Von bluttriefenden Clan-Fehden zur romantischen Ruine (Kilchurn Castle, Schottland)

Heute haben wir endlich ein weiteres Klischee Großbritanniens erlebt: Sauwetter. An sich bin ich ja ein eifriger Verfechter der These, dass es auf der Insel keineswegs ständig regnet, sondern nur oft – es fängt zwar immer wieder an damit, aber genauso häufig hört es auf, und die Sonne kommt durch. Heute Morgen hatten wir dann aber doch „typisch englischen“ Dauerregen, obwohl wir ja in Schottland sind.

I reckon there must be some rainy days to each holiday to keep a fair ballance to the universe. At least in Great Britain.
I reckon there must be some rainy days to each holiday to keep a fair ballance to the universe. At least in Great Britain.

Natürlich haben wir uns trotzdem auf den Patt gemacht. Die Burgruine von Kilchurn stand auf unserem Plan. Auf pittoreske Weise verfallen, stellt sie eine 1a-Touristenattraktion dar. Selbst bei diesem Mistwetter kamen uns auf dem kurzen Spaziergang vom Parkplatz zum Burghügel etliche Besucher entgegen. Diese konnte man übrigens prima schon von weitem nach Briten und Nicht-Briten unterteilen: Die, die bester Laune waren und freundlich grüßten, angemessen in Wachsjacken und Gummistiefel gekleidet, waren Einheimische. Dass die italienische Reisegruppe übers Wetter meckerte, kann ich mangelhafter Italienischkenntnisse wegen nicht einwandfrei behaupten, aber sowohl eine deutsche Familie als auch zwei deutsche Pärchen waren in Schimpftiraden über Regen, Nässe und Kälte vertieft. Martin wahrte den Ruf unserer Nation und motzte, weil wir die Gummistiefel der Jungs vergessen hatten.

Kilchurn Castle looks particularly good in rain. (And yes, of course I'm only saying this because I only saw it in the rain.)
Kilchurn Castle looks particularly good in rain. (And yes, of course I’m only saying this because I only saw it in the rain.)

Zur hübsch gruseligen Kulisse von Kilchurn Castle aber passte die Witterung perfekt. Von den Zinnen aus sahen wir auf den See, Loch Awe, dessen anderes Ufer in Nebelschwaden verschwand. Über die geschichtsträchtige Vergangenheit dieses Ortes berichteten mehrere Infotafeln, die sich auf dem frei zugänglichen Gelände befinden. So erfuhren wir, dass wir mal wieder über ein Motiv von William Turner gestolpert sind (Was hat der Kerl eigentlich nicht gemalt?!). Viel mehr als von den schönen Künsten ist die Geschichte dieses Ortes aber natürlich von blutigen Fehden und raubeinigen Kämpfen gezeichnet. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts errichtete der Campbell-Zweig von Glenorchy hier seinen Wohnturm. Im 16. Jahrhundert heirateten die MacGregors ein und übernahmen das zwischenzeitlich gewachsene Anwesen, aber schon Anfang des 17. Jahrhunderts holten es sich die Campbells gewaltsam wieder zurück. Etwas später entstand die Namenserweiterung Campbell of Breadalbane, und die Burg wurde zur Kaserne ausgebaut. Die Familie zog, ähnlich wie der Campbell-Zweig in Inveraray, im 18. Jahrhundert von der ollen, zugigen Burg in ein netteres Zuhause nach Perthshire. Man versuchte noch, die längst unzeitgemäß gewordenen Gebäude an die Krone zu verscherbeln, aber da waren die Jakobiten-Aufstände schon vorbei, die Kaserne überflüssig geworden. Zum Glück standen William Turner und seine Freunde der Romantik schon fast in den Startlöchern, um die verfallenenden Gemäuer in touristische Sehenswürdigkeiten zu verwandeln.

There is free access to the insides of the castle. You mustn't be overweight though if you want to climb the tower.
There is free access to the insides of the castle. You mustn’t be overweight though if you want to climb the tower.

Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 20. August 2013 verfasst.

Das Castle befindet sich abseits der A85, kurz hinter Dalmally, Richtung Oban. Der Parkplatz ist nicht besonders gut ausgeschildert, dafür aber kostenlos. Mit der Broschüre „Explore for a day – Heart of Argyll“ (erhältlich in allen tourist informations) ist die Stätte hinlänglich gut zu finden. Der Zugang ist frei, dafür gibt es nichts außer alte Steine (keinen tea room, kein Klo, und – shocking! – auch keinen gift shop). 

2 Gedanken zu „Von bluttriefenden Clan-Fehden zur romantischen Ruine (Kilchurn Castle, Schottland)“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.