Von bunten Holzhäusern, feuchten Erdlöchern und seeehr alten Familienbanden (bei Clausthal-Zellerfeld)

Das Oster-Wochenende verbringen wir im Harz. Das ist gar nicht so weit von uns, und jedes Mal, wenn wir hier sind, wundern wir uns, dass wir nicht öfter mal einen Abstecher in Deutschlands nördlichstes Mittelgebirge unternehmen. Hier gibt es herrliche Natur für ausgedehnte Spaziergänge, viel zu erleben für Eltern und Kinder!

Und dann regnet es. Auf fiese Art und Weise. Was machen wir denn da?

Zunächst kurven wir durch den Nationalpark (nicht einfach so, wir haben durchaus einen Plan, aber der führt uns nun einmal durch diese wirklich beeindruckende Landschaft). In den Tälern hängt fetzenweise der Nebel. Ein heftiges Regenschauer geht nieder, dann wieder blitzt die Sonne auf dramatische Weise für ein paar Minuten durch die Wolken, und der tropfnasse Wald glitzert. Selbst das Mistwetter hat hier eine große Show.

Wir fahren durch Clausthal-Zellerfeld, und unser Blick fällt auf die prächtige blaue Holzkirche. Der Himmel hält gerade mal dicht, und so beschließen wir spontan, uns das Bauwerk aus der Nähe anzusehen. Tatsächlich handelt es sich um Europas größtes hölzernes Sakralgebäude. Mitten im 30-jährigen Krieg leisteten sich die Clausthaler diesen Prachtbau, den sie 1642 einweihten.

Die himmelblaue Marktkirche in Clausthal-Zellerfeld ist die größte Holzkirche Europas. (Clausthal-Zellerfeld’s church is the biggest one in Europe that’s made from wood.)
Die himmelblaue Marktkirche in Clausthal-Zellerfeld ist die größte Holzkirche Europas. (Clausthal-Zellerfeld’s church is the biggest one in Europe that’s made from wood.)

Als wir die Kirche verlassen, peitscht Schneeregen durch die Straßen der kleinen Stadt. Wir suchen Zuflucht in einem unscheinbaren Bäcker-Café. Eine halbe Stunde später ist tatsächlich blauer Himmel zu sehen. Nun sieht das winzige Bergbau-Städtchen schon viel freundlicher aus. Wir schlendern an den bunten Holzfassaden vorbei, die dem Ort ein ungewöhnliches, einprägsames Gesicht geben. Viel los ist hier freilich nicht. Clausthal ist geprägt von seiner Technischen Universität, der einzigen, an der man in Deutschland Dinge wie Bergbau und Management von radioaktiven Abfällen studieren kann. Weltweit genießt sie einen exzellenten Ruf, und entsprechend multinational zeigt sich das Straßenbild.

Mit seinen bunten Holzfassaden wirkt Clausthal-Zellerfeld ziemlich exotisch – und sehr hübsch. (The colourful wooden houses of the tiny town look very different from those outside of the Harz region.)
Mit seinen bunten Holzfassaden wirkt Clausthal-Zellerfeld ziemlich exotisch – und sehr hübsch. (The colourful wooden houses of the tiny town look very different from those outside of the Harz region.)

Von hier aus ist es nicht mehr weit bis nach Bad Grund, unserem eigentlichen Tagesziel. Direkt an der Landstraße öffnet sich der Berg zur Höhlen-Erlebniswelt. Hier tropft es mitunter zwar auch von oben, aber alle Arten von ernsthaftem Niederschlag bleiben uns erspart.

Zur vollen Stunde beginnen die Führungen durch die Welt im Berg (in der Fotografieren nicht erlaubt ist). Gut 30 Minuten haben wir Zeit, um von der Kasse aus ein paar hundert Meter zum Startpunkt zurückzulegen. Die führen uns durch das „Museum im Berg“, das sich der geologischen Entstehungsgeschichte des Harzes widmet. Ein Zahlenstrahl an der Stollenwand begleitet uns und vermittelt uns das irre Alter der Erde im Vergleich zur Geschichte des Lebens auf dem Planeten. Die Jungs staunen, wie lange es dauerte, bis die Landmassen die Formen annahmen, die sie kennen. Dass der Harz älter ist als die endgültige Ausformung der Kontinente, verwirrt und fasziniert sie gleichermaßen.

Aus meiner eigenen Schulzeit erinnere ich mich dunkel an eine Besichtigung der Iberger Tropfsteinhöhle. Ich krame in meinem Gedächtnis und stoße hauptsächlich auf ein Gefühl der Enttäuschung. Das ändert sich auch nicht beim zweiten Anlauf. Es tropft, und es gibt ein paar Stalaktiten und Stalakmiten zu sehen. Geologisch ist die Angelegenheit durchaus interessant, da es sich um ein uraltes Korallenriff handelt, in dem die Hohlräume durch Verwitterungsprozesse entstanden. Aber gegen die prachtvollen und bizarren Gebilde, die beispielsweise in der Teufelshöhle in der fränkischen Schweiz aus Boden und Decke wachsen, kann der Hohlraum im Harz einfach nicht gegen an. Nett ist es natürlich trotzdem. Unsere Führerin gibt sich gerade mit den Kindern große Mühe, erzählt vom Zwergenkönig Hübich und zeigt ihnen Felsgebilde, in denen sich mit viel Mühe Tiere erkennen lassen. Aber, ganz ehrlich: Wer in Mitteldeutschland ein wirklich sehenswertes Unterwelt-Abenteuer erleben möchte, sollte bis zur Barbarossa-Höhle im Kyffhäuser durchfahren.

harz-iberger-tropfsteinhöhle

Was das Erlebniszentrum hingegen absolut empfehlenswert macht, zumindest für Menschen mit signifikant gesteigertem geschichtlichen Interesse, ist das „Museum am Berg“, das ebenfalls im Eintrittspreis enthalten ist. Der überirdische Teil der Anlage widmet sich den Erkenntnissen aus der archäologischen Erschließung der Lichtenberg-Höhle. Die befindet sich etwa 15 Kilometer entfernt und ist selbst nicht öffentlich zugänglich. 1980 wurde dort eine Art bronzezeitliches Familiengrab entdeckt. An dieser Stelle muss ich mich arg bremsen, um nicht in enthusiastische Detailbeschreibungen auszuarten. Fakt ist, dass der Fund der insgesamt 65 Toten insofern sensationelle Ausmaße annahm, als dass ihre DNA teilweise entschlüsselt und erstmals gesicherte Aussagen über Verwandtschaftsverhältnisse jahrtausendealter Menschen getroffen werden konnten. Und damit nicht genug: Forensische Tests mit Probanden aus der heutigen Zeit ergaben, dass mehr als 3000 Jahre später in den Ortschaften rund um Bad Grund immer noch zahlreiche Verwandte der Toten leben! Ich habe diese Erkenntnisse schon voller Staunen und Euphorie verfolgt, als sie 2007 in die Öffentlichkeit gelangten. Sie jetzt professionell und spannend aufbereitet in der kleinen, aber hervorragenden Ausstellung präsentiert zu bekommen, versetzt mich gut zwei Stunden lang in einen Zustand der Glückseligkeit. Mit vielen Originalfunden, gut geschriebenen Infotexten und einer angemessenen Einflechtung von Multimedia-Elementen vermittelt das Museum anschaulich die Lebenswelt der Menschen in der späten Bronzezeit. Martin und die Jungs halten es nur gut halb so lange dort aus, unterhalten sich dann aber gut mit dem Erforschen des 1:1 Nachbaus der Lichtenstein-Höhle und anschließend mit einem Stück Erdbeerkuchen im Museums-Café, bis ihre frühgeschichtliche Nerd-Mutter um 17 Uhr aus dem Museum gekehrt wird.

Fazit: Wer einen halben Regentag im Harz rumkriegen möchte, ist auch als Nicht-Historiker im Höhlen-Erlebniszentrum gut aufgehoben.

Das „HöhlenErlebnisZentrum Iberger Tropfsteinhöhle“ befindet sich direkt an der B 242 und ist sehr gut ausgeschildert. Tickets umfassen grundsätzlich sowohl eine Höhlenführung als auch das erdgeschichtliche „Museum im Berg“ sowie das „Museum am Berg“ über das Grab der Familie aus der Bronzezeit und ihre heutigen Nachkommen. Erwachsene zahlen 8 Euro, Kinder 6, die Familienkarte (2+2) kostet 22 Euro. Kostenlose Parkplätze sind direkt vorm Eingang vorhanden. Die Höhle ist nicht barrierefrei und damit auch für den Kinderwagen nicht geeignet.

Unabhängig davon, wohin die Reise in diesem Theater sonst gerade geht – dienstags ist Deutschland dran. An diesem Tag berichte ich von Kurztripps, Ausflügen und Urlaubsreisen in unserem eigenen Heimatland, entweder ganz aktuell oder rückblickend aus der jüngeren Vergangenheit.

 

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