Gastronomie: Berlin von seiner Schokoladenseite

Wir sind sehr sparsame Reisende. Wir couchsurfen oder übernachten in Hostels, wir kochen selbst und machen einen Bogen um teure Attraktionen und Shopping Malls. Aber wir alle vier haben eine gemeinsame Schwäche: Schokolade. Und wir lieben Café-Besuche. Ab und zu muss man sich auch mal etwas gönnen können. Berlin ist in dieser Hinsicht keine Enttäuschung. Zwei Tage waren wir dort, zwei großartige Orte ganz im Zeichen der süßen Sünde haben wir gefunden.

Schokolade im Quadrat

Selige eineinhalb Stunden verbringen wir in der „Bunten Schokowelt“, dem Merchandising-Projekt der Firma Ritter Sport. Es regnet, und wir brauchen eine Pause von unserer Sightseeing-Schnitzeljagd. Ganz in der Nähe des Gendarmenmarkts stoßen wir auf den Laden, dessen Markenzeichen das Quadrat ist. Im ersten Moment bekommen wir einen Schreck: Die Leute, augen- und ohrenscheinlich alle Touristen, stehen bis auf die Straße! Dann bemerken wir, dass sie nur für die Eigenkreationen anstehen. Für einen stattlichen Preis stellt das Personal hinter der Theke eine Tafel ganz nach Kundenwunsch zusammen. Die Auswahl reicht von getrockneten Erdbeerstückchen bis Chiliflocken, von karamellisierten Kokosraspeln bis Mini-Marshmallows, wild kombinierbar.

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Ob riesig oder als Mini-Minitafel – Hauptsache quadratisch, praktisch, gut.

Wir lassen diese Attraktion links liegen und entkommen der Hektik, indem wir die Rolltreppe in den ersten Stock nehmen. Hier befindet sich das Schokocafé. Das ist ebenfalls ganz im Zeichen des Quadrats eingerichtet, recht leger, aber nicht ungemütlich. Natürlich haben auch die Tortenstücke, die Martin und ich bestellen, eine viereckige Form. Sie sehen klein aus, aber sie haben es in sich, sowohl was den Kaloriengehalt als auch das Geschmackserlebnis angeht. Die Jungs entscheiden sich für Arme Ritter. Auf die müssen sie eine ganze Weile warten, aber wie sich zeigt, lohnt sich das durchaus. Die einfache Mahlzeit ist hier gepimpt mit Smarties, Gummibärchen, Kirsch- und Schokosoße sowie einer – natürlich quadratischen – Portion Vanilleeis. „Das sollen Arme Ritter sein?“ fragt Silas überwältigt. „Wohl eher reiche Barone mit mehreren Landgütern!“

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Silas ist völlig geflasht von seinen „reichen Baronen mit mehreren Landgütern“.

Nach dem Essen begeben wir uns auf den „Schokopfad“, der uns die Produktion von Schokolade vermitteln will. Die kleine kostenlose Ausstellung ist nett gemacht und überraschend informativ. Wir erfahren, wo und unter welchen Bedingungen Kakaoschoten wachsen – direkt am Stamm und an den dickeren Ästen des Kakaobaums nämlich.

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So sehen also Kakaobäume aus.

Wir verfolgen den Weg der freigelegten Bohnen durch die Schokoladenfabrik im schwäbischen Waldenbuch, und wir lernen, dass in eine gute, traditionelle Vollmilchschokolade nur vier Zutaten gehören: Kakaobohnen, Kakaobutter, Zucker und Milchpulver. Endlich lichtet sich für mich auch das Mysterium, was die bekannte Süßigkeit bitte schön mit sportlicher Betätigung zu tun hat. Der Legende nach war es Clara Ritter, gemeinsam mit ihrem Mann Alfred Gründerin des Unternehmens, die 1932 auf die Idee kam, quadratische Tafeln herzustellen. „Machen wir doch eine Schokolade, die in jede Sportjacketttasche passt, ohne dass sie bricht, und das gleiche Gewicht hat wie die normale Langtafel“, wird sie zitiert. So konnten die Herren ihren Proviant schadlos und unauffällig zum Sportplatz transportieren, um ihn während des Fußballspiels auf den Zuschauerrängen zu vernaschen.

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Der vereinfachte Rundgang durch die Schokoladenfabrik verdeutlicht uns den Produktionsablauf.

Natürlich sind auch unsere Taschen quadratisch gefüllt, als wir den Laden verlassen. Wer gehen will, muss den Verkaufsbereich im Erdgeschoss durchqueren, und der ist einfach zu verführerisch. Das Konzept ist durchdacht, und es geht auf. Wir sind zu echten Fans des Vierecks geworden.

Die „Bunte Schokowelt“ ist in der Französischen Straße 24 zu finden und hat täglich von 10 bis mindestens 18 Uhr geöffnet.

Schokoladige Eleganz

Am folgenden Tag entschließen wir uns zu einem kulinarischen Vergnügen der kultivierteren Art. Wenn der Herr seine Frau schon einmal in die Hauptstadt ausführt, verklickere ich Martin, dann will die ihren obligatorischen Cappuccino auch mal in einer hübschen Umgebung trinken. Dass wir vor dem eher unscheinbaren Eingang eines eben solchen Etablissements stehen, merken wir eher zufällig, als die Jungs in der Nähe des Gendarmenmarkts nach einer Trinkpause verlangen. Während sie die Wasserflasche ansetzen, betrachte ich die Karte des Cafés im ersten Stock des klassizistischen Sandsteingebäudes. „Fassbender und Rausch“, steht da. Nie gehört, ehrlich gesagt. „Schokoladen-Café und -Restaurant“. Das klingt ja mal gut! Ich werfe einen kritischen Blick auf die rechte Hälfte der Speisekarte, dann werfe ich einen ebenso kritischen Blick auf die Jungs. „Seid ihr in der Lage, euch in einem feinen Café eine Stunde lang richtig gut zu benehmen?“ frage ich sie. „Was gibt es denn da?“ fragt Silas zurück. „Lohnt es sich denn?“, bringt Janis die Grundhaltung kindlicher Opportunisten schamlos auf den Punkt. Belustigt deute ich auf die Abbildungen der kunstvollen Törtchen. Sofort nehmen die beiden Haltung an. „Wir können uns benehmen, Mama!“, verkünden sie artig. „Das kriegen wir wohl hin!“

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Eine göttlicher als die andere!

Der Hauseingang entpuppt sich als Fahrstuhl, mit dem wir direkt ins Café fahren. Ein Kellner steht sofort bereit und stellt uns verschiedene Vierertische zur Auswahl. Die Jungs wollen gern nach hinten zu den Ledersofas, die sie sofort zur Lümmelecke umfunktionieren würden. Stattdessen entscheiden wir uns für einen Tisch in der Mitte mit hervorragender Aussicht: rechts durch die Fensterfront auf den Deutschen Dom, links durch die Glastheke auf die schockierend verführerischen Törtchen. Die Auswahl ist eine echte Aufgabe. Ich schwanke lange zwischen der kleinen Mousse-au-chocolat-Kuppel, mit Blattgold verziert, und dem Schokoladentörtchen mit der Edelbitter-Ganache. Silas wählt das verschwenderisch in Marzipan eingehüllte Rundstück, Martin beweist sich seine Männlichkeit mit einem exquisiten Herrentörtchen, und Janis entscheidet sich für die eher gegenständlich gestaltete Hommage an die Fußballweltmeister. Auch die Getränkekarte ist schokoladenlastig und lässt keine Wünsche offen. Und alles schmeckt himmlisch, einfach nur himmlisch! Ein weiterer großer Pluspunkt bei Fassbender & Rausch: Der Service ist erstklassig! Kaum sehe ich suchend von meinem Smartphone auf, tritt schon ein Kellner mit dem WLan-Code in der Hand auf mich zu. Der junge Mann beantwortet auch Silas’ Fragen zur Herstellung der Backwaren eingehend. Ja, die Handwerkskunst, die hier auf den Tisch kommt, ist schon recht kostenintensiv (unsere „kleinen“ Törtchen kosten 3,95 Euro, die der „Premium“-Kategorie 5,90 Euro). Aber bei so aufmerksamem Personal, das seinen Job ganz offenbar nicht nur gelernt hat, sondern echte Freude bei der Ausübung empfindet, macht es mir richtig Spaß, zahlender Gast zu sein.

Bei Gegenlicht streikt die Handykamera bedauerlicherweise, aber bei diesem Kunstwerk sah ich darin keinen Grund, das Foto nicht zu machen. ;)
Bei Gegenlicht streikt die Handykamera bedauerlicherweise, aber bei diesem Kunstwerk sah ich darin keinen Grund, das Foto nicht zu machen. ;)

Der Flyer neben der Speisekarte hat uns verraten, dass das Schokoladen-Café in Wirklichkeit nur ein Nebenprodukt des „größten Schokoladenhauses der Welt“ ist. Wie auch immer wir es geschafft haben, blind an den Schaufenstern im Erdgeschoss vorbei zu gehen – da unten befindet sich die Pralinentheke mit der größten Vielfalt überhaupt. Ob diese Behauptung der Wahrheit entspricht, kann ich nicht sagen, aber dass die Auswahl umwerfend ist, bestätige ich gern. Auch kunstvolle Hohlkörper aus der süßen Masse stehen hier zum Verkauf, Geschenkideen für jede Gelegenheit, jede Berufsgruppe, jedes Hobby. Besondere Hingucker sind Berlins Sehenswürdigkeiten in Schokolade. Übermannshoch erhebt sich der Fernsehturm in einer Ecke, am Fenster ragen das Brandenburger Tor und der Reichstag auf. Über unseren Köpfen schwebt in Gedenken an die Berliner Luftbrücke ein metergroßer Schokoladenbomber. Wir sind heilfroh, dass wir bis zu den Ohren angefüllt sind mit schokoladenhaltigen Produkten, denn ansonsten würden wir hier wohl leicht ein Vermögen investieren.

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Das nächste Mal nehme ich doch wieder die große Kamera mit…

„Fassbender & Rausch, Chocolatiers am Gendarmenmarkt“ sind in der Charlottenstraße 60 in Berlin zu finden. Das Schokoladen-Café ist täglich von 11 bis 20 Uhr geöffnet. Das Schokoladenhaus ebenso, allerdings öffnet es montags bis samstags bereits eine Stunde früher.

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2 Gedanken zu „Gastronomie: Berlin von seiner Schokoladenseite“

  1. Bei so viel Schokolade oute ich mich auch mal als Schokoholic. Ich wünsche Euch noch viel Spaß in Berlin. Schade, daß wir ausgerechnet jetzt nicht da sind, hätte Euch gern mal getroffen. Viele Grüße aus Griechenland. Ines

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