Seven Sisters: Schneeweiße Klippen, ein ziemlich Langer Mann und ein „Haus mit Seele“

Da fehlt doch noch was… Zumindest hier im Blog ist unsere Großbritannienreise immer noch nicht vorbei. Jetzt endlich möchte ich euch ein besonders schönes Fleckchen Südengland vorstellen: die weiße Küste zwischen Eastbourne und Newhaven, die South Downs in Sussex mit den Seven Sisters.

Ein „Haus mit Seele“

Nach unserem letzten Couchsurfing-Abenteuer in der Nähe des Riesen-Steinkreises von Avebury haben wir noch eine letzte Übernachtung in der Jugendherberge von Alfriston vor uns, bevor wir wieder nach Hause fahren. Wie jedes Mal am Ende des Urlaubs überkommt mich die Wehmut. Umso entschlossener bin ich, die letzte Station unserer Reise zu genießen.

Wegen ihrer herausragenden landschaftlichen Schönheit sind Teile der South Downs seit 2011 in den Rang eines Nationalparks erhoben. Und herausragend schön ist es hier in der Tat: sanfte Hügel in saftigem Grün, kleine Wäldchen und urige Dörfer – Postkarten-England. Schon auf der ganzen Fahrt haben wir die Landschaft aus dem Autofenster heraus bewundert, und auf den letzten Metern kleben auch die Jungs an der Scheibe. „Hier ist es schön!“ befindet Janis, und als wir schließlich vor der verwinkelten alten Villa stehen, die unsere Jugendherberge ist, kriegt er sich vor Begeisterung kaum wieder ein.

Die Jugendherberge von Alfriston ist eins dieser Häuser "mit Seele". (Alfriston youth hostel is a house with a soul.)
Die Jugendherberge von Alfriston ist eins dieser Häuser „mit Seele“. (Alfriston youth hostel is a house with a soul.)

In der Tat ist das Alfriston Youth Hostel eine Unterkunft nach unserem Geschmack: ein Haus mit Seele, in dem wir bei Bedarf Anschluss finden, aber größtmögliche Selbstständigkeit bewahren können. Wir beziehen ein Familienzimmer mit drei Etagenbetten. Toiletten und Duschen befinden sich auf dem Gang, der männliche Teil unserer Reisegesellschaft muss dafür die Treppe runter – aber zu Hause haben wir schließlich auch nur ein Bad im Erdgeschoss. Dafür finden die Jungs im Gemeinschaftsraum einen kostenlosen Kicker und auch gleich noch zwei Mitspieler – ebenfalls zwei Jungs aus Deutschland, die morgen nach Hause fahren.

Wir kochen noch schnell in der Gästeküche und fallen dann ins Bett. Da wir recht kurzfristig noch einen Besuch in Highclere Castle, dem Drehort unserer Lieblings-Serie „Downton Abbey“, eingeschoben haben, haben wir leider nur sehr wenig Zeit in Alfriston.

Ein ziemlich Langer Mann

Um das Beste daraus zu machen, stehen wir in aller Herrgottsfrühe auf. Als erstes statten wir dem „Long Man of Wilmington“ einen Besuch ab, der ganz in der Nähe residiert. Der Lange Mann ist in der Morgensonne gut zu erkennen. Das war nicht immer so, erfahren wir in der Broschüre aus der Jugendherberge. Nachdem er im Jahr 1694 aus dem Nichts heraus aktenkundig wird, brauchte es etliche Veränderungen des Felsenbildes, bis seine heutige Form entstand. Auch das Weiße Pferd von Litlington auf der gegenüberliegenden Hügelflanke ist von hier aus zu sehen (den Scharrbildern im Allgemeinen habe ich hier einen ganzen Post gewidmet).

Wie die meisten Geoglyphen ist der "Lange Mann von Wilmington" am besten aus der Ferne zu erkennen. (Like most hill figures the Long Man of Wilmington is spotted best from afar.)
Wie die meisten Geoglyphen ist der „Lange Mann von Wilmington“ am besten aus der Ferne zu erkennen. (Like most hill figures the Long Man of Wilmington is spotted best from afar.)

Schneeweiße Klippen mit Inhalt

Durch die liebliche Landschaft tingeln wir weiter bis zum Seven Sisters Country Park. Die berühmten weißen Kliffs werden von jeher als sieben Schwestern bezeichnet, obwohl es eigentlich acht sind und man außerdem gar nicht so genau sagen kann, wo eine aufhört und die nächste anfängt – schon gar nicht, wenn man oben drauf steht. Aber der Name ist hübsch poetisch, und die Ansicht durchaus atemberaubend. Das Land fällt einfach senkrecht ab, da ist nichts mehr mit sanften Hügeln. Erst eine gehörige Etage tiefer geht es weiter. Der Anblick ist nicht nur Fernsehzuschauern mit Hang zu Rosamunde-Pilcher-Filmen bekannt: Er ersetzt auf Leinwand und Bildschirm – zum Beispiel in meinem erklärten Lieblingsfilm – häufig die Einstellung der bekannteren Weißen Klippen von Dover, weil die nämlich durch den Küstenschutz mittlerweile nicht mehr wirklich weiß sind. Die Sieben Schwestern dürfen weiter vor sich hinbröseln. Das bringt zwar so langsam das Dorf Birling Gap in Gefahr, und auch der Leuchtturm musste schon versetzt werden. Dafür erstrahlen die Damen immer noch und immer wieder in blütenweißem Gewand.

Puh, ganz schön tief! (There are stairs that take you quite a way down.)
Puh, ganz schön tief! (There are stairs that take you quite a way down.)

Es ist noch nicht einmal sieben Uhr, als wir auf den Parkplatz einbiegen, und wir haben diesen herrlichen Ort ganz für uns allein. Eine Treppe führt die Steilwand hinunter. Je tiefer wir hinabsteigen, desto lauter wird es. Wie an der südenglischen Küste üblich, besteht der Strand aus Kieselsteinen. Die herbe Brandung schiebt sie vor sich her und zieht sie wieder zurück, was einen eigentümlichen Lärmpegel verursacht. Während die Kreide sich im Meerwasser löst, bleiben die Steinchen am Strand zurück: Nach jedem Sturm sind es mehr. Wir erkennen ihre Schichten in der Steilwand. Sie lassen sich mit bloßen Fingern aus der Umgebung lösen. Ich schimpfe mit Janis, als er das tut. „Du machst England kaputt!“ rüge ich ihn. „Wenn ich es nicht mache, macht es die Natur“, schmollt er, und irgendwo hat er ja Recht. Der Kreidematsch an seinen Fingern hält ihn zum Glück eh von weiteren Ausgrabungen ab. Und spannende Funde lassen sich auch unter unseren Füßen entdecken. Die Steilküste der South Downs ist bekannt für ihre Fossilien. Innerhalb von einer Stunde und in unmittelbarer Umgebung der Parkplatz-Treppe finden wir etliche versteinerte Pflanzenabdrücke und sogar etwas, das wir für ein Stückchen Ammonit oder etwas Ähnliches halten.

Auf Fossiliensuche. (Looking for fossils.)
Auf Fossiliensuche. (Looking for fossils.)

Wir würden so gerne noch bleiben! Oben an Land locken hübsche, familientaugliche und sogar für Kinderwagen geeignete Wanderwege. Aber die Heimat ruft unmissverständlich, die Fähre wartet nicht, und wenigstens auf dem Rückweg wollen wir die Überfahrt ohne Extravaganzen überstehen…

Mehr England-Reiseberichte aus jenem Familienurlaub inklusive Karte gibt es in unserem England-Inhaltsverzeichnis.

Beim Langen Mann von Wilmington kann man unorthodox am Straßenrand parken. Sollte man nicht auf dem Weg zur Fähre sein, empfiehlt sich natürlich sowieso ein Spaziergang.
Der Parkplatz im Seven Sisters Country Park kostet 2,50 Pfund für zwei Stunden, 3,50 für den ganzen Tag. Der Automat nimmt – wie die allermeisten seiner Art in Großbritannien! – keine Karte, keine Scheine und gibt kein Rückgeld!

5 Gedanken zu „Seven Sisters: Schneeweiße Klippen, ein ziemlich Langer Mann und ein „Haus mit Seele““

  1. Wow, Fügung des Schicksals, dass ich das hier lese. Wir sind im August zum ersten Mal genau da hin unterwegs – gleiche JH, gleiche Wunschziele. Hattet ihr Hastings auch auf dem Programm? Wäre gespannt.

    1. Das ist ja schön! Viel Spaß euch!
      In Hastings waren wir leider nicht, weder diesmal noch sonst. Über Brighton, Kent und das Exmoor könnte ich noch aus früheren Zeiten aus dem Nähkästchen plaudern, ansonsten sind alle England-Ziele jetzt verwurstet (die beste Übersicht findest du im Hauptmenü unter „Reisen in Großbritannien“). Bei http://www.meehr-erleben.de gibt es auch noch viel über England mit Familie. Ob Hastings dabei ist, weiß ich aber auch nicht.

  2. Liebe Lena,

    vielen Dank für den schönen Bericht. Ob du’s glaubst oder nicht. Die sieben Schwestern hatten wir auch auf unserem Plan. Und wir sind an der Abfahrt vorbeigefahren. Das haben wir aber erst so spät gemerkt, dass wir schließlich beschlossen nicht mehr umzukehren und auf die sieben Mädels zu verzichten. Aber so war ich nun wenigstens durch deine Bilder da ;-)

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