Lecce: family4travel goes Kunstgeschichte – oder die Stadt der angebissenen Statuen

Lecce ist mit 93.000 Einwohnern Provinzhauptstadt und eine der größten Siedlungen auf dem italienischen Stiefelabsatz. Ein Bummel durch die Altstadt lohnt sich vor allem wegen der unzähligen Kirchen und anderen Gebäude, die mit Ornamenten aus dem lokalen Tuffstein verziert sind. Diese sind so berühmt geworden, dass eine ganze Stilrichtung nach der Stadt benannt ist: der Lecceser Barock. Oder Lecceser Rokoko, da ist man sich nicht ganz einig.

Eine von vielen Kirchen in Lecce und eines von vielen Beispielen des Lecceser Barocks.
Eine von vielen Kirchen in Lecce und eines von vielen Beispielen des Lecceser Barocks.

Kunstgeschichte für Anfänger: Was war noch mal Barock?

Bevor wir zu den touristisch interessanten Punkten kommen, ist bei diesem Stichwort selbstverständlich etwas Nachhilfe in Kunstgeschichte angesagt. Ich meine, mal ernsthaft: Könnt ihr mir aus dem Stegreif erklären, wo der Unterschied zwischen Barock und Rokoko liegt, wann die beiden zeitlich auftraten, und wo genau Süditalien dabei ins Spiel kommt? Ich kann das nicht, aber es interessiert mich doch, und deshalb schlag ich es nach und geb die Infos an euch weiter.

Barock also ist die Epoche der Kunstgeschichte, die am Ende des 16. Jahrhunderts auf die Renaissance folgte und etwa 200 Jahre lang den Geschmack der Menschen bezüglich Architektur, Malerei und bildender Kunst prägte. Opulenz war dabei das Zauberwort, Üppigkeit auf jede Weise, Prunk und Pracht (und Protz). Der Begriff, der ursprünglich im Portugiesischen unregelmäßig geformte Perlen bezeichnete, lässt sich auch auf die allgemeine Geisteshaltung des absolutistischen Zeitalters ausdehnen, aber so weit brauchen wir hier gar nicht gehen. Ein ungefähres Bild vom Versailler Schloss Ludwig XIV. vor Augen zu haben, reicht völlig aus, um dem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Fette Engel und so, ergänzt der Kunstbanause in mir.

Üppiger - und ein besseres Beispiel für Lecceser Barock als das obige Foto (glaube ich - ich bin und bleibe doch trotz allem ein lausiger Kunstbanause).
Üppiger – und ein besseres Beispiel für Lecceser Barock als das obige Foto (glaube ich – ich bin und bleibe doch trotz allem ein lausiger Kunstbanause).

Und Rokoko?

Das Rokoko nun ist mehr oder weniger die Spätphase des Barock, oder möglicherweise doch eine eigenständige Epoche der Kunstgeschichte Mitte bis Ende des 18. Jahrhunderts, bevor der Klassizismus Fuß fasst. Die überbordenden Ornamente sind weiterhin dabei, aber sie werden verspielter, thematisch bescheidener, naturverbundener und – das ist wohl entscheidend – gerne auch mal asymmetrisch.

Und während im Spätbarock andernorts ovale Grundrisse en vogue waren, baute man im Salent seine Kirchen weiterhin nach griechisch-byzantinischer Tradition quadratisch. Das allein macht freilich noch keine eigene Stilrichtung. Es war wohl vor allem die schiere Produktivität, mit der die örtlichen Kunsthandwerker den nationalen Markt überschwemmten. Der weiche Tuffstein ließ sich prima bearbeiten, und so war es vergleichsweise unproblematisch und kostengünstig, an wirklich jeder Ecke und jeder Fassade detailreiche Ornamente unterzubringen.

Auch viele profane Wohnhäuser erfreuen sich in Lecce dank des weichen Tuffsteins wilder Ornamente.
Auch viele profane Wohnhäuser erfreuen sich in Lecce dank des weichen Tuffsteins wilder Ornamente.

Leccer Barock im Stadtbild

Und so gibt es auch heute noch überall etwas zu Gucken: Hier ein Palazzo mit überbordend geschmücktem Portal, dort ein Fresco an einer Hauswand, da drüben ein reich verzierter Brunnen. Vor allem aber sind es die Kirchen – und deren gibt es wirklich reichlich in Lecce – die über und über mit steinernen Ornamenten geschmückt sind. Die Basilika Santa Croce schießt den Vogel ab. Im Moment wird sie restauriert und wirkt in der Gesamtansicht nicht eben fotogen, aber wir staunen doch über die fantasievolle Fassadengestaltung, in der auch ein Drache, ein Hund, mehrere Vögel, ein Pferd-Fisch-Fabelwesen und Herkules eine Rolle spielen. Wir spielen „Ich sehe was, was du nicht siehst“ mit einzelnen Motiven und könnten uns damit eigentlich den ganzen Tag beschäftigen.

Die Details an der Basilica Santa Croce sind einfach umwerfend.
Die Details an der Basilica Santa Croce sind einfach umwerfend.

Eine Sache lässt sich aber nicht unter den Tisch kehren. So wunderbar einfach sich der cremefarbene Tuffstein aus den Steinbrüchen von Lecce bearbeiten lässt, so wenig Positives lässt sich über seine Haltbarkeit sagen. Für die Ewigkeit ist das weiche Ergussgestein jedenfalls nicht gemacht. Spätestens seit der Erfindung des Sauren Regens schmelzen die Ornamente geradezu vor sich hin. Manche sehen aus wie ausgespuckte Kaugummis. Das tut unserer Faszination freilich keinen Abbruch. Die Jungs finden begeistert immer neue Zeugen des dramatischen Verfalls, stellen Vermutungen an, wieso gerade diese Statue oder dieses Stück des Fensterrahmens besonders gelitten hat. Und wir gönnen uns ein, zwei Minuten lokalpatriotischer Überheblichkeit: Mit Obernkirchener Sandstein wäre das nicht passiert. Pah Lecceser Barock, es lebe die Weserrenaissance.

So wie der Dame rechts geht es vielen bildhauerischen Details in Lecce.
So wie der Dame rechts geht es vielen bildhauerischen Details in Lecce. Der Zahn der Zeit nagt hier sehr deutlich.

Lecce kann auch Antike – und Eis

Was weder Obernkirchen noch Norddeutschland im Allgemeinen zu bieten hat, sind hingegen die antiken Baudenkmäler aus der römischen Zeit. Da ist das Amphitheater, das Mussolini – wie in Triest – freilegen ließ, obwohl schützenswerte Gebäude aus späterer Epoche drauf standen: um die großmächtigen Parallelen zum Römischen Reich zu betonen. Es gibt noch mehr antike Ruinen, die über all die kleinen Plätze in der Altstadt verteilt sind. Wir lassen uns allerdings ablenken von all den herrlichen Kirchenfassaden. Und vom Eis. Das im Cin Cin Café kostet zwar 2 Euro pro Becher, aber der Becher entspricht auch zwei Kugeln in Deutschland, und es schmeckt einfach himmlisch!

Antike Ruinen eines Amphitheaters.
Antike Ruinen eines Amphitheaters.

Kein Glück haben wir im Archäologischen Museum. Ein Aushang von vorletzter Woche informiert uns, dass die Institution wegen eines Trauerfalls vorübergehend geschlossen bleibt (das ist zumindest das, was ich dem Text mit meinen bröckeligen Italienischkenntnissen entnehme, die sich zu fast 100 Prozent auf mein Schul-Latein beschränken). Auch sonst sieht das Museum reichlich heruntergekommen aus.

Die Piazza Duomo beherbergt den Bischofspalast.
Die Piazza Duomo beherbergt den Bischofspalast.

Nach zwei Stunden haben wir das Gefühl, dass wir jetzt durch sind mit Lecce. Außerdem regnet es schon wieder. Und so fahren wir in unsere kalte, ungemütliche Ferienwohnung zurück. Bei gutem Wetter und mit etwas mehr kunstgeschichtlicher Grundbildung macht ein Ausflug nach Lecce sicherlich noch viel mehr Spaß!

Eine von den schlichteren Altstadtgassen in Lecce.
Eine von den schlichteren Altstadtgassen in Lecce.

Eine Woche lang haben wir in Apulien verbracht, ganz im Süden Italiens. Fünf Ausflüge haben wir dort unternommen, und deshalb geht es fünf Wochen lang jeden Dienstag auf family4travel nach Süditalien. Und das sind unsere Ziele:

 

4 Gedanken zu „Lecce: family4travel goes Kunstgeschichte – oder die Stadt der angebissenen Statuen“

    1. Also was ich da jetzt alles noch erfahren habe :-) Manchmal sollte ich auch mehr geschichtliches Zeugs lesen ;-)
      Aber wir waren auch sehr beeindruckt von den vielen Fresken und Figuren. Nach außen hin wirken die Verzierungen ja echt kitschig, aber im Detail sind sie schon sehr schön! Schade, dass ihr einen Regentag erwischt habt – das ist ja wirklich unlustig bei Stadtbesichtigungen.

      Lg Barbara

      1. Aber immer noch besser als eure Affenhitze! :) Solange es nicht richtig pladdert, habe ich gegen einen grauen Tag zur Stadtbesichtigung gar nicht so viel einzuwenden. (Na ja, die Fotos werden bei blauem Himmel natürlich schöner.)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.