Familienausflug nach Lemgo am Dreikönigstag

Lemgo: Familienausflug in die Hexenstadt

Den Dreikönigstag mit einem Familienausflug zu verbringen, ist für uns seit Jahren Tradition. Wohin es geht, weiß bei Tagesanbruch niemand mit Sicherheit, denn das Ziel bestimmt der König. Den König wiederum bestimmt die Mandel, die in einem der Muffins versteckt ist, die es zum Frühstück gibt. König Silas II. (dessen Findeglück ihm schon vor drei Jahren hold war) zog es diesmal nach Lemgo, um der Sache mit den Hexen auf den Grund zu gehen.

Natürlich ist einiges an elterlichem Manipulationsgeschick erforderlich, damit ein 10-jähriger Regent sich für einen Familienausflug in eine lippische Kleinstadt entscheidet. Ein mütterliches „Ich war da schon ewig nicht, dabei ist es so hübsch da“, wiegt wenig. Unsere Konstitution der innerfamiliären Regierungsgeschäfte habe ich im vergangenen Jahr lang und breit erklärt, als mir selbst die Ehre mit der Mandel zufiel und ein Ausflug zu den Externsteinen dabei herauskam. Deshalb erwähne ich die Liste mit den parlamentarisch abgesegneten Vorschlägen nur kurz, die wir auch diesmal zusammen anlegen, bevor die Muffins auf den Tisch kommen. Eine Menge Museen stehen diesmal drauf, zwei, drei Spaßbäder. Zu ausgedehnten Wandertouren lädt das Wetter nicht gerade ein. Was soll man auch machen, wenn man ausgerechnet zur unwirtlichsten Zeit des Jahres unbedingt einen Familienausflug unternehmen will? Und mehr als 50 Kilometer von der nächsten ernstzunehmenden Stadt entfernt wohnt.

Glück gehabt: Silas hat die Mandel in seinem Muffin gefunden, und das macht ihn heute zu König Silas II.

Ausflug in die Hexenstadt

Das Zauberwort, das König Silas‘ Entscheidung beeinflusst, lautet „Hexenbürgermeisterhaus“. Das klingt zugegebenermaßen ziemlich spannend, und in der Tat ist es das auch.

Lemgo ist eine alte Handelsstadt mit einer reichen Geschichte bis ins frühe Mittelalter. Aber das Thema, das wirklich zieht, ist die Hexenverfolgung. Die hat die kleine Stadt im Lipperland stärker getroffen als die meisten anderen Regionen Deutschlands und Europas. Dokumentiert ist die ganze Misere im Hexenbürgermeisterhaus, welches das Museum für Stadtgeschichte beherbergt.

Geografisch ist Lemgo in Ostwestfalen zu verorten. Bis Bielefeld ist es nicht weit, Detmold, Herford und Bad Pyrmont liegen in der Nähe. Heute hat die Stadt rund 41.000 Einwohner, die mit den gefürchteten LIP-Kennzeichen herumfahren.

Weserrennaissance in Lemgo
Reich verzierte Fassaden und viel Weserrenaissance: Lemgo war in der frühen Neuzeit eine reiche Handelsstadt, und das sieht man auch heute noch im Stadtbild.

Geocaching mitten in Lemgo

Bevor wir uns dem in den dunkelsten Farben schillernden Kapitel der Stadtgeschichte zuwenden, hat Silas aber andere Pläne. Ein weiterer Eintrag auf der Liste seiner möglichen Regierungsentscheidungen lautet Geocaching, und tatsächlich kann man das wunderbar mit einem Ausflug nach Lemgo verbinden. Ein kurzer Blick auf unsere App (wir nutzen die kostenlose Version von „CacheSense“) verrät uns, dass die Altstadt voll mit versteckten Mini-Schatzkisten ist. So verwandelt sich mein Handy blitzschnell in eine virtuelle Wünschelrute.

Geocaching, Familienausflug nach Lemgo
Wo, bitte, geht’s zum Schatz? Beim Geocaching zeigt das Handy die Richtung an.

Wir betreiben dieses Hobby immer nur so mittel-ernsthaft, so dass wir im Zweifelsfall den „karibischen Traum“ unberührt hoch über unseren Köpfen hängen lassen, und überhaupt läge unsere Finde-Quote ohne Janis wahrscheinlich bei unter 10 Prozent.

Ausflug nach Lemgo mit Kindern, Geocaching
Der „karibische Traum“ am Ostertorwall beschränkt sich für uns auf einen flüchtigen Blick in die Höhe – und dann Abmarsch, schließlich will man keine „Muggel“ auf die Fährte locken.

Da wir den Großen dabei haben, bergen wir aber wenigstens auf dem Waisenhausplatz ein in herrlich unschuldiger Offensichtlichkeit verborgenes Mikro-Schätzchen. Stolz tragen wir unseren Benutzernamen in das winzige zusammengerollte Logbuch ein, bevor wir die an belebten Plätzen selten einfache Aufgabe bewältigen, das Ding möglichst unauffällig wieder an seinen Platz zurückzustecken.

Die Bücherei in der Telefonzelle

Ein schöner Nebeneffekt bei der GPS-gestützten Schatzsuche in Innenstädten ist, dass Eltern sich in aller Ruhe die Stadt ansehen können, während die Kinder beschäftigt sind. Auf diese Weise bekomme ich alle hübschen Weserrenaissance-Fassaden zu sehen, die ich möchte.

Ausflug nach Lemgo mit Kindern, Marktplatz
Lemgo ist schon ziemlich hübsch. Bei meisem Wetter Anfang Januar kommt das freilich nicht so recht zur Geltung.

Am besten gefällt mir aber die Sehenswürdigkeit direkt auf besagtem Waisenhausplatz: eine ausrangierte englische Telefonzelle, die die Mitarbeiter der Lemgoer Stadtbibliothek zu einer Außenstelle umfunktioniert haben. Hier darf jeder selbstständig Bücher ausleihen und sie „innerhalb angemessener Zeit“ zurückbringen oder auch durch eigene Lektüre ersetzen. Das Vertrauensprinzip funktioniere ganz gut, erzählt mir der Mitarbeiter, der zufällig gerade nach dem rechten schaut, als unsere Jungs den kleinen Lesetempel stürmen wollen.

„Hat ein bisschen was von Harry Potter“, urteilt Silas entzückt.

Ausflug nach Lemgo mit Kindern, Bücherei in der Telefonzelle
Hinein in Lemgos Stadtbücherei! (Doch, es gibt die auch noch in größer.)

Jetzt aber: Hexenbürgermeisterhaus

Inzwischen sind wir angemessen durchgefroren und museumsreif. Also machen wir uns auf den Weg zum Stadtmuseum von Lemgo, das in besagtem Hexenbürgermeisterhaus untergebracht ist. Es liegt ein bisschen außerhalb in der Breiten Straße, vielleicht fünf Minuten Fußmarsch von der Hauptfußgängerzone in der Mittelstraße entfernt. Auf jeden Fall lohnt sich der Weg, allein schon für einen Blick auf die Fassade. Adam und Eva frohlocken unterm Apfelbaum, und oben unterm Dach thront der auferstandene Christus. Das Haus stammt aus dem Jahr 1571 und gilt als das schönste Bürgerhaus von Lemgo.

Lemgo mit Kindern, Hexenbürgermeisterhaus .
Schnappschuss mit sehr kalten Fingern: Die Fassade des Hexenbürgermeisterhauses in Lemgo.

Innen wird es noch interessanter. In der 2007 völlig neu gestalteten Dauerausstellung erfahren wir alles über die Lemgoer Stadtgeschichte – und natürlich endlich auch alles über die Hexen.

Dass es hier nicht um abenteuerlich-niedliche Geschichten a la Harry Potter geht, ist den Jungs von vornherein klar. Aber als wir uns die Leidenswege der Menschen vergegenwärtigen, die schon nach kleinsten Anschuldigungen erst auf der Streckbank und dann fast unweigerlich auf dem Scheiterhaufen landeten, verwandelt sich die Neugier auf ihren Gesichtern doch schnell in Betroffenheit. 272 Frauen und Männer sind in Lemgo während des Hexenwahns innerhalb weniger Jahrzehnte zum Tode verurteilt worden – bei nicht einmal 5000 Einwohnern eine stattliche Zahl. Nachdem die reiche Stadt durch den 30-jährigen Krieg und mehrere Pestwellen in der Folge einen wirtschaftlichen Niedergang erleben musste, machte sich eine Atmosphäre des Misstrauens und der Angst breit. Als dann der Rechtsgelehrte Hermann Cothmann 1666 erst Vorsitzender des Gerichts und dann auch noch Bürgermeister wurde, nahm das Unheil richtig seinen Lauf.

Cothmann lebte in besagtem Bürgerhaus, das er nach einigen Querelen von seinen Eltern übernommen hatte: Seinen Vater hatte wirtschaftlicher Ruin ereilt, nachdem die Mutter als Hexe hingerichtet worden war. Voll krass, wenn man mal darüber nachdenkt – einerseits, dass der Sohn einer „Hexe“ überhaupt Bürgermeister werden konnte, als wäre nichts gewesen, und andererseits, dass der dann zum erbittertsten Hexenverfolger der Stadtgeschichte wird. Unter seinen Opfern waren nicht nur (wie auch andernorts üblich) viele unbescholtene Frauen, sondern auch Amts- und Würdenträger wie der Pfarrer, der Apotheker und ein Lehrer (der unter der Folter 17 seiner Schüler belastete, was unweigerlich für weitere Tragödien sorgte).

Öffnungszeiten des Museums im Hexenbürgermeisterhaus: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr. Eintritt frei (auf Spendenbasis).

Schönes Café in Lemgo: Café Mia

Ich bin diejenige mit dem ernsthaften Hang zu Schokoladentorte in hübschen Cafés, aber als erfolgreiche Mutter habe ich diese Liebe offenbar bereits weitergegeben. „In ein schönes Café gehen“ ist deshalb ein weiterer ausdrücklicher Wunsch von König Silas.

Wir entscheiden uns für das Café Mia, weil es bei Google Places gute Bewertungen hat und außerdem auf dem Weg zurück zum Parkplatz liegt. Und die Entscheidung ist gut, denn der Kuchen ist hervorragend (vor allem die Schokoladen-Erdnuss-Torte!), die Inhaberin wirklich nett, und es gibt heiße weiße Schokolade (ein absolutes Café-Qualitätsmerkmal für unsere Jungs).

Cafe Mia, Breite Str. 63, Lemgo. Öffnungszeiten: täglich außer montags 9 bis 18 Uhr.

Café Mia, Lemgo Café-Tip
„Jetzt beeil dich mit dem Fotografieren, Mama! Ich hab Hunger!“

Statt Absacker: Eine Runde Bowling

Und so ist unser Dreikönigstag fast schon wieder vorbei. Aber einen Wunsch hat er noch, unser König des Tages. „Bowling“ haben wir mehr oder weniger aus Verzweiflung auf die Liste geschrieben, damit nicht nur Dinge drauf stehen, die in Wirklichkeit vor allem wir Erwachsenen machen wollen. Die Bowlingbahn vom „Ramba-Zamba“ in Luhden liegt auf dem Heimweg, und eine Runde dauert ja kaum eine Stunde. So schließt sich denn der Kreis zu Silas‘ erster Regentschaft, denn die hat er hier nebenan im Indoor-Spielplatz verbracht.

Wir haben Glück und dürfen spontan eine Bahn mieten (es ist allerdings die letzte, die noch frei ist; Vorbuchen ist also generell keine schlechte Idee). Dank der Kinder-Reling, die ein Verschwinden der Kugel in der „Gosse“ verhindert, ist Silas dann sogar so gut, dass er die familieninterne Meisterschaft gewinnt (Einäugiger unter Blinden und so). Entsprechend zufrieden ist der Herr mit seinem gewonnenen Ehrentag.

Bowling Ramba-Zamba Luhden
Bowling für Anfänger: Eine schnelle Runde auf dem Heimweg.

Mal sehen, ob wir nächstes Jahr mal ein wenig Abwechslung in die Ämtervergabe kriegen…

Ein Gedanke zu „Lemgo: Familienausflug in die Hexenstadt“

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