dann war da natürlich auch noch die Reiterhof-Ära.

Findest du, dass das Reisen waren? Dass das als Verreisen zählt? Immerhin war der Reiterhof keine 30 Kilometer von zu Hause weg.

Für mich waren das Reisen. Für mich war damals alles eine Reise, was außerhalb meines Zimmer stattfand.

So der weltgrößte Reisefreak warst du schon damals nicht, oder?

Ich glaube, Heimweh hatte ich selten. Ich war ja mit der Familie unterwegs. Aber ich war trotzdem immer froh, wenn ich wieder zu Hause war.

Warum eigentlich?

Weiß ich gar nicht. Ich mochte wohl einfach die Umstellung nicht. Deshalb habe ich ja auch schon damals in den Ferienhäusern immer alles in die Schränke geräumt und nie aus der Tasche gelebt.

Mir war das völlig egal. Viel zu umständlich, alles einzuräumen.

Nee, bei mir musste auch alles mit. Am liebsten hätte ich mein ganzes Zimmer mitgenommen.

Aber die Ferienhaus-Urlaube haben dir schon gefallen?

Ja, klar.

Und heute reist du immer noch nicht sonderlich gerne.

Es ist nicht so, dass ich Reisen per se doof finde. Ich setze nur meine Prioritäten anders. Reisen sind halt auch schrecklich teuer. Wenn, dann besuchen wir heute eher Freunde. Also, wir fahren dahin, wo die Leute nun einmal wohnen, die wir sehen wollen. Mein letzter richtiger Urlaub war 2007 in Schweden. Das war sehr schön! Wenn wir irgendwann mal wieder Geld haben, werden wir auch mal verreisen.

Was wir beide zum Zeitpunkt unseres Gesprächs ganz vergessen hatten: Gesa und ich sind sogar mal zusammen verreist, und zwar 2009 für eine Woche nach Irland!
Was wir beide zum Zeitpunkt unseres Gesprächs ganz vergessen hatten: Gesa und ich sind sogar mal zusammen verreist, und zwar 2009 für eine Woche nach Irland!

Vielleicht mal nach Österreich? Da ist es mit kleinen Kindern ja schon schön. Kannst du dich an Krungl erinnern?

Ja. Da weiß ich noch, dass du da mal Geburtstag hattest. Und dass es ein altes Schaf namens Mädi gab, und Kaninchen. Das Wandern war ganz cool. Waren schöne Urlaube dort. Aber keine sehr prägenden für mich.

Für mich schon. Sobald ich in Österreich bin, nehme ich automatisch fast sofort den Dialekt an. Wie letztens in Wien, echt schlimm. „Sie kommen von hier?“ fragte mich die Dame an der Kasse des Hundertwasserhauses, die Strichliste über die Herkunft der Besucher führen muss. Aber ich glaube, ich war auch öfter dort als du, und du warst dann immer noch sehr klein.

Ich mit meiner Mama und unserem Hund Wili vorm Grimming, irgendwann in den 80ern.
So groß wie ich auf diesem Foto bin, muss Gesa in jenem Urlaub in Österreich schon dabei gewesen sein. Aber als sie drei oder vier war, verschrieb der Arzt ihren empfindlichen Bronchien Seeluft, und von da an ging es meist nach Dänemark. Österreich bleibt deswegen mehr „mein“ Reiseland.

Ja, ich erinnere mich schon an etliches. Aber mich zieht da nichts wieder hin. Da war Bornholm, glaube ich, prägender für mich. Da will ich unbedingt noch mal hin.

Oh ja! Das wäre doch was: Ein Ferienhaus für uns alle, Mama, Papa, wir vier, und ihr mit Baby.

Oh ja, das wäre ein guter nächster Urlaub!

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