Wo uns ein echter Duke einen guten Abend wünschte (in Inveraray, Schottland)

Inveraray ist ein kleines Nest im Südwesten Schottlands. Warum sich ein Besuch lohnt, und was das mit meiner Lieblingsfernsehserie zu tun hat…

Unsere Unterkunft fällt eher unter den Begriff „Billig-Absteige“. Trotzdem sind wir froh, hier zu sein. Denn landschaftlich reizvoll ist die Gegend durchaus, wie gesagt, und auch geschichtlich sehr interessant. Lange Zeit ein simples Fischerdorf, stieg Inveraray im 15. Jahrhundert zum Hauptsitz des Campbell-Clans auf. Knapp 300 Jahre später war die Zeit der wilden Kriegszüge vorbei, und der Duke of Argyll entschied, dass er nun ein repräsentativeres Zuhause mit dem entsprechenden Landschaftspark bräuchte. Das dazugehörige Dorf musste im 18. Jahrhundert dem Reformwillen seines Grundherren weichen und wurde kurzerhand um ein paar hundert Meter verlegt. Natürlich wurde die Bevölkerung auch zu den landschaftsgärtnerischen Arbeiten im neuen herrschaftlichen Garten herangezogen. Beim Bau der Mauer um das totschicke neue Anwesen herum nutzte ein umgesiedelter Dorfbewohner die Gelegenheit, eine Pfanne und einen Kochtopf ins Gemäuer einzufügen. So markierte er seinen Nachkommen die Stelle, an der die Familie früher gesiedelt hatte – und noch heute ist das Kochgeschirr zu besichtigen, wenn man denn weiß, wo man suchen muss (wir finden die Stelle nicht, aber ehrlich gesagt bemühen wir uns auch nicht ernsthaft darum).

Inverary Castle looks pretty much like a fairy tale party cake, doesn't it?
Inveraray Castle looks pretty much like a fairy tale party cake, doesn’t it?

Inveraray Castle ist heute ein pittoresker Besuchermagnet. Meine Brieffreundin Linn-Marit sagt, dass sich die Besichtigung nicht wirklich lohnt. Da ein Familienticket umgerechnet 32 Euro kostet, sparen wir uns eine Überprüfung dieser Aussage. Stattdessen unternehmen wir einen netten Abendspaziergang durch den frei zugänglichen Park.

Lichens cover the trees and basically all wooden surfaces. Now we know why the bench in the hostel garden looks like it does...
Lichens cover the trees and basically all wooden surfaces. Now we know why the bench in the hostel garden looks like it does…

Wir treffen eine Dame aus dem Dorf, die ihre beiden Hunde ausführt und sich gern auf ein Schwätzchen mit uns einlässt. Ich habe Schwierigkeiten, ihren heftigen Dialekt zu verstehen. Sie lacht und sagt, das ginge selbst dem Großteil der Briten so. Sie zeigt uns den Weg zu der Schafkoppel und macht uns noch auf die Flechten aufmerksam, die unter den feuchten Umweltbedingungen hier an der Spitze des längsten schottischen Fjords Loch Fyne üppig an Ästen und Baumstämmen sprießen. „Bei den Floristen sehr beliebt“, erklärt sie. „Die kommen her und sammeln das hier, und im Blumenladen kostet das dann richtig Geld.“

Auf dem Rückweg überholt uns ein Landrover mit Angelrute auf dem Dach. Das muss der aktuelle Duke of Argyll sein. Wir sehen ihn aussteigen, und er und sein Gefährte strahlen in ihren Burberry-Wachsjacken und Tweed-Mützen eine derart britische Aristokratie aus, dass alle Klischee-Glocken zu schrillen beginnen. Er grüßt uns höflich und verschwindet dann hinter dem Gartentor mit der Aufschrift „privat“. Wie die meisten ihres Standes können die Campbells ihren opulenten Familiensitz heute nur noch halten, indem sie Besuchermassen das freiwillig hergetragene Geld abnehmen. Dafür arrangieren sie sich auch mit dem Umstand, dass zu jeder Tageszeit fremde Menschen durch ihren weitläufigen Garten lustwandeln. Eine weitere beliebte Einnahmequelle des Adels ist es,  ihr Haus für Filmaufnahmen zur Verfügung stellen. Wer Inveraray Castle preiswert von innen sehen möchte, kann deshalb zum Beispiel auch einfach die Weihnachtsfolge der dritten Staffel der britischen Erfolgsproduktion „Downton Abbey“ gucken (eine Serie, die ich ohnehin nicht nur Großbritannien-Fans wärmstens empfehlen kann!).

Evening view from the castle grounds towards Loch Fyne and the village street.
Evening view from the castle grounds towards Loch Fyne and the village street.

An touristischer Infrastruktur jedenfalls herrscht in Inveraray kein Mangel. Trotz all der Geschichte ist der Ort allerdings immer noch winzig. Bei einem ersten Spaziergang heute Nachmittag sind wir jede Straße des Dorfes abgegangen und waren nach einer Stunde fertig damit. Ich hab grad mal nachgeschlagen in der Mappe, die hier im Gemeinschaftsraum der Jugendherberge ausliegt: Obwohl es als örtliches Zentrum gilt, hat Inveraray gerade einmal 500 Einwohner.

Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 20. August 2013 verfasst.

5 Gedanken zu „Wo uns ein echter Duke einen guten Abend wünschte (in Inveraray, Schottland)“

  1. Danke, gerne! Wenn du noch etwas durchhältst, nehmen wir dich auch noch mit in die Highlands, durchs abenteuerliche Wales, und kommen irgendwann tatsächlich wieder im Süden und in der Nähe eurer Strecke raus! ;)

    1. Echt nicht? Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir auch an der Ruine von Kilchurn Castle den nächsten Tag britischen Landadel gesehen haben, oder mindestens gut als solche verkleidete Herrschaften. Aber da ich mir den Stammbaum nicht habe vorlegen lassen, kann ich das natürlich nicht beschwören. :) Dass wir wirklich den Duke gesehen haben, konnten wir anhand des Familienfotos im Castle-Flyer sehen. Überhaupt geben sich die Familien in ihren Stately Homes ja gern sehr offen und volksnah, hab ich den Eindruck. Also vielleicht einfach öfter mal durch ihre Vorgärten spazieren? ;)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.