Triest: Wie ein sanitärer Notstand mir die Stadt fast völlig vermiest hat

Es gibt Städte, mit denen wird man nicht so recht warm. Triest war so eine für uns. Auf dem Weg von Slowenien an die kroatische Adria in Istrien haben wir uns die „abgelegenste Großstadt Italiens“ vorgenommen.

Die Stadt, die in der Vergangenheit lebt

Ich wollte unbedingt nach Triest. Schließlich hat mein Geschichtslehrer am Gymnasium immer wieder von dem Zankapfel der Großmächte geschwärmt, der 1918 jubelte, als er vom zentralen Handelshafen Österreich-Ungarns in die italienische Peripherie befördert wurde. Wirtschaftlich hat der Wechsel der Stadt alles andere als gut getan. Die Randlage zum Eisernen Vorhang hin (wenn der in Jugoslawien auch nicht ganz so eisern war wie anderswo) und der Fakt, dass Triest für Italien bloß irgendeinen weiteren Mittelmeerhafen darstellte, ließ die Stadt mit ihren damals rund 230.000 Einwohnern in relativer Bedeutungslosigkeit verschwinden. Seit sich die Grenzen nach Osten hin im Zuge der EU-Erweiterung geöffnet haben, blüht Triest ganz langsam wieder auf. Trotzdem, die Einwohner werden weniger, 2013 wurden keine 205.000 mehr gezählt. Triest gilt als „Stadt der alten Leute“, denn auf der Suche nach Arbeitsplätzen ziehen die jungen weg und verursachen dadurch das landesweit höchste Durchschnittsalter.

Die architektonischen Spuren der k.u.k.-Zeit, als Triest zum Habsburgerreich gehörte, sind allgegenwärtig.
Die architektonischen Spuren der k.u.k.-Zeit, als Triest zum Habsburgerreich gehörte, sind allgegenwärtig.

Triest und wir – ein schlechter Start

All diese Fakten lesen wir auf dem Weg über die Autobahn, während Regenschauer nach Regenschauer auf die Windschutzscheibe niederprasselt. Nein, Triest hat keine guten Startbedingungen bei uns.

Zum ersten Mal seit 2008 sehen wir das Mittelmeer wieder. Wir parken direkt davor. Von der Altstadt trennt uns nur eine stark befahrene Durchgangsstraße. Für einen Parkplatz wunderschön – Stadtplanerisch eine Katastrophe.

Ausblick auf den regnerischen Golf von Triest.
Ausblick auf den regnerischen Golf von Triest.

Durch den schwülen Nieselregen ziehen wir auf die zentrale Piazza dell’Unità d’Italia. Die ist imposant, da gibt es kein Vertun. Ein Palazzo prunkt hier neben dem nächsten, darunter das Rathaus, vor dem an diesem Samstag die Brautpaare im Halbstundentakt mit Reis beworfen werden.

Triest-piazza-unita-italia
Die Piazza ist der zentrale Platz in Triest. Früher oder später landet man immer wieder hier.

Bevor ich mich aufs Sightseeing konzentrieren kann, brauche ich aber erstmal ein Klo. Eine Tourist-Information wäre außerdem nett, denn auch wenn uns der Wikipedia-Artikel eine ungefähre Vorstellung der Sehenswürdigkeiten vermittelt hat, sind wir ohne Stadtplan ziemlich aufgeschmissen. Eine Weile laufen wir vom Parkplatz aus gesehen nach rechts und finden die Altstadt. Die engen Gassen und die typischen Läden vor den Fenstern lassen keinen Zweifel aufkommen, dass es sich bei der Vielvölkerstadt um eine italienische handelt. Während das direkte Umland hauptsächlich von Slowenen besiedelt ist, bestand die Bevölkerungsmehrheit der Stadt schon immer zu rund drei Vierteln aus Italienern. Zum Mittag besorgen wir uns im Vorbeigehen Paninis.

Typisch italienisch kann Triest auch.
Typisch italienisch kann Triest auch.

Römische Ruinen im Großstadtverkehr

Völlig unvermittelt stolpern wir über das Teatro Romano, das römische Amphitheater. Es befindet sich eingezwängt zwischen Wohn- und Geschäftshäusern. Jahrhundertelang standen selbst auf den Ruinen andere Gebäude. Mussolini ließ sie abreißen, um die Kontinuität zwischen dem alten und dem neuen Reich zu demonstrieren. Die Jungs sind beeindruckt, können aber gar nicht so recht glauben, dass sie mitten im Großstadtverkehr vor echten Römer-Ruinen stehen.

Ein riesiger antiker Schatz quetscht sich zwischen die Altstadtbauten.
Ein riesiger antiker Schatz quetscht sich zwischen die Altstadtbauten.

Mein Wunsch nach einem stillen Örtchen wird zunehmend größer. In dieser Richtung entfernen wir uns ganz klar vom Zentrum, deshalb kehren wir um. Wir laufen wieder über den zentralen Platz und probieren es in der anderen Richtung. Dort sehen wir das nach Giuseppe Verdi benannte Opernhaus, in dem einige Stücke des berühmten Komponisten zur Uraufführung kamen. Ein Klo sehen wir nicht, und auch keine Tourist-Information. Also strapaziert Martin schließlich unsere mobilen Online-Freiminuten. Über die Platzierung öffentlicher Toiletten schweigt sich das Internet aus, aber die Tourist-Info soll an der Piazza sein, also kehren wir um.

Das Teatro Verdi besitzt auch heute noch einen ausgezeichneten Ruf.
Das Teatro Verdi besitzt auch heute noch einen ausgezeichneten Ruf.

Mit dem Mut eines Indiana Jones auf der Suche nach dem verborgenen Schatz Klo

Nach langem, zunehmend verzweifelten Suchen meinerseits checken wir endlich, dass das grüne i in Italien überhaupt keine Verwendung findet. Stattdessen ist ein blaues Schreibschrift-i in Gebrauch, das bei näherem Hinsehen auch auf einem Plakat am Eingang einer Seitengasse sichtbar ist. Das Büro der Tourismuszentrale gleicht eher einem Postamt. Hinter zwei Schaltern sitzen junge Damen. An eine von beiden wende ich mich, und sie händigt mir auch bereitwillig einen kostenlosen Stadtplan aus. Aufs Klo gehen kann ich hier aber nicht, sagt sie mir. Auf dem Plan zeigt sie mir den Ort meines Verlangens – rund zehn Gehminuten entfernt.

Tückisch: In Intalien wirbt die Tourist-Information mit einem blauen i.
Tückisch: In Intalien wirbt die Tourist-Information mit einem blauen i.

Ohne rechten Blick für die neoklassizistischen Fassaden links und rechts stürme ich voran Richtung Canal Grande. Meine drei Mitreisenden motzen, aber darauf kann ich jetzt wirklich keine Rücksicht mehr nehmen. Auf der Piazza del Ponte rosso entdecke ich voller Erleichterung endlich die ersehnten Piktogramme. Sie weisen abwärts – das ist nie ein gutes Zeichen.

Nein, ich habe kein Foto von der sanitären Katastrophe gemacht. Glaubt mir, den Canal Grande seht ihr euch lieber an...
Nein, ich habe kein Foto von der sanitären Katastrophe gemacht. Glaubt mir, den Canal Grande seht ihr euch lieber an…

Was soll ich sagen? Es war wirklich, wirklich schlimm. Ich habe schon unappetitlichere hygienische Zustände gesehen. Aber nicht viele. Und ich habe auch bereits anderswo Edelstahl-Löcher im Boden gesehen, wo Damentoiletten hätten stehen sollen, aber nicht so weit nördlich und westlich. Aber was muss, das muss, und so krempele ich meine Hosenbeine hoch und füge mich in mein Schicksal.

Reichlich traumatisiert verlasse ich die Lokalität und will eigentlich nur noch weg. Wären wir nicht mit unseren vorletzten Couchsurfern verabredet (die ihren Wochenendausflug extra ins Nachbarland verlegt haben, um mir mein vergessenes Handy nachzutragen – vielen, vielen Dank noch mal, Leute!), hätte ich die Bagage ohne Umwege zum Auto zurückgejagt und Richtung Istrien in die Zivilisation befördert.

Der Aufstieg mit den Treppen führt über einen uralten Friedhof im Grünen.
Der Aufstieg mit den Treppen führt über einen uralten Friedhof im Grünen.

Die Patchwork-Kirche über Triest

So beiße ich tapfer die Zähne zusammen und folge meiner Familie die steilen Gassen empor zur Kathedrale von San Giusto. Die ist ein Konglomerat aus Bauten vorheriger Zeiten, von heidnischen Tempeln und einer römischen Versammlungshalle bis zur frühchristlichen Basilika aus dem fünften Jahrhundert. Von letzterer sind noch Mosaike auf dem Fußboden des heutigen Doms erhalten. Im Mittelalter wurden gleich zwei Kirchen nebeneinander errichtet – eine für Maria, eine für den heiligen Justus, der als Triests Stadtheiliger fungiert. Später wurden beide Gotteshäuser zur heutigen Kathedrale vereint, was dem Sakralgebäude ein etwas putziges, aber einzigartiges Aussehen verleiht. Auch das Mosaik in den verschiedenen Kuppeln ist sehenswert. Der Eintritt ist frei, und wer lauffreudige Kinder hat, sollte sich vom sehr steilen Aufstieg nicht abschrecken lassen (einen Kinderwagen möchte ich da allerdings nicht hochschieben, und über die Treppen ist’s auch kürzer).

Auch auf dem Vorplatz der Kathedrale wird die lange Vergangenheit der Stadt sichtbar.
Auch auf dem Vorplatz der Kathedrale wird die lange Vergangenheit der Stadt sichtbar.

Dann schließlich treffen wir uns mit Mica, Nejc und ihren drei Kindern. Wir stehen wieder auf der Piazza dell’Unità d’Italia, zum gefühlt zehnten Mal an diesem Tag. Mittlerweile scheint die Sonne, und auch meine persönlichen schwarzen Wölkchen über meinem Kopf haben sich verzogen. Wir beschließen, der Empfehlung unseres letzten Couchsurfing-Hosts Paolo zu folgen, der – halb Italiener, halb Slowene – in der Nähe Triests aufgewachsen ist, und suchen die Chocoladerie in der Altstadt („Chocolat Trieste“, Via de Cavana 15). Wir finden sie, ergattern genügend Plätze am einzigen Tisch vor dem winzigen Laden, und genießen perfekten Cappuccino und himmlische heiße Schokolade. Ich erwische mich selbst, wie ich vollkommen glücklich bin an einem Tag, den ich schon abgehakt hatte und in einer Stadt, von der ich nichts mehr erwartet habe. Doch, Triest hätte durchaus eine zweite Chance verdient.

Ende gut, alles gut: himmlische heiße Schokolade!
Ende gut, alles gut: himmlische heiße Schokolade!

2 Gedanken zu „Triest: Wie ein sanitärer Notstand mir die Stadt fast völlig vermiest hat“

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