Goslar im Harz: Wo man 52 Kaisern begegnet und bergauf Schlitten fährt

Vergangenes Jahr haben die Jungs und ich ein freies Wochenende genutzt, um uns den Harz anzusehen. Auch damals erwartete uns nicht gerade ein Winterwunderland. In Goslar bedeckte bloß etwas Schneematsch die Straßen, und weiter oben zeigte sich die weiße Pracht auch eher von ihrer nasskalten Seite. Aber erstens lohnt sich ein Abstecher in Deutschlands nördlichstes Mittelgebirge auch im Grünen, und zweitens haben wir dann sogar doch noch ein Winter-Highlight erlebt.

Goslar mit Kindern

Zunächst aber sehen wir uns Goslar an. Die alte Kaiserstadt liegt in nördlicher Richtung am Fuß der Berge. Die Geschichte dieser Ansiedlung reicht selbst für zentraleuropäische Verhältnisse beeindruckend weit in die Vergangenheit zurück.

Das Eisenerz war es wohl, das die ersten Bewohner zum Bleiben bewegte. Bis ins dritte Jahrhundert lassen sich Funde aus Goslarer Produktion zurückdatieren.

Als die ersten schriftlichen Quellen Historikern Belege liefern, ist bereits von einer ausgewachsenen Stadt die Rede. Im Jahr 1009 hielt Heinrich II. hier den ersten von vielen, vielen Reichstagen ab. Zwar reiste man als Oberhaupt des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation von Ort zu Ort, doch vielen Kaisern galt Goslar als Lieblingsstadt.

Die Kaiserpfalz - the royal palace of Goslar, dating back as far as the 11th century.
Blick auf die Kaiserpfalz aus dem 11. Jahrhundert in Goslar.

Das mittelalterliche Erbe der Region ist immens – hier geht jedem Mediävisten und auch dem Hobby-Historiker und Gelegenheits-Geschichtsbegeisterten das Herz auf. Nicht umsonst hat die Unesco nicht nur den Rammelsberg mit seiner tausendjährigen Bergbau-Geschichte, sondern auch die gesamte Altstadt als Weltkulturerbe eingestuft.

So mittelmäßig: Goslarer Stadtmuseum

Als wir genügend prächtige Fachwerkhäuser bestaunt haben und unsere Füße ordentlich durchgefroren sind, wärmen wir uns im Museum wieder auf.

Das recht traditionell aufgebaute Stadtmuseum ist nicht unbedingt der große Knaller für Kinder. Als wir uns in Ehrfurcht gebietender Atmosphäre in einem abgedunkelten Raum vergegenwärtigen, mit wie viel Aufwand und unter welchen Bedingungen die Mönche vor fast 800 Jahren das Goslarer Evangeliar angefertigt haben, geraten die Jungs aber doch ins Staunen.

There are plenty of magnificent historical buildings in Goslar. And museums.. (And not knowing I'd want to write about this in a blog a year later, I didn't take too many photos on a grey day like that).
An einem kalten, nassen Januartag ist das Museum spätestens nach einem ausgiebigen Stadtspaziergang ein Sehnsuchtsort… ;)

Coole Sache: Das Zinnfiguen-Museum in Goslar

Zinnfiguren habe ich bisher nicht für sonderlich interessant gehalten. Da das Zinnfiguren-Museum direkt nebenan logiert und für nur drei Euro Aufpreis im Familien-Kombiticket zu haben ist, wollen wir mal einen Blick riskieren.

Wie sich herausstellt, liege ich völlig falsch mit meiner Einschätzung. Was dort gezeigt wird, ist weder Nippes für die Schrankwand noch überholtes Kriegsspielzeug für Jungs. Stattdessen zeigten rund 50 Glasvitrinen Szenen aus der Goslarer Stadtgeschichte, viel anschaulicher als im „Erwachsenen-Museum“ nebenan.

Für Kinder stehen extra Hocker parat, damit auch sie einen unverstellten Blick auf die bunten Männchen haben. Ein Diorama zeigt den legendären ersten Erzfund am Rammelsberg, welcher der Legende nach dem Pferd des Jägers Ramm zu verdanken ist. Ein Fenster weiter ist die mittelalterliche Bergwerkskunst aufwändig inszeniert.

Die Jungs fesselt vor allem das frühe Mittelalter. Alle 52 Kaiser des mittelalterlichen Reichs stellen sich vor, en miniature, und immerhin drei kennen die beiden mit Namen. Mich beeindruckt die Darstellung des 30-jährigen Kriegs in all seinen Facetten, inklusive des Elends, das er über die Zivilbevölkerung brachte.

Schade nur, dass die Geschichte der letzten 100 Jahre völlig fehlt.

Praktische Infos für Goslar mit Kindern

Das Goslarer Stadtmuseum und Zinnfigurenmuseum befinden sich gut ausgeschildert am Museumsufer. Die Kombi-Karte kostet für Familien 12,50 Euro. Geöffnet sind beide Museen dienstags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr, in den Sommermonaten eine Stunde länger.

Torfhaus: Schlittenfahren mit Lift

Nach so viel kultureller Bildung müssen wir uns auch noch um den Bewegungsdrang der Jungs kümmern. Das Wetter ist mittlerweile mies, Richtung Oberharz steuern wir in eine einzige Nebelsuppe, gewürzt mit etwas Sprühregen. Aber der Rodellift bei Torfhaus hat geöffnet, es liegt grad so noch genügend Schnee.

Toboggan fun in Torfhaus in the Harz mountains.
Wenn wir schon „in die Berge“ gefahren sind, wollen wir zumindest auch mal Schlittenfahren.

Als die Anlage am oberen Ende der 300 Meter langen Rodelstrecke in Sicht kommt, staunen wir alle drei. Mit Wintersport hat unsere Familie nichts am Hut. Wir haben zwar gewusst, dass dieser Schlittenlift hier existiert, aber gesehen haben wir so ein Ding bisher weder aus der Ferne noch von Nahem.

So einfach ist das Prinzip, und so effektiv: In regelmäßigen Abständen baumeln Schleppschlitten vom „Fließband“. Am Fuß des Hügels stellt ein Mitarbeiter einen nach dem anderen am Boden ab und hält ihn in Position, bis der Passagier Platz genommen hat. Den eigenen Rodelschlitten zieht man nun bequem hinter sich, während man die Schlittenfahrt bergauf genießt. Soviel zur Theorie.

Uphill sledding - thanks to the toboggan-lift in Torfhaus.
Schlittenfahren bergauf: So geht’s.

Wir leihen Schlitten aus, lösen eine Zehnerkarte für den Lift und reihen uns in die lange Warteschlange ein. Die Zeit vertreiben wir uns damit, Aufstiegsweise und Nutzungseleganz der anderen Liftnutzer zu analysieren. Mitleidig sehe ich einigen kleinen Kindern dabei zu, wie sie zwei, drei Mal hintereinander vom Schleppschlitten kugeln, dessen Zugseil sich wie ein Staubsaugerkabel immer wieder einrollen und den Schlitten in der Luft baumelnd ohne Fahrgast transportieren möchte.

Auch Janis flutscht der erste Schlitten unterm Hintern weg. Dann hat er den Bogen raus und fährt mit angespanntem Gesichtsausdruck bergauf.

Silas möchte lieber mit mir zusammen fahren. Nix da, sagt der reichlich bärbeißige Anreicher – zu groß. Der Kleine beißt die Zähne zusammen, und nach einem Fehlversuch zieht ihn der Lift in den Nebel.

Schmachvolles Scheitern der Unfähigen

Bleibt bloß noch Mutti. Ohne ein Scheitern auch nur in Erwägung zu ziehen, lasse ich mich auf den blauen Plastikschlitten sinken. Flump – das war wohl nichts. Der Schlitten fährt ohne mich weiter, ich sitze im nassen Schnee.

Nächster Versuch.

Um eine schmachvolle Geschichte abzukürzen: Nach dem dritten Anlauf bin ich dann gelaufen.

Pah, das verbrennt sowieso mehr Kalorien, und weil die Schlange vorm Lift lang ist, geht es außerdem viel schneller. Die Jungs sind selig, weil sie meine Karte mit abfahren dürfen. Ihnen macht der Ritt bergauf genauso viel Spaß wie die Abfahrt.

Und auch ich vergesse bald das beschämende Gefühl, dass jeder Mensch in meiner Umgebung mich als die ungeschickte Schlangenbremse von vorhin erkennt, und sause etliche Male den Hang hinunter. Der beeindruckt Flachlandtiroler wie uns vom buchstäblich platten Land natürlich immens.

Praktische Infos für den Rodellift Torfhaus

Ob der Rodellift „Brockenblick“ in Betrieb ist und wie die Wetterbedingungen im Harz sonst gerade so aussehen, lässt sich hier immer aktuell verfolgen. Eine Fahrt mit dem Lift kostet einheitlich einen Euro. Es gibt verschiedene Ermäßigungsmodelle (Zehnerkarte/Tageskarte/Halbtageskarte mit oder ohne Flutlicht-Rodeln), bei denen Kinder dann auch deutlich weniger zahlen als Erwachsene. Schlitten können vor Ort für 2 Euro pro Stunde geliehen werden. Der Lift befindet sich direkt an einem großen Parkplatz an der B4 (Adresse fürs Navi: Torfhaus 36, 38707 Altenau).

Transparenz-Hinweis: Dieser Post basiert auf dem Eintrag meines Reisetagebuchs vom 17. Februar  2013. Wir haben alles selbst bezahlt. Die Preise und Öffnungszeiten habe ich seit damals nicht aktualisiert, das solltet ihr bei Bedarf vorher selbst checken.

2 Gedanken zu „Goslar im Harz: Wo man 52 Kaisern begegnet und bergauf Schlitten fährt“

  1. Liebe „Family4Travels“,
    ich bin eben durch Zufall auf dieses schöne Blog gestoßen – und habe mich gleich auf die Harz-Beiträge gestürzt. Toll geschrieben! Und sehr lustig, dass wir im Zinnfiguren-Museum ein fast identisches Aha-Erlebnis hatten: http://www.monika-herbst.de/2014/05/02/goslar-wohlfühlen-im-brauhaus/ (Das Stadtmuseum haben wir ganz weggelassen, nachdem die Frau am Eingang auf die Frage, was hier für Kinder interessant sein könnte, antwortete: „Nichts“).
    Ich freue mich schon auf weitere Harz-Erlebnisse von euch.
    Herzliche Grüße, Monika Herbst

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