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Trauerfeier unterwegs: Wenn ein geliebter Mensch zu Hause stirbt, und man ist weit weg

Was, wenn zu Hause etwas passiert, und man ist nicht da? Was, wenn ein lieber Mensch stirbt, während man hedonistisch durch die Weltgeschichte tingelt? Bei uns ist dieser Fall eingetreten. Und so sind wir damit umgegangen…

Wir wussten, dass es passieren würde. Als Tante Magret ihre niederschmetternde Diagnose erhielt, waren wir noch in der Planungsphase. Wir dachten: Vielleicht schafft sie es ja. Wer, wenn nicht sie, die immer so vor Leben sprühte. Sie war die rüstigste 74-Jährige, die ich kannte. Wir waren nicht blutsverwandt, aber die Jungs und ich kannten sie schon unser ganzes Leben lang, und im Herzen war sie uns genauso nah wie jede „ordnungsgemäße“ Oma. Wir dachten daran, unsere ganze Reise zu verschieben. Aber das hätte unsere gesamte langfristige Planung durcheinander gebracht. Es galt jetzt oder nie.

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Als wir weit entfernt von der Heimat die traurige Nachricht erhalten, scheint auch der Balaton Trauer zu tragen.

Dann zeigte uns das Land der begrenzten Möglichkeiten seine haarsträubende Visumspolitik, und aus der geplanten USA-Reise wurde unser Europa-Trip. Gleichzeitig wurde immer deutlicher, dass Tante Magret den Kampf gegen die tückische Krankheit verlieren würde. Wir dachten daran, wenigstens unsre Abreise zu verschieben. Aber es stirbt sich nicht auf Knopfdruck. Die ärztlichen Prognosen variierten. Martin hatte gekündigt, die Schulbefreiung galt, und ebenso unerbittlich wie Tante Magrets Lebenszeit lief auch die Zeit ab, unseren so lange gehegten Traum zu erfüllen.

Wenn wir in Europa bleiben, dachte ich, dann können wir wenigstens zur Beerdigung zurückkommen. An einem traurigen, traurigen Nachmittag verabschiedeten wir uns. Wir würden Postkarten schicken, versprachen wir mit Tränen in den Augen, reisten wir doch in die Gegenden, die auch bei ihr Erinnerungen an manchen lange vergangenen Urlaub weckten. Ihr Händedruck war noch ganz fest, und sie rang sich ein „Macht es gut!“ ab.

Einziger Trauergast außer uns...

Einziger Trauergast außer uns…

Wir schickten Ansichtskarten aus Österreich, vom Bleder See in Slowenien und von der kroatischen Adria. Meine Eltern hielten uns per E-Mail über ihren aktuellen Gesundheitszustand auf dem Laufenden. Am ungarischen Balaton schließlich erreichte uns die traurige Nachricht, dass es soweit war.

Wir waren vorbereitet. Ich hatte eine Grabkerze besorgt, die es im katholischen Ungarn zu dieser Jahreszeit in jedem Supermarkt zu kaufen gibt. In unserer Ferienwohnung gab es ein Schränkchen, das wir in einen Gedenkschrein verwandelten. Wir zündeten die Kerze an, setzten uns am Tisch zusammen und sprachen über den Tod. Dann schoben wir alle Pläne für den Tag beiseite und gingen in den Wald, um wilde Blumen zu pflücken. Die Mücken fraßen uns auf, aber das war uns egal. „Für Tante Magret lasse ich mich gerne von Mücken stechen, das ist es mir Wert“, sagte Janis.

Eine Kerze und Blumen - später kamen noch die Bilder der Jungs dazu.

Eine Kerze und Blumen – später kamen noch die Bilder der Jungs dazu.

Unsere Sträuße drapierten wir auf dem Schränkchen. Die Jungs malten Bilder von ihren schönsten Erinnerungen an die Tote. Wir schrieben Briefe an Onkel Willi, ihren Mann. Fünf Tage lang brannte die Kerze, wann immer wir zu Hause waren.

Wir hatten längst beschlossen, nicht nach Hause zu fahren. Martin rechnete mir vor, was es kosten würde. Und was hätte es gebracht? Onkel Willi hatte deutlich gemacht, dass er das keineswegs von uns erwartete. Als Religionswissenschaftlerin habe ich einen funktionalen Blick auf solche Dinge. Beerdigungen sind Rituale, die dem Einzelnen organisierte Gelegenheit zur Trauer bieten und darüber hinaus gesellschaftliche Funktionen erfüllen. Wir hatten nicht das Bedürfnis, einer Verwandtschaft, mit der wir nichts zu tun haben, unsere Verbundenheit mit der Toten zu beweisen. Und trauern, Abschied nehmen, loslassen, das konnten wir auch hier.

Am sechsten Tag, dem Morgen unserer Weiterreise nach Budapest, bereiteten wir unsere eigene alternative Trauerfeier vor. Martin und Silas bauten ein kleines Boot aus einer Obstschachtel, einem Korken und Zahnstochern, das sie mit wachsgetränktem Papier beluden. Wir setzten ein Teelicht hinein, pimpten es mit Zahnstochern, damit es schneller abbrennen würde. Ich bedeckte das Papier mit den Blüten unserer Blumensträuße. Janis malte ein Portrait von Tante Magret, das wir zwischen Kerze und Blumen befestigten.

Mit Blumen und einem Bild geschmückt, sieht man der Barke ihren profanen Ursprung gar nicht mehr an.

Mit Blumen und einem Bild geschmückt, sieht man der Barke ihren profanen Ursprung gar nicht mehr an.

Dank GoogleMaps fand Martin eine stille Bucht des Balaton außerhalb der Ortschaften. Ein Feldweg führte uns ans Ufer. Wir gingen langsam und schwiegen. Eine Ansage im Auto hatte gereicht, um den Jungs die Ernsthaftigkeit unseres Vorhabens zu vermitteln.

Im diesigen Morgenlicht dümpelten Ruderboote in der schilfgesäumten Bucht. Zwei Schwäne glitten neugierig auf uns zu, hielten aber einen pietätvollen Abstand ein. Wir traten ans Ufer. Martin entzündete die Barke. Wir hatten unsere Zweifel gehabt, ob sie vernünftig brennen würde, aber als Werk eines Diplomingenieurs tat sie uns ergeben den Gefallen. Während das brennende Boot über das trübe Wasser glitt, stimmten Janis und ich (die besseren Sänger der Familie) das Lied vom Sperber an. Eigentlich ist es ein Lied übers Lieben, Loslassen und Zurückkommen. Aber es passte zu Tante Magret, und die klagenden Töne vermittelten eine angemessene Stimmung.

Die stille, schilfgesäumte Bucht des Balaton ist ein guter Ort, um Abschied zu nehmen.

Die stille, schilfgesäumte Bucht des Balaton ist ein guter Ort, um Abschied zu nehmen.

 

Ritt voll stolzem Mut
Durch das weite Land
Einen Sperber gut
Auf behandschuhter Hand
Und ich seh’ dein Gefieder
So weiß wie der Schnee
Und das Auge so klar
Wie der ruhige See
Und ich seh’ dein Gefieder
So weiß wie der Schnee
Und das Auge so klar
Wie der ruhige See

 
Flieg, mein Sperber, fort
Lös dir Kappe und Band
Saßt so ruhig dort
Auf behandschuhter Hand
Und nun steigst du empor
In die wolkigen Höh’n
Bis mein Blick dich verlor
Kann dich nimmer erspäh’n
Und nun steigst du empor
In die wolkigen Höhn
Bis mein Blick dich verlor
Kann dich nimmer erspäh’n

 
Denk ich einst zurück
An das weite Land
Denk ich auch voll Glück
Der behandschuhten Hand
Und ich seh’ dein Gefieder
So weiß wie der Schnee
Und das Auge so klar
Wie der ruhige See
Und ich seh’ dein Gefieder
So weiß wie der Schnee
Und das Auge so klar
Wie der ruhige See

 

Beladen mit unseren Erinnerungen geht das brennende Boot auf eine symbolische letzte Reise.

Beladen mit unseren Erinnerungen geht das brennende Boot auf eine symbolische letzte Reise.

Nach der zweiten Strophe schlugen die Flammen über Tante Magrets Bild zusammen, und Janis begann zu schluchzen. Mit brüchiger Stimme sang ich noch die dritte Strophe (die ich mit wenigen Worten passend modifiziert hatte). Silas schmiegte sich an mich, und an seinem zuckenden Rücken merkte ich, dass auch er weinte. Das erleichterte mich, denn in all den Monaten, in denen wir von dem bevorstehenden Verlust wussten, hatten beide Jungs immer die Fassung bewahrt. Ich glaube, dass es richtig und wichtig ist, um einen geliebten Menschen zu weinen.

Das taten wir alle ein paar Minuten lang, während das kleine Schiff lichterloh brennend über die Wellen trieb. Es verfing sich im Schilf, und eine Zeitlang hatten wir Bedenken, dass wir die Zeremonie mit einem unwürdigen Löscheinsatz würden beenden müssen. Schließlich aber erlosch das Feuer, und das Wrack versank lanksam im Plattensee. Schweigend gingen wir zum Auto zurück.

Auf der Fahrt nach Budapest sprachen wir über Tante Magret, und ich erklärte den Jungs, was in den vergangenen Tagen mit ihrem Körper passiert war und wie Beerdigungen normalerweise ablaufen. Ich erzählte ihnen auch vom Beerdigungskaffeetrinken, und dass die Trauergäste bei dieser Gelegenheit langsam wieder vom Trauern zum Leben kommen. So teilten auch wir die schönen und lustigen Erinnerungen an Tante Magret, nicht bei Schaumburger Zuckerkuchen, sondern im Auto, aber trotzdem war es nett.

Doch, wir hatten eine schöne Zeremonie. Und ich glaube, Tante Magret hätte das auch gefallen.

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7 Wochen Langzeitreise – 7 Fragen an unsere Kinder

Seit ziemlich genau sieben Wochen sind wir nun auf der Reise. Wir haben bereits sieben fremde Länder erkundet: Süddeutschland (okay, das ist ein bisschen gemogelt, aber es war die erste Station unserer Reise  ;) ), Österreich, Slowenien, Italien, Kroatien, Ungarn, und jetzt den größten Teil Rumäniens. Für mich ist dieser Trip jetzt schon so ziemlich die beste Entscheidung meines Lebens. Was wir in diesen Wochen erkundet, erfahren und gelernt haben, ist unglaublich, und jeden Morgen bin ich froh und dankbar, dass wir losgefahren sind.

Aber wie ist das bei unseren Kindern? Als Mutter hat man doch bei allen Dingen grundsätzlich Bedenken, ob man seinen Job okay macht. Ob die Entscheidungen, die man für den Nachwuchs trifft, dessen Entwicklung positiv beeinflussen, und ob die Kinder zufrieden sind mit ihrem Leben. Umso dringender wird diese Frage, wenn man besagten Nachwuchs quer durch Europa schleppt. Wir haben deshalb ganz einfach mal auf der Rückbank nachgefragt, wie ihnen das Reisen bis jetzt so bekommt.

Achtung: Die Antworten sind unzensiert und vielleicht nicht ganz wunschgemäß, dienen dafür aber hoffentlich als authentische Entscheidungshilfe für jene, die sich eventuell auch gerade diese Mütter-Frage in Bezug auf Langzeitreisen stellen…

 

Frage 1: Das Reisen

Ich: Wir sind jetzt seit ziemlich genau sieben Wochen unterwegs. Wie gefällt euch das Reisen bis jetzt?“

Beide: „Gut!“

Janis: „Mir gefällt es, weil man neue Dinge sieht.

 

Frage 2: Das Couchsurfing

Ich: „Wie kommt ihr mit unserer Art des Reisens zurecht? Mit dem Couchsurfing?“

Silas: „Das Couchsurfing gefällt mir besser, als wenn wir in Jugendherbergen oder Hotels oder Ferienwohnungen übernachten. Das heißt, in den Hotels und so gefallen mir die Nächte besser, weil wir dann nicht im Schlafsack schlafen müssen, sondern eine richtige Decke haben. Aber die Tage gefallen mir beim Couchsurfing besser, vor allem, wenn es in der Familie dort Kinder gibt und die Lego haben. Denn damit wurde uns meistens erlaubt zu spielen. Oder besser gesagt, immer. Und es gefällt mir besser, weil man mehr mit anderen Leuten reden kann, und Englisch üben.

 

Frage 3: Die Reiseziele

Ich: „Wo hat es euch denn bis jetzt am besten gefallen?“

Silas: „In Kroatien. An der Adria. Die Umgebung war schön. Das Meer. Auch die Städte dort haben mir gefallen, Poreč zum Beispiel, aber vor allem die Adriaküste. Und unser Hotel dort hat mir gefallen, dass die einen Pool hatten.“

Janis: „Mir hat es in Ungarn am besten gefallen, weil wir da ins Schwimmbad gegangen sind und das Kinderbecken, in dem wir stehen konnten, ganz für uns hatten. Und es gab in diesem Thermalbad da dieses Warmwasserbecken, in dem man sich immer wieder aufwärmen konnte. Der Pool in Kroatien war nämlich schon ziemlich kalt…“

 

Frage 4: Schule unterwegs

Ich: „Wie kommt ihr mit der Schule unterwegs zurecht?“

Silas: „Ich finde das besser als die Schule zu Hause. Weil wir weniger Unterricht machen müssen, weil alles viel kürzer dauert, weil unsere Lehrerin und unser Lehrer nicht auf die ganze Klasse warten müssen, bis alle das verstanden haben, sondern nur auf einen einzigen Schüler, also mich.“

Janis: „Ja, das finde ich auch. Was Silas sagt. In der Schule verstehe ich manchmal was nicht, und bevor ich darüber nachdenken kann, geht der Unterricht schon weiter, und dann verstehe ich den Rest auch nicht. Wenn ich hier was nicht verstehe, dann wird mir das sofort näher erklärt, ohne dass andere Kinder warten müssen und sich langweilen.“

Ich: „Habt ihr das Gefühl, dass ihr hier genauso viel lernt wie zu Hause in der Schule?“

Silas: „Zu Hause in der Schule lerne ich nicht so viel wie jetzt auf der Reise.“

Janis: „Wir lernen halt ganz viel über manche Sachen, die in der Schule gar kein Thema sind. In Museen zum Beispiel, oder auch über Dracula in Transilvanien. Dafür können wir manche Sachen aber auch gar nicht lernen, zum Beispiel haben wir hier ja gar kein Eurhythmie oder Musikunterricht.“

 

Frage 5: Die negativen Seiten des Reisens

Ich: „Ist es euch denn auch schon mal zu viel geworden? Also, hattet ihr jetzt auch schon mal die Nase voll vom Reisen?“

Janis: „Nein.“

Silas: „Ja. Es ist halt nicht so leicht, seine Oma und seinen Opa so lange nicht zu sehen. Und ich vermisse auch alle meine Freunde, und einfach unser Haus. Und meine Kisten voll Playmobil.“

Ich: „Und du hast es noch nicht einen Moment lang bereut, dass wir auf dieser Reise sind, Janis?“

Janis: „Nö. Oder… doch, einen Moment lang manchmal schon. Manchmal denke ich mir, ach, wäre ich doch jetzt zu Hause und könnte runter zu Oma und Opa gehen und meine Asterix-Comics lesen.“

Ich: „Und du, Silas, wärst du unterm Strich lieber zu Hause oder lieber weiter auf Reisen?“

Silas: „In manchen Momenten wäre ich tatsächlich lieber zu Hause. Aber in anderen Momenten finde ich es besser zu reisen. Reisen ist schon auch schön.“

 

Frage 6: Die guten Seiten am Reisen

Ich: „Was findet ihr besonders toll am Reisen?“

Janis: „Über all diese anderen Länder was zu erfahren, und über andere Familien.“

Silas: „Wenn man sich mit anderen Leuten beschäftigt, lernt man ja auch viel mehr über die Länder, in denen die wohnen. Beim Couchsurfing lernen wir ja viele Leute kennen.“

Ich: „Mhm. Was für interessante Sachen habt ihr da denn schon erfahren?“

Silas: „Die Geschichten, die unsere Gastgeber von früher erzählt haben. Aus ihrer Kindheit, als hier noch der Sozialismus herrschte. Was Sandor gestern erzählt hat, zum Beispiel, dass er als Kind immer in der Schlange vorm Laden stehen musste, ohne zu wissen, was es überhaupt zu kaufen gab, und sein Bruder schnell zu den Lastwagenfahrern gerannt ist, um das herauszufinden. Und dann haben die ihn immer veräppelt, zum Beispiel, dass es Eselfleisch gibt oder so.“

 

Frage 7: Weitere Reisepläne

Ich: „Von den elf Monaten, die wir maximal reisen können, sind jetzt fast zwei Monate um. Habt ihr denn noch Lust, noch neun Monate weiterzureisen?“

Janis: „Ja!“

Silas: „Mal sehen. Neun Monate wahrscheinlich nicht. Aber sechs Monate bestimmt.“

 

Zum Vergleich: Hier ist das Interview mit unseren Jungs kurz vor Reiseantritt. :)

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Istrien-Urlaub: Menschenleeres Grenzland im Norden

Istrien ist eine beliebte Urlaubsregion und im Sommer voller Menschen. Wer ihnen entkommen will, findet Weite und Einsamkeit im Norden an der Grenze zu Slowenien. Siebter und letzter Teil unserer Serie „7 Dinge, die wir in der Nachsaison unternommen haben“.

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Malerische Ruinen mitten im Dorf (oder dem, was früher mal ein Dorf war).

Verfallende Dörfer…

Dass die ganze Region menschenleer ist, kommt dem von Seinesgleichen genervten Touristen entgegen, stellt aber für die paar doch noch hier verbliebenen Anwohner ein strukturelles Problem dar. Im oberen Bergland gibt es Dörfer, die heute teilweise in Trümmern liegen. Diese Ruinen sind keineswegs Zeugen des Balkankrieges (der hat in dieser Gegend glücklicherweise gar nicht gewütet). Grund für den Verfall ist einzig die Landflucht. Die jungen Leute haben keine Lust mehr, derart ab vom Schuss zu leben, wo es bis zum nächsten Lebensmittelgeschäft mindestens eine halbe Stunde dauert (selbst wenn man wie die Einheimischen hier mit todesverachtendem Tempo über die Bergstraßen heizt). Übrig bleiben die Alten, die in einigen Orten die letzten aufrechten Häuser zwischen lauter zusammengefallenen Gebäuden bewohnen.

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Ein bisschen Leben gibt es durchaus noch.

… und intakte Natur

Aber nicht nur der malerische Verfall ist sehenswert, sondern auch die Natur drumherum. Wir lassen unser Auto am Straßenrand stehen, erkunden einen der zahlreichen Feldwege und wandern ein Stündchen durch das Bergpanorama. Ein etwas mulmiges Gefühl haben wir schon, das Auto hier im Nirgendwo abzustellen, aber das bleibt völlig grundlos. Das Gelände ist leicht zu erlaufen, und trotzdem haben wir die Aussicht auf beeindruckende Berge. Wir picknicken auf einem der zahlreichen Kalksteinhäufchen und machen dort Bekanntschaft mit Gottesanbeterinnen und anderen Insekten, die die Aufmerksamkeit der Kinder fesseln.

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Wer genau hinguckt, kann hier viel entdecken – zum Beispiel Gottesanbeterinnen in rauhen Mengen.

So kommt man hin

Einfach mal auf die Karte gucken und dort hinfahren, wo nix ist. ;) Wir haben das Navi mit dem bezeichnenden Ortsnamen „Slum“ gefüttert und sind dann einfach durch die Gegend gekurvt.

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Pazin: Das Ethnografische Museum Istriens

In unserer Istrien-Serie „7 Dinge, die wir in der Nachsaison unternommen haben“ wird es heute kulturell: Es geht nach Pazin.

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Steht einfach so in der Gegend rum: Der Campanile von Pazin. Hier kann man parken.

Die kleine Stadt Pazin im Landesinneren ist das verwaltungstechnische Zentrum Istriens. Sie liegt ziemlich mittig auf der keilförmigen Halbinsel und ist von Porec aus in einer knappen Stunde zu erreichen. Zu Habsburger Zeiten lautete der Name folgerichtig Mittelburg. In touristischem Sinne sehenswert ist der Ort eher nicht. Während Porec, Rovinj und die anderen Küstenstädte aufs äußerste zurechtgeputzt sind, ist Pazin grau und die Fußgängerzone kurz. Das Eis kostet zwei Kuna weniger als in den Touristenorten, dafür schmeckt es schlichtweg überhaupt nicht.

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Wer Pazin mögen will, muss schon auf Shabby Chick stehen.

Einen Grund, Pazin zu besuchen – vielleicht auf dem Weg nach Pula, das wir aus Zeitmangel leider, leider auslassen mussten – gibt es aber dennoch: Hier befindet sich das Ethnografische Museum Istriens. Trotz Beschilderung ist es nicht ganz leicht zu finden. Wir haben am freistehenden Campanile im Zentrum geparkt (gratis) und haben uns dann zu Fuß durchgeschlagen (von der Fußgängerzone aus rechts rum und bergauf). Das Museum ist in der alten Burg untergebracht, die über einer eindrucksvollen Klippe thront. Ich habe gelesen, dass sie 120 Meter tief sein soll, war aber zu feige, das durch einen anständigen Blick nach unten zu überprüfen.

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Direkt neben der Burg geht es tief abwärts. Das Foto hätte noch spektakulärer sein können, aber diesen Anblick hätte ich als Fotograf nicht ertragen. :)

Zu sehen gibt es Werkstätten alter Handwerker (Wagner, Schmied, Böttcher), istrische Trachten und eine vollständig eingerichtete alte Küche. Im Turm sind jede Menge Waffen und Foltergeräte ausgestellt (aber Vorsicht, Geländer und Treppen sind nicht kindersicher, kleinere Kinder unbedingt an die Hand nehmen!). Highlight sind die traditionell bemalten Holzspielzeuge, die offenbar in der istrischen Kultur eine so große Rolle spielen, dass sie sogar als Weltkulturerbe bei der Unesco eingetragen sind.

Dieser "Schiebevogel" ist in den traditionellen Farben und Mustern bemalt und zählt als istrisches Holzspielzeug zum Weltkulturerbe. Aha.

Dieser “Schiebevogel” ist in den traditionellen Farben und Mustern bemalt und zählt als istrisches Holzspielzeug zum Weltkulturerbe. Aha.

Diese beiden Räume sind nach modernen museumspädagogischen Aspekten eingerichtet, vieles darf ausprobiert werden, und es gibt eine Kinderspielecke. Der Rest der Ausstellung ist noch recht traditionell gestaltet, aber durchgängig mit englischen Texten versehen.

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Das ethnografische Museum ist in der Burg von Pazin untergebracht.

Praktische Hinweise:

Das Museum hat die Adresse Trg Istarskog razvoda 1275. br. 1. Die Eintrittspreise betragen 25 Kuna für Erwachsene (ca. 3,25 Euro), 18 Kuna für Kinder (ca. 2,35 Euro). Die Öffnungszeiten sind etwas tückisch: dienstags bis donnerstags nur von 10 bis 15 Uhr, sonst bis 16 Uhr, dafür freitags erst ab 11 und montags ist – wie in den meisten Museen – geschlossen.

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Und noch ein bisschen mehr Shabby Chick Pazin-Style.

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Opatija: Die alte Perle, die um neuen Glanz kämpft

Obwohl Opatija nicht alt ist, blickt das opulente Seebad bereits auf eine bewegte Geschichte zurück. Es ist Teil 5 unser Istrien-Serie “7 Dinge, die wir in der Nachsaison unternommen haben“.

Eine gute Stunde lang fährt man von Poreç aus nach Opatija, das an der östlichen Küste Istriens an der Kvarner-Bucht liegt. Zumindest für jene, denen mondäne Badeorte mit Geschichte gefallen, lohnt sich der Ritt allemal.

Der Kurpark direkt am Meer macht Opatija besonders charmant.

Der Kurpark direkt am Meer macht Opatija besonders charmant.

Bis ins 19. Jahrhundert gab es an dieser Stelle nichts als eine kleine Abtei zu Ehren des Heiligen Jakobs. In unmittelbarer Nachbarschaft und nur rund 20 Kilometer von der großen Hafenstadt Rijeka ließ der zu Geld gekommene Geschäftsmann Iginio Scarpa 1844 seine Villa Angiolina errichten.

Die kleine Jakobs-Abtei ist immer noch da.

Die kleine Jakobs-Abtei ist immer noch da.

Die Luxusvilla diente als Ausgangspunkt für einen rasch gedeihenden Kurort. Die Reichen und Schönen des gesamten Habsburgerreichs gaben sich bald die Ehre. Im Gegensatz zu anderen Bädern waren in Opatija auch die neureichen Industriellen und ihre Familien vollkommen akzeptiert (ging doch diese Sommerfrische auf einen der ihren zurück). Man badete im Mittelmeer, genoss das milde Klima, wandelte in den üppigen Parkanlagen direkt am Wasser und wandte sich ansonsten all den typischen Annehmlichkeiten eines Badeortes zu. kroatien-istrien-opatija-promenade

Mit dem Untergang der Donaumonarchie sank auch der Stern Opatijas. Zu Sozialismus-Zeiten hatte das bourgeoise Seebad keinen Staat zu machen, und so richtig umwidmen für den jugoslawischen Arbeiter ließen sich die Prachtvillen auch nicht. Der verblichene Glanz erinnert mich an Heiligendamm. Erst ganz langsam blüht die Stadt als Urlaubsort für Besserverdienende und Luxusbereite wieder auf. Auch Familien bietet man hier heute wieder einiges, beispielsweise wurde extra ein kleines Stück flacher Sandstrand an der ansonsten felsigen Adriaküste angelegt. Der Bade“strand“ für Erwachsene befindet sich ebenfalls an der Uferpromenade mitten im Ort (selbstverständlich mit freiem Wi-fi).

Am "Kinderstrrand" gibt's sogar ein bisschen Sand.

Am “Kinderstrrand” gibt’s sogar ein bisschen Sand.

Sehenswert sind heute die Parkanlagen um die alte Abtei herum, direkt am Meer. Dazu gehört auch der „Gruß ans Meer“, die Skulptur einer Nymphe auf den Felsen im Wasser, das neue Wahrzeichen der Stadt. Ein Spaziergang an der Uferpromenade mit Blick auf die opulenten Hotels auf der einen, die Mittelmeerküste auf der anderen Seite macht durchaus etwas her. Viele der Restaurants sehen einladend aus, getestet haben wir sie ob des Preisniveaus und unserer Tagespläne aber nicht.

Eine "Fahrt mit der Barke" wussten schon die illustren Badegäste des 19. Jahrhunderts zu schätzen.

Eine “Fahrt mit der Barke” wussten schon die illustren Badegäste des 19. Jahrhunderts zu schätzen.

Zum Überblick – das sind unsere 7 Ausflugstipps in Istrien

  1. Poreç
  2. Bootsfahrt
  3. Rovinj
  4. Vrsar
  5. Opatija
  6. Museum in Pazin
  7. Nördliches Grenzland
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Vrsar: Kleines Fischerdorf unter Palmen

Vrsar ist klein, hat seinen Platz in unserer Istrien-Serie “7 Dinge, die wir in der Nachsaison unternommen haben” aber redlich verdient!

In Vrsar gibt es durchaus noch "echte" Fischerboote zu sehen.

In Vrsar gibt es durchaus noch “echte” Fischerboote zu sehen.

Der schmucke Ort gilt als altes Fischerdorf, und in der Tat geht es hier wesentlich weniger wuselig zu als in den großen Schwestern Poreç und Rovinj, zwischen denen Vrsar liegt. Vor allem Segler scheinen hier einzukehren, zumindest ist der kleine Hafen voll mit weißen Masten. Gerade eine Anfahrt von See her ist auch ausgesprochen hübsch, denn sie führt an mehreren grünen Inselchen vorbei.

Heute sind nur noch wenige Fischerboote, dafür umso mehr Segler im Vrzars Hafen zu sehen.

Heute sind nur noch wenige Fischerboote, dafür umso mehr Segler im Vrzars Hafen zu sehen.

Der Schriftsteller Giacomo Casanova, berühmt für seine amourösen Abenteuer, hat hier angeblich zwei Jahre seines Lebens verbracht – ein werbewirksamer Fakt, über den sich die Bewohner des nicht gerade leicht auszusprechenden Ortes immer noch freuen.

Wie Rovinj ist auch Vrsar auf einem Hügel erbaut, dessen höchster Punkt der freistehende Campanile ist. Die dazugehörige Kirche ist dem Heiligen Martin geweiht. Der Aufstieg ist steil, ist aber in zehn Minuten zu bewältigen und lohnt sich nicht nur wegen des Ausblicks:

Blick über die Dächer Vrsars auf den Hafen und die vorgelagerten Inselchen.

Blick über die Dächer Vrsars auf den Hafen und die vorgelagerten Inselchen.

Café-Tipp

Das Café L’Angelique befindet sich direkt gegenüber des Eingangsportals der Martinskirche. Die Tische verteilen sich über den Vorplatz der Kirche und die (so gut wie gar nicht befahrene) Straße. Weinspezialitäten werden hier ebenso serviert wie hausgebackene Torten und Bio-Kaffee.

Palmen säumen den Weg hinauf zum Campanile der Martinskirche.

Palmen säumen den Weg hinauf zum Campanile der Martinskirche.

Zum Überblick – das sind unsere 7 Ausflugstipps in Istrien

  1. Poreç
  2. Bootsfahrt
  3. Rovinj
  4. Vrsar
  5. Opatija
  6. Museum in Pazin
  7. Nördliches Grenzland
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Rovinj: Juwel der Westküste Istriens

 Rovinj hat in unserer Serie “7 Dinge, die wir in der Nachsaison unternommen haben” einen Ehrenplatz verdient!

Die kleine Stadt auf dem Hügel mutet eher italienisch als kroatisch an. Kein Wunder, noch heute sprechen mehr als 10 Prozent der Einwohner Italienisch als Muttersprache.

Dieses Arrangement hat mich sehr an ein ähnliches in Siena erinnert.

Dieses Arrangement hat mich sehr an ein ähnliches in Siena erinnert.

Touristisch ebenso gut erschlossen wie Poreç, wirkt der Ort mit seinen über die Straßen gespannten Wäscheleinen und verfallenden Palazzi irgendwie trotzdem authentischer.

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Höchster Punkt der Stadt ist die Basilika der Heiligen Euphemia. Die aus der Nähe des heutigen Istanbuls stammende frühchristliche Märtyrerin grüßt heute als wetterwendige Statue vom Kirchturm.

Die Aussicht vom Kirchplateau ist herrlich.

Die Aussicht vom Kirchplateau ist herrlich.

Man warf sie den wilden Löwen zum Fraß vor, doch die gottesfürchtigen Tiere verschmähten sie, so heißt es, und man musste mit verlässlicheren Methoden nachhelfen. Ihr zur Reliquie erklärter Leichnam kam in Kriegszeiten in Byzanz abhanden, wurde wenige Jahre später aber zufällig an den Strand von Rovinj gespült – was für ein Wunder!

Und wieder abwärts...

Und wieder abwärts…

Der venezianische Einfluss ist immer noch in Form des Markuslöwens zu bemerken, der auf mehren Bildnissen und Torbögen prangt. Dabei gilt: Hält das Tier eine Pfote segnend erhoben und zeigt eine offene Bibel, stammt das Bildnis aus Friedenszeiten. Sonst nämlich hält der Löwe das Buch verschlossen und trägt ein Schwert.

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Suchbild: WO ist der Markuslöwe?

Eis-Tipp

Richtig, richtig gutes Eis gibt es im Chocolat (Adresse: Carera 65). Die Kugel kostet 7 Kuna statt der sonst üblichen 5 (bei einem Wechselkurs von rund 7 Kuna pro Euro), aber der Mehrpreis ist dermaßen gerechtfertigt! In einem kleinen, kühlen Innenhof entkommen wir dem touristischen Trubel der Altstadt, für kleine Kinder gibt es extra Tische und Stühle, und auch der Cappuccino ist perfekt.

Da braucht man das Eis gar nicht sehen, der Wettbewerb, wer das meiste wovon kriegt, zeigt die geschmackliche Qualität eindrucksvoll genug.

Da braucht man das Eis gar nicht sehen, der Wettbewerb, wer das meiste wovon kriegt, zeigt die geschmackliche Qualität eindrucksvoll genug.

 

Zum Überblick – das sind unsere 7 Ausflugstipps in Istrien

  1. Poreç
  2. Bootsfahrt
  3. Rovinj
  4. Vrsar
  5. Opatija
  6. Museum in Pazin
  7. Nördliches Grenzland

Abenteuer Familien-Reisen

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