„Da hat einer seine Frau auf der Fähre vergessen.“ Das war dann wohl Martin (in Dover, England)

Wenn es jemals eine Blogparade zum Thema „Meine peinlichste Reisegeschichte“ gibt, hätte ich hier schon mal einen prächtigen Anwärter…

Ich gehe also an Deck und mache Fotos vom Anlegevorgang. Als der Aufruf zum Einsteigen in die Autos kommt, fällt mir ein, dass ich besser noch mal aufs Klo gehen sollte. Martin und die Jungs machen sich schon mal auf zum Autodeck. Als ich kurz darauf ebenfalls die Treppen hinab steige, kommen mir Zweifel. Blau fünf war unser Aufgang, oder? Aber wo ist blau? Egal welche Treppe ich nehme, ich finde immer nur grün. Zunehmend irritiert drehe ich drei Runden an den Autos vorbei. Immer mehr Fahrer starten trotz der ausdrücklichen Aufforderung, damit zu warten, ungeduldig den Motor. Lärm und Gestank umgeben mich, während ich immer mehr an mir zweifele. Irgendwo muss hier doch ein blauer Turan mit deutschem Kennzeichen parken! Ich stoße auf die rote Treppe, steige wieder hoch, wo das Personal den Teppichboden saugt, und mache von dort aus endlich die blaue Treppe dingfest. Blau fünf, jawohl! Aber ups, hier rollen schon die Autos. Irgendwo hier hat er gestanden, der blaue Turan mit meiner Familie drin. Mist.

Es dauert weitere Minuten, bis ich endlich einen von den Einweisern finde. Ich trete auf ihn zu, um ihn anzusprechen. Er sieht auf, sagt: „Ah“. So lerne ich Rob kennen, dem die bedauernswerte Aufgabe zufällt, sich um den verloren gegangenen Passagier kümmern zu müssen. Während um uns herum Autos, Lastwagen und Busse scheppernd über die Rampen rollen, plaudern wir über Gott und die Welt. Er fragt mich nach unseren Urlaubsplänen. Als er hört, dass wir auch nach Wales wollen, erzählt er, dass er dort aufgewachsen ist, in einem kleinen Dorf an der Nordküste. Inzwischen wohnt er aber in Liverpool, wenn er auch die Woche über in Dover im Hafen arbeitet. Wir haben viel Zeit für Smalltalk, denn Fußgänger ohne Fahrzeug sind auf dieser Fähre nicht vorgesehen. Bis ich die letzten paar Meter in den Hafen laufen darf, wo Martin und die Kinder auf mich warten, muss aus Sicherheitsgründen erst jedes einzelne Fahrzeug von Bord gefahren sein. Ich frage Rob, ob er oft den Alleinunterhalter für Leute spielen muss, die zu doof waren, rechtzeitig ihr Auto zu finden. Nein, sagt er mit höflichem Lächeln, das sei bisher noch nie vorgekommen. Er habe auch noch nie davon gehört, dass jemand ohne seine Frau losgefahren sei. Normalerweise kämen Fahrer in solchen Fällen nicht auf die Idee, den Motor zu starten. Stattdessen spielten sie dann Korken im Flaschenhals und behinderten den Entladevorgang. Das sei der Normalfall. Aber einfach losfahren, ohne Frau? „Wenn ich das machen würde, würde meine Frau mich wahrscheinlich nie wieder ans Steuer lassen“, vermutet er. Als er über Funk die Durchsage erhalten habe, dass ein Familienvater seine Ehegattin an Bord vergessen habe, sei er auf eine hysterische, in Tränen aufgelöste Frau vorbereitet gewesen. Seine Kollegen hätten schon Witze gemacht, dass das bestimmt der letzte gemeinsame Urlaub der Familie sein würde.

Ich seh das nicht so streng. War schließlich meine Orientierungslosigkeit. Rob ist nett, und wir plaudern übers Reisen. Ich erzähle ihm von Couchsurfing. Er hat noch nie davon gehört und lässt sich das Prinzip genau erklären. Als sein Kollege mir schließlich bedeutet, dass ich gefahrlos von Bord marschieren könne, verabschieden wir uns mit Handschlag.

Martin ist aus dem Spurengewirr im Hafen ausgeschert und rechts ran gefahren. Nur wenige Meter hinter der Rampe wartet er auf mich. Die Jungs sehen von ihren Comics auf. „Hallo Mama“, murmeln sie und lesen weiter. „Na, auch endlich da?“ fragt Martin grinsend und gibt mir einen Kuss. Eine halbe Stunde hat uns meine Schusseligkeit gekostet, aber wenigstens kann die Fähre pünktlich ablegen. Wir müssen heute bloß noch in unserem Hostel ankommen und haben keine weiteren Pläne, die durcheinander geraten könnten. „Weißt du noch damals, als du in der mongolischen Wüste von dieser Schlange gebissen wurdest?“ macht als Einleitung einer spannenden Reisegeschichte natürlich mehr her. „Weißt du noch damals, als du auf der Fähre verloren gegangen bist und am Schluss zu Fuß über die Autorampe aussteigen musstest?“ reicht uns in unseren gesetzten Verhältnissen als Reiseanekdote aber gut hin.

Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 11. August 2013 verfasst. Mehr England-Reiseberichte aus jenem Familienurlaub inklusive Karte gibt es in unserem England-Inhaltsverzeichnis. Der chronologisch nächste Beitrag ist dieser:

In der Nähe von London, mitten im Wald: die schönste Herberge Englands (in Dorking, England)

Und ein im weitesten Sinne artverwandtes Fundstück möchte ich noch mit euch teilen (immerhin hat sie auch mit dem Meer zu tun): Eine wunderschöne Flaschenpost-Geschichte aus Irland.

10 Gedanken zu „„Da hat einer seine Frau auf der Fähre vergessen.“ Das war dann wohl Martin (in Dover, England)“

  1. Ich hab mich grade weggeschmissen vor Lachen. Hätte mir passieren können. Nur dass ich dann die Fahrerin gewesen wäre und die Entladung blockiert hätte. ;-)
    So gern würde ich auch mal wieder nach England… ist lange her.

    Herzlicher Gruß,
    Katja

  2. Ich fahre diese Fähre des öfteren und es ist wirklich am Anfang nicht leicht sich zu orientieren, man möchte schnell beim einchecken nach oben und achtet dann doch weniger auf die Deckfarben. Aber ich kann die Verfasserin beruhigen, es gibt Fähren wo selbst LKW Fahrer ihren Truck suchen.

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