Wo wir mit dem „Dampf-Elefanten“ fuhren und ofenfrische Kekse der Bäuerin naschten (in Beamish, England)

Heute unterziehen wir uns einer Zeitreise, denn in Beamish lebt die Vergangenheit. „The Living Museum of the North“ – das lebendige Museum des Nordens – lautet entsprechend der volle Name des Freilichtmuseums, das mehrere Höfe, ein Bergwerk samt Arbeitersiedlung und sogar eine kleine Stadt umfasst.

It was easy to feel like a time-traveller.
It was easy to feel like a time-traveller.

Von Tynemouth aus fahren wir durch Newcastle und kurven dann über schmale Landstraßen bis in das winzige Dörfchen Beamish, das in der Wahrnehmung der Menschen bereits identisch mit dem Museum ist. „Ich bin immer wieder überrascht, wie schnell es außerhalb der Stadt grün wird“, sagt Kathryn. Unsere Couchsurfing-Gastgeberin ist heute mit von der Partie, worüber wir uns unbändig freuen. Sie hat extra einen Tag Urlaub genommen, um uns diesen Lieblingsort ihrer Kindheit zu zeigen.

Schon kurz nach Toresöffnung ist der Parkplatz gut belegt. Am Eingang reihen wir uns in eine stattliche Warteschlange ein. Kostümierte Mitarbeiter wünschen uns lächelnd einen guten Morgen. Auch die Damen hinter dem Kassentresen tragen die Tracht des 19. Jahrhunderts. Die Summe, die sie von uns verlangen, schockiert uns nicht, denn wir wussten schon vorher, was da auf uns zukommt: 46 Pfund (ca. 55 Euro) für eine Familie mit zwei Kindern. Dafür dürfen wir theoretisch ein Jahr lang kostenlos wiederkommen. Kathryn erzählt uns, dass viele Familien aus dem Umland auch genau das regelmäßig tun.

Ich liebe Freilichtmuseen, und wir haben in den letzten Jahren durchaus schon einige gesehen. Was Beamish zu einem ganz besonderen unter ihnen macht, ist das historische Transportsystem. Omnibusse und Straßenbahnen verbinden die fünf in der Landschaft verstreuten Ansammlungen von Museumsbauten und bringen die Besucher kostenlos von Ort zu Ort. Das ist natürlich etwas für unsere Jungs! Gleich als erstes springen wir in einen Straßenbahnwagen von 1925. Es sind auch noch ältere Modelle im Einsatz: Am betagtesten ist „Sunderland 16“, der von 1900 bis 1954 Fahrgäste transportierte, bevor er Karriere als Umkleidekabine auf dem Fußballplatz und später als Werkzeugschuppen machte. Von 1989 an wartete die Bahn hier im Museum darauf, dass jemand Zeit und Geld für die Restaurierung fand. 2003 war es dann endlich soweit, und jetzt ist „Sunderland 16“ wieder gemeinsam mit neun anderen Oldtimern auf den Straßenbahnschienen von Beamish unterwegs. Schaffner in historischer Uniform sind immer mit dabei, und sie erzählen gerne die eine oder andere Geschichte aus der Vergangenheit ihrer Gefährte.

Waiting for the bus.
Waiting for the bus.

Wir lassen uns auf den polsterbezogenen Sitzplätzen nieder und fahren bis Pockerley. Dieser Teil des Museums geht in die georgianische Zeit zurück, ins 18. und frühe 19. Jahrhundert also, als die vier Georges regierten. Wir sehen uns Pockerley Old Hall an, einen herrschaftlichen Bauernhof mit einem hübschen Garten. Dass das Haus bewohnt ist, verraten schon die dicken Rüben und Kohlköpfe, die in der Diele lagern, und der Geruch nach frischen Plätzchen, der uns schon auf der Türschwelle entgegenweht. In der Küche schiebt die Bäuerin gerade ein Blech Makronen in den gemauerten Ofen. „Da stehen schon welche, die fertig sind“, sagt sie und weist auf den Küchentisch. „Probiert mal! Aber seid vorsichtig, sie sind noch warm.“ Auf der Eckbank sitzt eine Magd und poliert das Silber. Auch die Gesindezimmer auf dem Dachboden dürfen wir erkunden. „Liebe Mutter“, beginnt ein Brief, den der neue Knecht offenbar begonnen hat, bevor er zur Arbeit hinuntergerufen wurde, „Ich bin jetzt seit einem Monat in Pockerley Old Hall. Zeit, euch von meinem Alltag hier zu berichten…“ Ungeniert lesen wir seine Aufzeichnungen. Hier ist nichts abgesperrt, stöbern ist erwünscht.

Pockerley Old Hall. Just wish the photo could also show you the smell of biscuits fresh from the oven.
Pockerley Old Hall. Just wish the photo could also show you the smell of biscuits fresh from the oven.

Gleich nebenan befindet sich der Waggonway. Hier hält eine Crew aus Museumsangestellten und Ehrenamtlichen uralte Eisenbahnen in Schuss, die ihren heutigen Urenkeln nicht einmal ähnlich sehen. Heute ist der „Steam Elephant“ aus dem Jahr 1815 im Einsatz. Na ja, wie alle Loks hier ist er genau genommen eine originalgetreue Replik. Aber der Bandscheiben-Härtetest, dem wir uns bei der kurzen Probefahrt im Personenanhänger unterziehen, ist durchaus authentisch. Das Herz des Ingenieurs an meiner Seite schlägt derart hoch, dass ein ausgedehnter Plausch mit den kostümierten Eisenbahnbastlern unvermeidlich ist. Genau so ist es aber auch gedacht, denn das Vermittlungskonzept des Museums beruht auf persönlichem Erleben und Kommunikation. Ausgiebige Erklär-Texte sucht man hier vergebens. Schüchternen Touristen mit beschränkten Englisch-Kenntnissen wird deshalb leider vieles entgehen.

A replica of the Steam Elephant of 1815. We even enjoyed a ride in a wagon pulled by it - though "enjoy" might not be the right word here...
A replica of the Steam Elephant of 1815. We even enjoyed a ride in a wagon pulled by it – though „enjoy“ might not be the right word here…

Wir laufen nach Pit Village, ins Dorf der Minenarbeiter. In der Gegend um Newcastle ist bekanntlich in rauen Mengen Kohle abgebaut worden. Ein Bergwerk mit angeschlossener Sortier- und Verladeeinrichtung ist hier nachgebaut. Direkt nebenan befinden sich die Arbeiterhäuser aus dem frühen 20. Jahrhundert, der Blütezeit der nordenglischen Kohleproduktion. Zu dem Zeitpunkt hatten sich die Arbeitsbedingungen unter Tage schon um einiges verbessert: Es war nicht mehr üblich, wie im 18. Jahrhundert Kinder ab fünf Jahren (!) in die engen Stollen zu schicken. Noch bis 1940 aber gingen die Jungs mit zwölf Jahren von der Schule ab, um im Bergbau zu arbeiten. Kathryn erzählt uns, dass ihr Großvater zur See fuhr, um diesem Schicksal zu entgehen. Eine bessere Alternative gab es für Kinder aus den unteren Schichten nicht.

Our couchsurfing host Kathryn taught our boys how to deal with the simple toys at the village school of Pit Village.
Our couchsurfing host Kathryn taught our boys how to deal with the simple toys at the village school of Pit Village.

Inzwischen ist es furchtbar voll geworden. Kathryn flucht, denn so überfüllt hat sie diesen Ort nicht in Erinnerung. Wir entgehen dem Trubel, indem wir uns auf eine der Wiesen zum Picknick zurückziehen. Danach steigen wir in einen roten Omnibus und fahren in die Stadt. Hier ist die Zeit kurz vor dem ersten Weltkrieg stehen geblieben.

Only the fact that there were so many of those time-travellers bothered us a bit.
Only the fact that there were so many of those time-travellers bothered us a bit.

Im Kurzwarenladen herrscht reger Andrang. Im Süßwarengeschäft kriegen wir überhaupt kein Bein an die Erde und beschränken uns auf einen Blick durchs Schaufenster. Den Stadtbesuch auf den Nachmittag zu legen, war wohl keine gute Idee.

Just a quick view through the shop window - there was no room to go inside.
Just a quick view through the shop window – there was no room to go inside.

In den „Beamish Motor & Cycle Works“ können wir endlich wieder durchatmen. Hier stehen noch mehr alte Vehikel, die nicht im täglichen Transportwesen genutzt werden. Eine junge Frau erklärt uns am Modell, wieso man bei Autos anfangs vorne kurbeln musste, um die Zündung in Gang zu kriegen. Die Jungs sind hin und weg.

Highly interesting was a visit of the house of the Masonic Lodge in Beamish Town.
Highly interesting was a visit of the house of the Masonic Lodge in Beamish Town.

So langsam will ich als Nicht-Technik-Freak aber auch mal wieder auf meine Kosten kommen! Das gelingt mir problemlos im Logenhaus der Freimaurer – ein äußerst spannendes Stück Geschichte. Leider sind die kostümierten Guides hier so umlagert, dass ich wenig Hintergrund-Infos mitbekomme und mich auf das Sichtbare beschränken muss. Anschließend schieben wir uns durch die Wohnhäuser der Stadt, in der eine Zahnarztpraxis und eine Anwaltskanzlei untergebracht sind.

Our boys were fascinated by the old chicken breed with their "feather pants".
Our boys were fascinated by the old chicken breed with their „feather pants“.

Deutlich weniger voll ist es etwas später auf der „Home Farm“. Hier geht vor allem vielen kleineren Kindern das Herz auf, denn es gibt jede Menge Tiere. Unsere Jungs sind ganz entzückt von den „Hühnern mit Federhosen“. Kathryn sagt, dass das in England ganz typische Hühner sind. Für uns sehen sie sehr exotisch aus.

Der Tag neigt sich dem Ende zu, und alles drängelt Richtung Ausgang. An den Bushaltestellen haben sich lange Schlangen gebildet. Die Jungs wären gerne noch mit dem einen oder anderen Transportmittel gefahren, aber bei so viel Andrang laufen wir lieber. Wir haben längst nicht alles gesehen und würden gerne von dem Deal mit der Jahreskarte Gebrauch machen und noch einmal wiederkommen. Leider lässt sich das nicht einrichten, denn morgen fahren wir schon weiter Richtung Wales. Natürlich werden wir auf dem Weg nach draußen durch den Shop geschleust, aber das Gedränge ist so groß, dass wir nicht mal in Versuchung geraten.

Den Abend verbringen wir bei Kathryn und ihrem Mann Tony. Wir revanchieren uns für die Klöße, indem wir frische Käsespätzle zubereiten. Die Jungs spielen Monopoly im Wohnzimmer und entdecken dann die Wii (ein Luxus, den sie von zu Hause gar nicht kennen). Wir klönen noch eine Runde, dann ziehen wir uns ins Gästezimmer zurück. Wieder einmal haben wir eine fantastische Couchsurfing-Erfahrung gemacht.

Fazit: Großartig! Lohnt sich trotz des stattlichen Eintrittspreises definitiv. Tipp: Gleich morgens in die Stadt fahren, wenn es noch nicht so voll ist. Und: Nicht schüchtern sein und die Guides ansprechen – die freuen sich, wenn sie etwas erzählen dürfen!

Beamish – The Living Museum of the North“ befindet sich im gleichnamigen Örtchen zwischen Durham und Newcastle-upon-Tyne. Navis füttert man am besten mit dem Postcode: DH9 0RG. Von April bis Oktober ist das Museum täglich von 10 bis 17 Uhr geöffnet, in der Wintersaison bleibt es montags und freitags geschlossen. Parkplätze sind reichlich vorhanden und im Eintrittspreis enthalten. Ein Familienticket kostet aktuell 46 Pfund.

Diesen Eintrag meines Reise-Tagebuchs habe ich am 23. August 2013 verfasst. Mehr England-Reiseberichte aus jenem Familienurlaub inklusive Karte gibt es in unserem England-Inhaltsverzeichnis.

 

PS: Wer sich gerne eine zweite Meinung einholen möchte, bevor er jubelnd Tickets bucht, kann das im „Anders reisen“-Blog von Gerhard Liebenberger tun.

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