Kiel: Wo Engel ein „Ritterschwert“ führen und Pinkeln hinter der Kirche verboten ist

Auf dem Weg nach Skandinavien kommen wir heute erstmal nur bis in den hohen Norden Deutschlands. Bei einem Zwischenstopp haben wir Schleswig-Holsteins Landeshauptstadt erkundet. Ein Stadtspaziergang durch Kiel mit kleinen Kindern.

Unsere erste große Rast machen wir gerade in Kiel. Die eher unscheinbare Stadt ist recht hübsch dekoriert: Überall stehen und hängen Geranienkübel. Unser erster Weg führte uns ins neue Rathaus (aufs Klo). Dann haben wir eine Eisdiele gesucht, denn die Jungs hatten von Onkel Willi und Tante Magret vor der Abfahrt noch einen Schein zugesteckt bekommen, mit der Auflage, ihn in ein großes Eis zu investieren. Wir fanden eine am Alten Markt, wo wir draußen auf dem sonnenbeschienenen kleinen Platz saßen. Die Jungs spielten mit großer Ausdauer an einem Brunnen, und wir genossen das erste Urlaubsgefühl.

Städtebaulich ist Kiel nicht so das Gelbe vom Ei, aber die Kinder haben Spaß beim Brunnen am Alten Markt. (Kiel is not blessed with a nice old town, but the boys have fun at the fountain at the "Old Market" regardless.)
Städtebaulich ist Kiel nicht so das Gelbe vom Ei, aber die Kinder haben Spaß beim Brunnen am Alten Markt. (Kiel is not blessed with a nice old town, but the boys have fun at the fountain at the „Old Market“ regardless.)

Auf unserem Weg bewunderten wir die vielen Bronzestatuen, die an jeder Ecke das ansonsten eher triste Stadtbild auflockern. Wir schlenderten durch die Innenstadt und besichtigten die Nikolai-Kirche. Die Jungs faszinierte der „Geistkämpfer“ vor dem Kirchengebäude, eine Bronzeskulptur des expressionistischen Künstlers Ernst Barlach. Der tiefere Sinn eines Engels, der siegreich auf dem Rücken des bösen Löwen steht, entging ihnen natürlich, nicht aber das „coole Ritterschwert“, das besagter Engel in den Händen hält. Später las ich, dass die 1928 aufgestellte Statue zur NS-Zeit als entartete Kunst galt und nur durch den beherzten Einsatz eines Kunstfreundes vor dem Einschmelzen gerettet werden konnte.

Der "Geistkämpfer" von Ernst Barlach symbolisiert den Triumph des Guten über das Böse. (The statue of Ernst Barlach symbolizes the triumph of the Good.)
Der „Geistkämpfer“ von Ernst Barlach symbolisiert den Triumph des Guten über das Böse. (The statue of Ernst Barlach symbolizes the triumph of the Good.)

Sehr amüsiert hat uns das Schild im Schatten der Kirche, das darauf hinwies, dass sowohl das kleine als auch das große Geschäft hier nicht verrichtet werden dürfen. Anscheinend ist es hier im äußersten Norden Deutschlands nötig, solches per Schild klarzustellen.

Dass diese Tätigkeiten hinter der Kirche verboten sind, bedarf in Kiel offenbar einer Klarstellung. (That the backwall of the church must not be used as a toilet obviously needs some clarification in the Northern German town of Kiel.)
Dass diese Tätigkeiten hinter der Kirche verboten sind, bedarf in Kiel offenbar einer Klarstellung. (That the backwall of the church must not be used as a toilet obviously needs some clarification in the Northern German town of Kiel.)

Am Skandinavienkai sahen wir zwei Kreuzfahrtschiffe, die sich zur Ausfahrt klarmachten. Das waren echt Pötte, groß wie Hochhäuser. Von den Außenkabinen aus muss man eine schöne Sicht in den Park haben – was auch merkwürdig ist, wenn man es recht bedenkt. Im Hotel freut man sich über Meerblick, am Kieler Kreuzfahrtterminal nächtigt man auf dem Meer mit Ausblick ins Grüne.
(Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 23. August 2009 verfasst.)

Ausblick ins Grüne für die Kreuzfahrer, Ausblick auf maritime Bettenburgen für uns Parkbesucher. (From the park the big cruise ships can be seen.)
Ausblick ins Grüne für die Kreuzfahrer, Ausblick auf maritime Bettenburgen für uns Parkbesucher. (From the park the big cruise ships can be seen.)

Wer mehr über Kiel erfahren will, ist sicherlich im Stadt- und Schifffahrtsmuseum in der Fischhalle richtig (das allerdings noch bis April 2014 umgebaut wird). Die Geschichte der nördlichsten Großstadt Deutschlands ist jedenfalls durchaus interessant. Gegründet wurde der Ort irgendwann in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, und zwar – wie ich als Lokalpatriot natürlich erwähnen muss – von Graf Adolf IV. aus dem Hause Holstein-Schauenburg, dessen Stammhaus sich hier bei uns in Schaumburg befindet. Als Mitglied der Hanse machte Kiel keine glückliche Figur. 1544 wurde die Stadt aus dem Bund ausgeschlossen, unter anderem wegen der Beherbergung von Piraten.

Die Landesherren wechselten des Öfteren, wie das immer so ist. Der spätere russische Zar Peter III. kam hier zur Welt, und kurzzeitig gehörte Kiel auch mal zu Dänemark. Mit dem Matrosenaufstand und der Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrats wurde die Stadt erster Schauplatz der Novemberrevolution, die 1918 am Ende des Ersten Weltkriegs stand.

Im Nationalsozialismus galt Kiel als Modellstadt, denn durch die Entwicklung zum wichtigsten Marinehafen war der Ort so schnell gewachsen, dass städtebaulicher Handlungsbedarf bestand. Die gründliche Bombardierung im Zweiten Weltkrieg führte den Ansatz auf makabre Weise fort, denn da anschließend fast alles in Schutt und Asche lag, stand dem Aufbau einer „modernen Großstadt“ im fragwürdigen Stil der 50er und 60er nichts entgegen. Eine hübsche Altstadt sucht man in Kiel daher vergebens.

Hier ist Kiel richtig hübsch: Aussicht über den "kleinen Kiel". (Kiel IS nice, at least at the "Kleiner Kiel" lake.)
Hier ist Kiel richtig hübsch: Aussicht über den „kleinen Kiel“. (Kiel IS nice, at least at the „Kleiner Kiel“ lake.)

8 Gedanken zu „Kiel: Wo Engel ein „Ritterschwert“ führen und Pinkeln hinter der Kirche verboten ist“

    1. Ich hab gehört, dass es sich da wunderbar wohnt, gerade auch als Familie. Und die Größe der Stadt finde ich sehr angenehm, die Nähe zum Meer ist großartig. Nur z.B. gegen die diversen hochgelobten Fachwerkstädte mit wunderschöner alter Bausubstanz anzustinken, hat Kiel es natürlich schwer.

  1. Das Schild kannte ich selbst als Insasse dieses Landeshauptdorfes noch nicht. Inzwischen darf man aber hinter der Kirche pinkeln, dort steht jetzt eine öffentliche Toilette. Städtebaulicher Handlungsbedarf besteht allerdings nach wie vor.

    1. Ah, guck an. Eine öffentliche Toilette war auf Dauer offenbar sinnvoller. Das Schild direkt neben dem Klo wär mal witzig. :) Steht es gar nicht mehr? Guck doch bei Gelegenheit mal nach und sag Bescheid, ich würd mich freuen!

      1. So, hatte heute endlich die Gelegenheit zur Überprüfung – die Schilder sind weg, entweder abmontiert oder sie haben aufgrund der liebevollen Darstellung anderweitig Liebhaber gefunden. :)

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