Viljandi Nationalpark: Hochmoor mit Tiefsee

Unser Ausflug in den Viljandi Nationalpark. Aus meinem Reisetagebuch.

Der Viljandi Nationalpark ist toll!

Kadri musste arbeiten und konnte uns leider nicht begleiten, aber sie hat uns eine sehr nette Wanderstrecke rausgesucht, die auch für die Kinder die richtige Länge hatte. Außerdem hat sie uns mit einer Bekannten verabredet, die aus Deutschland stammt und im Nationalpark eine „Wildnisschule“ leitet. Diese stellte sich als kleine Blockhütte heraus, wo Gudrun – so hieß die junge Frau – uns mit Kartenmaterial und Informationen versorgte. Leider hatte auch sie nicht viel Zeit, weil sie zwei neue Freiwillige vom Flughafen abholen musste, die in Estland ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr absolvieren.

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Laminierte Schildchen markieren vergangene Hochwasser.

Später im Sumpf haben wir viele ihrer Arbeitsergebnisse gesehen und genutzt, zum Beispiel die Wanderwege aus Holzbohlen, die Gudrun und ihre Leute auf Pfählen in den morastigen Untergrund gebaut haben, und einen Aussichtsturm übers Hochmoor.
Die Gegend ist erstaunlich. Weil der Teil des Landes nicht höher als der Meeresspiegel liegt und über keinerlei Abflüsse verfügt, sammelt sich dort das ganze Regenwasser. Die Schneeschmelze nennen sie die fünfte Jahreszeit. Dann ist alles überflutet, und man kann den Wald im Kanu erkunden.

Hochmoor-Viljandi-Nationalpark-Wanderweg.
Hochmoor heißt es, weil es hoch geht!

In der Mitte des Sumpfes erhebt sich das Hochmoor. Dort ist der Boden so nährstoffarm, dass die abgestorbenen Pflanzen nicht verrotten. Es bildet sich Torf, Schicht für Schicht, und über die Jahrtausende erhebt sich das Gelände auf diese Weise. Nachdem wir eine ganze Weile auf dem Bohlenweg durch den Sumpf gelaufen waren, stiegen wir also dem Terrain folgend eine Treppe hinauf und standen plötzlich im Moor.

Mit den paar Höhenmetern änderte sich die Landschaft abrupt. Der dichte Wald zog sich zurück, und soweit das Auge reichte, wuchsen nur noch einzelne verkrüppelte Kiefern. Und allerlei Moorflora, versteht sich. Sehr beeindruckend.

Magisches moor. Viljandi Nationalpark
Magisches Moor.

Der Holzbohlensteg führte in das Moor hinein zu ein paar Wasserlöchern, die genau das waren: abrupte Öffnungen im Boden, gefüllt mit schwarzem Wasser. Kadri hatte uns erzählt, dass sie hier mit ihren Freunden oft Schwimmen geht. Es führte auch eine Holzleiter einladend in die morastige Brühe. Das Wasser soll sehr sauber sein, denn aufgrund der Nährstoffarmut bilden sich dort keine Algen, und auch Bakterien halten sich nicht. Wir waren sehr froh, dass es kalt war und regnete, denn so mussten wir uns nicht entscheiden, ob wir mutig genug wären, in die teilweise mehr als zehn Meter tiefen Löcher zu steigen.

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Kadri empfahl uns, hier schwimmen zu gehen. Zum Glück war es zu kalt, um unseren Mut in den schwarzen Fluten zu beweisen…

Janis und Silas jedenfalls waren mutig genug, das Moor zu testen. Auf allen Schildern wurde eindringlich davor gewarnt, die Wege zu verlassen – aus sicherheitstechnischen, vor allem aber aus ökologischen Gründen. Da die Jungs so sehr darauf brannten, erlaubten wir ihnen, an einigen Stellen den Untergrund direkt neben dem Holzweg zu überprüfen. Ich hielt Silas’ Hand und Ellenbogen, und er stellte ganz vorsichtig einen Fuß auf Moos und Flechten. Manchmal gelang es, dass er sein komplettes Gewicht darauf verlagerte, ohne dass etwas passierte. An anderen Stellen funktionierte das nicht, weil der Untergrund nachgab und im Nu die Gummistiefel vollgelaufen wären.

Auf dem Rückweg, wieder im Sumpfgebiet, fanden wir große Flächen mit Blaubeeren. Fuchsbandwurm ist hier unbekannt (ich hatte Gudrun extra gefragt), und so gönnten wir uns ein natürliches Mittagsmahl. Innerhalb kürzester Zeit sah Silas aus wie ein dunkellila Ferkelchen. Janis mochte die Beeren nicht, erntete aber fleißig mit, um seinen Bruder zu versorgen.
Einige Bäume hatten Gudruns Leute mit Hochwassermarken markiert. Schon witzig, der Gedanke, dass wir uns hier etliche Wochen im Jahr bis zum Hals im Wasser befinden würden.

Jetzt sind wir in Suure-Jaani. Der Ort gilt als Stadt, obwohl er nur knapp über 1000 Einwohner hat. Trotzdem ist er das Verwaltungszentrum der Gegend. Na ja, es ist ja drumherum auch nicht so viel da, was es zu verwalten gäbe… Zwei Stunden lang haben wir nach einem Lokal gesucht, wo wir etwas zum Mittagessen finden. Die ganzen kleinen Dörfer, die sich mehr in der Nähe des Nationalparkgebiets befinden, verfügen zuweilen über kleine Supermärkte, aber nicht über Cafés. Zwei Mal dachten wir schon, wir seien fündig geworden, standen dann aber doch immer vor verschlossener Tür. Wann wollen die denn aufmachen, wenn nicht jetzt im Sommer? Hier in Suure-Jaani haben wir aber endlich etwas Nettes gefunden. Als ich Menschen hinter einem erleuchteten Fenster an Tischen essen und trinken sah, flitzte ich hin, um zu erkunden, ob das tatsächlich ein Restaurant wäre. War es nicht, es war die Mensa vom örtlichen „Gümnasium“. Aber immerhin konnte uns eine Gruppe Lehrer dann zu diesem netten Lokal lotsen, in dem wir jetzt sitzen.

Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 6. August 2012 verfasst.

Weiterlesen? –> Viljandi: Ruinen, Riesenschaukeln und Ramschläden.

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