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Touristenglück (in Rethwisch-Börgerende, Deutschland)

Gestern Abend haben Anna und ich noch lange mit einem Glas Wein auf der Terrasse gesessen und die laue Sommernacht genossen, und in der Folge war es spät, als wir uns endlich um das Frühstück zu kümmern begannen. Silas und ich schnappten uns die Fahrräder, um Brötchen zu holen. Gleich um die Ecke an der Rethwischer Kreuzung ist der Netto-Supermarkt, dessen Bäcker auch sonntags offen hat – bis zehn. Wir waren fünf Minuten zu spät. Auch beim Brötchen-Kiosk an der Grundschule hatten wir kein Glück. Also fuhren wir die ganze Strecke nach Börgerende bis fast zum Strand, wo glücklicherweise der „Tante Emma“-Mini-Markt auch feiertags durchgängig bis 20 Uhr geöffnet hat. Große Auswahl gab es auch dort nicht mehr; immerhin war es mittlerweile fast elf, und es ist Saison. Die Verkäuferin erzählte, dass sie gestern allein 1400 Brötchen verkauft habe.

Börgerende-Rethwisch, though situated very close to Heiligendamm and Warnemünde, is everything but a famous seaside resort.
Börgerende-Rethwisch, though situated very close to Heiligendamm and Warnemünde, is everything but a famous seaside resort.

Eigentlich ist Börgerende kein echter Touristenort, sondern eine dieser Ortschaften, die sich eher zufällig an der Straße zum Meer hin angesammelt haben. Es gibt keine echte Dorfmitte, die touristische Infrastruktur (Cafés, Restaurants, Tinnef-Lädchen, Minigolf,…) sprießt erst seit ein paar Jahren zaghaft hervor. Selbst der Strand ist kurtaxenfrei, aber dafür auch steinig. Bislang war der Ort vor allem für seinen Campingplatz bekannt, dessen Bewohner wohl hauptsächlich unter sich bleiben.

Jetzt in der Saison ist trotzdem alles voll. Anna, die Fehmarn und die Nordseeküste aus den Urlauben ihrer Kindheit kennt, findet, es fühle sich an, als seien alle woandershin in die Ferien gefahren. Ich, die ich den Ort vor allem in der Vor-, Nach- und Nicht-Saison kenne, finde es unangenehm überfüllt.

Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 21. Juli 2013 verfasst.

Fragen? Anregungen? Kritik? Selber vor Ort was ganz anderes erlebt? Hinterlasst mir gern einen Kommentar – ich antworte euch, sobald ich kann.

Grenzerfahrung (in Frankfurt/Oder, Deutschland)

Freitag, 20. Juli 2012
7.35 Uhr
Und los geht’s! Wir haben lange gepackt, ich bin um halb zwei ins Bett und um fünf wieder aufgestanden. Jetzt fahren wir vom Hof.

8.10 Uhr
Wir sind auf der Autobahn und fahren in den ersten Stau. Das Thermometer zeigt 16 Grad. Mal sehen, ob das besser wird…
Wunstorf/Luthe, und wir stehen. Silas knabbert Äpfel, Janis hat seine schon alle verputzt und vergnügt sich mit dem Rätselblock, den er sich gestern noch beim Last-Minute-Einkauf aussuchen durfte. Unser Navi Werner sagt, wenn wir ohne Pause durchfahren, sind wir um 15 Uhr da.

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14.54 Uhr
Wir haben die Grenze zu Polen überquert. Das erste Mal unfreiwillig, weil wir in Frankfurt falsch abgebogen sind – schon waren wir über die Oderbrücke gefahren und befanden uns in Frankfurts Zwillingsschwester Slublice. Dort fuhren wir einmal um den Kreisel und wieder zurück in unser Heimatland – schließlich war es vor allem die deutsche Grenzstadt, die uns interessierte.

Wir parkten an der Durchgangsstraße nahe dem Zentrum und nahmen überrascht die zweisprachige Beschilderung in Deutsch und Polnisch zur Kenntnis. Tatsächlich besteht ein reger Grenzverkehr über besagte Brücke, sowohl Autos als auch Fußgänger pendeln fleißig hin und her.
Wir schlenderten vorbei an der Konzerthalle (ehemals Garnisionskirche) zur Nikolai-Kirche. Dass Religion in der ostdeutschen Gesellschaft keine große Rolle mehr spielt und in Zeiten knapper Kassen auch finanziell vernachlässigt wird, verdeutlichte das teils kniehohe Unkraut, das zwischen den Ritzen der Pflastersteine auf dem Kirchplatz wucherte. Neben dem sakralen Gebäude informierte eine Tafel, dass auch Frankfurt an der Oder an den St.Jakobs-Pilgerweg angeschlossen ist. Graffiti-Gekrakel machte einen guten Teil des Textes unleserlich.

Entlang des Flussufers spazierten wir Richtung Rathaus. Beim Bäcker kauften wir unser Mittagessen-to-go und sahen uns die Innenstadt an, die zwischen zweckmäßiger Moderne und bedauernswert desolater DDR-Architektur mit eingestreuten sanierten Altbauten schwang. Ein lohnendes Urlaubsziel ist Frankfurt/Oder nicht unbedingt. Aber wir fanden einen lustigen Brunnen, das durchaus sehenswerte Rathaus, und dann verschwanden wir für eine Weile in einer Buchhandlung (die wir nach längerem Suchen gefunden hatten) und kauften uns einen Riga-Reiseführer. Auf der Suche nach einem Klo wurden wir in der Uni fündig. Das Gebäude wurde 1903 für die Stadtverwaltung errichtet, und es bedurfte einiger interessanter architektonischer Kniffe, um 1991 eine Universität daraus zu machen.

Auf dem Rückweg stolperten wir dann noch über die Marienkirche, die eigentlich Frankfurts Hauptsehenswürdigkeit darstellt. Das Innere ist leer, auch das Deckengewölbe fehlt, da die Kirche im zweiten Weltkrieg stark beschädigt wurde. Danach hat sie nur ein neues Dach bekommen, und auch neue Fenster, denn die schönen alten Bleiglasfenster waren sicherheitshalber evakuiert und dann von den Russen konfisziert worden. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sind drei große Fenster mit insgesamt 111 Bibel-Darstellungen wieder zurückgekehrt. Seit ein paar Jahren strahlen sie wieder im Altarraum. Übrigens ist das der bislang einzige Fall, in dem deutsche Beutekunst aus Russland zurückgekehrt ist.

Jetzt fahren wir auf polnischer Landstraße. Die Landschaft ist hübsch, mutet irgendwie skandinavisch an. Der Wald macht einen sehr aufgeräumten Eindruck. Man sieht kaum Unterholz. Am Straßenrand stehen immer wieder Männer, die aus dem Kofferraum heraus Pfifferlinge und Blaubeeren verkaufen. Vereinzelt gibt es auch Frauen, ohne Autos, deren leichte Bekleidung keinen Zweifel daran lässt, was sie verkaufen.

 

 

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