Das selbstgebastelte Abschiedsgeschenk unserer Freunde macht offenbar eine Model-Karriere...

Sabbatical mit Familie – ein kurzer Baustellen-Wegweiser

Wir werden auf Langzeitreise gehen. 11 Monate lang wollen wir mit unseren beiden Jungs, 7 und 10 Jahre alt, durch Südeuropa tingeln. Ein paar Worte zur Reisevorbereitung…

Vorab: Wer hier Checklisten und Pack-Anleitungen erwartet, den schicke ich gleich weiter zur Hudson-Family. Die haben ein praktisches Reisehandbuch zum Download erarbeitet mit allem, was man für die Familien-Langzeitreise bedenken muss. Dem habe ich wenig hinzuzufügen. Stattdessen will ich einfach nur anhand unseres Fallbeispiels berichten, wie komplex und wie ausufernd die Planung für ein Jahr Auszeit mit Familie werden kann. Damit die, die das auch durchziehen wollen, wenigstens vorgewarnt sind, und diejenigen eine Ausrede bekommen, die in Wirklichkeit doch lieber in ihrer Comfort-Zone bleiben.

Vom Mut, zu gehen

„Das ist aber eine mutige Entscheidung“, sagen viele, wenn sie von unseren Reiseplänen hören. Sie haben Recht. Wer ernsthaft mit der ganzen Familie lange reisen möchte, braucht Mut. Das alleine reicht aber nicht. Viel Durchhaltevermögen ist ebenfalls nötig, mitunter Haare auf den Zähnen. Und viel, viel Kraft. Manchmal bin ich fix und fertig nach einem Tag voller Planung, voller organisatorischer Rückschläge, voller neuer Hürden, die aus dem Nichts auftauchen, wenn man denkt, jetzt sei endlich alles geregelt. Und wir sind noch nicht einmal losgefahren! Der Nachteil, wenn man erst im gesetzten Alter reist und eben nicht als unabhängiger Mensch Anfang 20, ist ja, dass man eigentlich im gemachten Nest sitzt. Und für eine verantwortungsvolle Mutter und Frau mitten im Leben laufen eine Menge Dinge, aus denen man nicht mal so eben raus kommt.

Die Comfort-Zone des Alltagslebens zu verlassen, kostet Überwindung. Ich war immer jemand, der sein Leben aktiv gestaltet, der Dinge einfach ändert, wenn sie mir nicht passen. Viele jammern ja nur und tun nichts dagegen. Aber ein solches Reiseprojekt ist keinesfalls etwas, das man „einfach mal so macht“. Mein Chef hat mir mal vorgeworfen, ich ginge so gerne mit dem Kopf durch die Wand, ohne zu gucken, ob vielleicht die Tür offen ist. Das habe ich mir zu Herzen genommen, und in der Tat öffnen sich etliche Türen, wenn man höflich anklopft. Manche aber auch nicht, und es gibt Mauern, da sind einfach keine Durchlässe vorgesehen. Wer die ausgetretenen Pfade, wer die geregelten Lebenswege verlässt, der muss sich seiner Sache schon sehr sicher sein. Und wer auf Dauer keine Kopfschmerzen will, sollte genügend Zeit einplanen, um immer wieder Leitern bauen zu können, um, wenn nicht durch die Wand, dann wenigstens oben drüber zu gelangen. Vor allem, wenn Kinder im Spiel sind, wenn nicht nur die Verantwortung für den eigenen Lebensentwurf auf den Schultern lastet.

Die Job-Frage

Darf man einen sicheren Job kündigen, um die nötige Reisefreiheit zu erlangen? Martin, der Diplom-Ingenieur ist und ganz ordentlich verdiente, hat es gemacht. Ob das eine gute Idee war, können wir jetzt noch nicht sagen. Nötig war es jedenfalls. Leider. Natürlich sollte man sich vor einem solchen Schritt erkundigen, ob es nicht andere Möglichkeiten gibt, eine längere Auszeit zu organisieren. In vielen Firmen sind ja mittlerweile Lebensarbeitszeitkonten, befristete Freistellungen und unbezahlte Auszeiten gängige Instrumente. Als wir mit unseren Planungen begannen, sah es auch bei uns noch so aus, als könnte Martin zumindest mit einer Wiedereinstellungsgarantie gehen. Dann übernahm ein amerikanischer Konzern die Führung, 120 Leute mussten gehen, und auch wenn Martin normalerweise nicht darunter gewesen wäre, wurde ihm natürlich keine Extrawurst gebraten. Überhaupt haben sich viele Baustellen, die erst nicht weiter herausfordernd wirkten, später doch als tückisch entpuppt. An jeder Entscheidung hängen viele Konsequenzen.

Meine berufliche Situation war vergleichsweise unproblematisch. Als freie Journalistin ist unser Reisejahr mehr Chance als Problem. Meine diversen anderen freiberuflichen Tätigkeiten sind an keine Kündigungsfristen oder sonstigen Verpflichtungen gebunden. Was im Normalfall schlecht ist, weil keinerlei soziale Sicherheiten bestehen, ist in diesem Zusammenhang einmal gut. Meinem Schulleiter habe ich mitgeteilt, dass ich im kommenden Schuljahr nicht als Dozentin zur Verfügung stehe, und auch im Museum und in der Redaktion musste ich bloß Bescheid sagen, dass sie mir bis zu den Sommerferien keine Aufträge mehr geben brauchen. Ob ich in all die Jobs problemlos wieder rein komme, wird sich zeigen. Hinge meine Seligkeit davon ab, wäre ich nicht gegangen.

Wer eine Langzeitreise plant, sollte jedenfalls von vornherein bereit sein, auch den worst case in Kauf zu nehmen. Schon im Planungsstadium läuft so vieles schief und anders, als man es wollte. Flexibel bleiben, zu Abstrichen bereit sein. Sonst kommt man nicht vom Hof.

Auf Land und Leute vorbereiten

Wer vollkommen unbedarft durch fremde Länder wandelt, dem bleiben viele Erkenntnisse verborgen. Ich bin gerne gut vorbereitet. Zwei Jahre lang habe ich mich der US-Geschichte und der nordamerikanischen Geografie gewidmet, mich durch das Lesen von Romanen, Sachbüchern und sechs umfangreichen Reiseführern mit diesem Kontinent bekannt gemacht. Ich kenne die aktuellen Themen der US-Politik, und ich weiß über das merkwürdige Selbst- und Rechtsverständnis dieser Menschen Bescheid (warum ich dann trotzdem noch hin wollte? – Na ja, ich bin immer bereit, meine Vorurteile zu revidieren und selbst nachzusehen, wie die Dinge wirklich sind, wenn ich denn die Chance dazu bekomme…).

Innerhalb von sechs Wochen hieß es dann umplanen: Wir fahren doch nach Europa. Durch eine zweistellige Anzahl an Ländern, wenn alles klappt. Durch solche wie Slowenien und Montenegro, von denen ich zwar ungefähr weiß, wo ich sie auf der Landkarte markieren müsste, aber über Geschichte, Mentalität und Eigenheiten absolut nicht Bescheid weiß. Rumänien, Serbien – das sind für mich nichts anderes als Sammelbegriffe für Vorurteile, eine Kollektion düsterer Bilder und Klischees. Hastig lesen wir anderer Leute Blogbeiträge, hören Podcasts, sehen uns bei youtube Dokumentationen an. Es bleibt ein Sprung ins kalte Wasser. Wir werden sehen, wie es läuft.

„Wie könnt ihr euch das leisten?“

Das ist nach „Und wie macht ihr das mit der Schule?“ die am zweithäufigsten gestellte Frage. Das Finanzielle ist bei Langzeit-Reiseabenteuern natürlich der springende Punkt.

Wir werden von unseren Ersparnissen leben. Die anzuhäufen war ein Akt der Selbstdisziplin. „Reich werden fängt damit an, kein Geld auszugeben“, sagt mein Vater immer. Martin ist ein echter Sparfuchs, der meistens mehr als drei Alternativen durchrechnet, bevor er eine Entscheidung trifft, und der jeden Tag bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, damit wir uns den Zweitwagen sparen können. Das allein ist schon mal die halbe Miete – die wir übrigens auch nicht zahlen müssen, da wir bequemerweise ein schuldenfreies Haus geerbt haben. Wir befinden uns also in einer sehr luxuriösen Ausgangslage, die wir durchaus zu schätzen wissen.

Dazu kommt eiserner Sparwille, von den Klamotten, die ich prinzipiell second hand oder wenigstens im Sonderangebot kaufe, bis hin zum Deko-Schnickschnack, den ich mir verkneife. Im Reise-Magazin KidsAway haben verschiedene Reise-Familien mal zusammengetragen, wo man überall Geld einsparen kann, das man dann für Reisen wieder raushaut. Klingt so zusammengefasst ziemlich hardcore, aber tatsächlich haben wir das meiste davon jahrelang umgesetzt.

Der Zeitrahmen

Der Traum einer Langzeitreise formte sich bei uns mit der Zeit. Durchs Couchsurfing lernten wir eine ganze Handvoll Familien kennen, die länger gereist sind. Sie alle hatten auffällig tolle, aufgeschlossene, kluge Kinder. Der Erfolg gab ihnen Recht, und alle sagten sie, es sei die beste Entscheidung ihres Lebens gewesen, gemeinsam auf Reisen zu gehen. Das wollten wir auch. Nach unserer Irland-Reise 2010 und dem Besuch bei der Weltreisefamilie Blanke beschlossen wir, die Sache ernsthaft in Angriff zu nehmen. Als gute Deutsche gingen wir natürlich sehr verkopft an die Angelegenheit heran. Man riet uns, die Sache gleich durchzuziehen, bevor Janis im Sommer eingeschult und damit aktenkundig würde. Aber wir entschieden uns dagegen. Wir wollten nichts übers Knie brechen, und vor allem wollten wir, dass die Jungs alt genug wären, um sich an alles zu erinnern. Nach etlichen Planänderungen legten wir schließlich das Jahr 2014/15 als idealen Zeitpunkt fest. Es ist Silas’ zweites Schuljahr, die Grundlagen sind gelegt, er ist an regelmäßiges konzentriertes Arbeiten gewöhnt, das auch unterwegs funktionieren wird. Janis ist in der fünften Klasse, verpasst als Waldorfschüler aber keinen übermäßig wichtigen Umbruch zwischen Unter- und Mittelstufe.

Seit zwei Jahren sitzen wir jetzt an der konkreten Planung. Es ist sicher sinnvoll, sich früh genug Gedanken zu machen, um die Schul-Auszeit und vor allem den finanziellen Sparplan rechtzeitig im Blick zu haben. Auch an vieles anderes muss man denken, Dinge wie Auslandskrankenversicherung, Steuererklärungen, mobile Telefonverträge und so weiter, und so fort. Für die Routenplanung und Unterkunftssuche reichen aber auch ein paar Wochen. Hoffe ich. 🙂

Zur Not: Plan B

Reisen mit Kindern erfordern sowieso immer einen Plan B, der bei Bedarf flexibel aus dem Hut gezaubert wird. Da kann es immer mal sein, dass ein paar Windpocken den Aufenthalt in der Bretagne verlängern oder ein Infekt den Abstecher an Estlands Nordküste verhindert. Auch wer mit einer Einreise in die USA liebäugelt, muss mit irrationalen Paranoia seitens der Visumbehörde rechnen und im Zweifelsfall, als persona non grata deklariert, jahrelange Planungen über den Haufen werfen. Flexibel bleiben, sich auf gar nichts versteifen, kristallisiert sich also bereits in der Planungsphase als Schlüsselqualifikation fürs Reisen heraus.

Und ganz, ganz wichtig ist uns auch, dass wir das Experiment bei Bedarf jederzeit abbrechen können. Gerade jetzt, wo wir in Europa bleiben, sind wir im worst case nach zwei Fahrtagen wieder in der Heimat. Unser Zuhause wartet auf uns, wir können jederzeit zurück. Ja, wir sind die Warmduscher unter den Langzeitreisenden. Aber wir mögen das so.

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