Naturschutzgebiet Porto Selvaggio: Wo jeder Fossilien findet, ohne sie suchen zu müssen

Das Naturschutzgebiet Porto Selvaggio scheint ein echter Geheimtipp zu sein. Wer den Namen bei google eingibt, erhält zwar mehrere Hinweise auf die Existenz eines solchen Areals. Aber was es genau damit auf sich hat, verrät das Internet nicht. Nicht mal auf Italienisch. Und so gibt es leider auch bei family4travel diesmal weniger Hintergrund-Infos, als ich sonst gerne in meine Berichte untermogele.

Was ich aber als „Augenzeuge“ mit gewisser Expertise und mit inbrünstiger Überzeugung sagen kann über das kleine Schutzgebiet an der Westküste des Stiefelabsatzes: Es ist wunderschön, und ein Ausflug lohnt sich auf jeden Fall!

Auf unserer kleinen Wanderung treffen wir auch auf Kakteen, die größer sind als wir.
Auf unserer kleinen Wanderung treffen wir auch auf Kakteen, die größer sind als wir.

Von Gallipoli aus fährt man mit dem Auto eine knappe halbe Stunde, von Lecce sind es 45 Minuten. Groß ist das Stückchen herrliche Natur nicht, aber damit auch mit Kindern wunderbar zu erwandern. Zwei historische Türme markieren die Eingänge: der eher unscheinbare Torre Uluzzo auf der einen, der Torre dell’Alto mit seinem markanten dreibogigen Treppenaufgang auf der anderen Seite.

Türme und Trulli

Wir parken das Auto auf einem kostenlosen Flecken Erde („Parkplatz“ wäre übertrieben) in Sichtweite des Torre Uluzzo. Als allererstes müssen die Kinder den Trullo erkunden, der sich ein paar Meter vom Straßenrand entfernt erhebt. Er ist eigentlich gar kein solcher, denn die traditionellen Trulli sind kuppelförmig und haben oben drauf einen kugel- oder kreuzförmigen Schlussstein. Wann und wieso sich diese eigentümliche Bauweise entwickelte, die nur im Süden Italiens anzutreffen ist, scheint recht unklar zu sein, genau wie die „magischen“ Zeichen auf den Kuppeln, die jedes Jahr mit Kalkfarbe nachgezogen werden, obwohl sich längst keiner mehr an die Bedeutung erinnern kann. Das kleine Hirtenhäuschen am Eingang des Porto Selveggio jedenfalls gehört zur Gattung der Caselle (immerhin das habe ich bei meiner nachträglichen Internet-Recherche gelernt). Wie die Trulli ist es aus Feldsteinen aufgeschichtet und hält ohne Mörtel, aber statt Kuppel gibt es ein Flachdach, zu dem eine kleine Treppe hinaufführt.

Kein Trullo, sondern ein Casello - auf jeden Fall eine Erkundung wert.
Kein Trullo, sondern ein Casello – auf jeden Fall eine Erkundung wert.

An den Steilklippen nur ein paar Meter weiter erwartet uns dann der Torre Uluzzo. Auch er hat eine ganze Reihe Geschwister überall in Apulien, die sich in ihrem Aussehen teilweise erheblich voneinander unterscheiden. Ungefähr 400 Wehrtürme reihen sich entlang der Küste. Sie stammen aus dem 16. Jahrhundert, errichtet von den Spaniern unter Karl V., und dienten vor allem der Abwehr von türkischen Angriffen. Manche sind gut erhalten, andere weniger gut. Der Torre Uluzzo gehört zur letzteren Sorte. Von hier aus kann man klein am Horizont schon den Torre dell’Alto sehen. Er soll der Wendepunkt unserer Wanderung sein, denn dort endet das Naturschutzgebiet. Es ist nicht weit, vielleicht zwei Kilometer pro Strecke.

Wald und Fels

Der Weg führt uns über Stock und Stein, weil er eigentlich kein Weg ist. Es gibt jede Menge Trampelpfade, und die Jungs suchen sich immer den aus, der ihnen am besten gefällt. Wir müssen sie bremsen, denn wildes Vorlaufen ist hier am Rande der Klippen zu gefährlich. Die Steilküste ist zwar nicht dramatisch hoch, aber es reicht, um sich böse zu verletzen. Wir bleiben oben und wenden uns Richtung Wald. Ein bildhübscher Pinienhain erwartet uns. Nach einer Weile treffen wir hier auch auf einen Weg, der diesen Namen verdient. Er langweilt uns ein bisschen in seiner Geradlinigkeit, aber die abenteuerlicheren Pfade links und rechts, die die Jungs so locken, sind mit unappetitlichen Taschentüchern übersät. Also bleiben wir ein paar hundert Meter auf dem Hauptweg und wenden uns dann, in Ermangelung von Schildern unserer Intuition und der Erinnerung des Satellitenbildes folgend, auf einen größeren Seitenpfad nach links. Nun geht es über moorige Wiesen, auf denen erste Wildblumen blühen. Hier hat der Wald uns wieder, und wir steigen eine steinerne Treppe hinauf.

Der Weg durch das Naturschutzgebiet Porto Salveggio ist wildromantisch, und hier ein bisschen steil. Zum Glück gibt's die Treppe.
Der Weg durch das Naturschutzgebiet Porto Salveggio ist wildromantisch, und hier ein bisschen steil. Zum Glück gibt’s die Treppe.

Oben finden wir einen Aussichtspunkt, und wir blicken über die Küste. Ganz in der Nähe befindet sich der Eingang zur Corvine-Höhle, in der wichtige archäologische Artefakte aus der Steinzeit gefunden wurden. Wir nehmen uns vor, uns den (vergitterten) Eingang auf dem Rückweg anzusehen, werden dann aber doch keine Zeit mehr dafür haben. So bleibt uns nur der Blick übers Meer.

Der zweite Turm hat nun das Interesse der Jungs geweckt. Die Freitreppe über den drei Bögen verleiht ihm sein markantes Aussehen. Ich fotografiere die Infotafel, um sie später in Ruhe zu lesen, und verbocke das unbemerkt. Trotz seiner ungewöhnlichen Form bleibt der Torre dell’Alto für mich deshalb nur „einer von den vielen Türmen“. Besichtigen kann man ihn nicht, er ist wie alle seiner mir bekannten Kollegen verschlossen. Eine kleine Zufalls-Sehenswürdigkeit finden wir, als wir die Treppe hinaufsteigen: In einer der untersten Stufen befindet sich ein hübscher fossiler Muschelabdruck.

Auf einer der untersten Stufen zum Torre dell'Alto finden unsere Jungs einen fossilen Schatz.
Auf einer der untersten Stufen zum Torre dell’Alto finden unsere Jungs einen fossilen Schatz.

Fossilien in rauen Mengen

Auf dem Rückweg kommt so richtig die Sonne raus, und wir genießen ihre lange vermissten Strahlen. Die Jungs lassen wir eine ganze Weile in der Bucht Steine ins Wasser schmeißen (es ist schon erstaunlich, dass etwas, was sie schon mit einem Jahr gern getan haben, ihnen immer noch so großes Vergnügen bereitet – wobei sie schon anspruchsvoller geworden sind und heute eher Zielwerfen auf einen im Wasser treibenden Holzscheit veranstalten).

In der kleinen Bucht kann man im Sommer bestimmt eine nette Badepause einlegen (wenn man Plastiksandalen dabei hat!).
In der kleinen Bucht kann man im Sommer bestimmt eine nette Badepause einlegen (wenn man Plastiksandalen dabei hat, denn der Untergrund ist felsig und scharfkantig).

Beim Weiterlaufen bleiben wir diesmal an der Küste. Die besteht hier aus sehr zerklüftetem Sedimentgestein, dem man seine fossile Herkunft sehr deutlich ansieht. Wir hüpfen von Block zu Block und staunen über all die Millionen Jahre alten, teilweise noch hervorragend zu erkennenden Muscheln. Wir entdecken auch ein paar Fische und Wasserpflanzen – glauben wir zumindest, denn wir sind alles andere als Experten. Aber es ist ein herrliches Abenteuer, denn die Kletterpartie kombiniert die körperliche Herausforderung mit der Befriedigung des Forschergeists unserer ehrgeizigen Entdecker. Nur mitnehmen dürfen wir nichts: Das Entwenden von Fossilien ist streng verboten (sagen zumindest allgegenwärtige Schilder, und wie jeder weiß, halten sich Italiener jederzeit und immer an Verbots-, Verkehrs- und sonstige Schilder…).

Dass das hier Sedimentgestein ist, kann der fossile Muschelkalk nicht verheimlichen.
Dass das hier Sedimentgestein ist, kann der fossile Muschelkalk nicht verheimlichen. Wir laufen auf uralten Meerestieren umher.

Obwohl wir in Luftlinie kaum Strecke zurücklegen müssen, kommen wir auf dem steinigen (und spannenden!) Gelände so langsam voran, dass uns der Sonnenuntergang einholt. Im Zwielicht sehen wir zu, dass wir Land gewinnen, denn jetzt wird es bei all den Spalten, Kanten und Graten langsam ernsthaft knifflig. Und wer sich hier ein Knie aufschlägt, muss trotzdem gnadenlos zurücklaufen. Jeder befahrbare Weg ist weit weg. Wir meistern die Herausforderung auch im Dämmerlicht. Die letzten paar Meter kürzen wir ab, indem wir schnurstracks zur Straße vorstoßen.

„Das war die schönste Wanderung unserer Reise!“ sagt Silas im Brustton der Überzeugung später im Auto. Er hat schon vergessen, wie schön es auch auf der österreichischen Tauplitzalm, in Slowenien, Rumänien und vielen anderen Orten war, und die Plitvicer Seen in Kroatien kann natürlich sowieso nichts toppen. Aber wunderwunderschön war es im Porto Selvaggio auf jeden Fall, da stimmen wir ihm alle zu.

Mehr aus Apulien

Eine Woche lang haben wir in Apulien verbracht, ganz im Süden Italiens. Fünf Ausflüge haben wir dort unternommen, und deshalb geht es fünf Wochen lang jeden Dienstag auf family4travel nach Süditalien. Und das sind unsere Ziele:

3 Gedanken zu „Naturschutzgebiet Porto Selvaggio: Wo jeder Fossilien findet, ohne sie suchen zu müssen“

  1. Hallo,

    vielen Dank für diesen schönen Beitrag.
    Eine Frage habe ich zu dem Wanderweg, wenn ich darf: wie lange sollte man für Hin – und Rückweg einplanen?

    Freue mich sehr über eine Antwort.

    Liebe Grüße aus Oria,
    Tatjana

    1. Danke schön! :)
      Wie lange man braucht, kommt natürlich immer sehr darauf an, wie viel Zeit man sich nehmen möchte. Wer fix unterwegs ist, kann bestimmt nach zwei Stunden wieder am Auto sein. Für die gemütliche Variante mit mehreren Pausen haben wir, wenn ich mich recht ereinnere, etwa vier Stunden gebraucht. Ich würde empfehlen, die Wanderung als Halbtagesausflug einzuplanen und dann nach Lust und Laune die Zwischenstopps zu gestalten.
      Viel Spaß!

      1. Hallo Lena,

        vielen Dank für diese schnelle und super informative Antwort.
        Jetzt freue ich mich schon auf die Tour :)

        Liebe Grüße,
        Tatjana

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