Obernkirchen: 7 gute Gründe für einen Ausflug

Nachdem wir lange genug überall in Europa herumgestrolcht sind, wird es Zeit, den Blick auch mal wieder auf das heimatliche Schaumburger Land zu richten. Das internationale Obernkirchener Bildhauer-Symposium IOBS diente uns als perfekter Anlass, in der Innenstadt nachzugucken, was im vergangenen Jahr ohne uns aus unserem Heimatort geworden ist. Und Donnerwetter, wir waren positiv überrascht! 7 gute Gründe, Obernkirchen zu besuchen.

#1: Kunst aus Obernkirchener Sandstein

Eigentlich wollten wir an diesem Wochenende ja bloß mal einen Blick auf die neuen Skulpturen werfen, die derzeit auf dem Kirchplatz entstehen. Alle drei Jahre nämlich wählt ein Gremium aus hunderten von Bewerbungen zehn Bildhauer aus, die dann zwei Wochen lang öffentlich Kunst schaffen. Grundlage ist dabei der Obernkirchener Sandstein, der wegen seiner extrem feinen Körnung und seiner Witterungsbeständigkeit bei bildenden Künstlern und Handwerkern besondere Beliebtheit genießt. Seit 1988 sind hier so viele Skulpturen entstanden, dass die kleine Stadt im Schaumburger Land ganz übersät damit ist (ein extra ausgewiesener Spaziergang klappert sie alle ab, in dem Beitrag „Auf dem Skulpturenweg“ habe ich schon einmal darüber geschrieben).

Tutani Mgabezi aus Zimbabwe ist einer der zehn Künstler, die sich dieses Jahr auf dem IOBS kreativ austoben dürfen.
Tutani Mgabezi aus Zimbabwe ist einer der zehn Künstler, die sich dieses Jahr auf dem IOBS kreativ austoben dürfen.

Gerade ist es wieder soweit mit dem Symposium, und es ist Halbzeit.  Als wir am Sonnabendnachmittag mit dem Rad auf dem Kirchplatz eintrudeln, werden uns jedoch sehr schnell zwei Dinge klar. 1. Auch Bildhauer machen mal Wochenende, gearbeitet wird „nur“ wochentags von 10 bis 18 Uhr. Und 2. lohnt sich der Ausflug am Wochenende trotzdem oder sogar gerade, denn um das Symposium herum haben sich jede Menge Veranstaltungen entwickelt. Vor dem Café im Trafohäuschen, das das Kulturfenster während Veranstaltungen auf dem Kirchplatz betreibt, betrachten wir den Aufsteller mit den Terminen und kommen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus: Ganz schön was los in unserem Städtchen.

Das IOBS dauert noch bis zum 6. September. Am kommenden Freitag, 4. September, lassen sich die Bildhauer in der „langen Nacht der Steine“ ab 19 Uhr bei Musik und Bratwurst über die Schulter schauen. Was sonst noch so abgeht, müsst ihr euch selbst angucken, denn das aufzulisten würde hier den Rahmen sprengen.

Vor dem Museum am Kirchplatz werden dieses Jahr Skizzen aller Kunstwerke in Stein gemeißelt, die während der aller bisherigen zehn Symposien entstanden sind. Und dazu gibt's noch Fotos von Strull-und-Schluke-Mitmachern (siehe unten).
Vor dem Museum am Kirchplatz werden dieses Jahr Skizzen aller Kunstwerke in Stein gemeißelt, die während der aller bisherigen zehn Symposien entstanden sind. Und dazu gibt’s noch Fotos von Strull-und-Schluke-Mitmachern (siehe unten).

# 2: Bergbau-Geschichte hautnah

Der Sandstein hat Obernkirchen einen gewissen Ruhm gebracht, aber geprägt hat die Stadt viel mehr der Bergbau. Ein eigentlich eher mickriges Kohleflöz zieht sich durch den Bückeberg und bis hinein in die Schaumburger Mulde. Schon im 14. Jahrhundert baute man hier nachweislich Kohle ab, und bis nach dem zweiten Weltkrieg war Obernkirchen eine Bergarbeiter-Stadt. Auf diese Spuren begeben wir uns mit Gerhard Radke. Der pensionierte Lehrer bietet nämlich eine kostenlose Führung zu diesem Thema an. Silas motzt ein bisschen, denn es ist heiß und der Weg geht mitunter steil bergauf. Aber Janis ist ganz Ohr. „Ich wusste überhaupt nicht, dass der Strull früher ein richtiges Bergarbeiter-Viertel war“, beschwert er sich bei mir. „Und dass hier unter den Straßen überall alte Stollen sind.“ Ja, bei aller Liebe zur europäischen Idee ist die Heimatgeschichte bei uns vielleicht ein bisschen kurz gekommen. Auch ich lerne noch viel Neues, und gemeinsam erkunden wir Pfade, die ich seit Jahrzehnten nicht mehr gelaufen bin, wenn überhaupt. Gerhard Radke zeigt uns das Wohnhaus von Karl Abel, der als Abgeordneter der KPD im preußischen Landtag saß, und den Saal der alten Gaststätte am Sülbecker Weg, den die Arbeiter nach Feierabend unter Missbilligung des Bürgertums zur Turnhalle ihres eigenen Sportvereins umfunktionierten. Und wir wandern an der „Kohlenkirche“ vorbei,  der alten Brikettfabrik, wo pensionierte Bergleute noch bis in die 1970er Jahre ihr vertraglich zugesichertes Kohlen-Kontingent abgeholt haben.

Am Freitag, 11. September bietet Gerhard Radke dieselbe Führung noch einmal an. Treffpunkt ist um 16.30 Uhr auf dem Marktplatz am Brunnen. Weitere Infos zum Thema gibt es im Obernkirchener Museum für Bergbau und Stadtgeschichte am Kirchplatz. Öffnungszeiten: Mittwoch und Sonntag von 15 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Der Eingang zum Liethstolln ist reichlich pompös geraten. Er gilt als einer der aufwändigsten im norddeutschen Raum.
Der Eingang zum Liethstolln ist reichlich pompös geraten. Er gilt als einer der aufwändigsten im norddeutschen Raum.

#3: Die Aussicht von der Liethhalle

Als wir bis zur Lieth gelaufen sind, muss sogar Silas zugeben, dass sich der Weg gelohnt hat. Vor uns breitet sich die norddeutsche Tiefebene aus, und wir haben den ganzen Ort gut im Blick. Die Liethhalle birgt für mich ganz persönliche Erinnerungen an meine Jungend, denn hier habe ich seinerzeit der Boyband Caught in the Act zugejubelt und mir bei den berüchtigten „School’s Out“-Partys Autogramme von Blümchen und Heath Hunter geholt (falls die noch irgendjemand kennt…). Dank Gerhard Radke erfahre ich vom geschichtlichen Hintergrund der ganz aus Holz gebauten Veranstaltungshalle: 1933 ließen sie die Nazis errichten, um mit den dazugehörigen groß aufgezogenen Bergmannsfesten die Arbeiter vergessen zu lassen, dass die Tage der Selbstverwaltung vorbei waren. Heute spielt der Platz noch eine Rolle bei den Schützenfesten und verschiedenen anderen Veranstaltungen.

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Ja, okay, das ist nicht ganz oben von der Lieth aus fotografiert, sondern am Golfplatz, aber hier sieht man nicht nur, dass man von oben weit gucken kann, sondern auch, dass die Sandstein-Skulpturen in Obernkirchen wirklich an jeder Ecke stehen.

#4 Der Mokka-Express [der leider schon wieder zu ist]

Nach unserer kleinen Bergwanderung haben wir uns ein Stück Kuchen verdient. Das gönnen wir uns in meinem neuen Lieblings-Café am Obernkirchener Bahnhof. Dort fährt nur noch die Museumseisenbahn, denn die Teilstrecke Rinteln-Stadthagen wurde nie an das reguläre Schienennetz angeschlossen. In dem Backsteinhaus, in dem früher die Fahrkarten verkauft wurden, serviert Annika Drammer heute ihre Kaffeespezialitäten. Sie ist gelernte Barista – eine Kaffeeexpertin also, die genau weiß, was sie da tut. Die Jungs lieben sie für die Sortenauswahl an heißer Schokolade, und backen kann sie auch, zum Beispiel guten, ehrlichen Apfelkuchen, wie früher bei Oma. Ihre Mutter betreibt übrigens in der Rintelner Straße ein herrliches kleines Stöbergeschäft, „Emmas Laden“. Die beiden sind vielen Schaumburgern noch aus dem „Haus Palmenburg“ in Bückeburg bekannt. Als ich hörte, dass Annika ein Café in Obernkirchen eröffnen will, hatte ich erst ein bisschen Sorge, denn eine kaufkräftige Metropole ist unser Heimatstädtchen ja nun nicht gerade. Aber die letzten Male hatte ich jetzt schon Schwierigkeiten, überhaupt einen Platz zu kriegen. Ein richtig schönes Café hat Obernkirchen bisher auch wirklich noch gefehlt.

Update: Leider hat es der Mokka Express trotz allem nicht geschafft und seit Oktober 2015 schon wieder dicht. Zu meinem größten Bedauern kann ich in Obernkirchen kein schönes Café als Alternative nennen.

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Ein klein bisschen kitschig, orientalisch angehaucht und vor allem sehr persönlich und gemütlich: Genau so mag ich Cafés, und ich bin überglücklich, dass wir jetzt den Mokka Express in Obernkirchen haben!

#5 Obernkirchener Stift

Das ehemalige Nonnenkloster ist die Keimzelle der Ortschaft, die Kaiser Friedrich Barbarossa 1181 zur Stadt erklärt hat (und die deshalb bis heute an diesem Titel festhält, selbst wenn das Verwaltungsrecht bei weniger als 10.000 Einwohnern eigentlich anderes vorsieht). Nach der Reformation wandelte sich einiges in Obernkirchen – hauptsächlich der Name der Einrichtung, in der weiterhin ledige Frauen aus gutem Haus ein Leben in Arbeit und Gebet verbrachten. Das Stift hat eine wahnsinnig spannende Geschichte, vor allem als Standort der Landfrauenschule im frühen 20. Jahrhundert, als hier zum Beispiel die spätere Königin von Griechenland ihre Ausbildung absolvierte. Noch heute leben hier einige Stiftsdamen unter der Leitung einer Äbtissin. Obernkirchener kennen den Gebäudekomplex mitten in der Stadt als Veranstaltungsort für klassische Konzerte – und als Ausstellungsraum während des Bildhauer-Symposiums. In diesem Zusammenhang schauen auch wir mal wieder vorbei (hier gibt es handlichere Werke der auf dem Kirchplatz tätigen Künstler zu sehen und zu kaufen). Und wir nehmen uns vor, bald mal wieder eine Führung mitzumachen, denn nur so gelangt man auch in den wunderschönen Garten und die Räume mit der prächtigen Deckengestaltung.

Die begleitende Ausstellung zum IOBS ist täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei. Führungen durch das Obernkirchener Stift gibt es von April bis einschließlich Oktober jeden Mittwoch und Samstag um 15.30 Uhr.

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Blick aus dem Kreuzgang in den Innenhof des Obernkirchener Stifts.

#6 Kino in der Stiftskirche

Während wir auf dem Kirchplatz herumstromern, fällt uns am Gerüst der Großbaustelle Stiftskirche ein Filmplakat auf. „Ach guck“, sage ich, „Da läuft ‚Jesus liebt mich‘ am Sonntagabend, den wollte ich doch schon im Kino sehen.“ Jeden letzten Sonntag im Monat gibt’s „Kirchenkino“, erfahren wir. Gezeigt werden Filme mit tieferem Sinn, wie besagte deutsche Tagik-Komödie. Im Inneren des Gotteshauses ist vor dem Altar eine große Leinwand aufgebaut. Die Kirchenbänke haben neue Polster bekommen, seit ich das letzte Mal hier war, und von der äußerlichen Baustellenatmosphäre ist im Inneren der Kirche keine Spur.

Das nächste Kirchenkino gibt es am Sonntag, 27. September um 18.30 Uhr. Welcher Film gezeigt wird, steht noch nicht fest. Der Eintritt ist frei. Wer sich einfach nur das Gebäude angucken möchte, hat dazu jeden Samstag und Sonntag in der Zeit von 15 bis 18 Uhr Gelegenheit, denn dann ist „offene Kirche“.

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Kirche mal anders: Neben Kanzel und Altar macht sich die große Leinwand gar nicht so schlecht.

#7 Strull-und-Schluke-Projekte

Wer über die enorme positive Entwicklung des gesellschaftlichen Lebens in Obernkirchen redet, der darf „Strull und Schluke“ nicht unerwähnt lassen. Das Projekt, nach zwei prominenten Straßen des Ortes benannt, hat Arne Boecker initiiert. Anfangs ging es hauptsächlich um das gleichnamige Blog, aber schon immer war es Arnes Plan, das große Potenzial unserer Heimatstadt zu zeigen und zu bündeln, um tolle Sachen auf die Beine zu stellen. Im vergangenen Jahr ist ein Mitmach-Projekt im besten Sinne daraus geworden, das natürlich auch rund um eine Veranstaltung wie das IOBS sichtbar wird. So übernehmen die „Mitmacher“ den Kirchplatz an einem Samstagabend nach Einbruch der Dunkelheit kurzerhand, um die halbfertigen Sandsteinskulpturen als Kulisse für eine eigene Fotoausstellung mit Taschenlampenführung zu nutzen. Weiteres aktuelles Projekt ist die Instandsetzung von Brockmanns Garten, einem alten Bürgergarten nicht weit von der Innenstadt entfernt, der auch besichtigt werden kann (Infos in der Tourist Information in der Langen Straße).

Ganz viele Texte über das Leben in Obernkirchen gibt es im Strull-und-Schluke-Blog, aktuelle Hinweise auf Projekte und Mitmach-Möglichkeiten werden auf der Facebook-Seite koordiniert.

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Kunst im Dunkeln: Strull-und-Schluke-Gründer Arne Boecker beleuchtet Bilder heimischer Fotografen, die sein Team zwischen den halbfertigen Sandsteinskulpturen in Szene gesetzt hat.

Wir haben jedenfalls nicht schlecht gestaunt, was in Obernkirchen alles so abgeht. Obwohl wir eigentlich „nur mal kurz gucken“ wollten, waren wir daraufhin ein ganzes Wochenende gut beschäftigt. Ich empfehle: Nachmachen! Für spannende Familienausflüge muss man überhaupt nicht weit fahren.

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Werdende Kunst: Leider hab ich mir nicht aufgeschrieben, wie Werk und Künstlerin heißen. Im Hintergrund ist das Trafo-Häuschen zu sehen, das während des IOBS als Café fungiert.

Transparenz-Hinweis: Für meine Texte übers Schaumburger Land bekomme ich ab sofort vom Schaumburger Land Tourismusmarketing e.V. etwas finanzielle Unterstützung. Als Anerkennung dafür, welch wertvollen Beitrag Blogger für die Tourismusförderung leisten können, finde ich das klasse. Den Regeln des Blogger-Kodex entsprechend bedeutet das für mich, dass ich diesen Post als WERBUNG kennzeichnen muss. Treue family4travel-Leser wissen, dass meine Meinung nicht käuflich ist, dass ich ohnehin eine glühende Lokalpatriotin bin und dass der Fakt, dass hier statt Sachleistungen eine kleine Geldsumme fließt, den Artikel nicht mehr und nicht weniger lesenswert macht als andere in diesem Blog. Die inhaltliche Gestaltung liegt zu 100 Prozent bei mir. Wer mehr zum Thema Käuflichkeit auf family4travel wissen will, sollte sich den Menü-Punkt „PR“ durchlesen.

9 Gedanken zu „Obernkirchen: 7 gute Gründe für einen Ausflug“

    1. Ja, das stimmt. Hier wird richtig viel ehrenamtlich gerissen. Vor ein paar Tagen habe ich beim Deutschunterricht für Flüchtlinge meine Hilfe angeboten – wurde dankend abgelehnt, sind schon mehr als genug Freiwillige im Einsatz. Auch im Museum gibt es ein ziemlich großes Team, hab ich jetzt erfahren. Find ich gut!

  1. Hallo, ich lebe in British Columbia, Canada (I’m a Canadian) und wundere mich ob es in diesem blog auch etwas ueber einer uralten Ruine in dieser Gegend gibt? „at Huehnerbach near Obernkirchen are the ruins of an old Saxon fortress…with circular ramparts…“ (wikipedia)
    Ich war in Obernkirchen mit meiner Familie in 1968 und habe ein Foto von einer „Mauer“ und wurde gerne wissen ob es diese Ruine ist.

    By the way, super blog!!!

    1. Liebe Barbara, es gibt die Alte Bückeburg in Obernkirchen am Hühnerbach, vermutlich der erste Stammsitz der Grafen von Schaumburg aus der Zeit der Christianisierung. Leider ist davon fast nichts mehr übrig. Ich habe als Kind gelernt, wo das ist, bin aber neulich dran vorbei gegangen und habe nichts gefunden. Es muss noch einige Bodenerhebungen geben (die circular ramparts), aber Mauern stehen gar nicht mehr. Ich schaue mir das Foto aber gerne einmal an und gucke, ob ich es wiedererkenne.
      Viele Grüße nach Kanada!

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