Wenn Wölfe heulen in der Nacht… (im Wisentpark Springe, Deutschland)

Kaum haben wir den Tierpark betreten, dringt ihr steinerweichendes Geheul bereits an unsere Ohren. Die Wölfe sind am heutigen Tag die Stars, und wir haben fast den Eindruck, als verstünden sie das ganz gut.

Sich gut in Szene setzen, das können sie jedenfalls. Nantan, der Leitwolf der Timberwölfe, steht in seinem weitläufigen Gehege auf einem Baumstamm und streckt die Nase in den Himmel. „Auuuuuuu!“ verkündet er. Sofort ertönt eine Antwort von den europäischen Grauwölfen, die sich außer Sichtweite, einen kurzen Fußmarsch entfernt, ihr umzäuntes Revier mit zwei Braunbären teilen. Nantans Rudel stimmt mit ein, und jetzt legen auch die Polarwölfe los. Und die Kinder, die vorm Zaun stehen, die sowieso.

Free view without any bars from the top of the "bear bridge" in the animal park of Springe.
Free view without any bars from the top of the „bear bridge“ in the animal park of Springe.

Aber jetzt sind die Wölfe gar nicht dran. Auf dem Programm, das wir beim Eintrittzahlen an der Kasse bekommen haben, ist ab 15 Uhr eine Flugschau der Greifvögel angekündigt. Heute ist Wolfsabend im Wisentgehege Springe, aber das heißt nicht, dass die anderen Tierparkbewohner in Vergessenheit geraten.

Als wir den Falkenhof betreten, landet gerade ein majestätischer Weißkopfseeadler auf dem ausgestreckten Arm einer Falknerin. Ein Handschuh aus dickem Leder schützt sie vor den mächtigen Krallen. Hirschleder, erklärt sie – „Aber keine Sorge, der Hirsch kam nicht von hier.“ Wir hören allerlei Informatives über das Leben der Vögel und beobachten, wie der Adler elegant über die Köpfe der Menge gleitet – manchmal so knapp, dass einzelne Zuschauer sich ducken.

Und dann sind sie endlich an der Reihe, die Wölfe. Erstaunlich viele Menschen scharen sich um die Anlage. Matthias und Birgit Vogelsang gehen hinein und schalten ihre Mikros an. Nantan leckt dem Mann übers Gesicht und kuschelt sich dann an seine Frau. Die beiden menschlichen Rudelmitglieder akzeptiert der Leitwolf völlig, erzählt der Wolfsexperte, denn das Paar hat das ganze Rudel mit der Flasche aufgezogen. In der Rangfolge steht Matthias Vogelsang deshalb auch noch über dem „echten“ Wolf.

Es regnet, es ist matschig: Es ist Herbst. Als das ältere Pärchen in der ersten Reihe einen Regenschirm aufspannt – mit Wolfs-Print, versteht sich – steigen wir auf eine Holzbank, um trotzdem etwas sehen zu können, und hinterlassen matschige Fußabdrücke. Tja, na ja, heute will sich da bestimmt niemand draufsetzen, und bis morgen hat der Regen unsere Spuren wieder abgewaschen. Wolfsabende im Wisentgehege gibt es nur in der dunklen Jahreszeit. Erst in der Dämmerung nämlich werden die Tiere so richtig aktiv (und meine Fotos schlecht und schlechter, sorry dafür).

Howling - and looking a bit scary doing this.
Howling – and looking a bit scary doing this.

Eine gute halbe Stunde erzählen die Vogelsangs von ihrem Leben mit den Wölfen. Silas, der heute aus organisatorischen Gründen als Einzelkind fungiert, drängelt sich gegen Ende der Vorstellung aus der ersten Reihe zu uns durch. Unumwunden gibt er zu: „Ich fürchte, ich hab nicht so viel Durchhaltevermögen wie die Erwachsenen. Und außerdem hab ich Hunger.“ Okay. Den Rest der Wolfspräsentation bringen wir hinter uns, indem wir Großen die Ohren spitzen und Silas nebenan die Elche besichtigt. Dann schenken wir uns den nächsten Programmpunkt (eine Vorführung der „Hobbysportgruppe Stünkels Hundeschule“ – eh nicht so unser Ding) und erkunden stattdessen das „Café Wild“. Auf dem Weg dorthin halten wir Ausschau nach anderen Tieren, aber die meisten haben sich ob des Regens verkrochen. Auch mir schlagen Nässe und Ungemütlichkeit des Wetters aufs Gemüt. Entsprechend miesepetrig reagiere ich, als sich das versprochene Café als Kantine entpuppt, in dem der Vitamingehalt der Kindergerichte gegen null tendiert. Außerdem ist der Innenraum mit einer geschlossenen Gesellschaft belegt. Uns bleibt nur der Rückzug nach draußen unters Regenzelt, wo immerhin flauschige Decken auf den Stühlen liegen. Missmutig genehmige ich Silas Pommes. Dann steigt meine Laune schlagartig, als ich meinen heißen Wildeintopf mit Pfifferlingen löffele: Der ist nämlich richtig gut.

Um viertel nach sechs finden wir uns zur Fütterung auf der Bärenbrücke ein. Von hier oben sehen wir in das Gemeinschaftsgehege von Bär und Wolf, mit dem der Tierpark vor einigen Jahren ein Pilotprojekt gestartet hat. Wieder ist Matthias Vogelsang mit von der Partie und berichtet, wie das so läuft in der Raubtier-WG: ganz gut, vorbildlich eigentlich, weil so keinem der Tiere langweilig wird. Eine Mitarbeiterin wirft große Fleischstücke von der Brücke. Die beiden Bären kriegen zuerst, das ist schon mal klar. Die stehen ja auch schon seit zehn Minuten an der Mauer und betteln. Im Wolfsrudel geht es dann streng nach Rangfolge. Und auch hier wird wieder schaurig-schön geheult.

„Ich hab keine Lust mehr“, sagt Silas, der mit seinen sechs Jahren hier zu den jüngeren Kindern zählt. „Wann ist endlich der Fackelumzug?“ Den will er unbedingt noch mitmachen. Zur Fütterung der Waschbären ist er hingegen nicht zu bewegen. So werfen wir auf dem Weg zum Treffpunkt noch einen Blick auf die Wisente, mit denen hier vor 85 Jahren alles angefangen hat. Die Nachkommen der Gründungsväter sind mittlerweile wenig mehr als schwarze Schatten in der Dunkelheit. Na, umso besser für den Fackelumzug, der wenig später durch das Freigehege des Sikawilds zieht.

Tired Silas getting ready for the torch walk.
Tired Silas getting ready for the torch walk.

Dann gibt’s noch Eulen, die für kurze Zeit noch einmal Silas’ Lebensgeister wecken. Mitarbeiter des Falkenhofs tragen sie auf dem Arm und beantworten Fragen. „Wie viele Mäuse verbraucht so ein Uhu denn am Tag?“ will Silas wissen. Und lernt, dass Uhus eigentlich eher Kaninchen fangen: mehr dran für denselben Aufwand. „Aber wenn du das in Mäusen rechnen willst, dann wären das locker zehn, eher 20 pro Tag“, erklärt der junge Mann bereitwillig.

Nun gibt es nur noch einen Programmpunkt, das große Highlight: Die Präsentation der Polarwölfe, bei der zwei Freiwillige die Anlage betreten dürfen. Volljährig müssen sie sein, „alkoholfrei“, und Losglück müssen sie haben. Das wäre ja nun wirklich der Traum schlechthin! Es gibt wenig, über das ich mich so sehr freuen würde wie über eine hautnahe Begegnung mit einem leibhaftigen Wolf. Aber Silas’ Durchhaltevermögen ist endgültig erschöpft. „Ich will nach Hause“, sagt er in weinerlichem Tonfall. „Ich bin müde!“ Es ist dunkel, es ist kalt, es ist halb neun. Da stehen gut und gerne 80 Leute, die ebenfalls auf ihr Losglück hoffen. „Na gut“, sage ich schweren Herzens. Und so ist der Wolfsabend für uns zu Ende.

Fazit: Eine großartige, lehrreiche Veranstaltung! Für Familien mit kleinen Kindern ist es aber vielleicht doch entspannter, das Wisentgehege Springe tagsüber (und bei gutem Wetter) zu besuchen und sich den Wolfsabend für später aufzuheben.

Das Wisentgehege Springe ist täglich von 8.30 Uhr an geöffnet und schließt zur Dämmerungszeit bzw. im Sommer um 18 Uhr. Die Familienkarte kostet 30 Euro (lohnt sich nur für zwei Erwachsene mit mindestens zwei Kindern). Der nächste offene Wolfsabend ist für den 23. November 2013 geplant.

 

Freitags zeige ich euch spannende Ausflugsziele aus Schaumburg und der näheren (und weiteren) Umgebung. Es gibt so viel zu erkunden in aller Welt, aber auch bei uns zu Hause warten genügend kleine, große und völlig unterschätzte Sensationen darauf, entdeckt zu werden. Und vielleicht ist ja genau die richtige Idee für eure Wochenend-Planung dabei?

Ein Gedanke zu „Wenn Wölfe heulen in der Nacht… (im Wisentpark Springe, Deutschland)“

  1. Also mir würde das sehr gut gefallen. Wir fanden auch den Nationalpark Bayerischer Wald Klasse, dort gibt es neben Wölfen, Luchsen, Bären, Wildkatzen, Wildschweinen, Ottern und allerlei Gehörntem und Beflügeltem auch zwei tolle Dokuzentren und einen Baumwipfelpfad – sehr empfehlenswert. Allerdings dann vielleicht für Silas auch zu unspektakulär.
    Wobei ich die Fütterung der Wölfe schon ziemlich aufregend fand mit all dem Geknurre und Gefletsche. Also freiwillig würde ich dort auch nicht rein. ;-)

    Herzlich, Katja

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