Wien mit Kindern: So war’s, ungeschminkt und herrlich

Wien mit Kindern: Da hatten wir hohe Erwartungen. Die österreichische Hauptstadt sollte den krönenden Abschluss unseres dreiwöchigen Roadtrips durch die Slowakei bilden, den Höhepunkt unseres Sommerurlaubs. Keiner von uns vieren war je dort gewesen, aber wir hatten jede Menge Gutes gehört. So viel, dass man schon fast wieder hätte misstrauisch werden können. Stattdessen freuten wir uns wie irre auf drei Tage Wien mit der ganzen Familie. – Wie sich herausstellte, zu recht. Es gibt nur wenige Städte, die uns je so begeistert haben wie Wien.

Wien mit Kindern: Inhaltsverzeichnis dieses Beitrags

Ich hab lange überlegt, ob ich meinen Blogbeitrag über Wien mit Kindern in eins raushaue oder irgendwie thematisch splitte. Letztlich habe ich mich für einen Riesentext entschieden und hoffe, dass der so funktioniert… Der Fahrplan für den längsten family4travel-Beitrag überhaupt:

  • Unser Sightseeing-Programm
  • Ankunftstag: Bratislava – Neusiedlersee – Wien
  • Tag 1: Hop-On-Hop-Off – Kaffeehaus – Naturhistorisches Museum – Schönbrunn
  • Tag 2: Hundertwasserhaus  Kunst Haus Wien – Naschmarkt – Jugendstil
  • Abfahrtstag: ZOOM Kindermuseum Abschiedsspaziergang durch Wiens „geheime Ecken“
  • Unsere Insidertipps für Wien mit Kindern
  • Reiseführer für den Familien-Trip nach Wien
  • Hörspiel-Tipps für die Vorbereitung
  • Hoteltipp für Wien mit Kindern
  • Lesetipps bei anderen Reisebloggern

Jede Familie ist anders. Jeder hat seine eigenen Vorlieben und setzt bestimmte Must-Sees auf die Liste, auf die er oder sie beim Familien-Städtetrip auf keinen Fall verzichten möchte. Auch das Alter der Kinder spielt bei der Programmplanung eine wichtige Rolle, wenn man Wien mit Kindern erkunden möchte. Bei Kleineren muss man oft noch das Zeitfenster für den Mittagsschlaf im Buggy einkalkulieren. Die Größeren fordern möglicherweise ein stärkeres Mitspracherecht bei der Programmgestaltung ein. Ich möchte also keinesfalls behaupten, hier den Stein der Weisen in Sachen Wien-Programm für Familien im Angebot zu haben.

Dreiviertel-Familienfoto ganz im Stil von und mit dem hier leicht pappigen Fotokünstler Martin Parr im Kunst Haus Wien.
Dreiviertel-Familienfoto ganz im Stil von und mit dem hier leicht pappigen Fotokünstler Martin Parr im Kunst Haus Wien. In dessen Serie der entlarvenden Selbstportraits reihen wir uns hier ganz gut ein. 🙂 Von links nach rechts: Silas, ich, Martin (aber nicht meiner) und Janis.

Wir waren in den Sommerferien Ende Juli in Wien, und zwar mit zwei Jungs im Alter von neun und zwölf Jahren. Im Vergleich mit anderen Familien sind wir, glaube ich, zum einen besonders museumsaffin, zum anderen ziemlich sparsam in unseren „Nebenbei-Ausgaben“. Wir haben nichts dagegen, auch größere Strecken zu laufen und dabei das Flair fremder Orte einfach auf uns wirken zu lassen, statt möglichst viel zu besichtigen.

Bei euch ist das vielleicht ganz anders. Es gibt keinen Masterplan, der für jede Familie funktioniert. Ich teile also einfach nur unsere Tagespläne als allgemeine Inspirationsquelle. Weil sie für uns so hervorragend geklappt und uns zu großen Fans der Stadt gemacht haben.

Wien mit Kindern, Ankunftstag:

Bratislava – Neusiedlersee – Wien

An unserem Ankunftstag in Wien sind wir von Bratislava aus gestartet, hatten also nur wenig Strecke zurückzulegen (Luftlinie 60 Kilometer). Wir haben einen ausgedehnten Stopp am Neusiedlersee eingelegt, der auch nur etwa eine gute Fahrstunde vom Wiener Stadtzentrum entfernt liegt (und sich somit bei einem längeren Wien-Aufenthalt auch als grünes Ausflugsziel eignet, wenn es mir persönlich auch am Balaton besser gefallen hat, an den mich der Neusiedler See stark erinnert hat).

Neusiedler See, Wien mit Kindern
Der Neusiedler See ist hübsch, aber die Infrastrukturen schon sehr touristisch (was im Einzugsgebiet einer Millionenstadt natürlich nicht weiter verwunderlich ist).

So kommen wir schließlich am Nachmittag in Wien an. Wir checken in unserem wunderbaren Hotel ein und haben noch Zeit für eine erste Fahrt ins Zentrum. Wer die Möglichkeit hat, seinen Wien-Trip perfekt zu planen, kann hier einen ausgeklügelten Orientierungsspaziergang ausarbeiten. Für uns läuft es auf ein planloses Schlendern durch den Burggarten zur Tourist Information am Heldenplatz hinaus, und dann weiter bis zum Stephansdom.

Wien mit Kindern, Stephansdom und Fiaker
Ein erster Blick auf „typisch Wien“: Der Stephansdom mit den Fiakern in Warteschlange davor.

Wien mit Kindern, Tag 1:

Hop-On-Hop-Off – Kaffeehaus – Naturhistorisches Museum – Schönbrunn

Für Touristen spielt sich Wien zum Großteil innerhalb der Ringstraße ab. Die verläuft ungefähr dort, wo die mittelalterlichen Stadtmauern standen, und die meisten Sehenswürdigkeiten befinden sich in diesem Kreis.

Hop on hop Off Wien mit Kindern
Die Touren starten an der Oper, aber Ein- und Aussteigen geht an vielen Orten.

Hop-On-Hop-Off: Sightseeing im Sitzen mit Kinderprogramm

Eine gute Möglichkeit, sich einen ersten Überblick über das aktuelle Reise-Revier zu verschaffen, ohne sich dabei gleich die Füße abzulatschen, ist die Fahrt mit einem der allgegenwärtigen Hop-On-Hop-Off-Busse. Neben der roten Ringstraßen-Tour, die wir gemacht haben, gibt es noch fünf weitere Linien.

An Bord erhält man einen Kopfhörer (wir haben unsere eigenen mitgebracht, das geht auch) und hört sich dann während der Fahrt Erläuterungen zu den Sehenswürdigkeiten links und rechts der Straße an.

Auf dem Erwachsenen-Kanal läuft die klassische Stadtführung mit Namen, Jahreszahlen und Hinweisen auf weiterführende Angebote. Wir alle vier fanden allerdings den Kinderkanal unterhaltsamer. Da erzählt ein Mädchen in Wiener Dialekt Begebenheiten aus der Stadtgeschichte und erklärt dabei Begriffe wie „Parlament“ kindgerecht .

Hop on hop off Wien mit Kindern
Über Kopfhörer erzählt uns ein Mädchen was über die Wiener Stadtgeschichte. Die Jungs finden’s spannend.

Preise: Familien-Tickets für zwei Erwachsene und zwei Kinder von drei bis zwölf Jahren kosten 68 Euro (!). Sie sind 24 Stunden auf allen Linien gültig. Mehr Informationen gibt es auf der Homepage.

Kaffeehaus: Sachertorte besser mit vorheriger Recherche

Am Anfang unseres Wien-Trips denken wir noch, dass wir die Hop-On-Hop-Off-Busse viel nutzen würden, weil man ja bequem überall aus- und wieder einsteigen kann (was wir dann irgendwie doch nicht tun, weil das 72-Stunden-Ticket des Wiener ÖPNV engmaschigeren Transport bietet und unser Hotel weitab der Doppeldecker-Buslinien liegt).

Jedenfalls steigen wir an der vorletzten Haltestelle der roten Tour aus, weil es von dort aus nicht weit bis zu dem Kaffeehaus ist, das ich uns aus einer Broschüre aus der Tourist Information rausgesucht habe.

Café Sacher, Wien mit Kindern, mit Fiaker
Hier gibt’s die originale Sachertorte. Aber wer die probieren möchte, muss tief in die Tasche greifen.

Dass die originale Sachertorte im Café Sacher neben der Wiener Staatsoper 6,50 Euro pro Stück kostet (und die dazugehörige Wiener Melange noch mal 5,30 Euro), haben wir auf unserem gestrigen Stadtbummel schon in Erfahrung gebracht. Nach meinen Begriffen ist das für Alleinreisende schon happig. Wer Wien mit Kindern bereist, wird da ganz schnell arm.

Sachertorten-Merchendising.
Um die Wiener Sachertorte wird ein Megahype zelebriert. Da ich Schokoladentorten liebe, bin ich daran nicht ganz unbeteiligt.

Also, wenn schon so ein Preisniveau, denken wir uns, dann auch mit dem vollen Programm. Eine Publikation aus dem Tourismusbüro listet klassische Kaffeehäuser, in denen zu bestimmten Zeiten Klavier gespielt wird. Wir peilen also jenes „Wiener Kaffeehaus mit allem Drum und Dran“ an, das laut Broschüre unser Zeitfenster mit Live-Musik bedient.

Leider stellt sich das fragliche Etablissement als Bestandteil des Intercontinental-Hotels heraus, das schon bessere Zeiten gesehen hat und von schlunzig gekleideten Nicht-Europäern ohne Manieren bevölkert wird (wer mich kennt, weiß, dass ich das nicht rassistisch meine, sondern rein deskriptiv, und wer viel reist, kennt diese Sorte von Touristen, die beim Essen mehr Geräusche macht als jedes Kleinkind und in deren Hörweite ich einfach nicht sitzen möchte).

Die Torte ist teuer und schmeckt (wenn auch nicht so gut wie im slowakischen Košice). Aber Musik gibt es keine.

Mein Tipp: Wer sich nur ein Mal in Wien ein Stück Sachertorte in klassischer Kaffeehaus-Atmosphäre gönnen möchte, sollte sich nicht auf Werbeheftchen verlassen, sondern selbst im Internet noch mal gegenrecherchieren.

Update: Inzwischen bin ich durch einen grandiosen Zufall (gleichzeitiger Wiener Besuch bei unseren Couchsurfern in Bern) in den Genuss echter Sachertorte aus dem Café Sacher gekommen. Hat schon echt traumhaft geschmeckt, muss ich zugeben.

Ich bin nicht sonderlich versiert in food photography, aber das war sie: echte Sachertorte aus dem Café Sacher, mit Genuss verspeist in einem Vorort von Bern.

Naturhistorisches Museum: Geballtes Wissen in prunkvoller Umgebung

Zu dem Ensemble von Prachtbauten, die die Architekten zu Kaiser Franz Josephs Zeiten nicht kleckern, sondern klotzen durften, gehören das Kunsthistorische und das Naturhistorische Museum, die sich als identische Paläste gegenüberliegen. Welches von beiden man besucht – oder ob überhaupt eins oder gar gleich beide – ist natürlich Geschmackssache.

wien-naturhistorisches-museum-mineraliensammlung
Herrlich old-school, aber drum herum durchaus in moderne Museumspädagogik eingebettet: Wir haben das NHM echt lieben gelernt.

Unser Herz schlägt ganz klar für das Naturhistorische Museum. Ich möchte unbedingt ins NHM, um das Original der Venus von Willendorf zu sehen (auch wenn die heute gar nicht mehr als sooo großer Sensationsfund gilt, weil längst ältere Steinzeitkunst aufgetaucht ist). Außerdem befinden sich hier eine gigantische, mehrere Säle umfassende Mineraliensammlung und die größte Meteoritensammlung der Welt. Meine Jungs stehen auf sowas (sorry, das glaubt mir immer keiner), aber auch für weniger auf Bildungsbürgertum gedrillte Kinder gibt es in diesem Haus unendlich viel zu entdecken.

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Ein riesiger Saal voller Dino-Skelette. Die tun doch nichts? Wartet’s ab!

Die Abteilung über die Menschwerdung ist unheimlich gut gemacht mit lebensechten Wachsfiguren verschiedener Frühmenschen. Bei den geballten Funden aus Neolithikum, Bronzezeit und Antike bis in die Völkerwanderungszeit wäre ich am liebsten eingezogen. In dem Saal mit den Dinosaurier-Skeletten haben wir eine Überraschung erlebt, die zumindest mir schreckhaftem Huhn echt in die Glieder gefahren ist (während die Jungs freilich bloß Fragen nach der technischen Umsetzung gestellt haben). Das Obergeschoss ist dann voll mit Tierpräparaten, einem ausgestopften Zoo quasi. Wo sonst begegnet man Giraffenhoden schon auf Augenhöhe?

Das einzige, worüber wir uns ein bisschen ärgern: Wir hätten das Museum als Ganztagesausflug verplanen und gleich morgens auf der Matte stehen sollen.

Naturhistorisches Museum, Maria-Theresien-Platz (Anfahrt mit U2 oder U3). Öffnungszeiten: Donnerstag bis Montag 9 bis 18.30 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr. Dienstags geschlossen. Eintrittspreise: Erwachsene 10 Euro, Kinder bis 18 Jahre frei.

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Unglaubliche Vielfalt! Im Obergeschoss des NHM steckt echt ein kompletter Zoo.

Schönbrunn für Geizkrägen: Garten gratis

Wir haben von vorn herein beschlossen, dass wir die Wiener Hofburg und Schloss Schönbrunn nicht besichtigen wollen. Was es zu sehen gäbe, haben wir in unserem Reiseführer und auch bei den Bloggerkollegen gelesen (Literaturtipps siehe unten), und das klingt auch nett. Aber die Jungs haben mit Sisi und Co nichts am Hut, und wenn man keinerlei Beziehung zu den ehemaligen Bewohnern hat, finde ich Schlossbesichtigungen oft etwas mühsam. Also heben wir uns das für einen späteren Zeitpunkt auf.

Nun ist Schloss Schönbrunn aber freilich eine der Sehenswürdigkeiten in Wien, und es ist gar nicht so weit von unserem Hotel entfernt. Also statten wir dem Palast einen Gute-Nacht-Besuch ab, um wenigstens mal einen Blick auf Maria Theresias Sommerhäuschen zu werfen.

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Schloss Schönbrunn, abends fast ganz ohne Touristen.

Die Gärten von Schönbrunn sind frei zugänglich, und auch wenn das auf die ganzen Wiener Stadtparks natürlich auch zutrifft, lohnt sich ein Abstecher hierher selbst, wenn man das Schloss (in dem es übrigens auch ein extra Kindermuseum gibt) nicht besichtigen möchte. Zu sehen ist barocke Gartenpracht mit künstlichen Ruinen und langen Laubengängen, versteckten Brunnenhäuschen und jeder Menge Statuen. Es gibt auch einen (kostenpflichtigen) Bereich mit Irrgarten und „Labyrinthikon Spielplatz“ (Familienkarte 12,40 Euro oder im Kombiticket mit dem Kindermuseum 29,50 Euro, letzter Einlass im Sommer um 18.30 Uhr). Und auch der Eingang zum Tiergarten befindet sich hier, der Europas ältester Zoo sein soll.

Die Gärten sind im Sommer bis 22 Uhr geöffnet. An einem lauen Sommerabend ist ein vorher in der Stadt besorgtes Picknick mit Blick auf die kunstvollen Blumenbeete oder die fantasievollen Ruinengebilde eine feine Sache.

Wien mit Kindern, Tag 2:

Hundertwasser – Kunst Haus Wien – Naschmarkt – Jugendstil

Tag zwei steht für uns im Zeichen der Kunst. Obwohl wir erklärte Kunstbanausen sind, haben zumindest die Jungs und ich eine Schwäche für Friedensreich Hundertwasser. Gerade seiner Heimatstadt hat der farbenfrohe Philosoph an vielen Ecken Erinnerungen hinterlassen.

Vor allem Janis hat es im Hause Hundertwasser echt gefallen.
Vor allem Janis hat es im Hause Hundertwasser echt gefallen.

Das Hundertwasser-Krawina-Haus

In Wien gibt es in Sachen Hundertwasser zwei wichtige Anlaufstationen. Zum einen ist da das berühmte Hundertwasserhaus (eigentlich Hundertwasser-Krawina-Haus, auch der Architekt hat ein amtlich festgestelltes Anrecht auf Namensnennung).

Das „bunteste Haus Wiens“ ist das erste Architekturprojekt, das der eigenwillige Künstler umsetzen konnte. Es war ein sozialer Wohnungsbau der Stadt Wien und wird bis heute von ganz normalen Privatleuten bewohnt.

Ich hatte vorher gelesen, es sei übel heruntergekommen, was ich aber – vielleicht, weil vorgewarnt – gar nicht als so schlimm empfinde. Viel schlimmer erscheinen mir die Touristenhorden, die das Gebäude belagern – ich jedenfalls hätte nicht die Nerven, mich auf dem Weg zu meiner eigenen Haustür jedes Mal durch ein Menschengewühl drängen zu müssen.

Von innen ist das Haus nicht zu besichtigen, aber gegenüber liegt noch das „Hundertwasser Village“, eine Art Einkaufspassage voller Souvenirshops, die ebenfalls vom Meister des Dunkelbunten gestaltet ist.

Die kreativ-bunte Fassade des Hundertwasserhauses kennt bestimmt jeder. Worauf man sich gefasst machen muss, wenn man selbst hinfährt, ist der dazugehörige Anblick der Touristenmassen.
Die kreativ-bunte Fassade des Hundertwasserhauses kennt bestimmt jeder. Worauf man sich gefasst machen muss, wenn man selbst hinfährt, ist der dazugehörige Anblick der Touristenmassen.

Adresse: Hundertwasserhaus: Kegelgasse 35 in Wien (3. Bezirk).

Kunst Haus Wien

Keine zehn Minuten Fußmarsch entfernt liegt dann das Kunst Haus Wien. Auch das hat Hundertwasser von innen und außen selbst entworfen und gestaltet. Hier befindet sich die einzige permanente Ausstellung seiner Werke.

Wir leihen uns Audioguides (absolut empfehlenswert!) und lassen uns von Farben und Formen in den Bann ziehen. Frühwerke, Gemälde, Drucke und dreidimensionale Kunstwerke aus den unwahrscheinlichsten Materialien sind zu sehen. Der Audioguide erzählt dazu spannende Details aus dem Leben des Künstlers und erklärt seine Ideen und Denkansätze.

Deutungen der Bilder gibt es nicht, denn das hat Hundertwasser sich immer vehement verbeten. Während Janis und ich vor einem Bild stehen und über unsere persönliche Deutung philosophieren, sieht er entsprechend Briefkästen, Schwarze Löcher und Atomwarnschilder, ich dagegen bloß die Donau mit Segelboot.

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Das ist im Innenhof des Hundertwasser-Museums. Ich bin nicht rechtzeitig aus dem Knick gekommen, um mich um eine Fotoerlaubnis zu kümmern, denn generell ist das Fotografieren im Museum selbst verboten. Wenn ihr wissen wollt, ob euch Herrn Hundertwassers zweidimensionale Kunst zusagt, googelt halt einfach.

Ganz, ganz großartig ist übrigens auch die Sonderausstellung, die noch bis zum 2. November 2016 im Obergeschoss des Kunst Haus Wien läuft: „A photographic journey“ von Martin Parr. Der britische Fotograf mit einer Menge schrägem Humor verblüfft uns, weil er einfach nur durch die Dokumentation realer Momente herrliche gesellschaftskritische Karikaturen schafft. Das nehmen auch die Kinder schon genau wahr, und mehrmals prusten wir gemeinsam laut los, als wir vor den Bildern stehen.

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Mit Kuh am Strand? Martin Parrs Urlaubsfotos irritieren, regen zum Nachdenken an und bringen uns auch manchmal unkontrolliert zum Lachen.

Also, man muss kein ausgewiesener Kunstkenner sein, um im Kunst Haus Wien Spaß zu haben.

Adresse: Kunst Haus Wien, Museum Hundertwasser, Untere Weißgerberstraße 13. Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr. Eintrittspreise: Erwachsene 9 Euro, Kinder bis zehn Jahre frei, bis 18 5 Euro; Familienkarte (2+max.4) 22 Euro.

Naschmarkt und Co

Nachdem wir wieder einmal stundenlang im Museum abgehangen haben, ist der Tag schon weit fortgeschritten. Der Magen hängt uns in den Kniekehlen.

Weil es schon halb drei ist, ergattern wir einen Tisch im Wiener Deewan – ein leicht pekiges pakistanisches Garküchen-Restaurant. Wegen seines hervorragenden, aber doch sehr scharf gewürzten Essens taugt es wohl nicht als allgemeiner Restaurant-Tipp für Familien. Das einzigartige Konzept des „all you can eat, pay as you wish“ finde ich aber so toll, dass ich es trotzdem unbedingt erwähnen möchte.

Das System, dass jeder Gast so viel bezahlt, wie ihm das Essen wert ist, funktioniert hier seit mehr als zehn Jahren. Wir haben alle vier so reingehauen, dass unser Gewissen uns einen entsprechenden Wunschpreis diktiert hat. (Adresse: Lichtensteiner Straße 10, Nähe Uni.)

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Am späten Nachmittag kriegen wir auf dem Naschmarkt durchaus ein Bein an die Erde.

Ein gar nicht mal so ganz anderes Konzept fahren die Händler auf dem Naschmarkt. Der Name des langgezogenen und mit überdachten Ständen bedeckten Marktplatzes lautete wegen einer nahegelegenen Deponie früher Aschmarkt, was ja nicht so lecker klingt. Schon seit mehr als 100 Jahren überwiegt aber das Naschen, auch namentlich, und das Sortiment hat sich an die Bezeichnung angepasst.

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Dieses Bild hat insofern Seltenheitswert, dass uns gerade kein eifriger Verkäufer belagert, der zufällig Verwandte in Hannover hat.

Tipp: Von der Secession und dem Karlsplatz kommend, unbedingt die linke Ladenzeile wählen, denn in der rechten reihen sich fast nur Restaurants aneinander. Auf der linken Seite locken Obst- und Gemüsehändler mit exotischen Waren. Auch Süßigkeiten sind in rauen Mengen zu haben.

Der Maschen der Verkäufer kennen wir von den türkischen Basaren: Jeder möchte uns mal probieren lassen, drängt uns „kostenlos“ Schokoladenmandeln und kandierte Früchte auf und kommt rein zufällig auch aus Hannover. Wer hier keine größeren Summen investieren will, braucht Nerven aus Drahtseilen.

Jugendstil: Wiener Secession

Wien ist nicht Riga, hat aber für Fans des Jugendstils auch manch schönen Anblick zu bieten. Da ist zum Beispiel die Secession, ein Ausstellungshaus jener Zeit, nach dem die Wiener Jugendstil-Variante bisweilen auch Secessions-Stil genannt wird. Als wir das Gebäude vor uns sehen, sind wir aber schon ein bisschen irritiert: Es ist ziemlich klein, und durch den kontinuierlichen Verkehr kaum zu sehen.

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Die Wiener Secession sieht „in echt“ irgendwie ein bisschen anders aus als in den Broschüren und Reiseführern. Aber ganz schick ist sie ja trotzdem, oder?

Unser Kinder-Reiseführer (siehe unten) hat eine eigene Jugendstil-Tour parat. Zumal die quer über den Naschmarkt führt, einigen wir uns im Familienkreis schnell darauf, die zum Nachmittagsprogramm zu machen.

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Also, es gibt schon echt tollen Jugendstil in Wien zu sehen, so ist es nicht. Links das Majolika-Haus, rechts das der „Ruferinnen“, die das neue Zeitalter des Jugendstils verkünden sollten. Beide Häuser hat Otto Wagner entworfen, und sie befinden sich in der Linken Wienzeile am Ende des Naschmarkts.

Und dann ist der Tag auch schon wieder zu Ende.

Was man bei Städtetrips mit Kindern nicht unterschätzen darf: Das Laufen auf Asphalt und Pflastersteinen schlaucht mehr als jede Wandertour, und auch das viele Stehen im Museum ist anstrengend. Selbst „große“ Kinder wie unsere (und ich) sind nach sieben bis acht Stunden Sightseeing platt.

Wien mit Kindern, Abfahrtstag:

ZOOM Kindermuseum Abschiedsspaziergang durch Wiens „geheime Ecken“

Da wir uns mittlerweile ernsthaft in Wien verschossen haben, wollen wir so lange bleiben, wie es irgendwie geht. Zum Glück geht es recht lange, denn unsere nächste (und letzte) Urlaubsstation ist wieder nicht so wahnsinnig weit entfernt: Die dritte europäische Hauptstadt in einer Woche steht an, bis Prag sind es etwa dreieinhalb Stunden.

Wir haben also nach dem Frühstück und dem Auschecken aus unserem Hotel noch Zeit. Eigentlich lautet der Plan, das ZOOM-Kindermuseum im Museumsquartier zu besuchen. Leider hat das im Sommer eingeschränkte Öffnungszeiten und bleibt vormittags geschlossen, was die Homepage nicht verrät. Nur ein kleiner Zettel an der abgeschlossenen Tür informiert uns davon.

Wien mit Kindern, Museumsquartier
Ein Bummel durchs Museumsquartier lohnt sich trotzdem!

Nachdem ich mich ausgiebig über die Unprofessionalität des Museums aufgeregt habe, von dem wir uns so viel versprochen hatten, disponieren wir um und unternehmen einen Abschiedsspaziergang durch Wien.

Hierbei leistet uns unser Kinder-Reiseführer wieder gute Dienste. Auf der Tour „Durchs alte Wien“ begegnen wir zum Beispiel einem Basilisk, einer Backgammon spielenden Kuh und dem armen Augustin im Kellerloch. Und wir kriegen dann doch noch die Hofburg zu sehen (von außen zumindest), die Pestsäule und den mysteriösen Stock im Eisen.

wien-mit-kindern-allwo-die-kuh-am-brett-spielt
„Allwo die Kuh am Brett spielt“ – man muss schon wissen, wo man dieses wieder freigelegte mittelalterliche Hauszeichen findet, und was es zu bedeuten hat. Ich verrate es jetzt nicht, denn der Blogartikel ist eh schon viel zu lang!

Unsere Insidertipps für Wien mit Kindern

Reiseführer für den Familien-Trip nach Wien

Unseren hervorragenden Kinder-Reiseführer habe ich schon ein paar Mal erwähnt. Der komplette Titel lautet: „Wien für dich. Der Reiseführer mit Comics und Rätseln“ von Kristina Pongracz. Für die Altersklasse von 8 bis 14 halte ich den Mix aus kurzen, verständlich geschriebenen und trotzdem informativen Texten für ideal. Es gibt feste Touren mit Wegbeschreibungen, die ein bisschen wie eine Schnitzeljagd aufgemacht sind, Zumindest unsere Jungs hat das gut zum Stadtbummel motiviert. Dazu gibt es viele Quizfragen und auch Bilderrätsel und solche Dinge, die Kinder während Pausen im Café oder Restaurant beschäftigen können. Auch mit jüngeren Kindern müsste das schon gut klappen, denke ich, wenn man dann vorliest. Selbst wir Erwachsenen haben ihn wesentlich lieber gelesen als die ganze Palette an Alternativliteratur, die wir zwischenzeitlich hier rumfliegen hatten.

*

Mitgenommen haben wir zur Ergänzung dann nur noch das Heftchen „Wien. 1 Stadt in 3 Tagen“*. Das ist sehr schmal, dadurch handtaschentauglich und dennoch mit vielen detaillierten Stadtplänen gespickt.

Wien mit Kindern, Mozart
Im Bürgerpark sind wir Mozart auf einem Sockel begegnet.

Zur Vorbereitung auf die Begegnungen mit Hundertwasser und Mozart haben wir zwei Hörspiel-CDs für Kinder gehabt, die uns (auch uns Eltern) sehr gut gefallen haben, weil sie gleichermaßen informativ wie unterhaltsam gestaltet sind. Wir haben beide schon vor Jahren gekauft, lange bevor wir daran dachten, Wien mit Kindern zu bereisen. Jetzt aber hatten unsere Jungs durch sie das Gefühl, in Wien alte Bekannte zu besuchen (bzw. ihre Häuser, wobei wir an dem von Mozart nur am ersten Abend vorbeigelaufen sind).

*

Die Hundertwasser-CD ist leider inzwischen vergriffen, aber es gibt eine ganze Palette an Hundertwasser-Büchern für Kinder*, die interessant klingen.

Hoteltipp für Wien mit Kindern

Wir haben im Boutiquehotel Stadthalle genächtigt, und das kann ich allen (finanzkräftigen) Familien reinen Herzens wärmstens empfehlen. Eine ausgiebige Hotel-Review habe ich hier geschrieben:

Hotel-Tipp für Familien: Boutiquehotel Stadthalle Wien

Wien mit Kindern: Noch mehr Erfahrungen von Reisebloggern

  • Stefanie von Family Escapes war mit ihren Kindern bei vielen Wiener Sehenswürdigkeiten, wo wir nicht waren. Unter anderem waren sie in der Hofburg und Schönbrunn auch innen, bei Gustav Klimt und auf dem Prater.
  • Maria-Bettina von KindAmTellerrand hat ebenfalls Wien mit Kindern absolviert und erzählt unter dem Motto „Veilcheneis und Pferdeäpfel“ von ihrem mütterlichen Sinneswandel zum Thema Fiaker-Fahrt.
  • Christin von TinyTraveler war low budget und mit Baby in Wien. Ihr Artikel ist der Grund, warum wir den Prater von unserer Liste gestrichen haben. 🙂
  • Der Hostelmax war zwar ohne Kinder unterwegs, hat aber mit seinem Bericht über die Liliputbahn wieder Argumente für den Prater parat.
  • Auch auf FreiLeben.net gibt es einen Gastbeitrag über Wien mit Baby und ganz low budget.

Transparenz-Hinweis: Unseren Beitrag über Wien mit Kindern haben folgende Anbieter und Institutionen dankenswerterweise durch Sachleistungen bzw. Vergünstigungen unterstützt: Boutiquehotel Stadthalle Wien, Tourismusmarketing Wien, Vienna Sightseeing, Kunsthaus Wien, Lonitzberg-Verlag, freytag & berndt. Wie im Print-Journalismus üblich (die das bloß selten deklarieren), sehe ich das als Recherchehilfe und lasse meine Meinung davon nicht beeinflussen.

9 Gedanken zu „Wien mit Kindern: So war’s, ungeschminkt und herrlich“

  1. Hallo, Lena,
    schöner langer Artikel – hab ihn gleich mal verlinkt – und sehr nützlich für uns, denn alle vier Familienmitglieder wollen wieder nach Wien (die jüngeren vornehmlich aus kruden kulinarischen Gründen). Deine Vorbemerkungen finde ich 1a; auch ich denke beim Schreiben oft, dass natürlich jeder mit anderen Interessen reist und jede Story bzw. Tippsammlung nicht Reiseführer sein kann, sondern nur Inspirationsquelle. Andererseits: Wie gut! Viele der wirklich guten Reisetipps findet man meiner Erfahrung nach beim Kreuz- und Querlesen.
    Liebe Grüße,
    Maria

  2. Danke dir fürs Verlinken 🙂 Wir waren auch total begeistert von Wien. Dein schöner Artikel gibt mir jetzt gaaanz viel Futter für den nächsten Besuch, der unbedingt sein muss! Viele liebe Grüße Stefanie

  3. Was Wiener Kaffeehäuser anbelangt, waren wir auch skeptisch. Daher haben wir vor einiger Zeit mal eine Kaffeehaus-Tour durch Wien gemacht. Seitdem ist das Café Landmann neben der Oper unser Lieblings-Kaffeehaus in Wien. Das steht jetzt bei jedem Wien Besuch auf unserer „Must-Do-Liste“.

  4. Wow, da ward Ihr aber gut vorbereitet… Ich bin da bei Städtereisen ein wenig, äh, … unorganisierter, :-).

    Erinnere mich gerne an ein paar Tage im September 2014, die wir in Wien verbracht haben — die Kinder waren auf einer Manga-Convention, und ich habe die Friedhöfe Wiens besichtigt. Des war echt klasse und interessant. Und schön und atmosphärisch. (Und die Kinder waren dankbar, dass sie nicht mit mir irgendwie kulturell „abhängen“ mussten…

    Cheers,
    Corinna

    1. So gut vorbereitet sind wir aber leider auch selten. Gerade jetzt in der Schweiz hatten wir viel zu wenig Ahnung von allem, wenn wir irgendwo ankamen, da kaum Zeit im Vorfeld.
      Wer auf morbiden Charme steht, kann sich in Wien gut beschäftigen, das habe ich auch schon gehört. Es gibt ja auch das Bestattungs-Museum dort, das sehr interessant sein muss (ich glaube, es heißt anders, aber es geht jedenfalls um Bestattungsriten im Wandel der Zeit, und die haben gerade in Wien wohl zeitweise bunte Blüten getrieben).

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