Als wir etwas überstürzt unsere Europa-Reise planten, waren wir uns anfangs unsicher: Ist Rumänien ein sicheres Reiseland für Familien? Irgendwie hatten wir so viele Vorurteile im Kopf, obwohl wir selbst nicht recht wussten, wie die dahin gekommen waren. Ziemlich genau vier Wochen sind wir dann durch das große Land zwischen Karpatenbuckel und Donaudelta gereist und konnten (fast!) alle Punkte vor Ort schnell relativieren.

Kriminalität

„Rumänische Räuberbanden“ war so ein Schlagwort, das sich irgendwann Mitte der 90er in meinem Hirn festgesetzt haben muss. Tatsächlich ist die Kriminalitätsrate in Rumänien nicht sonderlich hoch. Transsilvanien (die für eine Familienreise wohl am besten geeignete Region) gilt noch dazu in jeder Hinsicht als Vorzeige-Provinz. Nirgendwo in Rumänien hatten wir ein schlechtes Gefühl, unser Auto auf offener Straße zu parken. In der dunklen Jahreszeit waren wir etliche Male lange nach Sonnenuntergang in Innenstädten und Außenbezirken unterwegs. In Timişoara sind wir an einem Freitag um Mitternacht mehrere Straßenblocks von einer Abendeinladung nach Hause gelaufen und dabei viel Jungvolk begegnet, ohne uns irgendwie bedroht zu fühlen.

Ein großes, meist blickdichtes Tor vor der Einfahrt ist in Rumänien selbstverständlich, um unerwünschte Besucher auf zwei oder vier Beinen abzuhalten.

Ein großes, meist blickdichtes Tor vor der Einfahrt ist in Rumänien selbstverständlich, um unerwünschte Besucher auf zwei oder vier Beinen abzuhalten.

„Zigeuner“

Politisch korrekt heißt es natürlich „die Minderheit der Roma und Sinti“, und politisch korrekt versuchen wir natürlich aus Prinzip, diesen dortzulande so arg diskriminierten Menschen offen gegenüberzutreten. Leider tun diese im Stadt- und Landschaftsbild überall präsenten Menschen wenig, um ihren schlechten Ruf zu widerlegen. Offiziellen Statistiken zufolge beträgt ihr Anteil an der rumänischen Bevölkerung 3,3 Prozent. Dem subjektiven Empfinden nach sind es wesentlich mehr. Es gibt Dörfer und Vorstädte, die von den Roma dominiert sind. Man erkennt sie ohne jeden Zweifel an den haarsträubenden baulichen Zuständen und daran, dass ganze Familien vor den windschiefen Gartenzäunen an der Landstraße sitzen, während die Kinder auf dem Seitenstreifen in der 100-Zone Fangen spielen. „Ethnografisch interessant“ ist wirklich die freundlichste Floskel, die mir dazu einfällt. Aber ich bin auch jemand, der sofort Beklemmungen kriegt, wenn mir fremde Menschen auf die Pelle rücken und mich zwingen, unfreundlich zu werden, weil sie ein freundliches „no, sorry“ nicht akzeptieren. Wir haben auch etliche Gruselgeschichten gehört, von Trickbetrügereien bis zur Blutrache-Lynchjustiz an eigentlich unschuldigen Autofahrern. Mehr als penetrantes Gebettel können wir ihnen aus eigener Erfahrung aber nicht vorwerfen.

Verkehr

Reale Gefahr stellt dagegen der Straßenverkehr dar. Hier wird gedrängelt und an den unübersichtlichsten Stellen wild überholt. Wir sind mehrmals nur knapp einem Verkehrsunfall entgangen (aber all das gilt ganz genauso auch für Slowenien und Kroatien).
Wann immer es sich vermeiden lässt, sollte man auf Nachtfahrten verzichten, denn auch wenn der Straßenzustand generell gar nicht so übel ist, werden Schlaglöcher selten aufgefüllt, Baustellen oft nicht oder unzulänglich beleuchtet; gleiches gilt für allgegenwärtige Pferdefuhrwerke und Radfahrer, die sich völlig schmerzfrei ohne jede Lichtquelle und oft selbst ohne Reflektoren nach Einbruch der Dunkelheit in den Verkehr stürzen. Oft drängte sich uns in dieser Beziehung der Verdacht auf, dass „der Rumäne an sich“ kein Interesse daran hat, ein hohes Alter zu erreichen.
Wer für sich und seine Kinder ein Taxi ruft oder einen Mietwagen nimmt, sollte vorher das Thema Kindersitze und Anschnallgurte auf der Rückbank ansprechen, denn weder das eine noch das andere ist in Rumänien selbstverständlich.

Auto fahren ist in jeder Hinsicht eine Herausforderung in Rumänien.

Auto fahren ist in jeder Hinsicht eine Herausforderung in Rumänien.

Straßenhunde

Immer wieder wird in Reiseführern und auf Internetseiten vor Straßenhunden gewarnt. In der Tat hat es laut unseren Couchsurfern in der Region Bukarest vergangenes Jahr zwei (einzelne) Fälle von tötlichen Angriffen auf Kinder gegeben. Offenbar rotten sich die Biester mancherorts zu großen Rudeln zusammen. Von denen sollte man sich dann wirklich fernhalten (wir haben keine gesehen).
Allgegenwärtig sind dagegen einzelne Streuner. Auch wir sind unzähligen wilden Hunden begegnet. Wann immer wir uns zum Picknick auf eine Bank setzten, waren sofort ein, zwei, drei Hunde zur Stelle, um uns aus traurigen Augen demütig die Bissen in den Mund zu zählen. Aber niemals ist uns ein solches Tier aggressiv oder auch nur unfreundlich begegnet. Nicht ein einziges Mal ist einer von ihnen aufdringlich geworden; sie haben immer respektiert, dass sie von uns nichts bekamen. Viele dieser Straßenhunde sahen allerdings ziemlich zerrupft aus. Wir haben unseren Kindern sehr deutlich eingetrichtert, dass kein wildes Tier gestreichelt wird.

Allgegenwärtig und wenig gefährlich: Straßenhunde.

Allgegenwärtig und wenig gefährlich: Straßenhunde in allen Farben und Formen.

Tollwut

Einweiteres Thema in Bezug sowohl auf Hunde, als auch auf Wildtiere, ist Tollwut. Mit EU-Mitteln wird diese unweigerlich tötliche Krankheit derzeit in freier Wildbahn versucht einzudämmen, indem Impfköder ausgelegt werden (von denen man sich wegen latenter Ansteckungsgefahr unbedingt fernhalten sollte, das sind so schwarze Plastikdöschen, die normalerweise weit abseits der Wege liegen). In Deutschland wird manchmal zur vorsorglichen Impfung geraten. Das ist möglich, aber die Tollwut-Impfung gilt selbst unter strikten Impf-Befürwortern als nicht ganz ohne. Fakt ist, dass sich auch in Rumänien nur Schäfer und Waldarbeiter impfen lassen. Laut der einzigen Statistik, die ich bei meinen Recherchen dazu im Netz gefunden habe, ist im Jahr 2007 in Rumänien ein (einziger!) Mensch an Tollwut gestorben. Falls es entgegen unser Erfahrung doch zu einer unfreundlichen Auseinandersetzung mit einem Straßenhund (oder – noch unwahrscheinlicher – einem Wildtier) kommt, sollte sofort ein Arzt aufgesucht werden. In den ersten Stunden nach einem Biss ist eine Immunisierung nämlich noch möglich.

Bären

Bären sind ein ernsthaftes Thema bei Spaziergängen durch den Wald – für schweigsame Wanderer und fixe Mountainbiker, die ein dösendes Wildtier überraschen könnten. Gerade mit Kindern besteht diese Gefahr in der Regel nicht, da das hochfrequente Geplapper jeden Teddy rechtzeitig in die Flucht schlägt. Wir haben rumänische Familien getroffen, die Waldspaziergänge in Bärengebieten grundsätzlich vermieden haben, und wir haben rumänische Familien getroffen, die regelmäßig mit dem Nachwuchs Wandern gehen. Manch einer kennt jemanden, der jemanden kennt, der mal aus der Ferne einen Bären gesehen hat… Wir selbst haben ungestört ausgiebige Spaziergänge in der herrlichen Natur unternommen – ABER als wir außerhalb eines Dorfes, keine 200 Meter vom letzten Haus entfernt, plötzlich entdeckten, dass wir auf einer Bärenhöhle gepicknickt hatten, wurde uns doch ganz anders. Vor dem Höhleneingang lag ein recht gründlich abgenagtes Schaf (glaube ich), und später erzählten uns die Leute im Dorf, dass sie im Winter wirklich Ärger mit den Biestern haben, die die Schafherden als bequeme Selbstversorger-Quelle betrachten.

"Picknick mit Bären" - was in einem gewissen Buch über die Mentalität der Amerikaner leeres Versprechen bleibt, hätten wir in Rumänien fast selbst erlebt.

„Picknick mit Bären“ – was in einem gewissen Buch über die Mentalität der Amerikaner leeres Versprechen bleibt, hätten wir in Rumänien fast selbst erlebt.

Vor Wölfen muss man, wie überall, überhaupt keine Angst haben (zumindest solange man kein Schaf oder wenigstens Schäfer ist). Zusammenstöße mit Menschen sind praktisch nicht bekannt.

Spuren von Wildtieren in der Wildnis... kommt halt vor in Rumänien.

Spuren von Wildtieren in der Wildnis… kommt halt vor in Rumänien.

Gesundheit

Wer sich gerne vor Krankheiten fürchtet, hat in Rumänien ausreichend Gelegenheit dazu. Wenn man sich richtig viel Mühe gibt, kann man sich im Donaudelta in heißen Sommern sogar mit Cholera infizieren. Malaria ist hingegen ausgerottet. Die Gefahr durch Zecken (Borreliose, FSME) ist genauso groß wie in Deutschland.

Ärztliche Hilfe haben wir zum Glück nicht in Anspruch nehmen müssen. Wir haben allerdings gruselige Geschichten aus den örtlichen Krankenhäusern gehört. Anscheinend ist es besser, für den Notfall selbst sterile Verbände und Einwegspritzen dabei zu haben, da sie bei Arzt oder Klinik nicht immer vorhanden sind. Die Krankenhäuser sind auf Spenden angewiesen, in vielen Supermärkten gibt es entsprechende Sammelboxen.

In einigen Gegenden, so heißt es, kann man das Leitungswasser durchaus trinken. Nachdem wir am selben Ort widersprüchliche Informationen dazu bekommen hatten, haben wir in der Folge konsequent darauf verzichtet (bis auf Martin einmal im Donaudelta, was er aber prompt mit fünf Tagen fiebrigem Durchfall bezahlt hat). Flaschenwasser ist überall in rauen Mengen erhältlich.

Vielerorts stammt das Wasser noch aus dem hauseigenen Brunnen.

Vielerorts stammt das Wasser noch aus dem hauseigenen Brunnen.

Fazit

Rumänien ist Mitgliedstaat der Europäischen Union, und auch wenn es in politischer Hinsicht sicher noch viel aufzuholen gibt (wie in vielen anderen Staaten auch), ist das im alltäglichen Empfinden vor Ort durchaus gerechtfertigt. Vor allem im direkten Vergleich mit Ungarn, Serbien und dem ländlichen Kroatien steht es in zivilisatorischer Hinsicht und vom allgemeinen Sicherheitsgefühl her keinesfalls schlechter dar. Unterm Strich ist Rumänien für einen Familienurlaub unserer Meinung nach absolut geeignet.

Mehr von unseren Rumänien-Erfahrungen

Und über unsere 11-monatige Reise habe ich ein ganzes Buch geschrieben: „Die Entdeckung Europas“. In 42 in sich geschlossenen Kapiteln stehen dort die persönlichen Begegnungen und das „gefühlte Reisen“ während unseres Langzeit-Roadtrips im Mittelpunkt. Rumänien widme ich gleich drei Kapitel: eins über unsere Couchsurfing-Abenteuer bei vier verschiedenen Familien in Transsilvanien, eins über unser Bukarest-Debakel und eins über unseren Besuch im Donaudelta.

Cover Die Entdeckung Europas Lena Marie Hahn Buch
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Transparenz-Hinweis: Als mindestens semi-professionelle Reiseblogger nehmen wir heutzutage gerne die Unterstützung von Destinationen, Reiseanbietern etc. in Anspruch. In Rumänien waren wir jedoch immer ausschließlich auf eigene Kosten unterwegs (abgesehen von einer Stadtführung durch einen anderen Blogger, der uns anschließend zum Essen einlud – du merkst: Ich bin sehr penibel in solchen Dingen…). Wenn dich interessiert, wie sich ein Reiseblog finanziert (zumindest dieses hier), gibt es hier meinen finanziellen Offenbarungseid als Blogger.