Lübeck mit Kindern: Marzipan und mehr

Es ist kalt in Lübeck, und schon auf dem Weg vom Parkhaus bis zum Holstentor frieren meine kleinen Zehen ein. „Tja, so ist das im Norden“, sagt Philip Kroll vom Lübecker Stadtmarketing und strahlt, als er mir (Stichwort „Blogger Relations“) eine Tasche mit allerlei Info-Material überreicht. Er hat dafür gesorgt, dass wir die glamouröseste aller Hansestädte heute mit einer Stadtführung erleben dürfen. Eine normale Stadtführung mit Kindern? Wir wollen’s mal ausprobieren.

Lübeck mit Kindern, Holstentor
Eine klassische Stadtbesichtigung mit Kindern? Wir haben es ausprobiert.

 

 

 

 

 

 

 

Mit Dietmar durch Lübeck

Und schon geht es los. „Ich bin Dietmar“, stellt sich unser Stadtführer vor und geizt dabei nicht mit nordischem Slang. „Wenn ihr Fragen habt, dann haut einfach dazwischen!“

Aber dann erzählt er selbst so viel und so lebendig, dass eigentlich kaum Wünsche offen bleiben.

Wir starten am Holstentor, das mindestens so schief steht wie der berühmte Turm von Pisa. Das liegt am morastigen Untergrund, erfahren wir, und vor allem daran, dass die Wände des Tores auf der Außenseite drei Mal so dick sind wie auf der der Stadt zugewandten Seite.

„Klar“, flüstert Silas mir zu, „Wegen den Kanonen und so.“

Und er hat Recht!

Lübeck ist wie eine Schildkröte, sagt Dietmar: ein Inselhügel, der von der Trave umflossen wird.

Lübeck: reich, uneinnehmbar und gewichtig

Die einmalige Lage war es, die Lübeck rasch zur viel zitierten „Königin der Hanse“ werden ließ. Sie verbindet die deutschen Handelsstädte mit der Ostsee, Skandinavien und den baltischen Gebieten. Und sie erweist sich als uneinnehmbar durch die natürliche Befestigung.

Lübecks Handelsgut entstammte hauptsächlich den Salinen des benachbarten Lüneburgs. Mit Salz ließen sich unschätzbare Vermögen verdienen damals. So platzte die Stadt bald aus allen Nähten vor Wohlstand und nahm als oberste Gerichtsbarkeit eine Sonderrolle unter den Hansestädten ein, zu denen während ihrer Glanzzeiten fast 300 Hafen- und Binnenstädte in ganz Europa zählten.

Lübecks „Geheimgänge“

Wer im Wohlstand lebt, lockt Neider an, und sich vor den Toren außerhalb der Trave-Insel anzusiedeln, schien zu Hansezeiten keine gute Idee. Folglich stapelte man sich irgendwann, wie Dietmar anschaulich erzählt.

Die Innenhöfe wurden zugebaut, und in den Hinterhäusern lebten arme Witwen und Konsorten, die im Gegenzug für die Herrschaften im Vorderhaus zu beten hatten.

In regelmäßigen Abständen nämlich grassierten Pest und Cholera und sorgten dafür, dass die Einwohnerzahl von 25.000 bis in die Neuzeit nicht überschritten wurde.

Die Folge für das heutige Stadtbild sind die vielen abenteuerlichen Durchgänge, die in ein Gewirr von Gässlein und Hinterhöfen führen. Die Jungs sind begeistert von diesen „Geheimgängen“. Später erkunden wir noch eine ganze Reihe von denen auf eigene Faust.

Lübeck mit Kindern, Geheimgänge
Für die Erwachsenen heißt es Kopf einziehen, die Jungs laufen fröhlich so durch die „Geheimgänge“.

Geschichte und Geschichten im Lübecker Rathaus

Jetzt aber nimmt uns Dietmar erst einmal mit in das alte Rathaus. Äußerst nobel und schick ist es, wenn auch – wie in solchen Gebäuden üblich – ein wilder Mix an Stilen und Epochen.

Wir lernen, was es mit den glasierten Ziegeln auf sich hat: Der diente hauptsächlich zu Protz-Zwecken, denn für die Glasur war eine Menge Salz nötig, die zu verschwenden Lübeck sich leisten konnte.

Und wir hören nicht nur Geschichte, sondern auch Geschichten. Das ist es, was mir gute Stadtführungen so sympathisch macht: Man erfährt mehr als die schnöden Fakten aus dem Reiseführer, und zwar mundgerecht präsentiert.

Dass der Teufel persönlich beim Bau der Marienkirche mitgeholfen hat und was dabei passiert ist, kann ich zwar auch im Internet erfahren, aber wenn ich mich nicht akribisch auf den Städtetrip vorbereite, entgeht mir diese hübsche Sage ohne Dietmars Begleitung.

Stadtführung durch Lübeck mit Kindern

Im alten Sitzungssaal lassen sich die Jungs auf das geschichtsträchtige Ratsgestühl fallen.

„Ihr haltet aber gut durch“, lobt unser Stadtführer sie.

Außer unserem Sieben- und Neunjährigen laufen noch zwei wenig ältere Mädchen mit, die ebenfalls einen interessierten Eindruck machen.

Im Sommer gibt es extra Stadtführungen für Kinder, aber jetzt zur außersaisonalen Un-Zeit müssen sie mit durch das Erwachsenen-Programm.

Und danach: Kaffeetrinken im Café Niederegger

„Fandet ihr es denn trotzdem nett?“ frage ich meine Jungs, als wir wenig später im Café Niederegger sitzen.

„Klar“, antworten beide ohne Zögern.

Sie wollen die Formalitäten hinter sich bringen, denn an der Kuchentheke lockt eine schier unglaubliche Auswahl an Torten mit und ohne Marzipan. Niederegger ist ein Muss, hat uns auch Dietmar noch eingeschärft, bevor er uns wieder in die kalten Straßen entlassen hat. Das haben wir gerne als Ausrede benutzt, um gleich schräg gegenüber des Rathauses durch den Marzipan-Laden in den ersten Stock zu stürmen.

Die süße Masse, die mindestens ebenso untrennbar zu Lübeck gehört wie das Holstentor, ist auf der Speisekarte omnipräsent: Marzipan-Tee, Marzipan-Cappuccino, heiße Schokolade mit Marzipan-Aroma.

Letztere ist ganz schön süß, geben selbst meine Schleckermäulchen zu. Aber der Cappuccino ist großartig!

Und mit vereinten Kräften bewältigen wir sogar die dicken Tortenstücke, von denen wir die Mohrenkopftorte zum Favoriten wählen.

„Superlecker, aber mehr als ein Stück braucht man nicht“, antwortet Martin auf die Frage der Bedienung, ob es denn geschmeckt habe.

„Och“, sagt die schlanke junge Frau mit süffisantem Lächeln. „Ich schaff zwei.“

Jetzt wissen wir auch, warum sie uns bei der Auswahl so kompetent beraten konnte.

Café Niederegger is definitely one of the must-sees of Lübeck.
Café Niederegger ist einfach ein Muss für Leckermäuler.

Das Niederegger Marzipan-Museum

Das Marzipan-Abenteuer ist damit aber noch nicht zu Ende. Vom Café aus führt eine etwas versteckte Treppe hinauf in ein kleines, kostenloses Museum.

Der „Marzipan-Salon“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich ein Thema selbst auf kleinem Raum und mit wenigen Ausstellungsstücken hervorragend darstellen lässt. Zumindest dieses Thema.

Es ist etwas mühsam, den Basistext über die geografische Ausbreitung der Spezialität auf der mit Mandeln gefüllten Plexiglaswand zu entziffern – aber das ist auch schon mein einziger Kritikpunkt an der gründlichen kleinen Ausstellung.

Besonders fasziniert sind wir alle vier von der Versammlung lebensgroßer Marzipangestalten, die den Werdegang der Süßigkeit auf dem europäischen Kontinent darstellen. Da ist der Perser, in dessen Heimatland die Mixtur aus Mandeln, Honig (später Zucker) und Rosenwasser erfunden wurde. Eine Nonne steht für die Überlieferung der Rezeptur in Klöstern.

Der Apotheker und sein Mörser verkörpern die Herstellung der Masse, die als Kräftigungsmittel unter die Leute gebracht wurde. Bis ins 18. Jahrhundert besaß seine Zunft das Monopol, wie Kaiser Karl IV. (ebenfalls anwesend in der illustren Runde) gesetzlich bekräftigte. Luise Charlotte, Mutter des russischen Zaren, war ebenso versessen auf die damalige Trend-Nascherei wie der gesamte Hochadel, stach aber mit ihrer Unsitte hervor, sie sich allmorgendlich in den Kaffee zu stippen.

Johann Georg Niederegger, Namensgeber der heutigen Marke, nimmt das neben ihr mit stoischer Miene zur Kenntnis. Er war gar kein Lübecker, wie uns Dietmar schon auf der Stadtführung verraten hat, sondern „Ausländer“: Er stammte aus Ulm. 1806 übernahm er hier eine Konditorei und legte damit den Grundstein für den Firmenerfolg. Heute produziert Niederegger bis zu 30 Tonnen Marzipan pro Tag.

Lübeck is famous for its marzipan. A small museum above the Café Niederegger is dedicated to this topic, including live-sized historical figures made of almond-paste.
Familientreffen in Marzipan: Die illustre Gesellschaft eint ihre Verbindung zur Lübecker Süßigkeit.

Die Jungs bestaunen inzwischen die versammelten Wahrzeichen Lübecks, ebenfalls hergestellt aus der süßen Knetmasse.

„Geht lieber einen Schritt zurück!“ ermahne ich sie.

Keine Glasscheibe, kein Absperrband – ich sehe Silas schon als Naturkatastrophe in die bunte Miniatur-Szenerie poltern.

„Wollt ihr mal herkommen und probieren?“

Die Dame hinter der Theke der Schau-Konfiserie entschärft die Situation, indem sie den Kindern ein Schmankerl hinüberreicht. Sie zeigt, wie filigran sich mit dem Werkstoff Marzipan arbeiten lässt.

Die Berufswahl ist geklärt

Eine Broschüre wirbt für den Ausbildungsberuf der „Fachkraft für Süßwarentechnik-Konfekt“.

„Das will ich mal werden!“ beschließt Janis.

„Dann musst du aber nach Lübeck ziehen“, wende ich ein.

„Macht doch nichts“, sagt er. „Ist doch eine schöne Stadt.“

Silas sieht goldenen Zeiten entgegen: „Und wir kommen dich dann immer besuchen und essen, was du in der Zwischenzeit hergestellt hast.“

Gut, dann wäre das auch geklärt.

Lübeck mit Kindern
Und falls es regnet, kann man alle Lübecker Sehenswürdigkeiten auch im Museum besichtigen…

Unser Fazit: Lübeck mit Kindern

Zurück im Auto ziehen wir die Bilanz unserer Hansestadt-Stippvisite.

Am besten fanden die Jungs die Torte, das ist klar.

Aber wie war das denn nun mit der Stadtführung?

„Es war auf jeden Fall gut, dass wir die gemacht haben“, urteilt Janis. „Sonst hätten wir ja viel weniger über die Stadt gewusst.“

Silas ergänzt: „Sonst hätten wir nie erfahren, dass diese Kerben da an der Säule am Marktplatz von einem Pranger sind!“

Nee, weil wir sie nicht mal bemerkt hätten.

Von der überwältigenden Renaissance-Schnitzkunst an der Tür zum Gerichtssaal im Rathaus und von den typischen Grundrissen der Handelskontore sagen sie natürlich kein Wort. Gegen Spuren eines mittelalterlichen Schandpfahls können solche Lappalien bei Jungs im Grundschulalter wohl nicht mithalten.

Aber schön, dass auch dieses Detail mal gewürdigt wird, nehme ich an.

Praktische Infos für Lübeck mit Kindern

Termine und Zeiten für Lübecker Stadtführungen variieren je nach Saison; ganzjährig gibt es aber mindestens samstags und sonntags eine um 11 Uhr. Spezielle Kinder-Stadtführungen starten im Mai und Juni am ersten Samstag des Monats um 14 Uhr, im Juli und August an jedem Samstag zur selben Zeit (sofern mindestens vier Kinder zusammenkommen). Treffpunkt ist jeweils das Welcome Center am Holstentor.

Das Niederegger Café mit dem kostenlos zugänglichen Marzipan-Salon befindet sich in der Breiten Straße 89 (gegenüber vom Rathaus, wirklich nicht zu übersehen).

Transparenzhinweis: Die Stadtführung war für uns dank der Vermittlung von Lübeck und Travemünde Marketing kostenlos. Unsere Begeisterung ist trotzdem echt. :)

5 Gedanken zu „Lübeck mit Kindern: Marzipan und mehr“

  1. Ich liebe Lübeck! Die Stadt ist eine meiner deutschen Lieblingsstädte und leider war ich jetzt schon lange nicht mehr da. Mit deinem Bericht war es nun ein bißchen so, als wäre ich selber durch die schöne Stadt spaziert! Danke!

    1. Ja, ich finde Lübeck auch ganz bezaubernd. Wohin ich den Award „Lieblingsstadt“ verleihen müsste, kann ich gar nicht sagen. Da gäbe es viele Anwärter, z.B. auch Göttingen, Hameln, Rostock, Goslar, Osnabrück und Lüneburg (das sind die, die mir jetzt ganz spontan dazu einfallen). Aber ja, Lübeck spielt definitiv in derselben Liga.
      Freut mich, wenn ich ein paar schöne Erinnerungen wecken konnte. :)

  2. Lübeck fand ich bei einem Besuch auch wunderschön, leider zu Vor-KInder-Zeiten.
    Aber du hast mir richtig Lust gemacht, das auf die „must-see“-Liste zu setzen und auch mal wieder in den Norden zu fahren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.