In Grabhügeln, an Grabhügeln und um Grabhügel herum (in Kilmartin, Schottland)

Der heutige Tag steht für uns ganz im Zeichen der schottischen Frühgeschichte. Wir fahren ein paar Kilometer nach Kilmartin. Das Tal nennt sich gern die Wiege Schottlands, und unzählige Funde aus prähistorischen Zeiten untermauern diesen Ruf. Seit mehr als 5000 Jahren haben die Menschen hier beeindruckende Spuren hinterlassen: Monolithen, Grabhügel, Steinkreise, Felsritzungen. Das Kilmartin House Museum gibt einen guten Überblick und erzählt von den Lebensumständen der Menschen, die das als heilig verehrte Tal bevölkerten.

Crushing grain like people did thousands of years ago: There's lots to try out and do at Kilmartin House Museum.
Crushing grain like people did thousands of years ago: There’s lots to try out and do at Kilmartin House Museum.

Gerade für Familien ist das Museum ideal. Kinder können auf steinzeitliche Weise Mehl mahlen, sich kreativ mit den Felsenbildern auseinandersetzen und mit Steinen Musik machen. Und mehr. An mehreren Hörstationen klingen auf Knopfdruck frühzeitliche Instrumente aus den Kopfhörern. Es gibt ein Boot aus Weidenruten und Walrosshaut, und man hat sich große Mühe gegeben, das Beste aus den bescheidenen Platzverhältnissen zu machen.

No need to build the whole boat, we've still got the point. There's not much space in the museum, but they really made it work regardless.
No need to build the whole boat, we’ve still got the point. There’s not much space in the museum, but they really made it work regardless.

Ein Haufen wirklich interessanter Funde ist zu sehen. Das Hauptaugenmerk aber liegt auf der Vermittlung der alltäglichen Lebenswelt der vorzeitlichen Siedler im Wandel der Zeit – soweit sie sich rekonstruieren lässt. „Wo sonst gibt es ein Museum, in dem der Besucher Grabfunde in der Vitrine betrachtet und nur aus dem Fenster schauen muss, um den Hügel zu sehen, aus dem sie stammen?“, heißt es – frei übersetzt – in der Broschüre des Museums. Und in der Tat hat die Ausstellung mitten im Fundgebiet einen großen Reiz.

Wir lernen, wie sich die zahlreichen Hinterlassenschaften in der Landschaft zeitlich einordnen lassen. So sind die ersten markanten Bauwerke der Menschen die bis zu 7000 Jahre alten Ganggräber, in denen Verstorbene in mehreren Kammern beigesetzt wurden. Die berühmten Steinkreise tauchten erst auf, als die Siedler begannen, Korn zu säen und zu ernten. Bestattet wurde weiterhin in den alten Ganggräbern. Rund tausend Jahre später gerieten die Steinkreise langsam wieder außer Mode. Mit Steinen bedeckte Grabhügel, so genannte Cairns, waren der neue Trend. Man bestattete Urnen in Kisten aus Steinplatten und überhäufte diese mit Wackersteinen. Vielleicht war es ein Stamm mit Hang zur Tradition oder Bewusstsein für nachhaltige Nutzung, der eine solche Steinkiste in der Mitte des alten Steinkreises platzierte und dann nicht nur die Urnenkiste, sondern gleich auch den alten Ritualplatz mit Steinen bedeckte.

Mittlerweile ist der Steinkreis wieder ausgebuddelt. Alles, was dabei zum Vorschein kam, ist heute im Museum zu sehen. Dass der gekieste Kreis wieder Ziel zahlreicher Sinnsucher geworden ist, können wir live erleben. Als wir die prähistorische Stätte erkunden, trifft eine Gruppe älterer Frauen und einiger weniger Männer ein. Eine der Frauen ist mir schon im Museum durch ihre enthusiastisch vorgetragenen Schlussfolgerungen von arg zweifelhaftem historischen Wert aufgefallen. Aus ihrer Westentasche holt sie ein Bündel Pendel hervor und verteilt sie an ihre Mitreisenden. Eifrig schwingt man nun Metallscheiben über diversen Steinen hin und her, um „Energiebahnen“ festzustellen. Eine Dame streckt sich rücklings auf dem holperigen Untergrund aus. Eine andere umarmt mit leerem Blick einen stehenden Stein.

I didn't dare to take a close-up photo, but those are the folks that were checking out the energy flow of the stone circle.
I didn’t dare to take a close-up photo, but those are the folks that were checking out the energy flow of the stone circle.

„Was machen diese Leute da?“ fragt Janis, der sich schon immer gern Gedanken über Gott und die Welt gemacht hat. Ich erkläre es ihm, und er runzelt die Stirn. „Vielleicht hast du ja auch das Gefühl, dass das hier ein heiliger Ort ist?“ frage ich suggestiv. „Nö“, sagt er und zuckt die Schultern. „Für mich ist das nur eine Sehenswürdigkeit“, ergänzt Silas und klettert im zweiten Steinkreis nebenan pietätlos in die Steinkiste. Die hat im Mittelpunkt etliche Jahrhunderte nach Errichtung des Kreises als Urnengrab gedient. Ich informiere ihn darüber, dass er sozusagen gerade Hausfriedensbruch bei Verstorbenen begeht. „Findest du den Gedanken gar nicht gruselig, dass du da in einem Grab hockst?“ frage ich ungläubig. „Nö, warum sollte ich?“ fragt Silas zurück. „Mich stört das nicht. Und wenn es die Toten stört, können sie sich ja beschweren.“

Janis hält kurz inne, als würde er auf Funksprüche aus der Geisterwelt lauschen. Dann verkündet er: „Die Toten sind hier schon viel zu lange tot, die stört nichts mehr. Und heilig finde ich hier auch nichts. Können wir jetzt picknicken?“

Ich verzichte darauf, den Pendeljüngern diese niederschmetternde Botschaft meines Nachwuchs-Mediums zu übersetzen. Stattdessen ziehen wir uns auf einen breiten Baumstumpf zurück und packen unsere pappigen Sandwichs aus.

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Zwei Steinhügelgräber und fünf Monolithen später kehren wir zum Museum zurück und ergattern einen Tisch in dem wunderbaren Café, das im Nachbarhaus dazugehört. Die Preise sind gepfeffert, aber dafür ist hier alles bio und fair, und der Gewinn kommt dem Museum zugute. Wir sitzen auf individuell gezimmerten Stühlen im Wintergarten und blicken auf den Grabhügel, um den herum die Kühe grasen. Der Möhrenkuchen ist himmlisch. Wir atmen tief durch und sind mal wieder hochzufrieden mit unserem Leben.

Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 21. August 2013 verfasst. 

Das Kilmartin House Museum befindet sich im gleichnamigen Ort. Die Familienkarte für zwei Erwachsene mit bis zu vier Kindern kostet 12 Pfund. Die Steinkreise, Grabhügel und Monolithen sind eintrittsfrei und befinden sich in Laufnähe. Mit kleineren Kindern empfiehlt sich das Umparken auf den (kostenpflichtigen) ausgeschilderten Parkplatz.

Ein Gedanke zu „In Grabhügeln, an Grabhügeln und um Grabhügel herum (in Kilmartin, Schottland)“

  1. Hi! Kilmartin ist für unsere Schottlandreise gesetzt. Danke für die Inspiration. Nur eine halbe Stunde von unserer Unterkunft – und ein Steinkreis muss ja. Der Link zu Stonehenge funktioniert übrigens nicht.
    Grüße von Sabine

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