Vorwort aus dem Jahr 2020: Der folgende kurze Erfahrungsbericht handelt von unserem Aufenthalt in Belgrad mit Kindern während unserer 11-monatigen Europareise im Jahr 2014. Kein Artikel in meinem Blog hat mehr Reaktionen ausgelöst als dieser. Viele heimatverbundene Menschen serbischer Abstammung empfinden ihn offenbar als einen Schlag ins Gesicht. Das tut mir leid. Denn eigentlich war es nur eine Momentaufnahme, die mich damals schockiert hat und die ich mir von der Seele schreiben musste. Ein unverfälschter Eindruck, den eine grundsätzlich ganz gut gebildete, aber ziemlich unvorbereitet in Belgrad gelandete Deutsche ohne familiären Bezug zur Region beschreibt. Ein paar sachliche Fehler waren drin, die ich inzwischen – hoffentlich – korrigiert habe. Trotzdem werde ich selbst samt meiner Familie sechs Jahre später immer noch gerne für diesen Text beleidigt und manchmal sogar verbal bedroht (weshalb ich die Kommentare für diesen Beitrag inzwischen geschlossen habe). Traurigerweise hat diese Tatsache mein Serbienbild inzwischen viel mehr geprägt als die erzählte Begebenheit selbst. Wer sich für Reisen nach Serbien mit Kindern (oder ohne) interessiert, sollte deshalb nicht nur diesen (eigentlich wenig aussagekräftigen) Blogbeitrag lesen, sondern vor allem auch die Diskussionen in den Kommentaren. 

Es folgt nun mein ursprünglicher, nur bei sachlich-objektiven Fehlern korrigierter, nach unten hin aber kommentierter und um viele Links zu Lese-Empfehlungen ergänzter Reiseblog-Eintrag aus dem Jahr 2014 (!).

Bevor ich mit den Problemen herausrücke, die wir beim Reisen durch Serbien mit Familie haben, möchte ich eins klarstellen: Unsere Reise durch den Südosten Europas ist schön! Wir erleben so viele wunderbare Momente, sehen zauberhafte Orte. Und doch sind es vor allem die ambivalenten Erfahrungen, die mich dazu bewegen, sie gleich niederzuschreiben und verhältnismäßig zeitnah einen Blogbeitrag daraus zu machen. Das verzerrt das Bild in unserem Familien-Reiseblog, aber sorry – was muss, das muss.

Serbien ist das erste Land auf unserer 11-monatigen Europareise, das ich nicht ruhigen Gewissens als Familien-Reiseland empfehlen kann. Ich sitze in unserem bunten kleinen Apartment in Belgrads ruhiger Vorstadt Zemun und bin einfach nur froh, dass wir heute nicht noch mal raus müssen.

Es ist nicht so, dass es wirklich gefährlich wäre oder so. Größte Gefahr in all unseren bisher bereisten Ländern östlich der Heimat ist und bleibt der Straßenverkehr, und der kommt mir in Serbien längst nicht so schlimm vor wie in Rumänien.

An der Donau im ruhigen Stadtteil Zemun ist Belgrad idyllisch.

An der Donau im ruhigen Stadtteil Zemun ist Belgrad idyllisch.

Wahrscheinlich ist es einfach schlechtes Timing. Zwar scheint die Novembersonne ausgesprochen mild vom strahlend blauen Himmel. Am Tag unserer Ankunft haben wir einen Spaziergang entlang der Donau gemacht und im T-Shirt in einem Straßencafé gesessen.

Aber zwei Tage später formiert sich ein hupender Autokorso vor unserem Fenster.

Anfangs denken wir an eine Hochzeit, dann an ein gewonnenes Fußballspiel. Aber mittags um zwölf? Und dermaßen ausdauernd?

Als wir durch das zugige Fenster auf die Straße schauen, erkennen wir, dass aus den Autos Flaggen wehen. Die meisten zeigen das Gesicht eines Mannes. Ratlos durchforsten wir deutsche und englische Nachrichtenportale im Internet, bis ich auf die Idee komme, bei Twitter unter dem Hashtag #Belgrade zu suchen. Von dort aus hangele ich mich problemlos durch, bis ich den Namen und die Beschäftigung des Fahnen-Mannes kenne: Es ist Vojislav Ŝeŝelj, Führer der Serbischen Radikalen Partei, der wegen seiner mutmaßlichen Kriegsverbrechen elf Jahre in Den Haag im Gefängnis gesessen hat und nun aus gesundheitlichen Gründen entlassen wurde (er hat Krebs). Wir googeln seinen Lebenslauf und gruseln uns. Dass die Rückkehr dieses Mannes dermaßen sichtbar gefeiert wird, macht uns fassungslos. Einen entsprechenden Tweet beantwortet ein mir Unbekannter mit: „Jap, aber die Feiern der Bosnier und Kroaten ihrer Kriegsverbrecher war genauso groß.“ Ich schüttele fassungslos den Kopf. Den Wahrheitsgehalt dieser Aussage bezweifele ich gar nicht. Aber die Grundeinstellung, die dahinter steht, 20 Jahre nach Ende der Kriegshandlungen, lässt mir die Haare zu Berge stehen. Allzu sehr erinnert mich die Argumentationsweise an zu Hause: „Janis macht das aber auch!“ – „Silas hat angefangen!“ Offenbar argumentieren hier ganze Völker mit Kindergarten-Logik.

Im Stadtpark an der Belgrader Festung sind Panzer ausgestellt. Begeisterte Eltern machen Erinnerungsfotos: Mein Kind mit Panzer. Wir sind entsetzt.

Im Stadtpark an der Belgrader Festung sind Panzer ausgestellt. Begeisterte Eltern machen Erinnerungsfotos: Mein Kind mit Panzer. Wir sind entsetzt.

Am Nachmittag hat sich die Aufregung gelegt, und wir trauen uns vor die Tür. Wir nehmen den Bus ins Zentrum. Alles ist genau wie am Tag zuvor, als wir schon einmal in die Innenstadt von Belgrad gefahren sind, um die gesichtslose Fußgängerzone und die Panzer im Stadtpark an der Festung zu besichtigen. Die Stimmung der Fahrgäste ist entspannt, hier herrscht völliger Alltag. Der Bus hält, und mehrere Leute steigen zu. Ein junger Mann ist darunter, höchstens 20. Er trägt eine improvisierte Uniform mit Abzeichen auf dem Parka und wirkt auf uns wie ein Partisan. Die silbern besprühten Chucks an seinen Füßen wollen so gar nicht dazu passen, aber seine Miene ist patriotisch-ernst, und in den Händen hält er eine qualitativ hochwertige Flagge, penibel aufgerollt. Eine Weile steht er neben mir, hält sich während der Fahrt an derselben Stange fest wie ich. Dann wird weiter vorne ein Sitzplatz frei. Bevor er sich setzt, öffnet der Junge das Fenster, und seine Flagge entrollt sich im Fahrtwind. Sie ist schwarz und zeigt einen weißen Totenkopf, beschriftet mit einem kyrillischen Spruchband.

Wenn zwischen dir und deinen Kindern ein Partisan mit Totenkopfflagge im Bus sitzt - Schockmoment in Belgrad, fotografisch dokumentiert aus der Hüfte.

Wenn zwischen dir und deinen Kindern ein Mann im Straßenkämpfer-Look mit Totenkopfflagge im Bus sitzt – Schockmoment in Belgrad, fotografisch dokumentiert aus der Hüfte.

Martin und ich wechseln schockierte Blicke. Unsere Jungs, die weiter vorne im Bus sitzen, betrachten das Schauspiel irritiert. Ansonsten kümmert sich niemand darum. Einige Fahrgäste sehen demonstrativ in eine andere Richtung. Die meisten starren ohnehin auf ihr Smartphone. Niemand scheint sich an der Tatsache zu stören, in einem Bus zu sitzen, der de facto Reklame für ein faschistisches Großserbien fährt. Ab und zu überholt uns ein Auto mit Ŝeŝelj-Flagge. Die Insassen hupen und recken den Daumen in die Höhe. Zum ersten Mal auf unserer Reise halte ich die Welt für einen schlechten Ort und will einfach nur nach Hause.

Zum Weiterlesen: Mit Kindern auf dem Balkan reisen

Inzwischen habe ich einen weiteren Blogpost über Belgrad online, in dem ich vor allem Fotos unserer fünf Tage in der serbischen Hauptstadt zeige, plus ein Tag in der Grenzstadt Vrzac:

Und dann gibt es die ganze Geschichte natürlich auch noch ausführlich in meinem Buch:

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Update: 2 Jahre und 39 Kommentare später

Dieser kleine authentische Reisebericht, der ja nun eher eine subjektive Momentaufnahme ist, steht mittlerweile seit mehr als zwei Jahren online. Er ist einer meiner „Bestseller“, und wer bei Google „Erfahrung Serbien Reise“ oder einen verwandten Suchbegriff eingibt, der landet schnell auf dieser Seite. Dass das bei heimatverbundenen Serben nicht gut ankommt, kann man sich leicht denken (wenn auch der eine oder die andere mit entsprechenden Kommentaren dieser Erkenntnis gerne noch auf die Sprünge hilft – für keinen anderen Beitrag auf family4travel bin ich so oft beleidigt worden wie für diesen).

Ich habe immer wieder gesagt, beinahe gebetsmühlenartig, dass ich mit dieser selbst erlebten Episode keinesfalls Anspruch darauf erhebe, Belgrad als solches zu kennen oder mir ein Urteil über diese Stadt und dieses Land erlauben zu dürfen. Wir waren eine knappe Woche in Serbien, das ist nicht viel.

Der Kommentar der Gästeführerin Bogdanka (ganz am Ende dieses Artikels zu finden) hat mich dazu bewogen, für ein ausgeglicheneres Bild der Stadt Belgrad und Serbien als Reiseland die Berichte anderer Reiseblogger zu verlinken.

Liebe potenzielle Serbien-Reisende: Bitte verlasst euch nicht allein auf unsere Erfahrung! Lest in den anderen Reiseblogs, lest in den Zeitungen, bereitet euch vor – und dann fahrt einfach hin und macht euch euer eigenes Bild! (Und dann kommt ihr wieder hier her und teilt eure Erfahrung hier in einem Kommentar – das wäre großartig! :) )

Mehr Erfahrungen von Belgrad-Reisen

Berichte an anderen Reisebloggern, die ebenfalls in Belgrad waren und über ihre Reise geschrieben haben:

  • Als Mutter-Tochter-Team haben Frauke und Johanna von we2onTour Belgrad bereist, bei aller Kritik ein positives Fazit gezogen und viele praktische Tipps für den Städte-Trip nach Belgrad zusammengetragen.
  • Marc und John von 1thingtodo waren im Oktober 2015 als junge Backpacker zwei Tage und eine Nacht lang in Belgrad unterwegs – wie immer planlos und mit offenen Augen.
  • Anita von travelita durfte auf Einladung der serbischen Tourismusagentur offenbar schon im September 2015 genau die Tour machen, die ich Bogdanka vorgeschlagen habe, und hat entsprechend tolle Fotos und echte Begeisterung mitgebracht.
  • Die giftigeblonde bloggt eigentlich übers Kochen, erzählt aber auch von ihrem Stadtbummel durch Belgrad 2014 (inklusive Tipp für ein Apartment).
  • BerlinerOnTour Sven hat ein Jahr in Belgrad gewohnt und gibt Tipps für Touristen.

Im April 2015 gab es anscheinend eine Pressereise zur Eröffnung des Radisson Blue Hotels in Belgrad, die gleich eine ganze Reihe deutscher und österreichischer Reiseblogger auch für einen Artikel über ihre Eindrücke von Belgrad nutzten.

Im August 2015 zog offensichtlich das Falkensteiner Hotel nach, und es entstanden wieder einige Blog-Artikel über Belgrad.

Weitere Links zu Reiseberichten und Blogbeiträgen dürft ihr gerne per Kommentar ergänzen. (Update 2020: Die Kommentare habe ich geschlossen, weil fast ausschließlich nur noch Beleidigungen kamen. Wer wirklich möchte, findet andere Wege, mich zu kontaktieren [ja, leider auch die, die mich wirklich unbedingt beleidigen möchten]).