Momentaufnahme: Sommerliches Dorfleben am Bach

Ich habe den Foto-Ordner mit dem Titel „Momentaufnahmen“ wieder entdeckt. In loser Folge wollte ich diese Bilder im Blog präsentieren, und dann war die Folge so lose, dass ich ganz darüber weggekommen bin (und meine Blogparade kam dazwischen, die noch auf eine Auswertung wartet, aber das ist ein bisschen mehr Arbeit als ich dachte und wird deshalb ein bisschen vertagt). Es handelt sich um Fotos, die handwerklich meistens nicht so überwältigend sind, oft einfach so aus der Hüfte geschossen, die aber einen ganz besonderen Moment unserer großen Europareise dokumentieren.

Heute, während ich diese Zeilen tippe, ist es draußen heiß und nach drei Wochen mittelprächtigem Wetter an der Ostsee endlich Sommer. Deshalb spricht mich dieses Bild von Silas und einem französischen Jungen am Fluss besonders an. Was hatten wir für ein paar selige Stunden da unten am Wasser!

Es war eine der allerletzten Stationen unseres Roadtrips im vergangenen Juni. In den französischen Pyrenäen haben wir drei Tage lang als Couchsurfer eine Familie besucht. Sie lebte in einem idyllischen kleinen Dorf, in dem die Straßen nicht einmal Namen hatten. Während die Pyrenäen auf der spanischen Seite echte Berge sind, verstecken sie diesen Fakt auf der französischen Seite unter einer dichten grünen Vegetation (weil es hier viel mehr regnet, aber davon haben wir zum Glück gar nichts mitbekommen).

Es war der erste richtig heiße Sommertag und das letzte Wochenende vor den französischen Sommerferien. Bei unseren Couchsurfern standen all die Termine an, die Eltern und Kinder am Schuljahresende bewältigen müssen. Tags zuvor hatten unsere Gastgeber uns schon zu einem Schulkonzert in einer niedlichen kleinen Kapelle mitgenommen – ein großartiges Erlebnis für uns! An jenem Samstag stand dann die Abschlussvorstellung des Zirkusprojekts auf dem Programm, bei dem die jüngere Tochter der Familie das Halbjahr über mitgewirkt hatte. Auf dem Dorfplatz war ein echtes Zirkuszelt aufgebaut, und eine Gruppe von bestimmt 20 Kindern zeigte fast zwei Stunden lang ein buntes Programm aus Akrobatik, Sketchen und Turnübungen. Anschließend gab es ein Mitbring-Buffet, und wir schüttelten sämtlichen Nachbarn und Bekannten die Hand, denn fast jeder war da, und wir als ausländische Besucher waren natürlich besonders spannend für alle anderen.

Als wir das unheimlich heiße Zirkuszelt verließen, waren wir klatschnass geschwitzt. „Jetzt ist es Zeit für einen kühlen Ort“, sagte Annabelle, unsere Gastgeberin. „Die Kinder wollen zum Fluss. Kommt, ich nehme euch mit. An Tagen wie heute ist es dort wunderschön.“

Sie hatte recht. Es war ein kurzer Spaziergang, der uns von dem ruhigen Dorf in noch abgelegenere Wildnis führte. Dann lag der plätschernde Bach vor uns, kühl und einfach herrlich. Mit uns war eine ganze Horde Kinder zum Wasser gelaufen. Bestimmt 15 Jungen und Mädchen waren dabei, die jüngsten kaum in der Schule, die ältesten schon auf der Schwelle zum Teenager. Annabelle, Martin und ich waren die einzigen Erwachsenen, und wir hielten uns taktvoll ein bisschen abseits.

Einige Kinder stürzten sich sofort in die Fluten – aber so ein Gebirgsbach ist dann doch ziemlich frisch. Silas war einer der Mutigen, der zumindest einmal komplett durch die Bade-Gumpe watete (die natürliche Vertiefung vor einer Kurve) und bis zum Bauchnabel im kalten Wasser stand. Die meisten Kinder spielten am Ufer, und schließlich begannen alle, gemeinsam einen Staudamm zu bauen.

Meine beiden Jungs sprechen mittlerweile ganz gut Englisch, aber obwohl sie an der Waldorfschule seit der ersten Klasse auch Französisch haben, ist es mit ihren Koversationskenntnissen noch nicht weit her. Trotzdem war es mir eine Freude, zu beobachten, wie sie sich innerhalb von vielleicht zwei Stunden von fremdsprachigen Außenseitern graduell zu festen Mitgliedern der eingeschworenen Dorfgemeinschaft wandelten. Die gemeinsame Arbeit verband die Kindergruppe. Janis, der ein erfahrener Sandburgenbauer ist und jetzt einer der ältesten war (die großen Mädchen hatten sich zwischenzeitlich ausgeklinkt, um sich in der Sonne zu bräunen), wurde nach einigen Bauvorschlägen sogar trotz Sprachbarriere als planender Ingenieur akzeptiert. Silas freundete sich mit dem etwa gleichaltrigen Jungen auf dem Foto an, der arg geknickt war, als er mit Annabelles Übersetzungshilfe erfuhr, dass wir am folgenden Tag schon weiterfahren würden.

Links planscht Silas, rechts ein französischer Junge aus dem Dorf.
Links planscht Silas, rechts ein französischer Junge aus dem Dorf.

Gerade von der Fluss-Partie habe ich noch viele, viele Fotos auf dem Rechner – auch welche, auf denen man das Staudamm-Bauwerk besser sieht. Aber ich möchte keine Kinder anderer Leute ohne Erlaubnis ins Internet stellen, weshalb ich mich auf dieses beschränke. Bestimmt denke ich dran, in Zukunft mehr solche seligen kleinen Erinnerungen zu teilen. Schließlich geht das recht schnell, weil ich dafür nicht viele Fotos bearbeiten muss.

Der Nachmittag am Bach war einer der schönsten unserer Reise. Aber natürlich muss ich andererseits einwenden, dass unsere Reise sich beinahe aus lauter solchen herrlichen Momenten zusammensetzte.

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