Carcassonne: Mittelalter-Trip für junge Ritter

Strahlend schön wie aus dem Bilderbuch liegt sie vor uns: die mittelalterliche Stadt von Carcassonne. Aufgrund ihrer perfekten Silhouette und ihrer fast vollständig erhaltenen Gestalt ist die südfranzösische Kleinstadt ein beliebtes Reiseziel. Für Kinder mit Vorliebe für Ritter und Burgfräulein ist dieser Städtetrip ein Volltreffer.

Stadtbummel durch das Mittelalter

Wir haben Glück, denn wir haben in der Unterstadt direkt unter den Befestigungsanlagen eine tolle Couchsurfer-Familie gefunden, die uns für drei Tage beherbergt. So ist der Aufstieg zur Besichtigung zwar nicht minder steil, aber wenigstens kurz. Über das uralte Kopfsteinpflaster schleppen wir uns durch die Sommerhitze Richtung Tor. Wir überholen einen leeren Buggy, den irgendjemand entnervt auf halber Strecke zurückgelassen haben muss. Nein, kinderwagentauglich ist Carcassonne nicht. Kindertauglich aber schon.

Sicher ist sicher: Carcassonne hat gleich zwei Stadtmauern, zwischen denen man herrlich Spazieren gehen kann. Apropos Sicherheit: Nicht jede Gefahrenstelle ist abgesperrt - Kinder nicht allein laufen lassen!
Sicher ist sicher: Carcassonne hat gleich zwei Stadtmauern, zwischen denen man herrlich Spazieren gehen und feindliche Horden besiegen kann. Apropos Sicherheit: Nicht jede Gefahrenstelle ist abgesperrt – Kleine Ritter nicht allein laufen lassen!

Unser Plan ist es, an diesem Dienstagmorgen Ende Juni einfach ein bisschen durch die Gassen zu schlendern und die Cité zu erkunden. Leider sind wir nicht die einzigen mit diesem Vorhaben. Die herrlichen Fachwerkfassaden und das uralte Mauerwerk müssen wir mit vielen anderen Menschen teilen.

Wer ein Foto ohne andere Touristen will, muss lange warten...
Wer ein Foto ohne andere Touristen will, muss lange warten…

Trotzdem lohnt sich ein Bummel vorbei an den kleinen Gourmet-Lädchen und Boutiquen mit den eklatant hohen Preisen. Auch wer noch ein kitschiges Souvenir oder eine hölzerne Grundausstattung für den Jungritter benötigt, wird hier schnell fündig. Wir schlendern  hinüber zur Basilika St-Nazaire et St-Celse, die auf so merkwürdige Art und Weise die Stile der Romanik und Gotik vereint. Die Jungs sind fasziniert von den Wasserspeiern, die hoch über unseren Köpfen ihre dämonischen Fratzen aus dem Stein strecken.

Eine Schönheit ist die Basilika nicht, aber architektonisch interessant durchaus.
Eine Schönheit ist die Basilika nicht, aber architektonisch interessant durchaus.

Gegen elf Uhr wird es furchtbar voll. Reisegruppen und Individualtouristen aus aller Herren Länder schieben sich an den Schaufenstern der Geschäfte und Restaurants vorbei. Die Stadt ist immer noch wunderhübsch, aber sie ist überfüllt. Und teuer. So ist die Gastronomie dem Andrang durchaus gewachsen – aber wir lernen ganz schnell, dass die 12,50 Euro für einen Teller Nudeln mit Soße, die uns auf Korsika so erschreckt haben, hier eher ein Schnäppchen wären.

Da war es noch ziemlich leer in der Innenstadt. Später hatte ich keinen Nerv mehr zum Fotografieren...
Da war es noch ziemlich leer in der Innenstadt. Später hatte ich keinen Nerv mehr zum Fotografieren…

Als sich unser Mittagshunger meldet, schließen wir den Restaurantbesuch deshalb ganz schnell aus. Auch die Streetfood-Angebote sind leider erstens spärlich gesät und zweitens schweineteuer. Der einzige Bäcker, den wir innerhalb der Stadtmauern finden, bietet uns eine handtellergroße Quiche Lorraine für fünf Euro an. Als sparsame Geizkrägen, die wir sind, beschließen wir, unser Glück stattdessen in der Neustadt zu versuchen.

Die steinerne Brücke führt von der Cité zur Bastille, der Neustadt.
Die steinerne Brücke führt von der Cité zur Bastille, der Neustadt.

Die Bastide, die auf Befehl von König Louis IX. im 13. Jahrhundert auf der anderen Flussuferseite errichtet wurde, erreichen wir über eine hübsche steinerne Bogenbrücke. Dieser Teil der Stadt ist von seinem Erscheinungsbild her eigentlich nichts Besonderes. Aber in der Mitte des schachbrettartig angeordneten Straßengitters gelangen wir auf einen schönen großen Platz. Leider gibt es keine Bänke, auf denen wir unser inzwischen erworbenes Picknick verzehren könnten. So essen wir unsere Backwaren im Stehen (unter anderem eine Quiche Lorraine, doppelt so groß wie die altstädtische, für die wir 2,60 Euro bezahlt haben). Dann spielen die Jungs Verstecken mit Abschlagen auf dem großen Platz, und wir geben dem subtilen Druck der Gastronomen nach und gönnen uns in einem der zahlreichen Cafés rundherum einen Espresso Noisette (die französische Sparversion eines Mini-Cappuccino, der im Gegensatz zu seinem großen Bruder keine vier Euro kostet).

Auch die Bastide, die im 13. Jahrhundert errichtete "Neu"stadt, hat schöne Ecken.
Auch die Bastide, die im 13. Jahrhundert errichtete „Neu“stadt, hat schöne Ecken.

Unser Hitze-Tipp für Carcassonne

Die Temperaturen klettern im Süden Frankreichs auch im Frühsommer schnell in eine Höhe, die uns keine Lust auf eine weitere Stadtbesichtigung macht. Ohnehin haben uns unsere Couchsurfing-Gastgeber zu einem faulen Nachmittag am See eingeladen. Der Lac de la Cavayère wurde in unmittelbarer Entfernung zur Stadt – zehn Minuten Autofahrt entfernt – künstlich geschaffen, nachdem in den 80er Jahren Flächenbrände Überhand genommen hatten. Für die Bevölkerung von Carcassonne dient er in erster Linie als Naherholungsgebiet und Badesee. Zugang und Parken sind kostenlos. Es gibt einen abgetrennten Schwimmer- und Nichtschwimmerbereich, die im Sommer überwacht sind. Im mittleren Teil des Gewässers gibt es eintrittspflichtige Wasser-Vergnügungen, über die ich nichts sagen kann, weil wir sie nicht ausprobiert haben.

Carcassonne liegt nicht am Meer, aber der Lac de la Cavayère tut's auch.
Carcassonne liegt nicht am Meer, aber der Lac de la Cavayère tut’s auch.

Die perfekte Ritterburg

Am folgenden Tag knöpfen wir uns die Burg vor. Sie ist das Herzstück der mittelalterlichen Festungsstadt und diente vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit als Verteidigungsanlage. Die Geschichte des Gemäuers ist überaus interessant. Es juckt mich in den Fingern, sie hier auszubreiten, aber ich fürchte, schon die Erklärung der Ausgangslage würde zu viele Zeilen in Anspruch nehmen. Schweren Herzens beschränke ich mich also auf die praktische Info, dass sich der happige Eintritt lohnt und man auf den (noch teureren) Audioguide keinesfalls verzichten sollte. Der Gegenwert zeigt sich in einer perfekt erhaltenen mittelalterlichen Burganlage – die, wie man erfährt, gar nicht original erhalten, sondern im 19. Jahrhundert in einem sehr umfangreichen und ambitionierten Restaurierungsprojekt in ihren möglicht authentischen Ursprungszustand versetzt wurde. Der Architekt Eugène Viollet-le-Duc, zu dessen Lebenswerk die Restaurierung wurde, kommt als Erzähler des Audioguides zu Wort. Kinder sind frei, bekommen aber auch keinen Audioguide. Hält man sich das Gerät mit der Rückseite dicht ans Ohr, können ein Erwachsener und ein Kind ganz gut zusammen hören. Unsere Jungs (fast 11 und 8) fanden das Erzählte durchaus interessant (zum Beispiel den Fakt, dass das Herunterkippen von heißem Pech und Öl von den Burgzinnen ein Ammenmärchen ist, denn das war viel zu teuer. Gekippt wurden in Wirklichkeit bloß Steine).

Bilderbuch-Burg: Sogar der hölzerne Wehrgang ist rekonstruiert. Er wurde übrigens auch damals nur im Bedarfsfall drangezimmert, wenn ein Krieg drohte.
Bilderbuch-Burg: Sogar der hölzerne Wehrgang ist rekonstruiert. Er wurde übrigens auch damals nur im Bedarfsfall drangezimmert, wenn ein Krieg drohte.

Reif für die Insel: Spielplatz-Pause

Wer nach all dem Trubel eine Pause braucht, ist gut beraten, wenn er die historischen Stadtmauern wieder verlässt. Und zwar am besten durch die Porte d’Aude, das Stadttor zur Flussseite hin. Hier führt eine kleine, unscheinbare Steintreppe hinunter Richtung Park und zur Ile, der Insel im Fluss, die als solche nicht besonders gut zu erkennen ist. Aber hier ist viel Platz zum Toben, und einen kleinen Spielplatz gibt es auch (in der Altstadt nämlich nicht). Von hier aus führt ein kleiner Betonsteg über die Aude und in die Bastide. Erstmal laufen wir drüben aber durch einen weiteren hübschen Park und finden gleich einen zweiten, veilleicht noch schöneren Spielplatz, der allerdings eher auf Kleinkinder ausgerichtet ist.

Dieser Spielplatz befindet sich auf der Flusseite der Bastide, der Neustadt von Carcassonne.
Dieser Spielplatz befindet sich auf der Flusseite der Bastide, der Neustadt von Carcassonne.

Praktische Infos

Der Zugang in die Cité von Carcassonne erfolgt zu Fuß und ist kostenlos und rund um die Uhr möglich, aber nicht barrierefrei. Die Besichtigung der Burg kostet für Erwachsene 8,50 Euro ohne und 13 Euro mit Audioguide (ich empfehle wärmstens letzteres, sonst lohnt es sich meiner Meinung nach eher gar nicht). Zwei Erwachsene mit Audioguide zahlen „nur“ 23 Euro. Kinder bis 18 Jahre haben freien Eintritt. Öffnungszeiten: April bis September 10 bis 18.30 Uhr, den Rest des Jahres 9.30 bis 17 Uhr.

Übrigens: Auch die Reisebloggerin Antje Gerstenecker von mee(h)r-erleben.de war mit ihrer Familie in Carcassonne und hat darüber berichtet. Dort steht auch was über die Parkplatzsituation, mit der wir glücklicherweise als quasi Kurzzeit-Ortsansässige kein Problem hatten.

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3 Gedanken zu „Carcassonne: Mittelalter-Trip für junge Ritter“

  1. Hm … ich sitze gerade etwas über eine Stunde von Carcassonne auf der Terrasse und war mir bis gerade eben eigentlich sicher, dass ich mir das irgendwann diese Woche angucke.
    Jetzt zweifle ich etwas, weil ich nicht weiß, ob das unsere Begleitung mitmacht. Nach all dem, was du schreibst, kann ich dort wohl auch einen Bollerwagen vergessen.
    Aber gut, ich will da hin, dann warne ich die alle vor.
    Danke für den Bericht und liebe Grüße
    Marc

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