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Srpska: Ahnungslose Reise durch ein merkwürdiges Land

Dieser Blogpost ist quasi die Fortsetzung unserer Geschichte aus Belgrad. Für ein runderes Bild unseres Balkan-Trips möchte ich auf unsere tollen Erfahrungen in Sarajevo verweisen, und auf die Herzlichkeit, mit der uns trotz Sprachbarriere unsere Vermieter in Vršac empfangen haben. Aber diese Texte muss ich erst noch schreiben, und schwärmen kann ich auch später noch. Zunächst brennen mir Erlebnisse wie dieses unter den Nägeln.

Wir sind in Bosnien-Herzigowina. Wie wir erst hier lernen, besteht das Land aus ganz verschiedenen Teilen. Während Sarajevo und die umliegende Region hauptsächlich von muslimischen Bosniaken bewohnt werden, ist der nordwestliche Teil des Landes serbisch dominiert. Wo genau die Grenzen verlaufen, bleibt für den nur mäßig informierten Reisenden völlig unklar. Die Zahl der Minarette auf der Durchreise gibt einen ungefähren Hinweis, ebenso die sich immer wieder abwechselnden Flaggen – hier blau-gelb, dort blau-weiß-rot, und mancherorts ändert sich das von Dorf zu Dorf.

Der serbische Teil des Landes nennt sich Republik Srpska und besitzt den Status einer eigenständigen Entität innerhalb dieses merkwürdigen Vielvölkerstaats. Wir verbringen ein paar herrliche Tage in Sarajevo – Blogbeitrag folgt hoffentlich bald – und machen auf dem Weg Richtung Kroatien noch einmal in Banja Luka Station. Das ist die Hauptstadt von Srpska (zumindest verwaltungstechnisch, denn laut Verfassung beansprucht die Teilrepublik auch Sarajevo für sich). Vor dem Krieg waren nach eigenen Angaben 93 Prozent der Einwohner serbisch. Heute sollen es nahezu 100 sein.

Und wieder werden wir nicht warm mit dieser Stadt. Banja Luka liegt in einem Talkessel. Geheizt wird viel mit Feuerholz, und was sonst alles noch im Ofen landet, möchte ich gar nicht wissen. Jedenfalls liegt eine fiese Dunstglocke über dem Wohngebiet, als wir unser Apartment beziehen. Die Wohnung ist sauber und adrett. Sie gehört einem jungen Mann, dessen Akzent deutlich verrät, dass er in Österreich aufgewachsen ist. Es wäre sicher spannend, seine Lebensgeschichte zu erfahren, aber unsere Fragen zur Wohnung beantwortet er knapp und steht schon wieder im Hausflur, bevor wir auch nur daran denken können, persönlich zu werden. Unseren Bemühungen, Couchsurfer zu finden, ist wieder kein Erfolg beschieden. Und so bleibt uns nichts übrig, als auch diese Stadt nur als Außenseiter wahrzunehmen. Unvorbereitet, wie wir sind, können wir uns auf viele Eigenheiten keinen Reim machen. Warum sind so viele Häuser hier – und auch in anderen Teilen des Landes – unverputzt? Warum dürfen die fliegenden Händler im Park ungestraft T-Shirts mit den Konterfeis verurteilter Kriegsverbrecher verkaufen? Wie ist die Stimmung hier, 20 Jahre nach Ende der Kriegshandlungen?

Die Fußgängerzone von Banja Luka erinnert uns sogar ein klein bisschen an zu Hause.

Die Fußgängerzone von Banja Luka erinnert uns sogar ein klein bisschen an zu Hause.

16 Moscheen gab es in Banja Luka, die während des Krieges zerstört wurden. Von den knapp 200.000 Einwohnern bekennen sich heute nur noch weniger als 10.000 zum muslimischen Glauben. Trotzdem wird die Ferhadija-Moschee im Stadtzentrum gerade wieder aufgebaut. Bei der Grundsteinlegung vor mehr als zehn Jahren kam es zu einem Aufstand. Heute ist die Moschee auf den Straßenschildern bereits als kulturelle Sehenswürdigkeit ausgewiesen – immerhin. Die orthodoxe Christ-Erlöser-Kirche hat im Krieg ebenfalls schwere Schäden erlitten – allerdings schon im Zweiten Weltkrieg. Mit ihrem Wiederaufbau wurde 1993 noch während des Bosnienkrieges begonnen. Ihre goldenen Kuppeln erstrahlen seit 2004 wieder im Zentrum der Stadt.

Die serbisch-orthodoxe Christ-Erlöser-Kirche von Banja Luka ist laut Reiseführer die einzige auf dem Balkan mit goldenen Kuppeln.

Die serbisch-orthodoxe Christ-Erlöser-Kirche von Banja Luka ist laut Reiseführer die einzige auf dem Balkan mit goldenen Kuppeln.

Das Kastell, vermutlich schon von den Römern errichtet und seitdem von jedem herrschenden Volk für seine Zwecke weiter ausgebaut, ist und bleibt dagegen eine Ruine. Heute ist hier ein Café untergebracht, das von außen recht schick aussieht. Wir gehen nicht rein – wir haben auf die harte Tour gelernt, dass in Serbien (und anderswo in Osteuropa) Gastronomiebetriebe grundsätzlich böse verraucht sind.

Die Fußgängerzone ist sauber und ordentlich und sieht der einer deutschen Kleinstadt nicht unähnlich. Aber besonders hübsch ist Banja Luka nun nicht. Macht nichts, denn wir brauchen ohnehin mal wieder ein, zwei Tage, an denen wir uns auf Schule, Reiseplanung und Wäschewaschen konzentrieren können. In Wirklichkeit ist es ja ganz gut, wenn wir ab und zu einmal nicht von zu vielen Verlockungen zum Sightseeing abgelenkt werden.

Aufwändige Säulen als Balkongeländer, aber zum wärmedämmenden Verputz hat's nicht gereicht. Ein typisches Bild in Wohngebieten auf dem Balkan.

Aufwändige Säulen als Balkongeländer, aber zum wärmedämmenden Verputz hat’s nicht gereicht. Ein typisches Bild in Wohngebieten auf dem Balkan.

Am nächsten Tag machen wir nur einen kleinen Spaziergang durch das Wohngebiet. Auch hier sind die Häuser großteils unverputzt. Es sieht aus, als sei den Leuten beim Bau das Geld ausgegangen. Etlichen Balkonen fehlt das Geländer. Trotzdem flattert frisch gewaschene Wäsche im Wind. Ein, zwei Gebäude sind definitiv verlassen, die Fenster eingeschlagen, die Wände mit kyrillischen Graffiti-Parolen beschmiert. Sind hier nicht-serbische Anwohner vertrieben worden? Es bleibt eine Mutmaßung, denn wir können niemanden fragen, und die Schmierereien können wir nicht lesen. Andere Häuser sind in akzeptablem Zustand. Ich fotografiere eins, vor dem hübsche Novemberrosen blühen. „Mama, guck mal hier!“ rufen die Jungs ein paar Meter weiter. „Hier hat einer Stacheldraht als Gartenzaun! Mach davon mal ein Foto!“ Gehorsam setze ich die Kamera an. Sofort wird oben ein Fenster aufgerissen, und eine übergewichtige Frau mittleren Alters redet zornig auf mich ein. Ich versuche erfolglos, auf Englisch mit ihr zu kommunizieren. Letztlich schließe aus ihrem fortdauerndem Wortschwall, dass sie ihren fragwürdigen Geschmack für Gartengestaltung nicht fotografisch dokumentiert haben will. Ich setze die Kamera ab, kehre ihr achselzuckend den Rücken und schiebe die irritierten Kinder vor mir her. Das Geschimpfe der Frau begleitet uns bis zur Straßenecke. Wir fragen uns, ob wir hier einer einzelnen Spinnerin begegnet sind, oder ob im Gegenteil wir hier als die Spinner angesehen werden. Mit der dicken Spiegelreflex-Kamera und den Kindern in Wanderschuhen steht uns quasi „Tourist“ auf der Stirn geschrieben. Aber diese Spezies ist auf dem Balkan abseits der großen Städte vielleicht so selten, dass man eher geneigt ist, uns selbst in dieser Besetzung für ausbaldowernde Kriminelle zu halten.

Dass wir viel zu sehen kriegen, aber so wenig erklärt, ist der Fluch des Individualreisenden auf dem Balkan.

Das Haus mit dem Stacheldraht-Gartenzaun schräg gegenüber habe ich tatsächlich nicht fotografiert.

Das Haus mit dem Stacheldraht-Gartenzaun schräg gegenüber habe ich tatsächlich nicht fotografiert.

Übrigens: Janis (10) hat seine Eindrücke aus Bosnien-Herzigowina hier in einem eigenen Bericht geschildert.

Dubrovnik, gesehen vom Balkon unserer Ferienwohnung.

Drei Monate auf Reisen: Eine Zwischenbilanz

Mit einem Tag Verspätung gratuliere ich uns zum 3-monatigen Reise-Jubiläum. Gestern konnte ich mich beim besten Willen nicht dazu aufraffen, diesen Beitrag fertig zu stellen. Wir haben mit Kamillentee angestoßen, und Silas hat geweint, dass er nach Hause will. Ich wollte auch nach Hause zu meiner Mama. Oder sterben. Hossa, so ein kollektiver Brechdurchfall ist wirklich nichts für Anfänger! Und die Čevapi in einem Restaurant in Neum, dem einzigen Städtchen Bosnien-Herzigowinas direkt an der Adria, sind entschieden nicht zu empfehlen. Boah, haben wir gelitten, alle Mann!

Wenigstens konnten wir in den kurzen Phasen, die wir uns nicht im Badezimmer aufhielten, den Ausblick vom Balkon genießen. Wir haben die Altstadt Dubrovniks im Blick, und die herrlich blaue Adria. Heute werden wir endlich einen ersten Spaziergang die vielen Stufen hinunter wagen und testen, ob unsere wackeligen Beine uns wieder tragen. Und morgen erwartet uns dann die verschobene private Stadtführung, auf die ich mich schon sehr freue.

Drei Monate (und ein Tag) auf Reisen verdienen aber erstmal einen anständigen Rückblick, finde ich. Für „anständig“ ist mir allerdings meine Reisezeit zu kostbar, und deshalb beschränke ich mich fürs erste auf ein paar blanke Zahlen.

 

Abfahrt: 4. September 2014

Vor mittlerweile 93 Tagen

 

  • Acht Länder
  • Zehn Grenzübertritte
    • davon fünf „kleine“ innerhalb der EU
    • und fünf “große” Grenzabfertigungen
  • eine Polizeikontrolle (in Serbien, ohne Befund)
  • 24 verschiedene Quartiere
    • acht davon Couchsurfer
    • fünf private Pensionen
    • elf Ferienwohnungen
  • 7800 gefahrene Kilometer
  • 6700 Euro Budget (Lebenshaltungskosten auf der Reise inklusive Unterkünfte, Verpflegung, Reise- und Krankenversicherung, Eintrittsgelder und Souvenirs)
  • 2100 Euro reale Kosten fürs Auto (Sprit, Wertverlust, Versicherung etc. alles mit eingerechnet, 27 Cent pro km)
  • macht insgesamt einen Tagessatz von 96 Euro
  • 26 Museen
  • 33 Stadtbesichtigungen
    • sechs davon Hauptstädte
  • 16 Wanderungen
  • 22 Spielplatzaufenthalte
  • neun Restaurantbesuche
  • fünf Abendessen in der Pension
  • 23 mal Streetfood (Burek, Pizza, Čevap, Kauflandtheke etc.)
  • 18 Café-Besuche
  • acht Tage mit Migräne bzw. Kopfschmerzen ins Bett (drei ich, drei Janis, zwei Silas)
  • fünf Tage mit Fieber und Durchfall im Bett (alle Martin)
  • ein Tag alle vier krank mit Brechdurchfall (gestern)
  • zwei neue Schrammen am Auto (eine von fremder Autotür auf dem Parkplatz, eine unterhalb durch Aufsitzen auf bosnischer Version von Verkehrsberuhigung)
  • drei verlorene Dinge (Bastelschere, Pinzette und Zopfgummi, bis auf letzteres nach Neukauf doch immer wiedergefunden)
  • zwei Geburtstagsfeiern (meiner in Rumänien und Silas’ in Split)
  • 25 Maschinen Wäsche in 14 Waschmaschinen
  • 36 Blogposts
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Janis erzählt euch was: Über Kinder in anderen Ländern

Mein kleiner Gastblogger ist wieder dran! Das Tippen ist noch recht mühsam für ihn. Und da ich darauf bestehe, dass er auch beim Korrigieren dabei ist, damit wir seine (zahlreichen) Rechtschreibfehler besprechen, hält sich seine Motivation, längere Texte zu schreiben, in Grenzen. Aber ein paar Informationen für den geneigten Leser kommen doch dabei rum, und die Sichtweise eines 10-Jährigen ist manchmal durchaus erhellend, finde ich.

Willkommen zu einer neuen Folge von „Janis erzählt euch was“!

Kinder in anderen Ländern

Alle Kinder, bei denen wir waren, hatten Lego. Das ist wirklich ein sehr verbreitetes Spielzeug. Man kann in sehr vielen Spielzeugläden Lego, aber kein Playmobil kaufen. Ich habe nämlich auf unserer gesamten Reise nur einmal Playmobil in einem Geschäft gesehen und das war in Hermannstadt (Sibiu), und die Stadt erschien mir doch etwas mehr deutsch als die anderen Städte.

Bei uns zu Hause haben wir nur etwas Lego, aber dafür sehr viel Playmobil.

Die Kinderzimmer bei unseren Couchsurfern waren immer nicht so groß, aber auch nicht zu klein. Viele Kinder hatten ein Hochbett, wenn sie zu zweit waren. Von den acht Familien, die wir besucht haben (in Slowenien, Kroatien, Ungarn und Rumänien), gab es überall ein eigenes Kinderzimmer. Aber es gab nie ein eigenes Zimmer pro Kind. In einer Familie in Slowenien gab es zwar zwei Zimmer für zwei Kinder, aber ein Schlaf- und ein Spielzimmer. So ist das bei uns zu Hause auch!

Wir waren auch mal in Transsilvanien bei einer Familie, die bestand aus drei Teenagern, einem Mädchen, das auf die Uni geht, und natürlich Mutter und Vater. Da hatten die Kinder zwar alle ein winziges eigenes Zimmer, aber nur eins hatte eine Tür. Die anderen hatten keine, das heißt, eins hatte noch eine Art Vorhang davor. Und die Zimmer von den Teenagern sahen auch entsprechend aus, also zumindest eins: alles irgendwohin geschmissen. Zum Glück mussten wir nicht in diesem Zimmer schlafen. Aber wir haben zwei von den winzigen Zimmern bekommen, die aber zum Glück aufgeräumt waren. Die Kinder von den Couchsurfern haben in ihrem unaufgeräumtem Zimmer geschlafen.

Ingesamt waren wir schon bei 18 Kindern, wovon drei Teenager und viele kleine Kinder, und viele Babys waren. Nur in Serbien und Bosnien-Herzigowina haben wir leider keine Couchsurfer gefunden.

Mehr Blogeinträge aus Kindersicht

Janis erzählt euch was…

 

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Janis erzählt euch was: Über Bosnien-Herzigowina

Während ich tapfer unsere weitere Reise plane, Verabredungen im Süden Kroatiens und im Kosovo anbahne und versuche, in Bulgarien eine nette Couchsurfing-Familie aufzutreiben, die uns übers Weihnachtsfest Asyl gewährt, springt zum zweiten Mal mein kleiner Gastblogger ein. „Meine Blogbeiträge sind viel aktueller als deine“, sagt Janis stolz, und ist böse mit mir, weil ich es dann doch nicht auf die Reihe kriege, am selben Tag noch passende Fotos rauszusuchen und das ganze online zu stellen. Ein weiterer Text von ihm liegt schon fix und fertig auf der Festplatte und wartet nur noch auf eine angemessene Bebilderung. Heute berichtet mein 10-Jähriger aber erstmal über seine Eindrücke aus unserem derzeitigen Reiseland: Bosnien und Herzigowina.

 

Willkommen bei einer neuen Folge von

Janis erzählt euch was!

Gestern sind wir auf dem Weg von Sarajevo nach Banja Luka durch viele Dörfer gefahren, und da haben wir auch zerbombte Häuser gesehen. An manchen Stellen sind noch Minenfelder. Der Krieg ist zwanzig Jahre her, und trotzdem sind die Minen immer noch eine Gefahr für die Menschen. Das ist sehr schlecht, und ich finde, dass Minen eine sehr brutale, fiese und gefährliche Waffe sind.

Während der Fahrt begleitete uns meistens auf der linken Seite eine höllisch tiefe Schlucht, und auf der rechten Seite eine Felswand. Die Schlucht war schon schön, aber sie war halt tief und ich möchte keinen Abstecher da runter machen.

An der Grenze zwischen der Föderation Bosnien-Herzgovina und der Republik Srpskia liegt die Schlucht über dem Fluss Ugar - sieht auf unprofessionellen Fotos leider nicht halb so spektakulär aus wie in echt.

An der Grenze zwischen der Föderation Bosnien-Herzgovina und der Republik Srpska liegt die Schlucht über dem Fluss Ugar – sieht auf unprofessionellen Fotos leider nicht halb so spektakulär aus wie in echt.

Insgesamt ist Bosnien sehr schön, aber die Bosnier schmeißen ihren Müll oft einfach in die Gegend, und das ist nicht gerade schön. Bosnien ist schon eine Reise wert, denn es gibt, neben den nicht so schönen Ecken, auch schönere Ecken, genauso wie in Deutschland.

Die nach dem Krieg frisch neuerrichtete serbisch-orthodoxe Erlöser-Kirche von Banja Luka.

Die nach dem Krieg frisch neuerrichtete serbisch-orthodoxe Erlöser-Kirche von Banja Luka.

Heute haben wir uns Banja Luka angesehen. Obwohl Banja Luka in Bosnien liegt, wird die Stadt hauptsächlich von bosnischen Serben bewohnt. Es ist die Hauptstadt der Teilrepublik Srpska. In Bosnien-Herzigowina leben muslimische Bosniaken, orthodoxe Serben und katholische Kroaten. Jede dieser Volksgruppen hat einen eigenen Präsidenten und sogar auch eigene Minister. Und das, obwohl das Land kleiner ist als Niedersachsen! Das heißt, Bosnien-Herzigowina ist ein ganz bisschen größer als Niedersachsen, aber Niedersachsen hat mehr als doppelt so viele Einwohner.

Moscheen und christliche Kirchen auf einen Blick in Bosniens Hauptstadt Sarajevo.

Moscheen und christliche Kirchen auf einen Blick in Bosniens Hauptstadt Sarajevo.

Ich hoffe es geht allen, die diesen Blogbeitrag lesen, gut, und allen anderen auch!

Viele Grüße,
Janis

Typische Verkehrsmittel in Rumänien.

Erfahrungsbericht: Wie sicher ist Rumänien als Urlaubsland?

Als wir etwas überstürzt unsere Europa-Reise planten, waren wir uns anfangs unsicher: Ist Rumänien ein sicheres Reiseland für Familien? Irgendwie hatten wir so viele Vorurteile im Kopf, obwohl wir selbst nicht recht wussten, wie die dahin gekommen waren. Ziemlich genau vier Wochen sind wir dann durch das große Land zwischen Karpatenbuckel und Donaudelta gereist und konnten (fast!) alle Punkte vor Ort schnell relativieren.

Kriminalität

„Rumänische Räuberbanden“ war so ein Schlagwort, das sich irgendwann Mitte der 90er in meinem Hirn festgesetzt haben muss. Tatsächlich ist die Kriminalitätsrate in Rumänien nicht sonderlich hoch. Transsilvanien (die für eine Familienreise wohl am besten geeignete Region) gilt noch dazu in jeder Hinsicht als Vorzeige-Provinz. Nirgendwo in Rumänien hatten wir ein schlechtes Gefühl, unser Auto auf offener Straße zu parken. In der dunklen Jahreszeit waren wir etliche Male lange nach Sonnenuntergang in Innenstädten und Außenbezirken unterwegs. In Timişoara sind wir an einem Freitag um Mitternacht mehrere Straßenblocks von einer Abendeinladung nach Hause gelaufen und dabei viel Jungvolk begegnet, ohne uns irgendwie bedroht zu fühlen.

Ein großes, meist blickdichtes Tor vor der Einfahrt ist in Rumänien selbstverständlich, um unerwünschte Besucher auf zwei oder vier Beinen abzuhalten.

Ein großes, meist blickdichtes Tor vor der Einfahrt ist in Rumänien selbstverständlich, um unerwünschte Besucher auf zwei oder vier Beinen abzuhalten.

„Zigeuner“

Politisch korrekt heißt es natürlich „die Minderheit der Roma und Sinti“, und politisch korrekt versuchen wir natürlich aus Prinzip, diesen dortzulande so arg diskriminierten Menschen offen gegenüberzutreten. Leider tun diese im Stadt- und Landschaftsbild überall präsenten Menschen wenig, um ihren schlechten Ruf zu widerlegen. Offiziellen Statistiken zufolge beträgt ihr Anteil an der rumänischen Bevölkerung 3,3 Prozent. Dem subjektiven Empfinden nach sind es wesentlich mehr. Es gibt Dörfer und Vorstädte, die von den Roma dominiert sind. Man erkennt sie ohne jeden Zweifel an den haarsträubenden baulichen Zuständen und daran, dass ganze Familien vor den windschiefen Gartenzäunen an der Landstraße sitzen, während die Kinder auf dem Seitenstreifen in der 100-Zone Fangen spielen. „Ethnografisch interessant“ ist wirklich die freundlichste Floskel, die mir dazu einfällt. Aber ich bin auch jemand, der sofort Beklemmungen kriegt, wenn mir fremde Menschen auf die Pelle rücken und mich zwingen, unfreundlich zu werden, weil sie ein freundliches „no, sorry“ nicht akzeptieren. Wir haben auch etliche Gruselgeschichten gehört, von Trickbetrügereien bis zur Blutrache-Lynchjustiz an eigentlich unschuldigen Autofahrern. Mehr als penetrantes Gebettel können wir ihnen aus eigener Erfahrung aber nicht vorwerfen.

Verkehr

Reale Gefahr stellt dagegen der Straßenverkehr dar. Hier wird gedrängelt und an den unübersichtlichsten Stellen wild überholt. Wir sind mehrmals nur knapp einem Verkehrsunfall entgangen (aber all das gilt ganz genauso auch für Slowenien und Kroatien).
Wann immer es sich vermeiden lässt, sollte man auf Nachtfahrten verzichten, denn auch wenn der Straßenzustand generell gar nicht so übel ist, werden Schlaglöcher selten aufgefüllt, Baustellen oft nicht oder unzulänglich beleuchtet; gleiches gilt für allgegenwärtige Pferdefuhrwerke und Radfahrer, die sich völlig schmerzfrei ohne jede Lichtquelle und oft selbst ohne Reflektoren nach Einbruch der Dunkelheit in den Verkehr stürzen. Oft drängte sich uns in dieser Beziehung der Verdacht auf, dass „der Rumäne an sich“ kein Interesse daran hat, ein hohes Alter zu erreichen.
Wer für sich und seine Kinder ein Taxi ruft oder einen Mietwagen nimmt, sollte vorher das Thema Kindersitze und Anschnallgurte auf der Rückbank ansprechen, denn weder das eine noch das andere ist in Rumänien selbstverständlich.

Auto fahren ist in jeder Hinsicht eine Herausforderung in Rumänien.

Auto fahren ist in jeder Hinsicht eine Herausforderung in Rumänien.

Straßenhunde

Immer wieder wird in Reiseführern und auf Internetseiten vor Straßenhunden gewarnt. In der Tat hat es laut unseren Couchsurfern in der Region Bukarest vergangenes Jahr zwei (einzelne) Fälle von tötlichen Angriffen auf Kinder gegeben. Offenbar rotten sich die Biester mancherorts zu großen Rudeln zusammen. Von denen sollte man sich dann wirklich fernhalten (wir haben keine gesehen).
Allgegenwärtig sind dagegen einzelne Streuner. Auch wir sind unzähligen wilden Hunden begegnet. Wann immer wir uns zum Picknick auf eine Bank setzten, waren sofort ein, zwei, drei Hunde zur Stelle, um uns aus traurigen Augen demütig die Bissen in den Mund zu zählen. Aber niemals ist uns ein solches Tier aggressiv oder auch nur unfreundlich begegnet. Nicht ein einziges Mal ist einer von ihnen aufdringlich geworden; sie haben immer respektiert, dass sie von uns nichts bekamen. Viele dieser Straßenhunde sahen allerdings ziemlich zerrupft aus. Wir haben unseren Kindern sehr deutlich eingetrichtert, dass kein wildes Tier gestreichelt wird (wobei wir bei den süßen Jungkatzen im Freilichtmuseum von Sibiu dann doch wieder eine Ausnahme gemacht haben – mal sehen, ob sich irgendwann doch noch Parasitenerkrankungen bei uns bemerkbar machen…).

Allgegenwärtig und wenig gefährlich: Straßenhunde.

Allgegenwärtig und wenig gefährlich: Straßenhunde in allen Farben und Formen.

Tollwut

Einweiteres Thema in Bezug sowohl auf Hunde, als auch auf Wildtiere, ist Tollwut. Mit EU-Mitteln wird diese unweigerlich tötliche Krankheit derzeit in freier Wildbahn versucht einzudämmen, indem Impfköder ausgelegt werden (von denen man sich wegen latenter Ansteckungsgefahr unbedingt fernhalten sollte, das sind so schwarze Plastikdöschen). In Deutschland wird manchmal zur vorsorglichen Impfung geraten. Das ist möglich, aber die Tollwut-Impfung gilt selbst unter strikten Impf-Befürwortern als nicht ganz ohne. Fakt ist, dass sich auch in Rumänien nur Schäfer und Waldarbeiter impfen lassen. Laut der einzigen Statistik, die ich bei meinen Recherchen dazu im Netz gefunden habe, ist im Jahr 2007 hier ein (einziger!) Mensch an Tollwut gestorben. Falls es entgegen unser Erfahrung doch zu einer unfreundlichen Auseinandersetzung mit einem Straßenhund (oder – noch unwahrscheinlicher – einem Wildtier) kommt, sollte sofort ein Arzt aufgesucht werden. In den ersten Stunden nach einem Biss ist eine Immunisierung nämlich noch möglich.

Bären

Bären sind ein ernsthaftes Thema bei Spaziergängen durch den Wald – für schweigsame Wanderer und fixe Mountainbiker, die ein dösendes Wildtier überraschen könnten. Gerade mit Kindern besteht diese Gefahr in der Regel nicht, da das hochfrequente Geplapper jeden Teddy rechtzeitig in die Flucht schlägt. Wir haben rumänische Familien getroffen, die Waldspaziergänge in Bärengebieten grundsätzlich vermieden haben, und wir haben rumänische Familien getroffen, die regelmäßig mit dem Nachwuchs Wandern gehen. Manch einer kennt jemanden, der jemanden kennt, der mal aus der Ferne einen Bären gesehen hat… Wir selbst haben ungestört ausgiebige Spaziergänge in der herrlichen Natur unternommen – ABER als wir außerhalb eines Dorfes, keine 200 Meter vom letzten Haus entfernt, plötzlich entdeckten, dass wir auf einer Bärenhöhle gepicknickt hatten, wurde uns doch ganz anders. Vor dem Höhleneingang lag ein recht gründlich abgenagtes Schaf (glaube ich), und später erzählten uns die Leute im Dorf, dass sie im Winter wirklich Ärger mit den Biestern haben, die die Schafherden als bequeme Selbstversorger-Quelle betrachten.

"Picknick mit Bären" - was in einem gewissen Buch über die Mentalität der Amerikaner leeres Versprechen bleibt, hätten wir in Rumänien fast selbst erlebt.

“Picknick mit Bären” – was in einem gewissen Buch über die Mentalität der Amerikaner leeres Versprechen bleibt, hätten wir in Rumänien fast selbst erlebt.

Vor Wölfen muss man, wie überall, überhaupt keine Angst haben (zumindest solange man kein Schaf oder wenigstens Schäfer ist). Zusammenstöße mit Menschen sind praktisch nicht bekannt.

Spuren von Wildtieren in der Wildnis... kommt halt vor in Rumänien.

Spuren von Wildtieren in der Wildnis… kommt halt vor in Rumänien.

Gesundheit

Wer sich gerne vor Krankheiten fürchtet, hat in Rumänien ausreichend Gelegenheit dazu. Wenn man sich richtig viel Mühe gibt, kann man sich im Donaudelta in heißen Sommern sogar mit Cholera infizieren. Malaria ist hingegen ausgerottet. Die Gefahr durch Zecken (Borreliose, FSME) ist genauso groß wie in Deutschland.

Ärztliche Hilfe haben wir zum Glück nicht in Anspruch nehmen müssen. Wir haben allerdings gruselige Geschichten aus den örtlichen Krankenhäusern gehört. Anscheinend ist es besser, für den Notfall selbst sterile Verbände und Einwegspritzen dabei zu haben, da sie bei Arzt oder Klinik nicht immer vorhanden sind. Die Krankenhäuser sind auf Spenden angewiesen, in vielen Supermärkten gibt es entsprechende Sammelboxen.

In einigen Gegenden, so heißt es, kann man das Leitungswasser durchaus trinken. Nachdem wir am selben Ort widersprüchliche Informationen dazu bekommen hatten, haben wir in der Folge konsequent darauf verzichtet (bis auf Martin einmal im Donaudelta, was er aber prompt mit fünf Tagen fiebrigem Durchfall bezahlt hat). Flaschenwasser ist überall in rauen Mengen erhältlich.

Vielerorts stammt das Wasser noch aus dem hauseigenen Brunnen.

Vielerorts stammt das Wasser noch aus dem hauseigenen Brunnen.

Fazit

Rumänien ist Mitgliedstaat der Europäischen Union, und auch wenn es in politischer Hinsicht sicher noch viel aufzuholen gibt (wie in vielen anderen Staaten auch), ist das im alltäglichen Empfinden vor Ort durchaus gerechtfertigt. Vor allem im direkten Vergleich mit Ungarn, Serbien und dem ländlichen Kroatien steht es in zivilisatorischer Hinsicht und vom allgemeinen Sicherheitsgefühl her keinesfalls schlechter dar. Unterm Strich ist Rumänien für einen Familienurlaub unserer Meinung nach absolut geeignet.

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Bukarest – oder auch nicht

Nach Bukarest, mit Familie? Na ja, dachten wir, warum denn nicht. Wenn wir schon vier Wochen durch Rumänien reisen, wollten wir uns natürlich auch die Hauptstadt nicht entgehen lassen. Auch wenn wir wissen, dass wir keine guten Großstadt-Touristen sind. In London haben wir nach einem – allerdings sehr erfolgreichen – Sightseeing-Tag das Handtuch geschmissen und haben lieber das schöne grüne Surrey erkundet. Aber normalerweise können wir Großstadt durchaus. Berlin, Hamburg, Frankfurt, Riga, Antwerpen, Budapest – wir waren dort, wir hatten Spaß, wir fanden’s toll. An Bukarest sind wir gescheitert.

Schon unsere Ankunft steht unter keinem guten Stern. Nach etwas zu viel „Palinka! Palinka!“ mit unseren neuen rumänischen Freunden im Donaudelta hat Martin im Reflex beim Zähneputzen Leitungswasser getrunken und liegt demzufolge fünf Tage lang gründlich flach. Als wir in die Hauptstadt umziehen, ist das Fieber runter und die Bauchkrämpfe haben nachgelassen. Der Schweißfilm auf seiner Stirn ist nurmehr der Fahrweise seiner Frau geschuldet, denn die 350 Kilometer mitten durch die Walachei steuere ich. Trotzdem ist der arme Kerl glücklich, als er sich endlich in unserem gemieteten Apartment auf dem Bett ausstrecken kann.

Die Wohnung ist für rumänische Verhältnisse fast schon schön: Zwei Zimmer, Küche, Bad, sowohl Klospülung als auch Gasherd funktionieren. Für drei Nächte im Erdgeschoss eines frisch renovierten Ostblock-Plattenbaus zahlen wir umgerechnet 136 Euro inklusive Endreinigung. Bis ins Zentrum braucht man eine gute halbe Stunde mit Bus und Straßenbahn, sagt unser Vermieter, ein sanfter junger Mann, der gleich eine ganze Reihe von Apartments über die gängigen Internetportale vermietet.

Bukarest hat schöne Ecken - woanders.

Bukarest hat schöne Ecken – woanders.

Am nächsten Tag machen wir die Probe aufs Exempel – zu dritt, denn Martin fühlt sich immer noch am wohlsten in der Nähe eines Badezimmers. Ich habe eine App auf mein Handy geladen, die uns die Orientierung im öffentlichen Nahverkehr erleichtern soll. So ganz übersichtlich ist die zwar nicht, aber es wird schon laufen, sagen wir uns. Wir sehen das als Abenteuer und sind guter Dinge, als wir die Bushaltestelle suchen, die sich irgendwo ziemlich genau vor unserem Apartmentblock befinden soll.

Und richtig, hier ist sie: Eine Ausbuchtung an der vierspurigen Durchgangsstraße, über der ein blaues Schild mit einem Bus drauf prangt. Ein Fahrplan hängt nirgendwo, aber wir wissen ja, dass wir in die Nummer 202 einsteigen müssen. Die kommt auch wenige Minuten später. Wir quetschen uns zu den anderen Fahrgästen und sehen uns hilflos um. Der Fahrer sitzt mit dem Rücken zu uns in einer verglasten Kabine und macht keine Anstalten, uns Tickets zu verkaufen. Dem Schild über der Tür entnehme ich mit meinen rudimentären Lateinkenntnissen, dass Schwarzfahrern mit Strafe gedroht wird, aber wie man diesen leidigen Zustand verhindern kann, erschließt sich mir nicht. Die Frau, die mit uns eingestiegen ist, hält eine Plastikkarte vor ein Lesegerät. Es piept und leuchtet grün auf. Die anderen Fahrgäste sehen mich vorwurfsvoll an. „Excuse me, can you tell me where I can get bus tickets?“ frage ich die Dame neben mir. Sie lächelt hilflos und sieht zu Boden. Die Jungs werden nervös. „Wir können doch nicht ohne Fahrkarte Bus fahren!“ flüstert Silas eindringlich. Also steigen wir an der nächsten Station wieder aus.

Auch hier ist das blaue Schild der einzige Indikator, dass wir uns an einer Bushaltestelle befinden. Links heizen die Autos vorbei, rechts zieht sich hinter einer vermüllten Böschung eine Industriebrache dahin. Gut, also beschließen wir zu laufen. Ich habe mir unseren Weg auf der Karte angesehen und weiß, dass es bis zur Straßenbahnhaltestelle immer nur geradeaus geht. Dort wird es mit Sicherheit einen Ticketverkauf geben, sage ich den Jungs. Ich will die App checken und stelle fest, dass sie abgestürzt ist und sich auch nicht wieder öffnen lässt. Das mobile Internet hat mich mal wieder im Stich gelassen. Zum Glück war ich schlau und habe mir den Linienplan als Screenshot gespeichert. Also wandern wir bis zur großen Kreuzung und halten Ausschau nach den Straßenbahnschienen.

Kommt hier eine Straßenbahn? Die Orientierung in Bukarests Nahverkehr ist zumindest in den Außenbezirken... schwierig.

Kommt hier eine Straßenbahn? Die Orientierung in Bukarests Nahverkehr ist zumindest in den Außenbezirken… schwierig.

Wir finden die Haltestelle. Aber einen Ticketautomaten finden wir nicht. Eine Bahn kommt, öffnet die Türen, schließt sie und fährt wieder ab. Wir bleiben an der Bahnsteigkante stehen, denn auch hier saß der Fahrer hinter Glas. Wo zum Teufel sollen wir die Tickets herkriegen? Ich mustere die anderen Menschen um uns herum. Alte Leute und Bettler, niemand sieht aus, als könne er mehr Englisch als die Frau im Bus. Auf der anderen Straßenseite blinken ein paar Miniläden mit knallbunter Leuchtreklame. Wir kämpfen uns durch den Verkehr (Zebrastreifen werden von rumänischen Autofahrern meist beachtet, sobald eine Mutter mit zwei Kindern die Durchfahrt versperrt). Im ersten Kiosk frage ich die Verkäuferin: „Do you speak English?“ Sie wehrt vehement ab. Im zweiten gibt man sich wenigstens Mühe. „Where can I get tickets for the metro?“ stößt aber auch auf völliges Unverständnis. „Tickets“, wiederhole ich und deute auf die Straßenbahnschienen vor der Tür. „Address?“ fragt die beleibte Frau hinter der Theke und hält mir Zettel und Stift hin. Ich schüttele den Kopf und krame in meinem Gedächtnis nach den verschütteten Latein-Vokabeln. Blöd: Die alten Römer hatten noch keinen ÖPNV. „Billeto?“ versuche ich es mit Pseudo-Italienisch. Der Gesichtsausdruck der Frau erhellt sich. Sie sagt ein Wort, das tatsächlich so ähnlich klingt. Dann winkt sie uns durch den Laden, schiebt uns zur Hintertür hinaus und schickt uns über einen matschigen Hinterhof zur nächsten Kreuzung. Wieder werfen wir uns in den Großstadtverkehr und finden schließlich eine kleine Wellblechhütte mit dem Logo der Verkehrsbetriebe. „Buna sera“, sage ich (neben „multumesc für „danke schön“ das einzige Rumänisch, das ich kann). „Do you speak English?“ Nein, tut sie nicht. Eine Weile reden wir hilflos aneinander vorbei. Ich will ein Tagesticket, kann ihr das aber nicht recht begreiflich machen. Schließlich erinnere ich mich, dass besagtes Ticket laut Internetseite 16 Lei kostet (etwa vier Euro) und halte ihr die Summe passend vor die Glasscheibe. Endlich kommt ein Geschäft zustande, und mit Händen und Füßen erklärt mir die Frau, dass die Kinder gratis mitfahren dürfen (glaube ich zumindest).

Eine Dreiviertelstunde nach Reisebeginn sitzen wir endlich in der Straßenbahn. Das heißt, wir stehen, denn die Sitze sind einreihig und die Zahl der Mitfahrer groß. Alle Fahrgäste um uns herum haben ihr Handy im Anschlag, und auch ich tippe mit zunehmender Verzweiflung auf meinem Smartphone herum. Ich habe nämlich keine Ahnung, wo wir aussteigen müssen. Das Internet bleibt verschollen, und mein Offline-Linienplan entpuppt sich als völlig unzulänglich. Einige Stationen sind eingezeichnet, andere nicht. Ein Abzählen ist nicht möglich. In der Bahn gibt es keine Anzeige, wo wir grad sind, und die Schilder an den Stationen sind so klein, dass ich ihre Namen aus dem Inneren des Wagons nicht ablesen kann. Ansagen gibt es auch nicht. Ich weiß, dass wir am Unirii-Platz raus wollen. Aber nichts vermittelt mir, wo der sein könnte.

Pause vom Nahverkehrsstress in einer grünen Oase im Bukarester Grau.

Pause vom Nahverkehrsstress in einer grünen Oase im Bukarester Grau.

Wir steigen erstmal wieder aus und suchen die Haltestelle gründlich nach irgendeinem Anzeichen von Fahrplänen ab. Vergeblich. Dafür entdecken die Jungs einen Spielplatz und dahinter einen Park mit einer Art permanentem Jahrmarkt. An diesem trüben Tag mitten im Herbst wirken die geschlossenen Buden trostlos und symptomatisch für die Stadt. Während die Jungs toben, aktiviere ich den Offline-Stadtplan von Bukarest auf meinem Handy und versuche ihn irgendwie mit dem Liniennetzplan in Einklang zu bringen.

Bei Nieselregen und geschlossenen Buden hebt ein Jahrmarkt die Stimmung irgendwie auch nicht.

Bei Nieselregen und geschlossenen Buden hebt ein Jahrmarkt die Stimmung irgendwie auch nicht.

Wir unternehmen einen weiteren Versuch. Diesmal lautet der Plan, auf Sicht zu fahren. Die Innenstadt ist ja meistens da, wo es schön wird. Wir behalten die Wohnungsblöcke und Industriegebiete vor dem Bahnfenster im Auge. Leider ist auch das in Bukarest kein guter Indikator. Es bleibt hässlich. Aber so richtig.

Es ist aussichtslos. Eine gute Viertelstunde lassen wir uns von den ein- und aussteigenden Menschenmassen durchwalken und umherschieben. Müffelnde Bettler quetschen sich an uns vorbei, um billige Plastikwäscheklammern oder Ladegeräte an den Mann zu bringen. Und draußen vor dem Fenster sieht es immer noch so verdammt hässlich aus wie in einem Endzeit-Drama. Irgendwann bin ich so genervt, dass ich die Kinder beim nächsten Stopp wahllos vor mir aus dem Zug schiebe, um die nächste Bahn retour zu nehmen und in unsere Ferienwohnung zurückzukehren.

Das Problem: An dieser Haltestelle hält der Gegenverkehr gar nicht. Wir sehen uns um, wo die Bahnen in die andere Richtung abfahren könnten. „Mega Fun“ liest Janis am Portal einer Shopping-Mall. „Ganz genau“, sage ich. „Bukarest ist mega fun, aber so richtig.“ „Der mega fun ist halt da drin, Mama, wenn wir welchen haben wollen, müssen wir da rein“, argumentiert mein Großer. „Ich hab Hunger“, sagt der Kleine. „Wo können wir picknicken?“ Es beginnt zu regnen. Mit einem Seufzer steuere ich das Einkaufszentrum an.

Zumindest an Shopping-Malls herrscht in Bukarest kein Mangel, und hier zeigt man gern, dass man auch protzen kann.

Zumindest an Shopping-Malls herrscht in Bukarest kein Mangel, und hier zeigt man gern, dass man auch protzen kann.

Es glänzt und blinkt, alles ist sauber und neu. Tische und Stühle eines Cafés stehen auf dem Nachbau einer italienischen Piazza unter Straßenlaternen in schmiedeeiserner Optik, Wasserspiele plätschern und ändern ihre Farbe im LED-Licht. Hippe Menschen tragen Tüten mit all den Labels durch die Gegend, die man auch aus jeder deutschen Fußgängerzone kennt, und die hinter den Schaufenstern mit Preisschildern versehen sind, die denen bei uns nach dem Umrechnungskurs ziemlich gleichen. So ist das also: Das hübschere Bukarest ist ein überdachter Konsumtempel ohne Fenster, nach amerikanischem Vorbild.

Wir nutzen die saubere Kundentoilette zum Händewaschen und verputzen unsere Butterbrote auf einer der kunstlederbezogenen Sitzgelegenheiten. Silas entdeckt auf einem Wegweiser das Piktogramm eines Eisläufers. „Kann man hier etwa Schlittschuhlaufen?“ fragt er ungläubig. Nach unserem Picknick gehen wir nachsehen. Tatsächlich, die Piazza war erst der Anfang der Konsum-Glitzerwelt. Unter einer riesigen Glaskuppel erstreckt sich ein künstliches Gebirge mit Wasserfällen und Riesenrutsche. Während sich rund herum Restaurants und Läden gruppieren (unter anderem ein Lego-Shop mit reichlich Spielgelegenheiten), nimmt die eine Hälfte der Freifläche ein kreischbunter Indoor-Spielplatz ein, und die andere eine schätzungsweise 25 Meter lange Eisbahn.

Auch im Inneren des Konsumtempels geht es überdimensional zu.

Auch im Inneren des Konsumtempels geht es überdimensional zu, künstliche Felsen mit Riesenrutsche inklusive.

„Können wir Schlittschuhlaufen? Bitte!!“ kommt es unvermeidlich von links und rechts. Ich denke an das Parlamentsgebäude, das ich in Bukarest unbedingt sehen wollte, an das Athenäum und den bunten Stilmix der Altstadt, den mir die Internet-Seite der Touristinformation versprochen hat (nachdem meine direkte Anfrage per E-Mail nach Programmvorschlägen für Familien geflissentlich ignoriert wurde, übrigens). Dann denke ich leise ein paar unflätige Worte und sage laut zu meinen Kindern: „Wisst ihr was? Warum eigentlich nicht. Wenn das Beste, das Bukarest uns bieten kann, eine Shopping-Mall mit Eisbahn ist, dann gehen wir eben Schlittschuhlaufen.“

Die Begeisterung beim Nachwuchs ist groß. Geschenkt kriegen wir das energieaufwändige Vergnügen auch hier nicht: Mindestmaß sind 1,5 Stunden, und die kosten mit Schlittschuhmiete und einer Plastik-Robbe zum Vor-sich-her-Schieben für blutige Anfänger und Wertsachen-Aufbewahrung 95 Lei (knapp 25 Euro). Aber es sind die besten 95 Lei, die wir in dieser Stadt investiert haben! Während im Inneren der Bahn fünfjährige Eisprinzessinnen im Glitzerdress Pirouetten drehen, torkeln wir ungeübt am Rand entlang, werden immer besser und haben schlichtweg jede Menge Spaß.

Aus der Hüfte und mit der kleinen Knipse hab ich leider nix besseres an Bildmaterial zu bieten, aber als Beweisfoto taugt es wohl. :)

Aus der Hüfte und mit der kleinen Knipse hab ich leider nix besseres an Bildmaterial zu bieten, aber als Beweisfoto taugt es wohl. :)

Einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Besserung meiner Laune liefert der vielleicht 20-jährige Rumäne hinterm Schlittschuhtresen, der hervorragend Englisch spricht und bei jeder sich bietenden Gelegenheit eifrig mit der alten Schachtel aus Deutschland flirtet (und an Gelegenheiten mangelt es nicht: Kind 1 hat sein Wasser im Rucksack vergessen und muss noch mal ans Schließfach, bitte; Kind 2 hat sich beim 34. Sturz angehauen und bedauerlicherweise die halbe Eisbahn vollgeblutet, sorry; Kind 1 meint, es braucht die Robbe nicht mehr; Kind 1 hat herausgefunden, dass es die Robbe doch noch benötigt). Während die Jungs sich schließlich schweren Herzens aus den Schlittschuhen pellen, kommen wir näher ins Gespräch, und ich klage ihm mein Leid über den Bukarester Nahverkehr. Fix schreibt er mir auf, welche U-Bahn ich von hier aus Richtung Innenstadt nehmen muss, notiert gewissenhaft jede Station mit Namen und erklärt mir auch, welchen Ausgang ich aus dem Einkaufszentrum nehmen muss, um zur U-Bahn-Station zu gelangen. „I’ll give you my number, call me if you get lost again“, sagt er und guckt mir tief in die Augen. Bevor er erneut den Stift ansetzen oder ich rot werden kann, funkt seine Chefin dazwischen. Die Zeit ist um, die Kinder müssen vom Eis gepfiffen und dieses gereinigt werden, aber pronto. Bedauernd zuckt er mit den Achseln und schwingt sich auf seinen fahrbaren Bonerbesen. Ich stecke das Zettelchen ein und mache mich vom Acker, bevor die Jungs noch anfangen, „Papa“ zu ihm zu sagen…

Wir finden den Ausgang, den der junge Mann uns beschrieben hat. Nur die U-Bahnhaltestelle finden wir nicht. Wir gehen 50 Meter nach links, lugen in eine Parkhauseinfahrt, gehen 50 Meter nach rechts, sehen uns erfolglos nach Menschen um, die uns Auskunft geben könnten. Ach, zum Teufel! Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und Bukarest und ich werden keine Freunde. Wir pfeifen auf die Altstadt, kehren zur Straßenbahnhaltestelle zurück (den Abfahrtspunkt für die Gegenseite haben wir inzwischen dingfest gemacht) und fahren zurück ins Apartment. Es ist ohnehin schon dunkel, als wir schließlich von unserer ÖPNV-Odyssee zurückkehren.

Unser Heimweg an der vierspurigen Straße entlang.

Unser Heimweg an der vierspurigen Straße entlang.

Im zweiten Ansatz haben wir dann doch noch ein bisschen was vom „richtigen Bukarest“ zu sehen gekriegt. Ob sich unsere Meinung grundlegend geändert hat, verrate ich ein andernmal.

Nein, das war in Wirkichkeit nicht unsere Unterkunft. Es war das Nachbarhaus.

Janis erzählt euch was: Über gute Unterkünfte auf Reisen

Dass und warum es auf family4travel neuerdings einen “Gastblogger” gibt, habe ich euch gestern erzählt. Heute also bloggt hier Janis, zehn Jahre alt, aus seiner ganz eigenen Sicht, die uns Erwachsenen recht putzig erscheinen wird. Aber hey, das Kind hat auf die harte Tour gelernt, worauf es bei der Unterkunftssuche ankommt! :D Das meiste über unsere Reise erfährt man, glaube ich, wenn man hier zwischen den Zeilen liest. ;)

Willkommen bei meiner neuen Serie: Janis Erzählt euch was.

Das bin ich!

Das bin ich!

Wir sind gerade in Sibiu angekommen. Die Stadt heißt auch Hermannstadt. Die Stadt liegt in Rumänien, aber früher gab es hier viele deutsche Siedler.

Das Apartment ist sehr schön und ich hoffe, dass unsere erste Nacht auch schön sein wird.

 

Für mich ist eine Ferienwohnung dann schön, wenn es ein sauberes Klo gibt, und wenn man zwei Doppelbetten oder jedenfalls vier Betten in der Wohnung hat. Man braucht natürlich auch einen funktionierenden Herd, beziehungsweise einen Ofen. Man sollte auch einen Duschvorhang und Platz zum Spielen haben. Und natürlich braucht man einen Kühlschrank.

Ein Blick in unsere aktuelle Ferienwohnung in Sibiu, Siebenbürgen: überdurchschnittlich schön.

Ein Blick in unsere aktuelle Ferienwohnung in Sibiu, Siebenbürgen: überdurchschnittlich schön.

Und man sollte auch noch einen Tisch haben, und Gläser, Teller und Besteck.

Das ist leider nicht selbstverständlich für diese Gegend. Hier in dieser Wohnung gibt es keinen Duschvorhang, und in unserer letzten Wohnung in Bukarest gab es keinen vernünftigen Tisch. Es gab einen Tisch, wo aber nur einer dran sitzen konnte, einen Schreibtisch. Für die anderen drei gab es nur einen Minitisch, an dem man auf dem Boden hocken musste. Hier, wo wir jetzt sind, gibt es zwar einen vernünftigen Tisch, dafür aber keinen Duschvorhang. Das wird sicher mehrere Pfützen geben… Duschvorhänge sind in Rumänien scheinbar nicht in Mode.

Abenteuer Familien-Reisen

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