Die Flüchtlinge“ sind aktuell ein allgegenwärtiges Thema. Ich hab auch etwas dazu zu sagen, denn auf unserer langen Reise haben wir genügend Flüchtlinge getroffen. Mein erster Beitrag zur Aktion #bloggerfuerfluechtlinge.

Es ist absurd, was derzeit in Deutschland vor sich geht. Diese Flüchtlingsdebatte – dass es sich überhaupt um eine Debatte handelt! Natürlich ist es gut und richtig und absolut notwendig, die organisatorischen Details in trockene Tücher zu wickeln, rechtliche Grundlagen zu schaffen und darüber zu reden, wie man die geflohenen Menschen angemessen versorgen und – noch viel wichtiger – an ihrer Ausgangssituation etwas ändern kann, damit sie möglichst bald wieder sicher in ihrer Heimat leben können. Diese Flüchtlingsdebatte meine ich nicht. Was mich tierisch ankotzt – gelinde gesagt – ist die Debatte, die viel zu viele Deutsche stattdessen führen möchten: Wie werden wir den Sauhaufen möglichst kostenschonend wieder los?

Grauenhafte Erinnerung an einen Krieg, der noch nicht allzu lange her ist: Zwischen Kroatien und Bosnien liegen immer noch jede Menge Landminen in der Erde.

Grauenhafte Erinnerung an einen Krieg, der noch nicht allzu lange her ist: Zwischen Kroatien und Bosnien liegen immer noch jede Menge Landminen in der Erde.

Es wird so viel geschrieben darüber im Internet. Muss das sein, dass ich den 472. Senf dazu gebe? Ja, muss es. Denn es ist ungeheuer wichtig, dass wir das Brüllen, das Lautsein, nicht den dummen Minderheiten überlassen, die dann ruckzuck so tun, als vertreten sie die Mehrheit. Das Flüchtlingsthema geht uns alle an, denn wir alle sind in der wahnsinnig luxuriösen Situation, dass wir von unserem Überfluss etwas abgeben und uns immer noch des Lebens freuen können. Und nach unserer langen Reise quer durch Europa habe ich das Gefühl, dass es mich besonders angeht. Denn außerhalb des couchbequemen, futterneidischen Deutschlands, das vor Wohlstand nur so strotzt, ist das Elend der Flüchtlinge so viel präsenter.

Zeugnis der Zeitgeschichte: Mit einem einfachen Pappschild wurde damals in Sarajevo vor Scharfschützen auf offener Straße gewarnt. Wer nicht rechtzeitig geflohen war, musste mit solchen Bedrohungen leben - oder sterben.

Zeugnis der Zeitgeschichte: Mit einem einfachen Pappschild wurde damals in Sarajevo vor Scharfschützen auf offener Straße gewarnt. Wer nicht rechtzeitig geflohen war, musste mit solchen Bedrohungen leben – oder sterben.

Als wir Anfang September 2014, vor ziemlich genau einem Jahr, unsere Heimat Richtung Südosten verlassen, nimmt der Krieg in Syrien gerade Fahrt auf, und man witzelt, ob uns nächstes Jahr wohl eher der IS oder die Russen zu Hause in Empfang nehmen werden. Die ersten persönlichen Begegnungen mit dem Themenkomplex betreffen allerdings nicht die aktuellen Entwicklungen, sondern solche, die 20 Jahre in der Vergangenheit liegen. In Kroatien und Bosnien treffen wir Menschen, die während der Balkankriege vorübergehend Zuflucht in Deutschland fanden. Und die heute noch dankbar dafür sind.

„Ich würde nie ein anderes Auto fahren als einen VW“, sagt ein älterer Mann in einer kroatischen Kleinstadt auf Deutsch. Dann lacht er. „Na ja, auch Audi oder BMW, aber das ist mir zu teuer.“ Aber ein deutsches Fabrikat müsse es schon sein, das sei für ihn Ehrensache. Er hat nur gute Erinnerungen an Deutschland, effiziente Organisation, freundliche Menschen. Wir fragen ihn, warum er nicht dort geblieben sei. „Ich bin doch Kroate“, sagt er verständnislos. Nach dem Krieg, als sein Land wieder sicher war, ging er zurück, baute sein Haus wieder auf. Heute besitzt er ein Restaurant und ein kleines Geschäft und freut sich, wenn es auch in die etwas abgelegene Kleinstadt Touristen verschlägt, mit denen er Deutsch sprechen kann.

Auch im EU-Vorzeigeland Kroatien ist längst noch nicht wieder alles schick: Fassadenschäden von Splitter-Einschlägen in Zadar.

Auch im EU-Vorzeigeland Kroatien ist längst noch nicht wieder alles schick: Fassadenschäden von Splitter-Einschlägen in Zadar erinnern an ein dunkles Kapitel.

Als uns Teo in Mostar ein paar Wochen später vom Krieg erzählt, ist der Grundton weniger fröhlich. Er erzählt seine Geschichte mit deutlich süddeutschem Dialekt. Er war noch ein Kind, als seine Eltern ihn und die Geschwister ins Auto packten, weil ein paar Straßen weiter die Häuser brannten, und er seine Heimat daraufhin jahrelang nicht wiedersah. Teo und seine unmittelbare Familie seien dann zwar in Sicherheit gewesen, aber die Sorge um die zurückgebliebenen Verwandten habe die Eltern aufgefressen. Sein Onkel und dessen Kinder haben Mostar nicht verlassen, nicht alle haben den Krieg überlebt. Nach dem Ende der Kampfhandlungen wäre Teo gern in der neuen Heimat geblieben, hätte Abitur gemacht und studiert. Zu Hause herrschte immer noch ein erschreckendes Maß an Anarchie; wer seine Nase in heikle Angelegenheiten steckte, konnte auf offener Straße erschossen werden. „Meine Eltern haben dann, glaube ich, so ein Angebot gekriegt, bei dem sie sich entscheiden mussten: entweder zurück nach Bosnien, oder Auswandern nach Australien. Die Kosten hätte die deutsche Regierung sogar bezuschusst oder ganz übernommen, ich weiß nicht mehr.“ Noch eine Entwurzelung, noch ein Neuanfang stand für die Familie aber nicht zur Debatte. Heute ist Teo ganz zufrieden damit, wieder in Mostar zu leben. Als Tourguide profitiert er von seinen Deutschkenntnissen, und die geschichtsträchtige Hauptstadt Herzigowinas wird bei Touristen immer beliebter, bei Backpackern beinahe schon zum Pflichtziel. Es gibt immer noch Angelegenheiten, in die man seine Nase besser nicht zu tief steckt, aber es herrscht Friede (vorerst jedenfalls).

An vielen Ecken sieht es heute in Mostar wieder richtig hübsch aus. Aber es gibt auch noch viele Ruinen wie diese mitten in der Stadt. Es war halt Krieg, verdammt noch mal, und viele Menschen haben nur überlebt, weil sie rechtzeitig geflohen sind.

An vielen Ecken sieht es heute in Mostar wieder richtig hübsch aus. Aber es gibt auch noch viele Ruinen wie diese mitten in der Stadt. Es war halt Krieg, verdammt noch mal, und viele Menschen haben nur überlebt, weil sie rechtzeitig geflohen sind.

Im Kosovo nehmen wir eine merkwürdige Stimmung wahr. Das Land scheint einerseits nur aufgrund der allgegenwärtigen Hilfsorganisationen zu funktionieren, es sind eine Menge Ausländer unterwegs. Andererseits sind da die dicken Geländewagen mit einheimischen Kennzeichen, die ungeniert die Straße blockieren, um demütige Bauarbeiter zusammenzustauchen, die eilfertig neue Anweisungen annehmen. Wir hören uns um und erfahren, dass viele Kosovaren Unmut hegen, dass die KFOR-Kräfte und die vielen NGOs sich zunehmend zurückziehen. Zwar ist der Krieg schon lange her, aber das Land sei weit davon entfernt, sich eigenständig regieren zu können. Die Politiker seien korrupt, die wahre Macht liege beim organisierten Verbrechen. Ein ehrlicher Job sei für junge Leute schwieriger zu bekommen als ein Sechser im Lotto. Dass wir unsere Kinder freiwillig ein Jahr aus der Schule nehmen, um dann auch noch in den Kosovo zu fahren, versteht keiner. Deutschland gilt ihnen als goldenes Paradies, gerade bildungstechnisch. Im Kosovo wird vielfach in Schichten unterrichtet, die Kleinen zwei Stunden vormittags, die Großen zwei Stunden nachmittags, weil die Räume so klein sind und es kaum Lehrer gibt, weil niemand sie bezahlen will. Im Winter fällt der Unterricht oft ganz aus, denn für die Heizung ist erstrecht kein Geld da. In Deutschland zu leben, ist für viele ein Traum. Mehr als einmal werden wir dazu beglückwünscht, Deutsche zu sein. Wir sehen uns um und geben ihnen recht. Zu Hause leben wir wie die Made im Speck, verglichen mit den Verhältnissen hier.

Kindheit in Kosovo hat wenig Perspektive. Ein Spielplatz in Pristina.

Kindheit in Kosovo hat wenig Perspektive. Ein Spielplatz in Pristina.

Was hätten Teo und der kroatische VW-Fan heute wohl für ein Verhältnis zu Deutschland, wenn sich damals ein Mob von Idioten vor ihrer Unterkunft versammelt hätte? Warum ging das damals gut, und heute – wo doch Deutschland wirtschaftlich noch besser dasteht, die Menschen noch viel weniger um ihren eigenen Wohlstand fürchten müssen – soll es plötzlich nicht mehr gehen? Ich verstehe nicht, was in den Köpfen dieser vollgefressenen Ich-komm-zu-kurz-Paranoiden vorgeht.

Natürlich müssten wir eigentlich gar nicht so sehr auf den Balkan schauen. Die Kriege dort sind (fürs erste) vorbei. Serbien und Bosnien-Herzigowina gelten als sichere Herkunftsländer, Kroatien sowieso, auch der Kosovo soll möglichst bald als solches eingestuft werden. Wer sich Sorgen macht um deutsche Sozialgelder, die den „Sozialschmarotzern“ vom Balkan rektal verabreicht werden, ist mittlerweile garantiert schon beruhigt worden: Fast 100 Prozent ihrer Asylanträge werden abgelehnt. Und obwohl die deutschen Behörden aufgrund ihrer Personalsituation monatelang zum Ablehnen brauchen, überschreitet die hier an sie ausgezahlte Unterstützung kaum ihre Reisekosten nach Deutschland (die beiden Links gehen zu lesenswerten aktuellen Artikeln von Spiegel und Tagesschau). Die wahren Problemregionen der Flüchtlingsangelegenheit liegen anderswo – Syrien, Afrika – und auch mit denen sind wir auf unserer Reise in Berührung gekommen. Davon erzähle ich auch hier im Blog, denn ich finde es so wichtig, sich ein eigenes Bild zu machen, die echten Menschen anzugucken. Es ist leicht, sich eine harte, herzlose Meinung zu bilden, wenn man in seiner schönen warmen Wohnung vorm Rechner oder vorm Fernseher sitzt und auf eine anonyme Masse herabblickt. Ich wünschte, ich könnte euch unsere Erfahrungen wirklich nahe bringen (und ich wünschte, es würden diejenigen lesen, die es wirklich nötig haben). Man kann nur Dinge beurteilen, die man versteht, und um Dinge zu verstehen, muss man sie erst einmal kennenlernen. Ich hab ja selbst nur ein paar kleine Einblicke bekommen, aber die teile ich gerne. Vor ein paar Monaten habe ich noch gesagt, family4travel sei ein unpolitisches Reiseblog. Aber nee, Leute, nicht in so einer wichtigen Angelegenheit! Vielleicht hilft die geballte Meinungs- und Informationsflut einer Aktion wie #bloggerfuerfluechtlinge dabei, der dummen lauten Minderheit ein paar Mitläufer zu nehmen. Vielleicht nimmt der eine oder andere Berichte wie meinen zum Anlass, sich eigene Erfahrungen mit Flüchtlingen zu suchen, die Augen aufzumachen und die Menschen hinter dem Problem wahrzunehmen. Ich wünsche es mir so.

Das Verbotschild am Eingang eines Klosters in Kosovo wurde bestimmt nicht ohne Grund aufgehängt.

Das Verbotschild am Eingang eines Klosters in Kosovo wurde bestimmt nicht ohne Grund aufgehängt.

Die Aktion Blogger für Flüchtlinge ist von vier deutschen Bloggern als Spendensammlung initiiert worden. Wer es sich einfach machen und sich ein gutes Gewissen erkaufen will, kann das sehr sinnvoll und fix bei der dazugehörigen Sammlung auf betterplace.org tun. Dort steht auch, welche konkreten Hilfsprojekte mit dem Geld unterstützt werden. Wer handfester helfen möchte, muss ein wenig aktiv werden und selbst herausfinden, wie das bei ihm vor Ort am besten geht. Gute  Ansprechpartner sind die lokalen Hilfsorganisationen (AWO, DRK, Diakonie, was es bei euch so gibt). Googelt einfach nach eurem Landkreis und dem Keyword „Flüchtlingshilfe“ und klickt oder telefoniert euch durch, bis ihr wisst, was wo gebraucht wird und wie ihr ganz konkret und vor Ort helfen könnt. Ich hab letzte Woche vier Wäschekörbe voll Kindersachen zur Sammelstelle gebracht – und ihr?