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Platz ist in der kleinsten hytte – Camping auf Norwegisch (in Gol, Norwegen)

Wir fahren die R7 entlang, eine der wenig befahrenen Hauptverbindungen von Bergen nach Oslo, den Hardangerfjord und die Hardangervidda haben wir bereits hinter uns gelassen. Bald geraten wir wieder unterhalb der Baumgrenze und in die norwegischen Wintersportgebiete. In Geilo halten wir kurz an, weil ich aufs Klo muss. Wir folgen der WC-Beschilderung am Straßenrand und landen dabei an der Jugendherberge, die mit einem Hütten- und Campingplatz kombiniert ist. Bei unserer Buchung zu Hause hatten wir zuerst diese Unterkunft im Auge. Aus irgendeinem Grund, an den ich mich nicht mehr erinnere, haben wir uns dann aber für Gol entschieden.

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Reisephilosophie-Quickie mit Joachim Ringelnatz

Bei uns gibt's heute Ringelnatz zum Samstagskaffee.
Bei uns gibt’s heute Ringelnatz zum Samstagskaffee.

Ich weiß keine Details darüber, wie Herr Ringelnatz auf unserem Esstisch gelandet ist. Der Tisch ist der Mittelpunkt unseres Hauses, das Gravitationszentrum. Alles, was uns etwas bedeutet, liegt dort früher oder später so rum. Die meisten Dinge – die Tageszeitung, Kinderbücher und immer wieder der Weltatlas – räume ich regelmäßig wieder weg. Ringelnatz durfte bleiben, weil er so schön rot ist und zu den Kerzen passt. Und ein bisschen auch zu uns, denn der Mann, der eigentlich Hans Gustav Bötticher hieß, ist leidenschaftlich gerne gereist. (Das war’s dann aber auch mit den Gemeinsamkeiten, denn gegen Ringelnatz sind wir hoffnungslos spießig. Er versuchte sich in mehr als 30 verschiedenen Berufen, war lange Seemann, kurz in einem Reisebüro angestellt. Später tourte er als Kabarettist durch Deutschland und Europa. Er ein ziemlicher Herumtreiber, und seine Biografie taugt nicht als Vorbild für eine Künstlerkarriere – oder irgendetwas sonst.)
Als Dichter zählt er jedenfalls zu meinen Lieblingen. Zum Thema Reisen hat Herr Ringelnatz ganze Gedichtbände geschrieben. Eins von 1927 heißt „Reisebriefe eines Artisten“, und darin enthalten ist dieses Gedicht mit dem Titel „Antwort an einen Kollegen“, das mir besonders gut gefällt:

Ob du Artist, ob du Franz Liszt,
Ein Christ, ein Mist, ein sonst was bist, –
Bezweifle es. Und dir zum Heil
Bezweifle auch das Gegenteil.

Was dir die Ideale nimmt,
Der Satz: daß nichts, was zutrifft, trifft,
(Ein Satz, der darum selbst nicht stimmt)
Ist nur für Überlegene Gift.

Doch hüte dich, an diesen Satz
Zu glauben, gar ihn zu betonen.
Freu dich an Hatz und Schmatz und Spatz,
An Unzucht oder Kaffeebohnen.

Doch sollte etwas in dir wohnen,
Bewirkend, daß du mich verstehst
Und lachst und dankbar weitergehst
Und dennoch etwas Bessres weißt,
Dann glaub ich, daß du richtig reist.

Joachim Ringelnatz

Reisen ist horizonterweiternd - aber nicht allerhellend. Der Sonnenuntergang von gestern Abend passt wunderbar zu Ringelnatz' Gedicht - und in die himmlische Sammlung der Raumfee.
Reisen ist horizonterweiternd – aber nicht allerhellend. Der Sonnenuntergang von gestern Abend passt wunderbar zu Ringelnatz‘ Gedicht – und in die himmlische Sammlung der Raumfee.

Ich hätte große Lust, die Verse wie damals im Deutschunterricht auseinanderzupflücken und eine vollendete Interpretation hinzulegen. Die Erkenntnis, dass niemand sich das durchlesen möchte, hält mich davon ab. :) So beschränke ich mich auf die Bemerkung, dass Ringelnatz’ Worte für mich unsere Erkenntnisse beim Erkunden anderer Länder und Kulturen widerspiegeln: Wir fahren los mit einem bestimmten Bild im Kopf, wie unser Reiseziel ist, wie die Menschen dort sind, wo wir selbst im Vergleich dazu stehen – und dann ist alles ganz anders – und doch wieder nicht, denn häufig liegen die Klischees und Vorurteile erschreckend nah an der Wirklichkeit – aber die Dinge auf einer immer viel zu kurzen Reise ganz zu ergründen, bleibt trotz bester Absichten aussichtslos. Das beste ist, die Widersprüche einfach anzunehmen, daraus zu lernen und zu genießen.

Nachhaltiges Reisen: Unser grünes Gewissen auf dem Prüfstand

„Wie wichtig ist euch das Thema Nachhaltigkeit auf Reisen?“ fragt Antje von Mee(h)r-erleben und hat zu dem Thema eine Blog-Parade ausgerufen. „Sehr wichtig“, sage ich. Aber wie ernst meinen wir das mit dem grünen Gewissen? Unsere ganz persönliche Art des Reisens auf den Prüfstand.

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Bergen: Familienausflug in die Regen-Stadt

Ein Stadtbummel durch die regenreichste Stadt Europas ist meistens nass, aber immer interessant. Die hölzerne Altstadt der Brygge, der Fischmarkt und Håkons Halle lohnen einen Besuch, und auch für Kinder gibt es viel zu entdecken und zu erkunden.

Nachdem wir den Vormittag bei wechselhaftem Wetter im höchst interessanten Freilichtmuseum Gamle Bergen verbracht hatten,  fuhren in die Innenstadt. Auf der kurzen Fahrt prasselte der Regen auf die Windschutzscheibe. Die Tiefgarage war in den nackten Fels gesprengt. Ein sehr merkwürdiges Gefühl, quasi in einer Höhle zu parken, die weiß angestrichen und mit ein paar Stahlbetonträgern ausgestattet ist. Wenn man sich vorstellt, wie viel Arbeit nötig war, um das Ding in Existenz zu bringen, verwundern auch die exorbitanten Parkgebühren nicht mehr.

Typischer Anblick: Nasse Gestalten blicken über den Hafen auf die Brygge. (Typical view: wet people in front of Bergen's Brygge panorama.)
Typischer Anblick: Nasse Gestalten blicken über den Hafen auf die Brygge. (Typical view: wet people in front of Bergen’s Brygge panorama.)

Als wir die Felsengrotte verließen, zeigte sich Bergen von seiner wirklich garstigen Seite. Es goss in Strömen und hörte für Stunden nicht wieder auf. Wir patschten durch die Pfützen, die sich auf dem Weg zum Hafen aneinander reihten, und bis wir den berühmten kleinen Fischmarkt erreicht hatten, waren wir trotz Regenjacken einmal mehr nass bis auf die Knochen. Der Markt war zum Glück halbwegs überdacht – überraschend provisorisch übrigens. Generell finde ich es sehr amüsant, wie die Bergener mit ihrem harten Witterungsschicksal umgehen. Einerseits ist es völlig normal für Menschen jedes Alters, Gummistiefel und Regenhose beim alltäglichen Einkaufsbummel zu tragen. Und andererseits tun sie dann wieder so, als wäre es vollkommen unvorhersehbar, dass es regnen könnte. Sie stellen Wäsche raus, und in mehreren Gärten habe ich unüberdachte Sitzecken gesehen.

Meerestiere aller Art gibt es auf dem Fischmarkt. (All kinds of seafood is available at the fish market.)
Meerestiere aller Art gibt es auf dem Fischmarkt. (All kinds of seafood is available at the fish market.)

Auf dem mit Sonnenschirmen und Plastikplanen gedeckten Fischmarkt aßen wir Fischbrötchen und bestaunten all die riesigen Krebsscheren und anderen Meerestiere, die zum Verkauf angeboten wurden. Ein Norweger mit offensichtlichem Migrationshintergund schwatzte uns in verdächtig perfektem Deutsch ein himmlisch schmeckendes Stück Wildlachs auf, kalt geräuchert, für umgerechnet 20 Euro, das wir dann später zum Abendbrot mit frischem Brot vertilgten.

Hinter der berühmten Häuserzeile beginnt ein hölzernes Labyrinth. (Bergen's Old Town is a wooden maze.)
Hinter der berühmten Häuserzeile beginnt ein hölzernes Labyrinth. (Bergen’s Old Town is a wooden maze.)

Im weiterhin strömenden Regen gingen wir weiter zur Brygge, Weltkulturerbe der Unesco und Bergens berühmteste Ansicht. Ein wirklich wunderschöner Ort voller Flair und Magie. Zunächst denkt man, es handele sich einfach nur um einen Straßenzug mit alten Holzhäusern. Zwischen diesen aber führen mehrere enge Gässlein entlang, treppauf, treppab, von einer urigen Boutique zur nächsten. Viele Künstler haben sich dort niedergelassen, auch stylische Cafés, und es gibt tausend Details zu bestaunen. Sehr, sehr hübsch. Im Moment werden die Gebäude aufwändig saniert (sehr rücksichtsvoll übrigens, ausschließlich mit Originalwerkzeug und altertümlichen Materialien und ohne störende Absperrungen). Unter einem Dach trockneten Leinwände, und wir nutzten die Gelegenheit zu einem trockenen Picknick.

Schnell die Kamera raus: ein bisschen blauer Himmel über der Bergen! (Bergen's Brygge in the sunshine!)
Schnell die Kamera raus: ein bisschen blauer Himmel über der Bergen! (Bergen’s Brygge in the sunshine!)

Dann hörte der Regen tatsächlich auf, und wir erkundeten die Brygge bis in die letzten Winkel. Die Jungs waren höchst fasziniert von einem Mineralienladen und von Trollfiguren, die manche Geschäfte als Kundenfänger aufgestellt hatten.

Wir spazierten weiter zur Håkons Halle, Norwegens größtem mittelalterlichen Gebäude. (Da es in Norwegen nur wenige große Dinge gibt, ist man hier mit Superlativen immer schnell bei der Hand.) Die Kinder tobten sich aus, während wir durch den Park schlenderten. Auf dem Rückweg kam dann tatsächlich die Sonne raus! Schon erstaunlich, wie glücklich einen so eine banale Tatsache machen kann, wenn man zwei Tage lang nur Regen und Nebel gesehen hat.

Håkons Halle, Norwegens größtes mittelalterliches Gebäude (um fair zu sein, es gehört auch noch ein Turm mit dazu, der es nicht aufs Bild geschafft hat). (Norway's biggest mediaeval building.)
Håkons Halle, Norwegens größtes mittelalterliches Gebäude (um fair zu sein, es gehört auch noch ein Turm mit dazu, der es nicht aufs Bild geschafft hat). (Norway’s biggest mediaeval building.)

(Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 1. September 2009 verfasst.)

Unterkunft: Das Montana Family and Youth Hostel (in Bergen, Norwegen)

Jugendherbergen im Familienurlaub sind auch in Norwegen vor allem eins: praktisch. Das Zimmer ist Privatbereich der Familie, den Rest der Einrichtung teilt man sich mit (meistens) netten Mitreisenden, nutzt die Gemeinschaftsküche, Waschmaschine und oft auch Spielmöglichkeiten. Wer sich mit seiner Familie ein paar Tage lang Bergen ansehen möchte, ist im Montana Family and Youth Hostel gut aufgehoben – wer skandinavische Ruhe und Abgeschiedenheit sucht, der natürlich nicht.

Wir sind angekommen in Bergen, der Regenstadt. In jedem Reiseführer fällt spätestens im dritten Satz Bergens ultimativer Titel: die regenreichste Stadt Europas. Sie brüstet sich mit 248 Regentagen im Jahr 2005. Ungewöhnlicherweise empfing uns nur Nieselregen, was uns nach dem fast durchgängigen Dauerregen der sechsstündigen Fahrt sehr falsch vorkam.

Zweckdienlich und vergleichsweise erschwinglich, wenn man mit der Familie in Bergen unterwegs ist: das Montana Hostel. (Absolutely okay for a family trip if you don't want to spend a fortune.)
Zweckdienlich und vergleichsweise erschwinglich, wenn man mit der Familie in Bergen unterwegs ist: das Montana Hostel. (Absolutely okay for a family trip if you don’t want to spend a fortune.)

Wir übernachten im Montana Vandrerhjem oberhalb der Stadt. Ein großer, sauberer, anonymer Kasten mit sterilen, geräumigen Zimmern. Wir kamen zur Abendbrotszeit, und die Gästeküche platze aus allen Nähten. Martin räumte das Auto aus, und ich beschäftigte zwei Kinder, die den ganzen Tag still im Auto gesessen hatten, indem ich mit ihnen mitten im internationalen Gewusel Eierkuchenteig anrührte.

Zwischendurch gab es einen lauten Knall, als der Topf der vier Koreaner explodierte. Die nahmen fast alle Kochplatten ein, um eine große Menge sperriger Meerestiere zuzubereiten, was sie mit pausenlosem, sehr aufgeregten Gesabbel taten. Ein älterer Italiener, der mich mit seinem süffisanten Grinsen allzu sehr an seinen Landesherren erinnerte, hatte plötzlich seine langen mafiösen Finger in unserer Klappkiste und unsere Nudeln in der Hand. Als ich ihn höflich mit der Tatsache konfrontierte, dass es sich um unsere Teigwaren handele, entschuldigte er sich wortreich in einem Schwall mit viel Italienisch und wenig Englisch, ließ die Nudeln jedoch nicht los. Stattdessen versprach er mir, morgen für Ersatz zu sorgen. Ich bezweifele, dass ich ihn oder irgendwelche Kompensationen je wiedersehen werde. Dafür hat mir eine Britin, die morgen abreist, ihre noch fast volle Packung Schwarztee geschenkt.

Und die Eierkuchen schmeckten trotz minimaler Küchenausstattung (und mit Schneebesen gerührt) recht gut. Die Kochplatten übrigens funktionieren nur, wenn man zehn Kronen einwirft, und Gläser gibt es überhaupt keine.

Nach dem Essen war es schon nach zehn, aber die Kinder mussten dringend noch mal raus. Also stiefelten wir durch den lauwarmen Nieselregen und unternahmen eine Nachtwanderung zu einem Aussichtspunkt, von wo aus wir über die regenblassen Lichter der Stadt sehen konnten.

Die Regenstadt von oben, ganz in der Nähe des Hostels. (Bergen seen from the viewpoint close to the hostel.)
Die Regenstadt von oben, ganz in der Nähe des Hostels (hier nicht um halb zehn am Abend fotografiert). (Bergen seen from the viewpoint close to the hostel.)

Am Morgen wurde die Regenstadt ihrem Ruf gerecht, denn er begann mit peitschendem Sturm und – Regen. Wir dagegen begannen den Tag mit einem sehr guten Frühstück, das im Preis der Jugendherberge enthalten ist. Heringshappen in drei verschiedenen Geschmacksrichtungen, typisch norwegischem brunost-„Karamellkäse“, Apfelsinenmarmelade, Müsli mit Dickmilch und allerlei gewöhnliches Frühstückszeug.

Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 1. September 2009 verfasst.

Das Montana Family ande Youth Hostel hat die Adresse Johan Blytts vei 30, 5096 Bergen. In der Hauptsaison (1. Mai bis 30. September 2014) kostet ein Familienzimmer (2 + 2 oder 3) umgerechnet rund 120 Euro (oder in der Spar-Version mit Gemeinschaftsbad auf dem Flur 108 Euro).

Sommer-Schnee, Götterhimmel und Bergsteigen im Sitzen (im Setesdal, Norwegen)

Die norwegischen Berge des Setesdals sind vielfach untertunnelt und mit jeder Menge Technik bestückt, um mit Wasserkraft Energie zu gewinnen. Ein netter Nebeneffekt: Es gibt Straßen, die hoch hinauf führen und auch Wanderfaulen und Wanderfreudigen mit zu kleinen Kindern einen Einblick ins Gebirge gestatten .

Da hoch? Okay. Aber mit dem Auto. (So up we went. By car.)
Da hoch? Okay. Aber mit dem Auto. (So up we went. By car.)

Nach unserer Wandertour am Byklestig haben wir noch einen Abstecher ins Gebirge gemacht. In Uschis Kartensatz hatten wir gesehen, dass es dort kilometerlange Sackgassen gibt. Wir passierten eine Schranke, neben der ein Schild verkündete, dass die unbefestigte Straße ab dem ersten Juli geöffnet sei. Bis dahin kann es offenbar vorkommen, dass Eis und Schnee die Durchfahrt beeinträchtigen.

Das Weiße da unten ist Wasser, in dem sich die Sonne spiegelt, die sich durch den Regen kämpft. Aber da ganz hinten, das ist schnee - im August. (Distant snow - in August!)
Das Weiße da unten ist Wasser, in dem sich die Sonne spiegelt, die sich durch den Regen kämpft. Aber da ganz hinten, das ist schnee – im August. (Distant snow – in August!)

Immer höher schraubten wir uns auf der Schotterpiste, bis auf 1200 Meter (Hovden liegt auf 700). Das Thermometer sank auf 5°C. Wenn ich daran denke, dass zu Hause noch richtiger Sommer ist – Ende August! Hier oben sahen wir tatsächlich einzelne Schneefelder. Silas schlief, deshalb konnten wir kein Wandern anberaumen. Die geteerten Straßen zwischen den Felsen hätten sich auch nur bedingt dazu geeignet. Gerne hätte ich einmal „August-Schnee“ berührt, aber die dreckigen Eisflecken waren leider nie direkt neben der Straße, sondern immer ein ganzes Stück entfernt. Also haben wir das große Kino einfach bloß aus dem Auto heraus genommen: umwerfendes Bergpanorama.

Kalt war's. (Cold.)
Kalt war’s. (Cold.)

Und dann haben wir sogar noch Bifrost gesichtet, die magische Brücke in den nordischen Götterhimmel. Ich habe Janis erzählt, dass die Vorfahren der Norweger glaubten, dass man über einen Regenbogen nach Asgard spazieren konnte – zumindest, wenn Heimdall den Weg nicht versperrte. Er wurde ganz aufgeregt und wollte immer mehr Geschichten hören. Aber näher an den Regenbogen heran wollte er auf keinen Fall. So mussten wir auf eine Exkursion zu den Asen dann doch verzichten.

So weit oben waren wir, dass wir Bifrost entdeckten (die Brücke nach Asgard zu den nordischen Göttern).
So weit oben waren wir, dass wir die Götterbrücke entdeckten. (We were so up high that we even spotted Bifrost, the entrance to the home of the Nordic gods.)

(Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 30. August 2009 verfasst.)

Zur „Unzeit“ in Deutschlands hohem Norden (auf Sylt)

Damals, in den guten alten Zeiten, als uns die Schulpflicht noch nicht in ihren Fängen hatte, haben wir mal drei Wochen auf der wunderschönen Insel Sylt verbracht. Zur „Unzeit“, Ende Februar, Anfang März, als das Wetter ziemlich mies und kalt war. Die Raumfee hat sich neulich mit einem Fotopost an unsere gemeinsame Zeit dort erinnert und hat dabei natürlich auch bei mir die Erinnerung geweckt. Ich habe nachgeschlagen in meinem Reisetagebuch, das ich damals noch ganz privat für mich verfasst habe. Ein paar Ausschnitte teile ich mit euch.  Lohnt sich das, Deutschlands Lieblingsinsel zu dieser Jahreszeit? Auf jeden Fall, hätte ich aus der Erinnerung heraus sofort gesagt. Ein Blick in mein altes Reisetagebuch klang aber doch differenzierter.  

Hübsche Ausblicke aufs Meer gibt es zu jeder Jahreszeit. (Sylt has beautiful spots any time of the year.)
Hübsche Ausblicke aufs Meer gibt es zu jeder Jahreszeit. (Sylt has beautiful spots any time of the year.)

Ich brauchte Zeit, um warm zu werden mit der nordischen Diva. Und ging anfangs ziemlich hart mit ihr ins Gericht.

„Plattes Land ist gar kein Ausdruck. Die Ostseeküste gefällt mir viel, viel besser, weil sie einfach abwechslungsreicher ist. Und hier dieser vielgelobte Wattweg gleich hinterm Haus, na ja, das ist ein asphaltierter Pattweg entlang an einer treibmüllverdreckten Wiese auf der einen und einem Streifen Steine auf der anderen Seite, gefolgt von entweder Wasser oder Wattschlick. Bisher hat Sylt keinen großartigen Eindruck auf mich gemacht. Aber so ganz viel habe ich auch noch gar nicht von der Insel gesehen, zugegebenermaßen.“

Der Wattweg von Keitum.
Der Wattweg von Keitum.

Auch ein gemeinsamer Ausflug mit Raumfee Katja und ihrem Sohn ins Aquarium überzeugte mich nicht so ganz.

„Hammerpreise, und dabei zählte Silas noch nicht mal. Nachdem wir absichtlich sehr getrödelt haben, waren wir nach zwei Stunden wieder draußen. Trotzdem war es schön. Riesige Rochen und kleine Haiarten, die in diesem Tunnelbecken über unsere Köpfe schwebten. Die Kinder waren angemessen fasziniert.“

Das Sylt-Aquarium befindet sich am Schützenplatz in Westerland und hat täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Inzwischen kostet die Familienkarte (2+2) 35,50 Euro; einzelne Erwachsene zahlen 13,50, Kinder ab 3 Jahren 10 Euro.

Das Aquarium sorgt für Faszination. (Fascinating aquarium.)
Das Aquarium sorgt für Faszination. (Fascinating aquarium.)

„Wir kommen gerade wieder vom Strand. Die Sonne schien, es war herrlich. Wir sind bis zur Sansibar runtergefahren. Dort haben sie einen wirklich schönen Spielplatz, mit Bobbycar-Rampe. Katja und ich haben im Strandkorb gesessen und uns einen Cappuccino für 4,50 € gegönnt, den der Wind binnen zwei Minuten zu kalter Suppe blies, und die kakaobepuderte Schaumkrone trug er auch davon, als ich in memoriam Rudi Carrells (das war doch der mit dem entsprechenden Sketch?) den ersten Schluck außerhalb des Windschattens nahm. Ein bisschen underdressed habe ich mich schon gefühlt, vor allem im Hinblick auf meine Kinder, die in ihren Discounter-Matschhosen ungerührt neben dem Nachwuchs der Primär-Klientel in weißen Marken-Mäntelchen spielte. So verließen wir das Schickimicki-Terrain und begaben uns ein paar Meter weiter über einen feudalen Holzsteg an den Strand, wo die Jungs begeistert buddelten, bis sie (nach sehr kurzer Zeit) nasse Füße hatten.“

Das berühmt-berüchtigte Restaurant Sansibar hat die Adresse Hörnumer Straße 80 im Ortsteil Rantum. Geöffnet ist täglich ab 10.30 Uhr. Wie viel der Cappuccino aktuell kostet, konnte ich leider nicht in Erfahrung bringen.

Zwei müde Mütter nach dem Genuss eines sehr exklusiven Cappuccinos in der Sansibar. (Two tired mums after a very exclusive cappuccino at Sylt's very exclusive café Sansibar.) Foto: Raumfee.
Zwei müde Mütter nach dem Genuss eines sehr exklusiven Cappuccinos in der Sansibar. (Two tired mums after a very exclusive cappuccino at Sylt’s very exclusive café Sansibar.) Foto: Raumfee.

„Westerland ist eigentlich eine recht hässliche Kleinstadt. Überall diese grottigen Legehennen-Hotelklötze, hässlich wie die Nacht. Auch die Gebäude, die die Geschäfte in der Fußgängerzone beherbergen, sind fast durchgängig Bausünden aus den 60ern und 70ern. Keitum ist um Klassen hübscher. Dafür verfügt Westerland über die „grünen Menschen“ auf dem Bahnhofsvorplatz. Wann immer Janis die zu Gesicht kriegt, bricht er in Begeisterungsstürme aus. “

Die "grünen Menschen" auf dem Bahnhofsvorplatz von Westerland waren bei unseren Jungs extrem beliebt. (Our boys loved the "green people" at the place in front of the station in Westerland.)
Die „grünen Menschen“ auf dem Bahnhofsvorplatz von Westerland waren bei unseren Jungs extrem beliebt. (Our boys loved the „green people“ at the place in front of the station in Westerland.)

„Ich dachte mir, wenn es eh so schifft, dass man nicht aussteigen kann, sollten wir nach Hörnum an die Südspitze fahren, die uns als extrem hässlich beschrieben worden war. Je weiter wir nach Süden kamen, desto weniger regnete es allerdings, und als wir im tatsächlich eher unansehnlichen Ortskern von Hörnum ankamen, kam wirklich und wahrhaftig die Sonne raus! Wir parkten zwischen Leuchtturm und Hafen, und ich konnte meine Jungs zu einem kleinen Spaziergang überreden. Es wehte kaum Wind. Eine kurze Strecke gingen wir am Strand und fanden eine Krebsschere. Dann waren wir am Hafen, wo gerade unter Getute ein Fischkutter einlief, was die Jungs faszinierte. Plötzlich rief Janis: „Guck mal, Mama! Eine Seerobbe!“ Und tatsächlich, aus dem fragwürdigen Tümpelwasser des Hafenbeckens sahen uns die großen Augen eines Seehunds entgegen. Später fanden wir heraus, dass „Willy“ die Hauptattraktion des Hörnumer Hafens und wohlbekannt ist, doch in dem Augenblick waren wir alle völlig gebannt von dieser unverhofften Begegnung. Ich könnte mich in den Hintern beißen, dass ich meine Kamera vergessen hatte!“

Ich hab nachgefragt: Willy gibt es noch! Hier gibt es ihn in einem handwerklich schlechten, aber dankenswert kurzen Video bei youtube zu sehen, das jemand anders gemacht hat.

„Nachmittags stürmten wir das Heimatmuseum. Um meinen Stresslevel von vornherein gering zu halten, stopfte ich Silas dazu in den Ergo-Carrier, in den er mit seinen gut zweieinhalb Jahren tatsächlich noch halbwegs reinpasste. (Für Uneingeweihte: Das ist so eine Art Rucksack, in dem Silas in der zweiten Hälfte seines ersten Lebensjahres praktisch gelebt hat.) Silas war hellauf begeistert von dieser Ehre – zum Glück – und spielte abwechselnd Baby und stellte erstaunlich intelligente Fragen zu den Exponaten. Nur in Ausnahmefällen versuchte er, nach diesen zu grapschen oder mit dem Fuß auf Glasvitrinen zu bollern. Mein Kulturkind machte erwartungsgemäß wenig bis keinen Ärger und stürzte sich auf die alten Dinge. Hochgradig entzückt waren die beiden, als es in der Abteilung für Frühgeschichte „Ritterschwerter“ zu sehen gab. Der Höhepunkt für Silas waren die Flaschen mit den Miniatur-Schiffen darin. Für Janis war es die Vorführung der alten Handarbeitsweisen. Eine gute Viertelstunde saß er neben einer der alten Damen und beobachtete sie beim Klöppeln. Das Spinnrad ließ er sich genauestens erklären, und als wir wenig später im Altfriesischen Haus (dank Kombi-Ticket) ein anderes sahen, erklärte er das Ganze noch einmal für seinen Bruder. Dieses zweite Museum ist ein Kapitänshaus im Originalzustand aus dem 18. Jahrhundert, was den Kindern noch besser gefiel als die leblosen Ausstellungsstücke im Heimatmuseum.“

Das Sylter Heimatmuseum befindet sich am Kliff 19 in Keitum und ist von November bis März mittwochs bis samstags von 12 bis 16 Uhr geöffnet, in der Saison dann wochentags von 10 bis 17 Uhr, am Wochenende ab 11 Uhr. Dieselben Öffnungszeiten gelten auch für das Altfriesische Haus nebenan (am Kliff 13). Der Eintritt ins Heimatmuseum kostet 5 Euro für Erwachsene, 2 für Kinder. Im Kombiticket mit dem Altfriesischen Haus (und Feuerwehrmuseum und Kampener Vogelkoje, die ab April auch wieder geöffnet sind) kostet das Vergnügen für die ganze Familie (2+2) 8,50 Euro.   

Das (einzige) Problem bei der family4travel/Raumfee-WG war die der unterschiedlichen Aufstehzeiten. Um unseren Reisegenossen ein wenig mehr Schlaf zu gönnen, haben wir die Insel mitunter zur frühen Morgenstunde genossen – auch eine interessante Erfahrung.

„Von sechs bis halb sieben steckte ich mich und die Kinder in Klamotten, letztere außerdem in Gummistiefel und Matschhosen. Währenddessen stieß ich Sch-Laute in Dauerschleife aus, so dass ich mir am Ende nicht ganz sicher war, ob ich mich versehentlich in eine Dampflok verwandelt hatte. Schließlich erreichten wir das Auto, wo ich den Lautstärkereglern meiner Jungs wieder ihr Normalmaß erlauben konnte. Ich kenne die maritimen Verhaltensmuster meiner Kinder mittlerweile gut genug um zu wissen, dass sie es keine eineinhalb Stunden am Meer aushalten. Sie hatten sich „den Spielplatzstrand“ gewünscht, welchen ich als den Samoa-Strandaufgang zu interpretieren beschloss. Kurzentschlossen hielt ich an einem Bäcker – auf einem Mieterparkplatz, morgens um halb sieben, für nicht ganz eine Minute, was mir noch beim Bezahlen meiner beiden Schokobrötchen den hämischen Kommentar eines älteren Herren einbrachte, ich könne mich darauf verlassen, gleich abgeschleppt zu werden. Die Schadenfreude dieses Mitmenschen wurde enttäuscht. Keine sekundenschnellen Abschleppkünstler preschten aus dem Hinterhalt, und wir brausten unbehelligt Richtung Samoa-Strand. Dort angekommen, holten wir uns in einem Strandkorb an der geschlossenen Strand-Sauna nasse Hintern (zumindest diejenige, die leichtsinnigerweise keine Matschhose trug) und verspeisten unsere Bäckerbeute. Anschließend holten sich die Jungs trotz Gummikleidung nasse Füße, indem sie in einem Sandpriel – bei Ebbe-Tiefstand – knietief ins Wasser wateten. Trotz der raschen Abwicklung dieses Standard-Strandprogramms war es bei Erreichen des Autos – jubel jubel – nach halb acht, so dass wir uns wieder in unsere Unterkunft zurückwagen konnten.“

(Die Einträge meines Reisetagebuchs stammen aus der Zeit vom 26. Februar bis 14. März 2009.)

Früh im Jahr sind die Strände menschenleer - zumindest morgens um halb sieben. (Empty beaches early in the year - at 6.30 a.m.)
Früh im Jahr sind die Strände menschenleer – zumindest morgens um halb sieben. (Empty beaches early in the year – at 6.30 a.m.)

Natürlich hat Sylt noch mehr zu bieten, auch im Winter oder Frühling. Teil 2 mit unseren Erlebnissen in List und Tinnum folgt.

Unabhängig davon, wohin die Reise in diesem Theater sonst gerade geht – dienstags ist Deutschland dran. An diesem Tag berichte ich von Kurztripps, Ausflügen und Urlaubsreisen in unserem eigenen Heimatland, entweder ganz aktuell oder rückblickend aus der jüngeren Vergangenheit.