Aus dem Leben von Grafen, Bergarbeitern und angeleinten Kindern (bei Cardiff, Wales)

Wir sitzen im Rosengarten hinter dem Schloss von St Fagans und picknicken. Es ist wunderschön hier im „Museum of Welsh Life“!

Das einzige, was ich bedauere, ist, dass wir nicht den ganzen Tag für dieses großartige Freilichtmuseum zur Verfügung haben. Selige eineinhalb Stunden haben wir gerade schon im Schloss selbst verbracht. Erbaut wurde es 1580 zur Zeit von Königin Elizabeth I. Im Inneren ist hauptsächlich der Zustand aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert bewahrt. Die Besucher können Texte auf Tafeln zur Hand nehmen. Ganz wunderbar fand ich den Ansatz, den Kindern das damalige Leben anhand der Bewohner zu erklären: In der Empfangshalle erzählt der Butler den Text, im Damenschlafzimmer die Kammerzofe, in der Bibliothek der Hausherr. Martin und ich stellen fest, dass wir durch die englische Kultserie „Downton Abbey“ exzellent vorgebildet sind, was das Leben in Herrenhäusern zu dieser Zeit angeht. Trotzdem lernen wir natürlich auch viel Neues. Die Jungs staunen, wie viel die Dienerschaft leisten musste und wie wenig die Herrschaften an einem Tag so erledigt haben.

The parks and gardens in the Museum of Welsh Life are just incredible.
The parks and gardens in the Museum of Welsh Life are just incredible.

Nicht nur das Schloss, auch die Parkanlagen hier sind der Hammer! Nach dem Zweiten Weltkrieg stiftete der Earl of Plymouth seinen gesamten Besitz und legte damit den Grundstein für die inzwischen über 40 Hektar große Parklandschaft. Mehr als 40 Gebäude aus allen Jahrhunderten sind irgendwo in Wales abgebaut und hier Stein für Stein wieder errichtet worden. Wer sich den ganzen Tag Zeit nimmt, kann die Geschichte der Waliser von der keltischen Zeit an bis in die Gegenwart verfolgen.

St Fagans Castle was the first building of the Museum of Welsh Life.
St Fagans Castle was the first building of the Museum of Welsh Life.

Wir schaffen das heute leider nicht ganz. Aber über einige interessante Eigenheiten dieses Landesteils sind wir doch schon gestolpert. So hatte früher beinahe jedes Dorf sein eigenes „Cockpit“. Das hatte allerdings noch nichts mit Fliegerei zu tun, sondern mit „cock fights“ – Hahnenkämpfen. Hierbei ging es nicht selten um hohe Wetteinsätze, und für die Halter der Tiere natürlich auch immer um die Ehre. Jede Menge Aberglaube war im Spiel, vor allem was die Ernährung der Kämpfer anging. Branntwein und rohes Fleisch sollten die Hähne stärken. Dazu kamen private „Geheimzutaten“ wie menschliches Blut, Urin oder – für die, die keine Angst vorm Zorn des Pfarrers hatten – etwas Erde von unterhalb des Kirchenaltars. Auf diese Weise vorbereitet und mit Metallsporen ausgestattet, traten die armen Viecher dann in den mittelalterlichen Kampfarenen auf Leben und Tod gegeneinander an.

This is a cockpit. Yes, it is.
This is a cockpit. Yes, it is.

Ganz besonders faszinierend fand ich die Bergarbeitersiedlung von Rhyd-y-car. Sechs winzige Reihenhäuschen zeigen sich hier im Wandel der Zeit. Das erste ist auf dem Stand von 1805, als der Umgang mit Eisenerz noch die Angelegenheit weniger Fachleute war und die Zwei-Zimmer-Häuschen noch als gehobener Standard galten. 1855, inmitten der (britischen) industriellen Revolution, haben sich die Verhältnisse gewandelt: Man lebt mit zu vielen Menschen auf zu wenig Raum, die Cholera hat Opfer gefordert. 1895 gibt es immerhin schon Abwasserrinnen, 1925 sogar fließendes Wasser aus der Leitung. 1955 haben Plastik und Staubsauger Einzug gehalten. Und das Haus von 1985 weckt mit seinem unechten Kamin, der fies geblümten Auslegeware und den Nippes-Figürchen schon meine eigenen Erinnerungen an Wohnungen von Schüleraustausch-Gastfamilien.

The terraced houses of Rhyd-y-car show how the industrial revolution affected the living conditions at different times.
The terraced houses of Rhyd-y-car show how the industrial revolution affected the living conditions at different times.

Oh, und es ist mir endlich ein Paparazzi-Schnappschuss von einem Kind an der Leine gelungen. Sein Kleinkind an der Leine Spazieren zu führen, ist offenbar nicht mehr ganz so en vogue wie 2007, als wir diese Sitte erstmals befremdet zur Kenntnis nahmen. Aber gerade in Museen und Großstädten sieht man es doch immer wieder. Silas war geradezu schockiert, als er in London einen kleinen Jungen sah, an dessen Rucksack ein Halteseil befestigt war, das seine Mutter in der Hand hielt. „Boah, wenn das jemand mit mir machen würde!“ ereiferte er sich da. „Niemand hat das Recht, mich wie einen Hund an der Leine zu führen!“ Wir sind auch schon Zeuge geworden, wie Eltern sehr unsanft mit ihrem angeleinten Nachwuchs umgingen, ihn gedankenlos in die gewünschte Richtung zogen, ohne auch nur den kindlichen Entdeckerdrang am anderen Ende der Schnur zu bemerken. Ich hab allerdings auch schon mit Müttern gesprochen, die mir glaubhaft versicherten, ihr Kind fühle sich im Gewühl im Laufgeschirr wohler, da es nicht verloren gehen könne. Den praktischen Nutzen sehe ich durchaus. Aber ich halte es doch eher mit Silas und Artikel 1 des Grundgesetzes.

 

Children on a leash are a rather off-putting sight for us. We didn't see as many as 2007 though.
Children on a leash are a rather off-putting sight for us. We didn’t see as many as 2007 though.

Das im Volksmund „Museum of Welsh Life“ genannte Freilichtmuseum heißt mit offiziellem Namen „St Fagans National History Museum“ und befindet sich ein paar Kilometer westlich von Cardiff an der A4232 (fürs Navi eignet sich am besten der Postcode: CF5 6XB). Wie viel der Eintritt kostet, darf jeder selbst entscheiden; fürs Parken werden allerdings einheitliche 3,50 Pfund fällig. Geöffnet hat das Museum rund ums Jahr täglich von 10 bis 17 Uhr.

 

I sure wouldn't want to swap, but I do like this lovely kitchen from the 1950's.
I sure wouldn’t want to swap, but I do like this lovely kitchen from the 1950’s.

Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 29. August 2013 verfasst.

2 Gedanken zu „Aus dem Leben von Grafen, Bergarbeitern und angeleinten Kindern (bei Cardiff, Wales)“

  1. War wieder super interessant zu lesen! Meine Schwiegermutter berichtete auch noch, dass sie meine beiden Schwager an der Leine hatte…war aber wohl ziemlich praktisch, da es Zwillinge waren und grundsätzlich jeder in eine andere Richtung rannte…;-) Die Anleitung für die Blumen hat sich das Töchterchen von Youtube geholt…da kennt sie sich bestens aus….hat schon unsere Weihnachtssterne auf diese Art gebastelt….LG Lotta.

  2. Sehr interessant. Ich kann mich erinnern, dass auch wir als Kleinkinder in ein Geschirr gelegt wurden. Meine Schwestern und ich waren sehr lebhafte Kinder. Meine Mutter sagte mal, ihre wichtigste Aufgabe, als wir so klein waren, waren es, uns vorm „Selbstmord“ zu bewahren. Da macht dann eine solche Leine irgendwie Sinn ;) Wie immer ein: toller Bericht! LG Ulrike

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